Bindungsangst Bindungsstörung Bindungsängste (© alisseja / Fotolia)

Bindungsangst vs. Bindungsstörung: Bindungsängste verstehen

Manche Menschen gehen bewusst über einen längeren Zeitraum keine Paarbeziehungen, keine engen Freundschaften oder sogar keines von beidem ein. Das kann sehr verschiedene Gründe haben: Eine solche Entscheidung kann unter anderem im Wunsch nach Unabhängigkeit, bestimmten Vorstellungen des individuellen Lebensstils, extremer Schüchternheit oder aber Asexualität begründet liegen. In diesen Fällen leiden die Personen zumeist nicht unter der bewussten Vermeidung. Es ist jedoch auch möglich, dass Bindungsangst hinter diesem Verhalten steckt und die Betroffenen nicht freiwillig oder sogar nicht einmal bewusst auf nahe Beziehungen verzichten. Dabei ist nicht die normale Gefühlsmischung aus Angst, Trauer und Wut kurz nach einer gescheiterten Beziehung ausschlaggebend, sondern ein Dauerzustand, der sich nicht mehr von alleine bessert. In diesen Fällen lohnt es sich für sie, die Ursachen zu erforschen und gegebenenfalls behandeln zu lassen, um an Lebensqualität zu gewinnen.

Bindungsstörungen, Bindungsunfähigkeit, Beziehungsunfähigkeit: Weglaufen, wenn die Beziehung ernst wird?! (© dvoriankin / Fotolia)
Bindungsstörungen, Bindungsunfähigkeit, Beziehungsunfähigkeit: Weglaufen, wenn die Beziehung ernst wird?! (© dvoriankin / Fotolia)

Bindungsängste: Diagnose, Symptome, Komorbiditäten

Bindungsangst ist keine eigenständige Diagnose im ICD-10 Klassifikationssystem für Krankheiten. Betrachtet man nur diesen Fakt allein, kann / könnte man feststellen, dass Bindungsängste und „Bindungsstörungen“ keine pathologischen Ängste sind, als keine Angst oder Störung mit „Krankheitswert“; diese Aussage greift jedoch zu kurz.

Irritierend: Es gibt die Möglichkeit der Verlustangst, die je nach Schweregrad unter die „Sonstigen Phobien“ fallen kann. Verlustangst geht oft mit Angst vor Bindung einher, sie kann also im Rahmen dieser Störung auftreten (siehe Verlustängste).

Zusätzlich gibt es die reaktive Bindungsstörung des Kindesalters (F94.1), die jedoch anders charakterisiert ist als die spätere Bindungsangst bei Erwachsenen.

Wenn der Verdacht auf Bindungsängste / Bindungsstörung besteht, kann ein Test zu Rate gezogen werden, entweder online oder im Rahmen einer fachärztlichen Anamnese – hier werden häufige Symptome abgefragt.

Auffällig ist bei von Bindungsängsten Betroffenen häufig ein zurückgezogenes, manchmal sogar regelrecht nomadisches Leben. Manche von ihnen sind sehr introvertiert, andere fallen durch ein reges, aber oberflächliches Gesellschafts-, Sexual- und Sozialleben auf. Beziehungen sind, soweit vorhanden, oft von kurzer Dauer. Wer herausfinden möchte, ob er selbst unter Bindungsangst leidet, kann überprüfen, ob er sich in den dazugehörigen verschiedenen Beschreibungen wiederfindet, beispielsweise hier:

YOUTUBE: Video zum Thema „bindungsunfähig“, „beziehungsunfähig“ und Bindungsstörungen (youtube.com/watch?v=0LKPW4OicPw)

YOUTUBE: Was tun wenn du od dein Partner „Angst vor Bindung“ hat – Interview über Definition, Ursachen, Angst vor Nähe u.a. – Zitat: „Im Meer der Liebe kannst Du nur schwimmen, wenn Du die Angst vor dem Ertrinken ablegst“ (youtube.com/watch?v=NxzG0LT44AY)

