SSRI-Absetzsyndrom beim Absetzen von Antidepressiva des Typs 'Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer' (Google Bildersuche Screenshot)

SSRI-Absetzsyndrom erklärt

Entzugserscheinungen beim Absetzen von SSRI-Antidepressiva (selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer)?

Das SSRI-Absetzsyndrom beschreibt die Symptome, die beim plötzlichen Absetzen bestimmter Psychopharmaka entstehen. Bei diesen handelt es sich nahezu ausschließlich um Antidepressiva, die als Ganzes oder in Bestandteilen auf eine Veränderung des körpereigenen Serotoninspiegels abzielen:

Der Begriff „Absetzsyndrom“ wird dabei bisweilen kritisch betrachtet, weil er verharmlosend im Vergleich zu der Terminologie „Entzug“ oder „Entzugserscheinungen“ klingt. Andererseits wird dieser wahrgenommene Unterschied teilweise bewusst genutzt, da Pharmazeutikhersteller ebenso wie Fachpersonal bisweilen bestreiten, dass Antidepressiva zu einer Abhängigkeit führen können. Würde der Symptomkomplex, der beim zu kurzfristigen, abrupten, aber auch beim nicht abrupten Absetzen der Medikamente entsteht, korrekt als „Entzug“ bezeichnet, ließe sich dieser Standpunkt nicht mehr halten. Natürlich ist die Einschätzung auch abhängig von der Frage, wie „Sucht“ definiert wird (vgl. Sucht Definition).

SSRI-Absetzsyndrom: Ursache und Abgrenzung

Da Antidepressiva den natürlichen Serotoninspiegel sowohl im Körper als auch im Gehirn eines Patienten verändern sollen, entsteht bei einer längeren regelmäßigen Einnahme ein neues neurochemisches Gleichgewicht. Dieser Vorgang hängt mit der Fähigkeit des menschlichen Körpers zusammen, Menge und Wirkung von Hormonen zu regulieren. Dies geschieht beispielsweise über verminderte Ausschüttung ebenso wie reduzierte oder vermehrte Bereitstellung von Rezeptoren. Unter dem Einfluss bestimmter Psychopharmaka stellt der Organismus mittels dieser Regulationsmechanismen ein neues Gleichgewicht her. Werden SSRI abgesetzt, erfolgt dieser Vorgang erneut, was zu den Nebenwirkungen in Form von Entzugserscheinungen führt. Ursache ist also eine Gewöhnung des Körpers an die regelmäßige Einnahme der Psychopharmaka.

Abzugrenzen sind die Absetzerscheinungen einerseits von anderen Nebenwirkungen, beispielsweise von weiteren Medikamenten oder bei der Umstellung von einem auf ein anderes Präparat. Hier ist auch die Gefahr eines Serotoninsyndroms zu beachten, das unter Umständen tödlich enden kann.

Andererseits sind die Entzugserscheinungen jedoch auch gegen die Symptome der ursprünglich behandelten Erkrankung – vorwiegend depressive Erkrankungen, aber auch Angsterkrankungen sowie Zwangsstörungen – abzugrenzen. Gerade dies wird häufig versäumt und auftretende Absetzerscheinungen sowohl von Behandelten als auch Ärzten als Wiederaufflammen der Erkrankung missverstanden. Das gilt insbesondere dann, wenn die Absetzsymptome langwieriger ausfallen oder schwerer sind, als Patient und Arzt zuvor erwartet hatten. Unter Umständen kann dies zu einem fatalen Zyklus aus Medikamenteneinnahme und fehlgeschlagenen Absetzversuchen führen. Erschwerend kommt hinzu, dass besonders die psychischen Entzugserscheinungen des SSRI-Absetzsyndroms leicht mit denen einer Depression oder Angststörung verwechselt werden können.

Diagnose

Für die Diagnose des SSRI-Absetzsyndroms ist zunächst wichtig, ob eine Behandlung mit einem SSRI oder SNRI vorliegt und diese unterbrochen, abgebrochen oder die Dosis des Präparats verringert wurde. Weiterhin müssen Symptome wie die unten beschriebenen vorhanden und im Umfeld wahrnehmbar sein. Wichtig ist auch, dass die Anzeichen nicht von anderen Faktoren verursacht werden können, beispielsweise weiteren Medikamenten, Drogen sowie deren Entzug oder aber körperlichen Erkrankungen. Dies gilt insbesondere dann, wenn nur ein einzelnes Symptom beobachtet werden kann. Auch Symptome, die vor der Behandlung nicht auftraten, sind ein starkes Kriterium.

Problematischer ist es, wenn sie denen der Ursprungserkrankung ähneln. Nicht zuletzt lässt sich ein Entzug feststellen, wenn eine erneute Einnahme oder Dosissteigerung des Medikaments innerhalb kürzester Zeit – oft bereits nach Stunden oder Tagen – Linderung verschafft.

