Paroxetin | Wirkung, Nebenwirkungen, Dosierung, Infos zum Absetzen (Screenshot Google Bildersuche)

Paroxetin | Wirkung, Nebenwirkungen, Dosierung, Infos zum Absetzen

Bei Paroxetin handelt es sich um ein Medikament aus der Klasse der Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), die als Antidepressiva eingesetzt werden. In Deutschland findet es unter den Markennamen ParoLich, Parolaxon, Paroxat, Seroxat, Tagonis sowie als Generikum Anwendung. In jedem Fall ist das Medikament verschreibungspflichtig.

Indikationen

Paroxetin wird bei mittleren und schweren Depressionen verschrieben (vgl. mittelschwere Depression), weiterhin bei Panikstörungen und Zwangsstörungen sowie der generalisierten Angststörung, sozialen Angststörungen und spezifischen Phobien. Auch ein Einsatz bei der Posttraumatischen Belastungsstörung wurde freigegeben. Zudem wird das Medikament auch bei Fibromyalgie, einer Erkrankung, die durch starke Muskelschmerzen charakterisiert wird, verwendet.

Es soll anxiolytisch (angstlösend) und aktivierend wirken sowie die Stimmung aufhellen und einen konzentrationsfördernden Effekt haben. Diese Wirkung soll dem Patienten ermöglichen, wieder am Alltag teilzunehmen und eine dauerhafte Verbesserung der Grunderkrankung zu erreichen. Parallel kommt häufig eine Psychotherapie zum Einsatz, die einerseits helfen soll, die Ursachen der Probleme zu erörtern, andererseits Methoden zum Umgang mit den Symptomen bereitstellen kann. In schweren Fällen klinischer Depressionen wird das Medikament eingesetzt, um eine solche Therapie überhaupt erst zu ermöglichen.

Art der Anwendung und Dosierung

Paroxetin wird normalerweise in Tablettenform angewendet, in seltenen Fällen kann es auch als Suspension verabreicht werden. Es stehen Präparate mit 10 mg oder 20 mg Wirkstoff zur Verfügung.

Je nach Art und Schwere der Erkrankung, Empfehlung des behandelnden Arztes sowie individueller Konstitution werden 1-2 Tabletten der jeweiligen Dosierung eingenommen. Wird nur eine einmalige Tagesdosis von ein oder zwei Tabletten empfohlen, erfolgt die Einnahme morgens gemeinsam mit der ersten Mahlzeit.

Eine Dosis von drei Tabletten á 20 mg am Tag sollte zu keinem Zeitpunkt überschritten werden. Das Präparat wird von verschiedenen Herstellern wie GlaxoSmithKline, Neuraxpharm und einer Reihe Generika produzierender Pharmaunternehmen angeboten.

Paroxetin Antidepressivum - chemische Strukturformel (© molekuul.be / stock.adobe.com)
Paroxetin Antidepressivum – chemische Strukturformel (© molekuul.be / stock.adobe.com)

Wirkstoff und Wirkungsweise

Paroxetin wirkt auf eine Reihe unterschiedlicher Rezeptoren und auf weitere mit der Regulation von Botenstoffen in Verbindung stehende Systeme. Der Haupteffekt besteht in einer kompetitiven Hemmung eines Serotonintransporters. Diese führt zu einer negativen Regulierung der zugehörigen Rezeptoren im zentralen Nervensystem. Auf diese Art soll eine erhöhte Serotoninkonzentration im synaptischen Spalt erreicht werden.

Weiterhin hat es Auswirkungen auf die Dopamin- (siehe Dopamin Wirkung) und Noradrenalinrezeptoren. Zudem zählt es zu den funktionellen Inhibitoren saurer Sphingomyelinase, einem wichtigen Enzym innerhalb menschlicher Zellen. Es gibt Hinweise, dass diese Hemmung eine zusätzliche antidepressive Wirkung entfaltet.

Wie bei allen Angehörigen der Gruppe der SSRIs und SNRIs wird ein Wirkungseintritt zumeist erst nach einigen Wochen beschrieben. Dabei tritt der aktivierende häufig vor dem stimmungsaufhellenden Effekt auf (vgl. auch stimmungsaufhellende Medikamente).