Folgende Gedanken, Gefühle und Muster können ebenfalls als Hinweise auf eine bestehende Bindungsängste gedeutet werden:

  • Haben Sie das Bedürfnis Abstand zu schaffen, sobald eine bestimmte emotionale Nähe erreicht ist?
  • Sind Sie in Beziehungen immer wieder unsicher, ob Sie Schluss machen sollen oder nicht – auch nach längerer Zeit?
  • Haben Sie sehr hohe Ansprüche an den Partner und dessen Verhalten?
  • Haben Sie sehr hohe Ansprüche an sich und Ihr eigenes Verhalten?
  • Haben Sie große Angst vor Verletzungen und einen großen Wunsch nach Sicherheit?
  • Befürchten Sie in einer Beziehung stets Enttäuschungen?
  • Wechseln sich bei Ihnen häufig Zukunftsangst und Zukunftspläne ab?
  • Gibt es in Ihrem Leben enge Freundschaften? Nein?
  • Verzichten Sie auf Sexualität und Beziehungen oder wechseln die Partner sehr häufig?
  • Haben Sie oft das intensive Bedürfnis sich zurückzuziehen und fangen zur Not sogar Streit an, um die Möglichkeit zu haben?
  • Wechseln sich der Wunsch nach Nähe und der nach Distanz häufig rasch und intensiv ab?
  • Quält Sie große Angst verlassen zu werden, sodass Sie dem möglicherweise bereits zuvorgekommen sind und eine Beziehung allein deshalb beendet haben?
Buch über Bindungsängste: "Bindungsangst verstehen und überwinden: Warum Männer und Frauen unter Beziehungsangst leiden und was Sie als Betroffener oder Partner tun können" (Amazon, 3037993006)
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Auch wer Bindungsangst nicht durch einen Test feststellen kann, leidet möglicherweise darunter. Nicht in jedem Fall geht eine Bindungsstörung mit Verlustangst einher. Es gibt auch die Möglichkeit eines Zusammenhangs mit Versagensangst (siehe Versagensängste) und anderen Minderwertigkeitsgefühlen. In diesen Fällen hat der Betroffene weniger Angst, verlassen zu werden und darunter zu leiden. Er wird vielmehr von der Furcht beherrscht selbst Fehler zu machen, wenn er Verantwortung übernimmt und seinen Anforderungen als Partner oder gar Vater nicht gerecht werden zu können.

Bindungsangst vs. Beziehungsangst vs. Bindungsstörung – Komorbiditäten und Verwechslungen

Bindungsängste können mit verschiedenen anderen Erkrankungen einhergehen, die damit zusammenhängen, wo die Ursache der Angst liegt beziehungsweise ob und wie sehr der oder die Betroffene darunter leidet. Möglicherweise tritt sie als Symptom einer Verlustangst oder aber im Gefolge weiterer Ängste und Phobien auf. Sie kann auch im Rahmen einer Posttraumatischen Belastungsstörung auftreten, zum Beispiel durch ein Trauma in der Kindheit.

Umgekehrt kann die Angst vor Bindung, wenn sie zu ständigen Beziehungskonflikten oder sogar zu einer Beziehungsunfähigkeit und damit sozialer Isolierung führt, Depressionen nach sich ziehen (vgl. erste Anzeichen Depression). Dies gilt besonders dann, wenn nicht nur partnerschaftliche, sondern jedwede enge, auch freundschaftliche Beziehungen unmöglich sind.

Andere Erkrankungen hingegen können unter Umständen mit einer Verlustangst verwechselt werden, weil sie einzelne parallele Symptome aufweisen. Dazu zählen beispielsweise die narzisstische Persönlichkeitsstörung (in der Vergangenheit mit „Narzissmus“ bezeichnet), eine ängstlich-vermeidende oder eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung (z.B. Borderline), die ebenfalls große Ambivalenz mit sich bringen kann.