Absetzsymptome

Häufige Anzeichen eines SSRI-Absetzsyndroms sind unter anderem:

  • Empfindungsstörungen, ähnlich kurzen Stromschlägen
  • Tinnitus, Schwindel, Gleichgewichtsstörungen
  • Ängste, beispielsweise Höhenangst, Anspannung, Unruhe
  • Motorische Störungen, Bewegungsstörungen, Zuckungen, Tics, Zittern (Zittern der Hände), Muskelkrämpfe
  • Schlafstörungen, Müdigkeit, intensive Träume
  • Kopfschmerzen, Erkältungssymptome, Unwohlsein, Gelenkschmerzen, Fiebergefühl
  • Durchfall, Übelkeit, Verstopfung
  • Post-SSRI-bedingte (d. h. anhaltende) sexuelle Dysfunktion
  • Depression (auch schwer), Angstzustände, Manie, Aggression, Suizidgedanken

Häufig wird ein Zusammenhang zwischen Dauer und Dosis der Einnahme einerseits und Dauer und Schwere der Absetzsyndrome andererseits gesehen. In schweren Fällen werden von Entzugserscheinungen von über sechs Monaten und sogar Jahren berichtet – obschon diese laut den offiziellen Herstellerhinweisen zu verschiedenen Antidepressiva lediglich zwei Wochen andauern sollten. Auch das jeweilige Präparat spielt eine Rolle bei der Ausprägung der Absetzsymptome. Dies gilt besonders für solche Medikamente, die eine außergewöhnlich lange Halbwertszeit aufweisen, also noch sehr lange nach der Einnahme der letzten Dosis nachwirken. Dementsprechend spät treten auch Entzugserscheinungen auf.

Auch die psychische Komponente der Medikamenteneinnahme ist nicht zu unterschätzen: Gewinnt der Behandelte den Eindruck, dass er sein Leben nicht ohne oder nur aufgrund der Arzneimittel bewältigen kann, kann auch eine psychische Abhängigkeit entstehen. In jedem Fall ist es wichtig, dass der behandelnde Arzt über die Möglichkeit von Absetzsymptomen informiert ist und den Patienten zuvor ausreichend über das Risiko aufklärt. Ebenso wichtig ist die Unterstützung des Behandelnden beim Absetzen selbst.

Eine Erklärung zu den – teils andauernden – Absetzerscheinungen bietet auch dieses Video:

Vermeidung und Behandlung

Ein SSRI-Absetzsyndrom sicher und vollständig zu vermeiden, ist nicht immer möglich. Die beste Möglichkeit, die Wahrscheinlichkeit eines Auftretens zumindest zu verringern und die Symptome so geringfügig wie möglich zu halten, besteht im Ausschleichen des Medikaments. Um ein SSRI möglichst sicher absetzen zu können, wird die Dosis über einen längeren Zeitraum hinweg reduziert. Dieser Prozess erfordert vor allem Geduld und ist häufig langwierig, insbesondere wenn hohe Anfangsdosierungen und lange Einnahmezeiträume vorliegen. Zwischen den einzelnen Schritten der Reduzierung liegen idealweise immer einige Wochen.

Da die Wahrscheinlichkeit von Absetzsymptomen mit Höhe der Dosis und Dauer der Einnahme ansteigt, sollte beides so hoch und lang wie nötig, aber so niedrig und kurz wie möglich gewählt werden. Besonders eine Dauereinnahme über den Zeitraum mehrerer Jahre ist an dieser Stelle kritisch zu betrachten.

Das SSRI-Absetzsyndrom selbst kann behandelt werden, indem die ursprüngliche Dosierung eingesetzt oder der letzte Schritt der Reduzierung rückgängig gemacht wird. Unter Umständen ist dann ein neuer Versuch mit längeren Intervallen zwischen den einzelnen Schritten oder geringeren Dosisreduzierungen notwendig. Unter Umständen kann auch ein anderes SSRI mit anderer Halbwertszeit beim Absetzen unterstützend wirken. Abgesehen davon kommen verschiedene Medikamente im Kampf gegen die Symptome infrage. Dazu können Schmerzmittel ebenso zählen wie trizyklische Antidepressiva (zum Beispiel Amitriptylin) oder Benzodiazepine – letztere aufgrund der Abhängigkeitsgefahr jedoch nur als Kurzzeitlösung. Schlussendlich ist ein wichtiger Faktor der Behandlung die Aufklärung des Patienten: Viele Betroffene empfinden es als beruhigend und hilfreich zu erfahren, dass ihr Leiden nicht ungewöhnlich, zumeist vorübergehend und nicht etwa als drohender neuer Krankheitsschub zu verstehen ist.

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