Symptome krankhafter Angst (© HNFOTO / stock.adobe.com)

Krankhafte Ängste – ein ausführlicher Überblick.

„Angst ist für das Leben unverzichtbar“, konstatierte die jüdisch deutsch-amerikanische Publizisten Hannah Arendt (1906-1975), die die Gestapo während der Zeit des Nationalsozialismus kurzzeitig inhaftiert hatte (1). Furcht dient dem Menschen als Warnsystem, das ihn einerseits davor bewahrt, sich in Gefahr zu begeben, und ihn andererseits in bedrohlichen Situationen nach Fluchtwegen suchen lässt.

Schon vor Millionen von Jahren kannten unsere Vorfahren dieses bange Gefühl, das sie überkam, wenn sie beispielsweise einem aggressiven Bären gegenüberstanden. Also dachten sie über Mittel und Wege nach, sich vor wilden Tieren zu schützen, um überleben zu können.

Eine andere Facette aufgewühlter Besorgnis greift folgendes Zitat von Erich Kästner (1899-1974) auf: „Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Phantasie.“ (1) Es bedarf also nicht immer eines realen Anlasses für innere Unruhe, sondern allein die Vorstellungskraft reicht aus, um den Menschen in Panik zu versetzen.

Angst kann sowohl ein guter als auch ein schlechter Berater sein. So ist es beispielsweise sinnvoll, sich nach einem Stadtbummel oder einer Bahnfahrt die Hände zu waschen, um das Risiko einer Ansteckung durch Viren oder Bakterien zu minimieren (vgl. Bacteriophobie). Es gibt aber auch Fälle von krankhaften Putzzwängen, deren Auslöser übertriebene und unrealistische Ängste vor der Kontamination mit vermeintlich verunreinigten Gegenständen sind.

Laut Statistik leiden 25 Prozent aller Menschen mindestens einmal im Leben unter Angststörungen. Mit 12,5 Prozent steht extreme Schüchternheit an erster Stelle, knapp gefolgt von der Furcht vor Dingen oder Tieren (2).

Doch wie lässt sich feststellen, ob sich die eigenen Ängste in einem psychisch unauffälligen Rahmen bewegen oder ins Krankhafte abzudriften drohen beziehungsweise bereits pathologische Züge angenommen haben?

  • Gibt es hierfür spezielle Tests oder Kriterien?
  • Welche praktischen Tipps helfen Menschen, ihre tief sitzende Verunsicherung zu überwinden?

Umfassende Antworten auf Fragen rund um diesen Themenkomplex bietet der folgende Text.

Krankhafte Angst: ICD-10-Diagnoseschlüssel sowie Symptome aus Sicht Betroffener

Als Anhaltspunkt für die Diagnose psychischer Störungen dienen Ärzten der DSM-5-Schlüssel sowie das fünfte Kapitel des ICD-10-Nachschlagewerks. Da beide Leitfäden „bis auf wenige Ausnahmen die gleichen Störungsgruppen [beschreiben] und […] auch in den Kriterien für die Störungen größtenteils [übereinstimmen]“ (3), stellen die nachfolgenden Ausführungen nur das ICD-10-Klassifikationssystem vor, das international anerkannt ist, während DSM-5 hauptsächlich in den USA zur Krankheitsbestimmung herangezogen wird.

Unter dem Buchstaben „F“ finden sich in dem ICD-10-Diagnoseschlüssel alle psychischen Störungen zusammengefasst (psychische Störungen Liste). Generell unterscheidet der Katalog zwischen der Angst, die „ausschließlich oder überwiegend durch eindeutig definierte, eigentlich ungefährliche Situationen hervorgerufen wird“, und der, die nicht „auf eine bestimmte Umgebungssituation bezogen“ ist (4).

Auf die Furcht vor konkreten Gegebenheiten geht das Kapitel F40 des Leitfadens ein, das die Überschrift „Phobische Störungen“ trägt. Kapitel F41 befasst sich mit den diffusen Bedrohungsgefühlen, die unter dem Oberbegriff „Andere Angststörungen“ subsumiert sind.