Paroxetin Nebenwirkungen, Gegenanzeigen und Wechselwirkungen

Im Vergleich zu anderen Medikamenten dieser und verwandter Gruppen weist Paroxetin ein relativ breit gefächertes Nebenwirkungsprofil auf. Zu den häufigsten Symptomen der Paroxetin Nebenwirkungen zählen:

  • Agitiertheit, innere Unruhe, Schlaflosigkeit, Somnolenz
  • Verdauungsprobleme: Übelkeit, Durchfall
  • Blutungen
  • Müdigkeit
  • Tremor
  • Schwitzen
  • Sexuelle Schwierigkeiten: Verlust der Libido, Erektionsstörungen, Orgasmusunfähigkeit
  • Mundtrockenheit
  • Menstruationsstörungen
  • Serotonerges Syndrom

Speziell Letzteres, auch als Serotoninsyndrom bezeichnet, kann lebensgefährliche Konsequenzen verursachen, es wird vor allem bei Medikamentenkombinationen oder Überdosierungen beobachtet. Auch Gewichtszunahme und Restless-Legs-Syndrom werden häufig als Paroxetin Nebenwirkungen beschrieben. Letzteres steht aller Wahrscheinlichkeit nach mit der Wirkung auf das Dopaminsystem in Zusammenhang.

Einige Nebenwirkungen werden nur in den ersten Wochen beobachtet, während andere die gesamte Behandlungsdauer über bestehen bleiben. Insbesondere die sehr häufigen Sexualstörungen, zusammengefasst unter „SSRI-bedingte sexuelle Dysfunktion“, setzen Behandelte oft unter deutlichen Leidensdruck. Dabei ist zu beachten, dass in einigen Fällen sexuelle Störungen auch weit über den Behandlungsabbruch hinaus beobachtet werden können. Dies wurde lange Zeit nicht ernst genommen oder der Grunderkrankung zugeschrieben.

Weitere Paroxetin Nebenwirkungen können dem Beipackzettel entnommen werden. Besonders problematisch ist jedoch die Beobachtung, dass es unter der Einnahme von Paroxetin und verwandten Präparaten auch zu vermehrten Suizidgedanken und Suizidversuchen kommen kann. Diese Paroxetin Nebenwirkung wurde lange unterschätzt, ist jedoch speziell bei Kindern, Jugendlichen und depressiven Patienten beobachtet. In vielen Ländern wurde die Verabreichung des Medikaments an Minderjährige daher eingeschränkt oder ganz untersagt. Obwohl die schlechten Ergebnisse der hauptsächlich produzierenden Pharmafirma bereits bekannt waren, versuchte sie in der Vergangenheit, einen Offlabel-Einsatz durch Kinder- und Jugendpsychiater zu erreichen. Zu diesem Zweck wurde eine PR-Agentur beauftragt, die negativen Ergebnisse einer Studie möglichst positiv neu zu formulieren. Für dieses Verhalten wurde das Unternehmen 2012 mit einer Gesamtstrafe von drei Milliarden Dollar belegt.

Eine kritische Dokumentation zum Thema verschwiegene Nebenwirkungen und Absetzerscheinungen findet sich hier:

Wechselwirkungen

Wechselwirkungen können mit allen Präparate entstehen, die ebenfalls den Serotoninspiegel und dessen Rezeptoren beeinflussen. Dazu zählen speziell die ebenfalls gegen Depressionen verschriebenen reversiblen und irreversiblen MAO-Hemmer – zwischen der Einnahme der beiden Medikamente müssen daher mindestens zwei Wochen liegen. Auch Pimozid und Thioridazin, beides Neuroleptika, die gegen Psychosen eingesetzt werden (siehe Psychosen Behandlung), dürfen nicht gleichzeitig verwendet werden. Das gilt weiterhin auch für alle anderen Medikamente, die sich auf das Serotonin-System auswirken. Zu ihnen zählen viele trizyklische Antidepressiva, das Betäubungsmittel Tramadol, Linezolid, Pethidin, Triptane, L-Tryptophan, Oxitriptan, Johanniskraut-Präparate sowie alle anderen SSRI und SSNRI. Werden diese Medikamente kombiniert, erhöht sich die Gefahr eines gefährlichen Serotonin-Syndroms erheblich.

Die gleichzeitige Anwendung von Clozapin bedarf engmaschiger Kontrollen des Blutbilds.

