Psychodynamik in der Psychotherapie - psychodynamische Therapie - (© CrazyCloud / stock.adobe.com)

Psychodynamik > Was kennzeichnet die psychodynamische Therapie?

Falls jemand den Text zum Thema in der Wikipedia liest, bekommt er kaum eine lebendige Vorstellung von der Psychodynamik – geschweige denn davon, was eine psychodynamische Therapie / Psychotherapie ausmacht. Der Begriff „Psychodynamik“ verrät immerhin, dass es sich hier um seelische Kräfte oder Energien handelt. Die Psychodynamik untersucht, wie diese Kräfte auf uns einwirken, was sie beeinflusst und wie sie unser Verhalten bestimmen.

Die psychodynamische Psychotherapie hat zum Ziel, unsere Reaktionen auf bestimmte Vorgänge und Geschehnisse zu erklären. Diese Geschehnisse und Vorgänge können außerhalb von uns oder in uns stattfinden. Die Psychodynamik bezieht sich in ihren Grundlagen auf Methoden, die aus der Psychophysik kommen. Die Psychophysik geht davon aus, dass es eine Wechselwirkung zwischen seelischen Kräften und „psychischen Instanzen“ gibt. Damit kann ein Laie leider wenig anfangen.

Was kennzeichnet die psychodynamische Psychotherapie?

Hier kommen wir der Sache schon näher. Die psychodynamische Therapie fußt in ihren Grundzügen im Wesentlichen auf den Theorien von Siegmund Freud. Basierend darauf wurden verschiedene Therapieansätze entwickelt – und zwar die nachfolgenden:

  • die analytische Psychotherapie
  • die Ego-State-Therapie
  • die intensiv-psychodynamische Kurzzeittherapie nach Davanloo
  • die interpersonelle Psychotherapie
  • die klärungsorientierte Psychotherapie
  • die mentalisierungsbasierte Psychotherapie
  • die positive Psychotherapie
  • die psychodynamisch-imaginative Traumatherapie
  • die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie
  • und die „Transference-focused Psychotherapy“.

Auch wenn diese Ansätze für sich genommen sehr interessant sind, muss ein deutscher Kassenpatient sich nicht mit Unterschieden und Gemeinsamkeiten auseinandersetzen. Von den gesetzlichen Krankenkassen anerkannt ist nämlich nur die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Neben dieser werden auch Verfahren und Methoden der Verhaltenstherapie, der analytischen Psychotherapie und der systemischen Therapie anerkannt.

Das bedeutet, dass nur für diese vier Therapieformen die Kosten von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden. Alle anderen Formen der psychodynamischen Therapie müssen hierzulande vom Patienten selbst finanziert werden. Möglich ist jedoch, dass einige private Krankenkassen die Kosten für solche Therapien übernehmen würden. Ein Problem der Psychodynamik sind aber gerade ihre vielfältigen Verfahren und Ansätze.

Jeder Therapeut, der sich auch für die anderen Ansätze in seinem psychologischen Umfeld interessiert, muss sich letzten Endes für einen therapeutischen Weg entscheiden. In gewisser Weise haben die Krankenkassen den Therapeuten dieses Problem abgenommen, weil sie nur einen der psychodynamischen Ansätze als hilfreich anerkennen.

Grundlagen der psychodynamischen Therapien

Der Patient ist ein fühlender Mensch. Dieser trägt eine individuelle Problematik zum Therapeuten. Er interessiert sich nicht für Verfahrensfragen. Er möchte, dass ihm effektiv geholfen wird. Die menschliche Psyche ist ein sehr individuelles und dynamisches Universum. Sie ist aber kein Experimentierfeld für psychodynamische Methoden. Daher scheint es nachvollziehbar, in Deutschland nur eines der Verfahren aus diesem breiten Spektrum als Standardverfahren zuzulassen. Dafür sprechen auch wissenschaftliche Erkenntnisse über die Wirksamkeit solcher Therapiemethoden. Ob das allerdings wirklich ein Gewinn ist, sei dahingestellt. In Wahrheit steht dahinter auch die Macht, einfach zu entscheiden, aus welchen psychotherapeutischen Methoden ein Klient auswählen darf. Alle anderen Methoden werden damit automatisch abgewertet.

Die psychodynamische Psychotherapie möchte das Irrationale im Menschen zum Thema machen. Was ist damit gemeint? Wir alle verwalten Meinungen, Denkweisen und Handlungen, die ihren Ursprung nicht im Verstand haben. Sie werden vielmehr vom Unbewussten oder einer Persönlichkeitsstörung gesteuert. Die psychodynamische Therapie hat die Möglichkeit, die Ganzheit des Menschen anzuerkennen und intensiv auf das Individuum einzugehen. Letzten Endes stellt aber jede Therapie und jeder Klient in einer Therapie ein Forschungsfeld mit ungewissem Ausgang dar. Es hängt von der Qualität des Therapeuten und von der aktiven Mitwirkung des Patienten ab, ob eine Therapie gelingt. Der theoretische Hintergrund der tiefenpsychologisch-orientierten Therapie ist Siegmund Freuds Psychoanalyse. Diese wurde allerdings mittlerweile weiterentwickelt.