Phobische Störungen:

Agoraphobie: Allgemein ist diese psychische Erkrankung auch als sogenannte Platzangst bekannt. In extremer Ausprägung verlassen Betroffene nicht mehr ihre Wohnung, weil sie sich scheuen, „Geschäfte zu betreten, in Menschenmengen und auf öffentlichen Plätzen zu sein, alleine mit Bahn, Bus oder Flugzeug zu reisen“ (4). Siehe auch: Wie bekämpft man Platzangst? und Agoraphobie bekämpfen.

Symptome der Agoraphobie aus Sicht eines Betroffenen: „Sobald ich mich von meinem Wohlfühlort, was natürlich bei mir das Zuhause ist […], zu weit entferne, kriege ich Angststörungen […], Panik […]. Bei mir ist es ein ganz unangenehmes Gefühl im Hals, schlapp, Schwindel, Schweißausbrüche.“ (youtube.com/watch?v=X8A1cHdRbz0):

Soziale Phobien: Von diesem Problem sind vor allen Dingen Menschen mit einem niedrigen Selbstwertgefühl betroffen, die die Kritik an der eigenen Person durch andere fürchten (siehe auch Angst vor Kritik), weshalb sie sozialen Kontakten aus dem Weg zu gehen versuchen.

Symptome der sozialen Phobie aus Sicht einer Betroffenen: „In sozialen Situationen bin ich sehr schnell nervös geworden, unruhig geworden, panisch teilweise sogar. Es gab auch Phasen, in denen ich sehr starke Panikattacken tatsächlich hatte. Generell waren so Symptome: schwitzige Hände. Ich hatte ständig das Gefühl, dass ich einen dicken Kloß im Hals habe. Ich habe Bauchschmerzen bekommen. Ohnmächtig bin ich geworden.“ (youtube.com/watch?v=_xDVSL3gfk4):

Spezifische (isolierte) Phobien: Diese Form der Störung äußert sich in der Furcht vor bestimmten Objekten wie Spinnen (siehe krankhafte Angst vor Spinnen) oder Situationen wie Behandlungen beim Zahnarzt (siehe panische Angst vorm Zahnarzt und Dentophobie). Die Auslöser dieser Ängste sind mannigfaltig, und häufig gibt es für sie sogar spezielle medizinische Fachbegriffe.

Symptome einer spezifischen Phobie am Beispiel der Spinnenangst (Arachnophobie) aus Sicht einer Betroffenen: „Sobald ich eine [Spinne] sehe, gerate ich in Panik. Ich schreie nicht nur – ich fang an zu Weinen und bekomme kaum Luft und mir wird schwarz vor Augen […] Die Phobie prägt mein Leben. Viele meiner Freunde und Verwandten machen sich darüber lustig, was es noch viel schlimmer macht. Ich habe einfach so Angst. Ich gehe immer mit einem mumligen Gefühl in mein Zimmer mit der Angst, dass sich dort eine Spinne befindet.“ (5)

Krankhafte Ängste, Angststörung, Phobien, ICD 10 - all das sind wichtige Schlüsselbegriffe wenn es darum zu verstehen geht, was krankhafte Angst bedeutet (© fotodo / Fotolia)
Krankhafte Ängste, Angststörung, Phobien, ICD 10 – all das sind wichtige Schlüsselbegriffe wenn es darum zu verstehen geht, was krankhafte Angst bedeutet (© fotodo / Fotolia)

Andere Angststörungen:

Panikstörung: Typisch für dieses psychische Problem sind schwere, nicht vorhersehbare Angstattacken, die plötzlich und ohne erkennbare Gefahr auftreten. Etwa zwei Prozent der Bevölkerung leidet daran, wobei Frauen häufiger davon betroffen sind als Männer. (6) Oftmals führt diese Störung dazu, dass der Patient jede Situation zu umgehen versucht, „die derjenigen ähnelt, in der er beim letzten Mal den Anfall bekommen hat. Dieses Vermeidungsverhalten wiederum beeinträchtigt den Patienten stark in seiner Lebensführung.“ (7)