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Ursachen von Bindungsstörungen bzw. Angst vor Bindung

Die Ursachen für Bindungsangst bzw. Bindungsstörungen sind nicht immer einfach zu finden, liegen jedoch häufig in der Kindheit begründet. Nicht selten resultiert chronische Bindungsangst aus schlechten Erfahrungen oder entsteht durch ein Trauma. Das kann beispielsweise die Trennung der Eltern, Alkoholismus und Co-Abhängigkeit sowie Vernachlässigung sein, die eine Bindungsstörung bei Erwachsenen nach sich zieht. Dabei geht die Angst vor Bindung zumeist mit Verlustangst einher – es entsteht eine regelrechte Beziehungsangst.

Betroffene versuchen durch ängstlich-vermeidendes oder ambivalentes Verhalten eine neue Trennung und damit einhergehende weitere Verletzung zu verhindern. Durch schlechte Erfahrungen wird zudem das Selbstbewusstsein geschwächt, sodass beständige Zweifel an den Gefühlen des Partners oder aber den eigenen die Beziehung zermürben.

Aber auch spätere Erlebnisse wie schwierige Phasen nach einer gescheiterten Partnerschaft sind Gründe, die bei älteren Männern und Frauen Angst vor Bindungen auslösen. Wird die Trennung als großes Trauma wahrgenommen, kann das zu Bindungsstörungen bei Erwachsenen führen, insbesondere wenn weitere Probleme wie ein generell geringes Selbstwertgefühl hinzukommen.

Angst vor Bindung? - Bindungsunfähigkeit / Bindungsangst überwinden (© kristo74 / Fotolia)
Angst vor Bindung? – Bindungsunfähigkeit / Bindungsangst überwinden (© kristo74 / Fotolia)

Formen und Betroffene

Gerne wird chronische Bindungsangst Männern zugeordnet. Jedoch kommt sie bei Männern und Frauen nahezu gleichermaßen vor. Des Weiteren wird sie auch der sogenannten „Generation Y“, also den zwischen 1980 und 2000 Geborenen, unterstellt. Kritiker bemängeln allerdings, dass eine so allgemeine Einordnung selten der Realität gerecht werden kann. Trotzdem beschäftigen sich viele Studien mit der Generation Y und ihren Beziehungen. Diese zeigen zwar deutliche Veränderungen in der Art der Beziehungen im Vergleich zu früheren Zeiten, eine generelle Bindungsangst kann jedoch nicht belegt werden. Nicht zuletzt sind die meisten Angehörigen der Generation zu jung, um bereits auf lange Trends schließen zu können.

Betroffene merken häufig, dass sie trotz Liebe immer wieder in Trennungen geraten. Das muss nicht grundsätzlich zu Beginn der Fall sein, sondern kann auch nach längerer Zeit, beispielsweise nach 2 Jahren Beziehung der Fall sein. In anderen Fällen führt die Angst zu einem stetigen On und Off in der Beziehung, der Ambivalenz zwischen Nähe- und Distanzbedürfnis geschuldet.

Zu den Betroffenen zählt allerdings auch der Partner, der häufig nicht weiß, wie er sich verhalten soll, ohne das Problem zu verschlimmern. Hilfreich kann es sein, es ohne einen Vorwurf anzusprechen und herauszufinden, ob dem Anderen sein Verhalten überhaupt deutlich ist. Betroffene sind sich über die selbstzerstörerische Dynamik ihrer Angst oft nicht bewusst – sie haben den Eindruck gewissermaßen unschuldig immer wieder eine Trennung und damit ein Verlassenwerden hinnehmen zu müssen.

Buch: "Nah und doch so fern: Beziehungsangst und ihre Folgen" (Amazon, 3596138302)
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Gelegentlich leiden die Betroffenen selbst weniger unter ihrer Bindungs- oder Beziehungsangst als ihre Partner, die sich stabilere oder engere Verhältnisse wünschen – in diesem Fall ist eine Therapie allerdings nicht einfach. Belastend kann sich auch das ambivalente Verhalten zwischen großem Nähebedürfnis und starker Distanziertheit auswirken. Besonders schwierig wird es, wenn ein Kinderwunsch hinzukommt.