Demnach sind unbewusste Konflikte aus der frühen Biografie des Patenten ursächlich für seine späteren Sicht- und Verhaltensweisen. Die Interaktion zwischen Therapeut und Patient soll dahin führen, dem Klienten seine inneren Konflikte bewusst zu machen. Der Patient soll anschließend andere Entscheidungen treffen können und so zu mehr innerer Freiheit finden. Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie gilt als einziges wissenschaftlich anerkanntes Verfahren im Rahmen der psychodynamischen Therapie. Diese Therapieform kann auf unterschiedliche Störungsbilder angewandt werden. Sie ist daher ein sogenanntes Richtlinienverfahren, für das die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten übernehmen.

Wann wird die dynamische Psychotherapie angewendet?

Die in den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelte dynamische Psychotherapie geht auf die deutsche Psychiaterin und Psychotherapeutin Annemarie Dührssen (* 22. November 1916, † 25. Juli 1998) zurück. Dührssen gilt als Nachkriegs-Pionierin der Psychotherapie. Die dynamische Psychotherapie basiert auf den psychologischen Grundlagen, die Siegmund Freud legte. Sie versteht sich aber als tiefenpsychologisch fundiertes Psychotherapie-Verfahren. Die dynamische Psychotherapie fokussiert sich hauptsächlich auf das Alltagserleben eines Klienten.

Der Theorie dieses Verfahrens zufolge nehmen einschneidende Erlebnisse und unverarbeitete Kindheits-Traumata Einfluss auf unbewusste seelische Vorgänge. Das kann in der Folge zu seelischen Fehlentwicklungen führen. Therapie-Themen sind also die Lebensgestaltung und das individuelle Erleben der Klienten. Ihre Beziehungen zur Mitwelt sind ebenso Gegenstand der Therapiesitzungen wie ihre Selbstsicht oder ihr Selbstwertgefühl. Wenn ein Klient floskelhaft klingende Sätze wie „Mich liebt doch sowieso keiner.“ und „Ich komme schon allein zurecht.“ äußert, verrät sich für den Therapeuten eine gestörte Verarbeitung frühkindlicher Erlebnisse.

Daraus sind nach und nach fest verwurzelte Grundhaltungen entstanden. Diese prägen später das gesamte Erleben und alle daraus resultierenden Handlungen. Aus solchen verinnerlichten Sichtweisen und Denkstrukturen entstehen allerdings oft selbsterfüllende Prophezeiungen. Die dynamische Psychotherapie strebt eine seelisch-geistige Unterstützung des Klienten an. Sie möchte sein Selbstwertgefühl stärken. Daher werden in der Therapie meist bedarfsgerechte Einzelsitzungen durchgeführt. 20 bis 60 Sitzungen können am Ende notwendig werden.

Was leistet die psychodynamische Psychotherapie?

Mittels psychodynamischer Methoden können unbewusste Konflikte im Klienten ermittelt und verstanden werden. Das in den USA entwickelte psychotherapeutische Verfahren vereinigt therapeutische Prinzipien, die der Psychoanalyse und der Tiefenpsychologie entnommen wurden. Demnach sind alle psychischen Störungen aufgrund von unbewussten Konflikten entstanden. Rückt man diese Konflikte ins Bewusstsein der Klienten, kann den Betroffenen geholfen werden. Sie können nun bewusstere Entscheidungen treffen. Den Patienten wird eine neue Sicht auf die eigene Befindlichkeit, das eigene Selbstwertgefühl und die vorliegende Symptomatik als Ausdruck von verdrängten oder nicht bewussten Konflikten vermittelt.



Bei welchen Indikationen ist die Psychodynamik hilfreich?