Symptome einer Panikattacke aus Sicht einer Betroffenen: „Ich habe […] leichte und schwere Panikattacken. Also leichte, das ist zum Beispiel dann so, wenn ich in der Uni bin und in der Vorlesung sitze und dieses alles um mich so verschleiert und sich unreal anfühlt […], dass mein Puls steigt und mir halt richtig schwindlig wird. Eine schwere Panikattacke ist dann, dass ich einfach das Gefühl habe zu sterben. Dann habe ich so das Bedürfnis, ich muss jetzt unbedingt ins Krankenhaus, einfach weil ich mich dann sicherer fühle […] Und wenn es dann halt richtig schlimm wird, dann eben diese Depersonalisierung noch dazu. Ich schaue dann in den Spiegel und denke mir: Wer bist du, weil ich sehe mich nicht? […] Dieses Gefühl ist wirklich krasser als Querschnitt. Dann lieber ein Leben lang Querschnitt als ein Leben lang dieses Gefühl.“ (youtube.com/watch?v=1nJnfzzDi_Q):

Generalisierte Angststörung: Bei dieser Art krankhafter Furcht kreisen die Gedanken permanent um die Frage, was alles Schreckliches geschehen könnte: Habe ich vergessen, den Herd auszuschalten, weshalb jetzt die Wohnung abbrennt? Werde ich meinen Arbeitsplatz verlieren? Diese psychische Erkrankung zieht häufig einen unrealistischen Kontrollzwang nach sich.

Symptome aus Sicht einer Betroffenen: „Meine Tochter (16) ist seid dem 25.08.2019 in Kanada, dort bleibt sie ein halbes Jahr und geht dort auf die Highschool und wohnt bei einer Gastfamilie. Das ist sicher ein tolles Abenteuer für meine Tochter. Aber ich bin schon wieder in Panik. Wird sie es schaffen, wird sie Freunde finden, ist die Familie auch wirklich nett. Es gibt Tage da drehe ich hier regelrecht durch. Ich habe irgendwie das Gefühl sie fühlt sich nicht wohl. Sie sagt zwar immer es ist alles OK aber da sie mich leider kennt und weiß dass ich mir immer so Sorgen mache, habe ich natürlich jetzt Angst, dass sie mir nicht alles sagt. […] Heute morgen hatte ich eine Nachricht auf dem Handy, wo sie mir sagte, dass sie krank wird… also ich denke Erkältung. Das hat mir schon wieder den Rest gegeben. […] Hilfe, was kann ich tun, um nicht durchzudrehen.?“ (8)

Angst und depressive Störung (gemischt): Diese Diagnose stellen Ärzte, wenn Ängste und Depressionen gleichzeitig vorhanden sind, ohne dass eine dieser beiden Erkrankungen dominant ist. Symptome aus Sicht einer Betroffenen: „U-Bahn ist Horror. Da fährt man schon diese Rolltreppe runter. Dann bist du da quasi in diesem Schlauch, in diesem Loch da unter der Erde. Das ist einfach Horror. Generell sind das halt meistens so Situationen, wo man so denkt, hier komme ich nicht raus […] Das nimmt dir so die Lust […] Das dirigiert so dein Leben.“ (youtube.com/watch?v=ua7-l0qMizA)

Andere gemischte Angsstörungen: Unter diese Kategorie fallen Ängste, die in Kombination mit anderen neurotischen Störungen wie Zwangshandlungen oder posttraumatischen Belastungen auftreten, ohne dass eins der Symptome vorherrschend ist.