Im schlimmsten Fall entsteht jedoch eine Co-Abhängigkeit, wenn der Partner – anstatt klare Grenzen zu setzen – trotz des eigenen Leidensdrucks ein stetiges Hin und Her akzeptiert. Daher sollten Partner von Betroffenen darauf achten, wie sie sich verhalten – zwar ist es sinnvoll, dem Anderen Zeit zu lassen, um an sich zu arbeiten. Geschieht dies jedoch nicht, sollten sie eine Trennung ins Auge fassen, da On- und Off-Beziehungen letztlich trotz aller Liebe beiden Parteien schaden können.

Therapie für Beziehungsängste? – Behandlung von Bindungsstörungen

Eine Behandlung, egal welcher Art, kommt dann infrage, wenn der oder die Betroffene einen entsprechend hohen Leidensdruck entwickelt hat. Das ist nicht generell der Fall – zwar sind sich einige Betroffene durchaus der Schwierigkeiten, die ihre Angst bzw. Bindungsstörung mit sich bringt, bewusst, sie ziehen sie jedoch trotzdem einer möglicherweise beängstigenden Verhaltensänderung vor.

Manchmal sind es Veränderungen im Leben wie eine neue Partnerschaft oder ein Kinderwunsch, die in Betroffenen das Bedürfnis wecken, Gefühle zulassen zu können. Wünscht sich jedoch lediglich der Partner eine Verhaltensänderung, sind die Aussichten für einen Erfolg nicht sehr groß. Zudem muss dem Betroffenen sein Problem bewusst sein.

Ist dies der Fall, können unterschiedliche Möglichkeiten in Betracht gezogen werden. Zunächst gibt es verschiedene Selbsthilfegruppen und –foren, in denen nach Tipps gesucht werden kann. Nicht jeder Ratschlag funktioniert für jeden Betroffenen, aber möglicherweise sind nützliche Hinweise dabei. Auch aus thematisch passenden Ratgebern lassen sich Tipps entnehmen.

Hilft allerdings nichts davon auf Dauer, sollten Betroffene eine Therapie ins Auge fassen, um die Angst vor Bindungen loswerden zu können. Dabei sollten sich Leidende nicht zu viel Zeit lassen, denn Ängste auflösen zu lassen braucht Geduld – besonders seit langem eingefahrene Verhaltensmuster lassen sich nicht einfach wieder loswerden.

In einer Therapie können speziell traumatische Erlebnisse in der Kindheit aufgearbeitet werden. Infrage kommen hier, je nach Ausgangslage und möglichen Begleiterkrankungen, eine kognitive Verhaltenstherapie oder eine Traumatherapie. Im Fall einer Paartherapie können auch gemeinsame Muster analysiert und überwunden werden.

Männer tun sich nicht selten schwerer dabei, die Angst zu überwinden, weil sie ungern über ihre Gefühle reden und häufig länger warten, bis sie sich behandeln lassen. Zudem ist ihre Erziehung oft weniger darauf ausgerichtet Gefühle zulassen zu dürfen. Einigen Betroffenen gelingt es auch durch Hypnose ihre Beziehungsangst zu besiegen (vgl. Ängste mit Hypnose heilen), allerdings sollte hier auf die Erfahrung des Therapeuten geachtet werden. Idealerweise soll der Patient im entspannten Zustand der Hypnose lernen, die Zweifel an seinen Gefühlen loszuwerden und die Bindungsängste bzw. Beziehungsangst loslassen zu können.

Beziehungsangst: Zu viel Denken, zu wenig Gefühle zulassen?! (© Dreaming Andy / Fotolia)
Beziehungsangst: Zu viel Denken, zu wenig Gefühle zulassen?! (© Dreaming Andy / Fotolia)

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