Die häufigsten Indikationen für eine dynamische Psychotherapie sind Neurosen (vgl. Zwangsneurosen), Persönlichkeitsstörungen, Suchtproblematiken und psychosomatische Störungen. Die Therapieverfahren, die zur psychodynamischen Psychotherapie gerechnet werden, bilden das gesamte Spektrum psychosomatischer und psychischer Probleme ab. Eine psychodynamische Therapie wird bei

  • Neurosen und anderen Persönlichkeitsstörungen
  • Angststörungen
  • Belastungsstörungen (vgl. u.a. F43.1 nach ICD10)
  • Essstörungen wie Bulimie, Magersucht oder Binge Eating
  • Verhaltensstörungen
  • psychosomatischen Störungsbildern
  • oder Suchtproblematiken

eingesetzt. Sie überzeugt durch eine breite Anwendung und das flexiblem Eingehen auf den Patienten. Diese können das automatische Agieren aufgrund unbewusster Verhaltensmuster beenden. Sie sollen das fruchtlose Grübeln stoppen, das sie belastet, wenn ihre Handlungen anecken. Stattdessen fangen die Patienten an, andere Handlungsoptionen und Denkweisen auszutesten als bisher. Sie können nach der Therapie kreativer mit ihrem Leben umgehen und sind zufriedener.

Wo kann eine psychodynamische Therapie durchgeführt werden?

Die psychodynamische Psychotherapie kann ambulant oder stationär im Krankenhaus durchgeführt werden. Sie eignet sich für Einzelsitzungen, wird im klinischen Bereich aber auch als gruppentherapeutische Maßnahme, sowie als Paartherapie oder Familientherapie durchgeführt. Auch Kinder und Jugendliche mit psychischen Problemen sind damit gut behandelbar. Der große Vorteil dieser Therapieform ist das individuelle Eingehen auf den Patienten.

Statt, wie üblich, nur eine Sitzung in der Woche anzusetzen, können bei dieser Therapieform flexibel und bedarfsgerecht bis zu fünf therapeutische Sitzungen je Woche festgelegt werden. Jede Sitzung kann zwischen 30 und 50 Minuten dauern.


 

Dynamische Psychotherapie - Psychodynamische Therapie (© Jürgen Fälchle / Fotolia)
Dynamische Psychotherapie oder Psychodynamische Therapie meint im Prinzip das Gleiche: Es geht um eine vielschichtige therapeutische Hilfe bei seelischen Problemen und psychischen Störungsbildern (© Jürgen Fälchle / Fotolia)

Die Dauer einer psychodynamischen Therapie

Die Gesamtdauer einer psychodynamischen Therapie ist unterschiedlich. Sie wird flexibel festgelegt und kann zwischen 30 und 60 Einzel- oder Gruppensitzungen umfassen. Die Therapiedauer ist je nach Krankheitsbild und Schwere der Symptome festzulegen. Sie kann nach der erstmaligen Festlegung der nötigen Therapie-Einheiten gegebenenfalls verlängert werden.

Bei der Erstanamnese wird eine sogenannte Indikationsdiagnostik vorgenommen. Diese berücksichtigt sowohl den biografischen wie auch den sozialen Kontext, in dem der Patient lebt. Im anschließenden therapeutischen Gespräch kann der Patient in freien Assoziationen über seine Gedanken, Probleme und Nöte berichten. Er lernt mit Hilfe des Therapeuten, zunehmend zur Selbsterkenntnis zu kommen.

Grundlage der psychodynamischen Behandlung ist das Drei-Instanzen-Modell aus Ich, Es und Über-Ich nach Sigmund Freud. Dieses Modell basiert auf der Erkenntnis Freuds, dass es zwischen diesen dreien zu unbewussten Konflikten kommt, die sich irgendwann durch eine psychische Störung oder Erkrankung ausdrücken. Die psychodynamische Therapie betrachtet im Rahmen der Diagnostik die Felder „Struktur“ und „Konflikt„.

  • Die „Struktur“-Achse zeigt auf, ob und wie die Ich-Instanz des Klienten funktioniert. Es wird betrachtet, ob Störungen bei der Impuls- oder Affektkontrolle vorliegen. Betrachtet wird aber auch, ob der Klient sich und andere Menschen funktional wahrnehmen kann, oder wie gut er seine Bedürfnisse oder anderes kommunizieren kann.
  • Die „Konflikt“-Achse interessiert sich für die Betrachtung psychischer Konflikte. Es wird angeschaut, wie gut ein Klient seine unterschiedlichen Bedürfnisse unter einen Hut bekommt. Auch sein Umgang mit den Bedürfnissen anderer wird betrachtet. Die Psychodynamik beruht auf der Annahme, dass frühkindliche Prägungen die unbewussten Konflikte verursachen, die dann zu psychischen Störungen geführt haben.

Die Wissenschaft hat nachgewiesen, dass die psychodynamische Therapie erfolgreich in vielen Feldern psychischer Erkrankungen ist. Therapeutisches Ziel der psychodynamischen Psychotherapie ist immer, dem Patienten mittels geeigneter Methoden zu einem seelischen Ausgleich und einer neuen Selbstsicht zu verhelfen.

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Quellen:

Ängste, Phobien, Panikattacken > Angststörungen und Angsterkrankungen behandeln