Symptome aus Sicht einer Betroffenen: „Ich bin 14 und hab vor ca. eineinhalb Monaten einen schweren Verkehrsunfall (Fahrrad gegen Auto) gesehen und war als erste vor Ort und musste später sogar kurzzeitig reanimieren. Seitdem hab ich starke Schlafstörungen und Albträume. Es war zwar kurze Zeit besser, doch seitdem wir einen Vorfall in der Schule hatten, bei dem ich einen Notarzt und mehrere Rettungswägen einweisen musste, kann ich nur kurz mit Albträumen oder gar nicht schlafen.“ (9)

Zusammenfassung: ICD-10 und Symptome krankhafter Ängste

Die Palette der Objekte, Situationen und Phantasien, die unrealistische Ängste auslösen können, ist nahezu unbegrenzt. Dabei äußert sich die Furcht bei den Betroffenen individuell verschieden. In vielen Fällen ziehen die psychischen Belastungen Folgeerkrankungen wie Depressionen nach sich. Möglich ist auch, dass von Anfang an mehrere Ängste gleichzeitig vorhanden sind, die sich in ihrer Intensität nicht voneinander unterscheiden.

Das ICD-10-Klassifikationssystem stellt dem Arzt ein Hilfsmittel zur Verfügung, das ihm die Diagnose psychischer Störungen erleichtern soll, indem es in allgemeiner Form verschiedene Krankheitsbilder skizziert. Trotzdem kann es mitunter lange dauern, bis Patienten den richtigen Befund erhalten.

Mit ein Grund dafür ist, dass krankhafte Ängste mit physischen Beschwerden einhergehen, die Betroffene als so echt und real empfinden, dass sie bei sich eine ernsthafte organische Erkrankung vermuten. Aus diesem Grund begeben sie sich meistens zuerst in eine allgemeinmedizinische und nicht in eine psychotherapeutische Behandlung. Doch die ärztliche Untersuchung der körperlichen Funktionen dieser Patienten führt in der Regel zu dem Ergebnis, dass keinerlei physische Erkrankungen vorliegen.


Psychotherapie – Ein einführender Überblick für Patienten


Ein Blick auf die Begleiterscheinungen krankhafter Ängste verdeutlicht die enge Verzahnung von Körper und Seele:

  • Herzrasen
  • Schweißausbrüche
  • Hyperventilation
  • Zittern
  • Atemnot
  • Schwindel
  • Übelkeit
  • Mundtrockenheit

Auf der Website neurologen-und-psychiater-im-netz.org… findet sich eine detaillierte Liste von Symptomen, die den unterschiedlichen Angsterkrankungen zugeordnet sind.

Ängste: Welche sind natürlich, welche krankhaft?

Nicht alle übertriebenen oder unrealistischen Ängste sind per se ein Fall für eine psychische Behandlung. Wenn sich jemand nur dann in seinem Zuhause wohlfühlt, wenn alles sauber und ordentlich ist, leidet er nicht automatisch an einer Mysophobie (Misosophie), also der Angst vor Kontakt mit Schmutz. Auch kann eine Lebenskrise zu verzerrten Empfindungen führen, die meistens von vorübergehender Natur sind. Auf die Frage, wo die Grenze zwischen einer „normalen“ Besorgnis und einer krankhaften Angst verläuft, antwortet Prof. Dr. Jürgen Margraf, der an der Ruhr-Universität Bochum einen Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie innehat:

„Das sind fließende Übergänge. Und es sind mehrere Dimensionen, die da wichtig sind. Zum Ersten: Bei einer nicht mehr gesunden Angst kann man sagen, das tritt ohne ausreichenden Grund auf. […] Oder aber die Angstreaktion hält viel zu lange an. […] Zum Zweiten haben Menschen mit krankhafter Angst das Gefühl, dass sie das nicht kontrollieren können. Das macht es viel, viel bedrohlicher. Zum Dritten leiden sie darunter und werden in ihren Funktionen eingeschränkt. Das heißt, sie können als Vater oder als Mutter ihre Rolle nicht ausfüllen. Und damit wird das Leiden noch verstärkt.