Da Paroxetin sich hemmend auf das Enzymsystem CYP2D6 auswirkt, kann die Wirksamkeit von Medikamenten, die ihre Resultate über dieses System erzielen, eingeschränkt sein. Eine solche Einschränkung wurde beispielsweise bei dem Brustkrebspräparat Tamoxifen beobachtet.

Der gleichzeitige Konsum von Alkohol kann zu einer verminderten Fahrtüchtigkeit und Reaktionssicherheit führen. Generell wird vom Genuss alkoholischer Getränke und Speisen während der Behandlung abgeraten (siehe auch: Alkohol & Depression sowie Wechselwirkungen von Antidepressiva und Alkohol). Inwieweit Alkohol in Maßen tatsächlich vertragen wird, ist individuell verschieden – allerdings sollte in jedem Fall Vorsicht gewahrt werden, da sich dessen Wirkung erheblich verstärken kann. Dies kann beispielsweise zu Übelkeit, Schwindel und weiteren Symptomen führen.

Gegenanzeigen

Zu den Erkrankungen, die eine Behandlung mit Paroxetin nicht oder nur eingeschränkt zulassen, zählen alle Leber- und Nierenfunktionsstörungen, Blutungsneigung, Diabetes, Glaukome, Epilepsie und Natriummangel.

Im Falle einer Schwangerschaft ist eine Einnahme von Paroxetin kontraindiziert. Bei trächtigen Ratten wurden vermehrt Totengeburten sowie nachgeburtliche Sterbefälle und ein niedrigeres Geburtsgewicht registriert. Auch bei menschlichen Säuglingen wurden erhöhte Missbildungsraten beobachtet. Problematisch ist zudem, dass Neugeborene, deren Mutter Paroxetin im letzten Schwangerschaftsdrittel einnimmt, bereits kurz nach der Geburt unter schweren Nebenwirkungen leiden können. Hierzu zählen Trinkschwierigkeiten, Probleme bei der Regulation der Körpertemperatur, Schläfrigkeit, Tremor, Zittern, Erbrechen, Reizbarkeit, Lethargie, ständiges Schreien und weitere Verhaltensauffälligkeiten. Auch lebensgefährliche Komplikationen wie Atemnot, Apnoe, Krampfanfälle und Zyanose sind möglich, weshalb eine ständige ärztliche Überwachung unumgänglich ist. Im Falle einer ungeplanten Schwangerschaft sollten Patienten Paroxetin aufgrund der Absetzerscheinungen jedoch auch unter diesen Umständen nicht plötzlich absetzen, sondern ebenfalls ausschleichen (vgl. unseren Artikel Antidepressiva in der Schwangerschaft).

Paroxetin absetzen – typische Absetzerscheinungen

Wie alle Antidepressiva der Gruppe SSRI verursacht Paroxetin zwar laut den Herstellerfirmen keine körperliche oder psychische Abhängigkeit im engeren Sinne, trotzdem treten – unter Umständen starke – Absetzerscheinungen auf, wenn die Behandlung beendet wird. Diese sind bei Paroxetin teilweise noch ausgeprägter als bei anderen, verwandten Präparaten. Als Ursache wird die relativ geringe Halbwertszeit des Medikaments im Blut vermutet. Daher kann man bei den beobachteten Absetzerscheinungen auch von Entzugserscheinungen sprechen – sie sind individuell unterschiedlich ausgeprägt. In jedem Fall sollte das Medikament über einen längeren Zeitraum langsam ausgeschlichen werden. In Studien wurden bei bis zu drei Vierteln aller Patienten Entzugserscheinungen bei einem spontanen Behandlungsabbruch beobachtet.

Am häufigsten beschrieben wurden beim Absetzen von Paroxetin folgende Symptome:

  • Empfindungsstörungen, Tinnitus
  • Kreislaufbeschwerden, Schwindel, „Nachrutschen“ des Bildes bei Kopfbewegungen
  • sexuelle Dysfunktion
  • motorische Störungen wie Zucken, Zittern, Muskelkrämpfe und weitere Bewegungsstörungen
  • Schlafstörungen, Müdigkeit, intensive Träume
  • Unwohlsein, Fiebergefühl
  • Kopf- und Gelenkschmerzen
  • Verdauungsstörungen wie Übelkeit, Durchfall, Verstopfung
  • Stimmungsschwankungen, Suizidgedanken, Depressionen, manische Zustände (vgl. manisch depressiv Symptome)

Da Paroxetin unter den SSRIs für seine besonders intensive und häufige Absetzsymptomatik bekannt ist, ist ein Absetzen besonders langwierig und es muss ein entsprechend langer Zeitraum für das Ausschleichen eingeplant werden (vgl. SSRI absetzen). Aus diesem Grund geriet es auch bereits mehrfach in die Kritik.