Daneben gibt es aber noch eine weitere wichtige Dimension. Und das sind die typischen Symptommuster. […] Man nennt das dann ein Syndrom. […] Die Kombination von den Dingen, die ich zuerst gesagt habe, und diesen Mustern, die definiert dann letzten Endes eine krankhafte Angst. […]

Ängste kommen in den allermeisten Fällen nicht über Nacht, sondern entwickeln sich. Es gibt diese Ausnahmen […], wo ein einzelnes Ereignis dann den Auslöser gibt. […]

Man kann sich das wie eine Abwärtsspirale vorstellen. Sie haben eine unangemessene Angst, die noch nicht krankhaft ist, aber jetzt reagieren sie ja darauf. Wenn sie darauf reagieren mit Vermeidung […], haben sie kurzfristig weniger Angst, aber mittel- und langfristig haben sie viel mehr. […] Ihr Selbstwert sinkt.“ (youtube.com/watch?v=6coyng731aU)

Eine krankhafte Angst liegt also dann vor, wenn sie massiv den Alltag prägt und dadurch die Lebensqualität und -freude einschränkt. Betroffene sind nur noch damit beschäftigt, den ihnen bedrohlich erscheinenden Gefahren aus dem Weg zu gehen, wodurch sie zunehmend den Bezug zu ihrem selbstbestimmten Ich verlieren und wie fremdgesteuert ihren Tag gestalten.

Dieses psychische Problem kann Menschen aller Altersklassen, Geschlechter, Nationen sowie Gesellschaftsschichten treffen. Auch in der Öffentlichkeit bekannte Persönlichkeiten sind davor nicht gefeit. So musste Jupiter-Jones-Sänger Nicholas Müller 2014 seine Band auf dem Höhepunkt ihres Erfolges wegen seiner Angststörung verlassen. Rückblickend erzählt er über einen seiner Konzertauftritte, bei dem ihn eine Panikattacke ereilte:

„Mitten im Lied hat mich plötzlich so ein Schauer gepackt. Dann habe ich es noch zwei, drei Lieder lang versucht, aber wenn man gerade kurz davor steht zu hyperventilieren, dann ist es garantiert schwierig zu singen. Dann musste ich halt irgendwann abgeben.“ (youtube.com/watch?v=ez4JwT3h58k)

Unbehandelte krankhafte Ängste können Karrieren zerstören, das berufliche Aus bedeuten oder zum Zerbrechen zwischenmenschlicher Beziehungen führen. Wer sich nicht sicher ist, inwieweit er von dieser Art psychischer Störung betroffen ist, findet im Internet Selbsttests, etwa auf der Website angst-panik-hilfe.de/angst-tests.html. Diese ersetzen zwar keine medizinische Diagnose, aber sie ermöglichen eine tendenzielle Aussage über das eigene Befinden.

Krankhafte Ängste: Ursachen

Die Forschung geht von mehreren potenziellen Faktoren aus, die für das Entstehen krankhafter Ängste verantwortlich sein können. Der Psychoanalytiker Thomas Pollak sieht als Ursache an, dass das Urvertrauen des Menschen, das im Laufe der Kindheitsentwicklung entsteht, entweder zu irgendeinem Zeitpunkt gestört wurde oder sich gar nicht erst ausgebildet hat. (youtube.com/watch?v=G0F10leavbI)

Auf der Internetseite neurologen-und-psychiater-im-netz.org/…/angsterkrankungen/ursachen/ heißt es, dass „ein Zusammenspiel erblicher, neurobiologischer und psychologischer Faktoren [ausschlaggebend dafür ist], ob sich bei einem individuellen Patienten die Angst in übersteigerter Form äußert“.

Nach wie vor gibt es keine eindeutige wissenschaftliche Erkenntnis über die Ursache psychischer Störungen. Eine wichtige Rolle bei der Behandlung von Patienten spielen daher deren individuelle Biographie und Anamnese, denen Ärzte möglicherweise einen Hinweis auf die Entstehung des Problems entnehmen und dadurch entsprechend passende Therapiemaßnahmen einleiten können.

Krankhafte Ängste: Behandlung

Zur Behandlung von Angsterkrankungen empfehlen Mediziner eine Kombination aus Psychotherapie und Pharmakotherapie. Ziel der therapeutischen Maßnahme ist es, dass der Patient die Erfahrung macht, „dass die situativ induzierte Angst unbegründet und ungefährlich ist“ (10). Aus diesem Grund stellt die kognitive Verhaltenstherapie die wirksamste Methode dar, bei der Betroffene durch die direkte Konfrontation mit den für sie bedrohlichen Situationen und Objekten Schritt für Schritt lernen, sich ihrer Angst zu stellen und sie dadurch zu überwinden.

Mit Psychotherapie können viele krankhafte Ängste behandelt werden, und zwar erfolgreich. Zum Beispiel durch Verhaltenstherapie und verschiedene Formen von Gesprächstherapien bis hinzu Psychoanalyse (© Pixelrohkost / stock.adobe.com)
Mit Psychotherapie können viele krankhafte Ängste behandelt werden, und zwar erfolgreich. Zum Beispiel durch Verhaltenstherapie und verschiedene Formen von Gesprächstherapien bis hinzu Psychoanalyse (© Pixelrohkost / stock.adobe.com)

Die medikamentöse Behandlung basiert in der Regel auf dem Verschreiben von „Selektive[n] Serotonin-Wiederaufnahme-Inhibitoren (SSRI) und SNRI sowie für die generalisierte Angststörung auch der Kalziumkanal-Modulator Pregabalin“ (10). Diese Medikamente sollen durch die Einflussnahme auf neuronale Abläufe im Gehirn (siehe Neurotransmitter Funktion) eine Verbesserung der psychischen Verfassung bewirken.

Zu den alternativen Behandlungsformen zählen u.a. Hypnose (siehe Angstbewältigung durch Hypnose), Akupunktur, Lichttherapie, Ernährungsumstellung, Homöopathie oder das Erlernen diverser Entspannungstechniken wie Atemübungen (siehe Entspannungstechniken Überblick).

Im Allgemeinen sind Angsterkrankungen mit der individuell passgenauen Therapie gut in den Griff zu bekommen. Doch kann sich der Weg, bis man für sich das wirksamste Mittel gefunden hat, hinziehen, und er kann mit Rückschlägen verbunden sein. Es bedarf also seitens des Patienten einige Geduld und Offenheit für die diversen Möglichkeiten der Behandlung seiner Erkrankung.

Darüber hinaus gilt es zu bedenken, dass sich die Ängste über einen langen Zeitraum peu à peu aufgebaut haben, sodass sie sich auch nicht von heute auf morgen abstellen lassen. Doch wenn sich im Rahmen einer Therapie mit der Zeit die ersten Anzeichen einer Besserung einstellen, weiß jeder Betroffene, dass sich die Mühen und oft auch qualvollen Überwindungen, sich der eigenen Angst zu stellen, lohnen.

Krankhafte Angst: Praktische Tipps

Der wichtigste Ratschlag für von krankhaften Ängsten Betroffene ist, dass keinerlei Anlass besteht, sich für ihre psychische Störung zu schämen. Schließlich handelt es sich bei ihrem Problem weder um eine Charakterschwäche noch um selbstverschuldetes Versagen, sondern um eine ernst zu nehmende Krankheit. Nicht ohne Grund haben daher Angststörungen Eingang in den Diagnoseschlüssel für Ärzte gefunden.

Krankhafte Angst ist eine Form von psychischer Störung, aber etwas, für das man sich nicht schämen braucht. Es handelt sich um eine Erkrankung, und erkranken kann jeder - psychisch wie physisch! (© N-Media-Images / Fotolia)
Krankhafte Angst ist eine Form von psychischer Störung, aber etwas, für das man sich nicht schämen braucht. Es handelt sich um eine Erkrankung, und erkranken kann jeder – psychisch wie physisch! (© N-Media-Images / Fotolia)

Nicht nur Patienten, sondern auch deren Angehörige und Freunde sollten sich dieser Tatsache stets bewusst sein, denn der Umgang mit seelischen Erkrankungen ist für alle Beteiligten nicht immer einfach. Schnell stehen Vorwürfe und Kritik im Raum, da es vielen Menschen schwerfällt, deren Angstzustände und das teils irrationale Verhalten Betroffener nachzuvollziehen. Hilfreicher ist es indes, sich über die Art der Erkrankung umfassend zu informieren und nach einer kompetenten Unterstützung bei der Lösung der seelischen Belastungen zu suchen.