Kontroverse zur Paroxetin Wirkung und den Nebenwirkungen

Bezüglich des Einsatzes von Paroxetin als Antidepressivum bestehen sowohl hinsichtlich der bereits genannten, teils schwerwiegenden Nebenwirkungen als auch hinsichtlich der Wirkung Bedenken. Besonders der Zusammenhang mit Suizidfällen unter Kindern und Jugendlichen sowie die starken Absetzerscheinungen erwiesen sich als problematisch.

Die Wirksamkeit von SSRIs wird insgesamt sehr unterschiedlich bewertet. Problematisch ist dabei, dass der Wirkungseintritt deutlich nach der Einnahme verzeichnet wird, sodass ein direkter Zusammenhang mit dem Serotoninspiegel – der sich sehr kurzfristig verändern müsste – schwer nachzuweisen ist. Auch die Quote von Patienten, bei denen überhaupt keine Wirkung eintrat, wird selbst von Befürwortern mit etwa einem Drittel angegeben. Andererseits belegt eine kürzlich erfolgte Metastudie, bei der 21 Studien analysiert wurden, die Überlegenheit von SSRIs gegenüber Placebos in der Anwendung. Allerdings geben Kritiker zu bedenken, dass die Studienarchitektur selbst möglicherweise so problematisch ist, dass die Ergebnisse generell eine Verzerrung hin zu vermeintlicher Wirksamkeit erfahren.

Eine abschließende Beurteilung kann zurzeit nicht abgegeben werden, daher ist Patienten angeraten, selbst das Für und Wider einer Einnahme abzuwägen. Aufgrund möglicher Langzeitschäden sollte diese jedoch so kurz wie möglich erfolgen. Eine begonnene Medikation sollte allerdings niemals abrupt beendet, sondern in Anbetracht der Absetzsymptome nur sehr langsam ausgeschlichen werden.

Alternativen

Als medikamentöse Alternativen stehen verschiedene andere Präparate aus den Gruppen der Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer zur Verfügung. Diese unterliegen jedoch überwiegend denselben Beschränkungen, Nebenwirkungen und Kontroversen, die bereits genannt wurden.

Als weitere Möglichkeiten existieren einige pflanzliche Substanzen, die bei leichten Depressionen wirksam sein können. Hier werden jedoch sehr unterschiedliche Qualitäten angeboten, sodass es für den Laien schwierig sein kann, Präparate mit tatsächlichem Wirkstoffgehalt von solchen, die lediglich auf den Placebo-Effekt bauen, zu unterscheiden. An dieser Stelle ist eine gründliche, eigenständige Recherche notwendig, um Wirkstoffgehalt und wissenschaftliche Nachweise zu den tatsächlichen Resultaten ausfindig zu machen.


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Auch regelmäßiger Sport, besonders an der frischen Luft, eine gute Schlafhygiene sowie verständnisvolle Unterstützung durch Angehörige und Freunde können hilfreich sein. Dies ist jedoch nicht gleichbedeutend damit, eine Depression nicht ernst zu nehmen – fast immer hat sie eine Ursache. Allerdings erhöhen ein gutes, vorwurfsfreies Umfeld und viel Bewegung die Chance einer Besserung.

Nicht zuletzt ist in vielen Fällen eine Psychotherapie (z.B. als Gesprächspsychotherapie, Verhaltenstherapie, kognitive Umstrukturierung) nützlich. Hier können Betroffene nicht nur den Ursachen ihrer Depression nachforschen, sondern auch lernen, notwendige Änderungen in ihrem Leben vorzunehmen oder Belastungen aus der Vergangenheit zu verarbeiten.

Zum Weiterlesen:

SSRI gegen Angststörungen und Depressionen

Antidepressiva – Einführung, Überblick, Liste der Mittel

 

Ängste, Phobien, Panikattacken > Angststörungen und Angsterkrankungen behandeln