Im Anfangsstadium der Erkrankung kann der kommunikative Austausch mit anderen eine Möglichkeit sein, Wege aus der Krise zu finden. Ansprechpartner sind beispielsweise der Hausarzt, der Gemeindepfarrer, gemeinnützige Organisationen oder enge Vertraute. Selbsthilfegruppen vor Ort listet die Website selbsthilfenetz.de auf. Auch der Kontakt mit gleichsam Betroffenen über Internetforen wie angst-und-panik.de/forum-fuer-angst-und-panik.php kann einen Beitrag dazu leisten, die Ängste abbauen zu helfen, indem man von den Erfahrungen anderer profitiert.

Wer sich Sorgen wegen der Finanzierung einer Therapie macht, kann beruhigt sein, denn die „Krankenkassen übernehmen die gesamten Behandlungskosten, sofern es sich um eine psychische Störung mit ‚Krankheitswert‘ handelt“ (11). Vorsichtshalber sollte man hier aber noch einmal Rücksprache mit der eigenen Versicherung halten, um Missverständnissen vorzubeugen.

Wer bereits von einem Arzt eine Diagnose gestellt bekommen hat, kann auf dieser Seite meine-gesundheit.de/krankheit/icd-diagnose den ICD-Schlüssel decodieren lassen.

Symptome krankhafter Angst (© HNFOTO / stock.adobe.com)
Symptome krankhafter Angst (© HNFOTO / stock.adobe.com)

Schlusswort

„Das Leben beginnt dort, wo die Furcht endet“, erkannte der indische Philosoph Osho (1931-1990). (12) Warum also noch länger in einem Zustand der Erstarrung verharren und sich von seinen Ängsten versklaven lassen? Warum den Kopf in den Sand stecken und vor seinem psychischen Problem davonlaufen?

Um das Leben nicht zu verpassen, lautet ab jetzt die Devise, der eigenen Angst die Stirn zu bieten. Denn was gibt es Schöneres, als im Sommer unbeschwert über weite Wiesen zu laufen, an tristen Herbsttagen Freunde zu sich nach Hause einzuladen, im frostigen Winter über den Weihnachtsmarkt zu bummeln oder im Frühling auf einer Bank im Park die ersten wärmenden Sonnenstrahlen zu genießen? Was gibt es Schöneres, als frei von Angst zu sein?


Quellen und weiterführende Ressourcen:

  1. zeitzuleben.de/unser-16-liebsten-zitate-thema-angst/
  2. de.statista.com/statistik/daten/studie/182616/umfrage/haeufigkeit-von-angststoerungen/
  3. hogrefe.de/themen/klinik/artikeldetailansicht/DSM%20und%20ICD-313
  4. icd-code.de/icd/code/F40.-.html
  5. kleiderkreisel.de/foren/gefuhle/seele/3676962-panische-angst-vor-spinnen
  6. depressionen-depression.net/angst-phobie-panik/was-ist-eine-panikstoerung.shtml
  7. aerzteblatt.de/archiv/7306/Panikstoerungen-Remissionen-aber-keine-Heilung
  8. bfriends.brigitte.de/foren/aengste-panik-phobien/533318-16jaehrige-tochter-in-kanada.html
  9. paradisi.de/Health_und_Ernaehrung/Erkrankungen/Posttraumatische_Belastungsstoerung/Forum/#frage_198647
  10. aerzteblatt.de/archiv/200240/Diagnostik-und-Therapie-von-Angsterkrankungen
  11. therapie.de/psyche/info/fragen/wichtigste-fragen/was-bezahlt-die-krankenkasse/
  12. zitatezumnachdenken.com/osho/1629
Dr. Jan Martin - Virtueller Chefredakteur - Digitale Redaktionsleitung Dr. Jan Martin ist virtueller Chefredakteuer von www.angst-verstehen.de. Er ist das Außengesicht der digitalen Redaktionsleitung, verantwortlich für Qualitätssicherung und Publikation der Texte der Redaktion.