Angst vor der Arbeit mündet häufig früher oder später in eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung / Krankmeldung (© Stockfotos-MG / stock.adobe.com)

Arbeitsplatzphobie: Wenn Angst vor der Arbeit und Angst im Job zum Problem werden…

Angst zur Arbeit zu gehen und Angst im Job?

Niemand weiß genau, wie viele Menschen jeden Tag mit Bauchschmerzen oder gar Panik im Blick zur Arbeit gehen. Man schätzt jedoch, dass jede vierte Krankschreibung in Wahrheit auf Angst vor der Arbeit bzw. irgendeine Ausprägung von Angst im Job zurückzuführen ist. Dabei muss es sich nicht unbedingt um eine Arbeitsplatzphobie oder eine Angsterkrankung im Sinne einer sozialen Angststörung handeln.

Gründe für das Unwohlsein können auch in Stress, immensem Leistungsdruck, Angst um den Arbeitsplatz oder Mobbing am Arbeitsplatz liegen. Wenn aber die Angst vor der Arbeit scheinbar ohne Grund besteht und immer häufiger zu Vermeidungsverhalten und Kündigungsgedanken führt, sollte der Betroffene sich Gedanken machen. Es könnte sich um eine behandlungsbedürftige Angsterkrankung handeln.

Wann ist die Angst vor der Arbeit krankhaft?

Dass Menschen nach dem Urlaub oder nach einer Krankschreibung ein Grummeln im Bauch spüren, wenn sie an ihren Arbeitsplatz denken, ist als normal anzusehen. Der Arbeitnehmer weiß schließlich nicht, was in der Zwischenzeit an Mails aufgelaufen oder was an internen Veränderungen zu verarbeiten ist. Dabei handelt es sich nicht um eine Arbeitsplatzphobie, sondern um eine erhöhte Unsicherheit – vielleicht aufgrund von unguten Erfahrungen aus vorigen Jahren. Mancher fürchtet, alles vergessen zu haben, was er täglich braucht. Doch manche Menschen bekommen schon Panikattacken, wenn sie nach dem Urlaub an die Rückkehr zu ihrer Arbeitsstelle denken. Sie lassen sich krank schreiben. In diesem Fall ist ein Krankheitswert anzunehmen.

Zu den Ursachen für solche Panik können panische Angst vorm Telefonieren, vor der Arbeit selbst, vor neuerlichen Mobbingerfahrungen oder einem cholerischen Chef zählen. Verängstigte Menschen entwickeln zwangsweise Vermeidungsstrategien (vgl. krankhafte Angst). Sie leiden trotz gutem Ausbildungsstand und ausreichenden Fachkenntnissen an Gefühlen der Überlastung, der Unfähigkeit und übermäßigen Inanspruchnahme. Sie haben vielleicht ohnehin Selbstwertprobleme oder fühlen sich gegenüber technischen Innovationen als beruflicher Versager. Die ständige Angst vor dem Zittern oder ohnmächtig werden begleitet diese Menschen durch den gesamten Arbeitstag. Solche Mitarbeiter ziehen sich deswegen immer weiter zurück. Ihre Fehltage häufen sich, die Arbeitsleistung bricht zunehmend ein. Die von Angst im Job Betroffenen möchten nicht, dass die anderen Kollegen ihre Schweißausbrüche, Albträume und Unruhezustände mitbekommen oder sie danach fragen.

Ein Krankheitswert ist gegeben, wenn der Leistungsdruck im Büro nicht mehr abgelegt werden kann. Die Versagensangst dominiert mittlerweile selbst das Privatleben. Die Betroffenen fühlen sich von sozialen Ängsten und ständiger Überforderung gepeinigt. Sie leiden trotz guter Ausbildung an Gefühlen der Minderwertigkeit und Machtlosigkeit. Sie fühlen sich vom Chef gedemütigt, von ihren Kollegen gemobbt, ausgelacht oder ständig übergangen. Die Betroffenen haben wegen Mobbing Depressionen. Sie wissen sich gegen ihre Ängste nicht mehr zu wehren. Nächtliche Albträume und Schlaflosigkeit gehören dauerhaft zu ihrem Leben.

Angst vor Fehlern als Ursache

Ursache dafür ist die Angst vor Fehlern. Auch im Urlaub erholen solche Menschen sich nicht mehr. Daher kommt es immer häufiger zur Krankschreibung nach dem Urlaub.

Die Rückkehr an den Arbeitsplatz erscheint solchen Menschen als unzumutbar. Die innere Kündigung ist längst erfolgt. Sie wird aber trotz erheblichem Leidensdruck der Angst im Job oft nicht vollzogen. Die Angst vor neuen Herausforderungen ist übermächtig (siehe auch Angst vor neuem Job). Die Betroffenen fühlen sich in einer Falle gefangen. Sie erleben sich nicht mehr als handlungsfähig. Stattdessen verharren sie in innerer Lähmung und Verzweiflung. In diesem Stadium muss Hilfe von außen kommen, weil die innere Angstlähmung dieser Menschen nicht mehr durch eigene Maßnahmen aufgelöst werden kann. Hier helfen nur noch eine Psychotherapie (siehe Psychotherapie was ist das?) oder ein Verhaltenstraining (Verhaltenstherapie bzw. auch Soziale Kompetenz Trainings).

Ist es Angst vor der Arbeit – oder ein Burn-out?

Manchmal ist es schwer, die Ursachen und Auslöser psychischer Probleme anhand der Symptomatik zu unterscheiden. Was sich den behandelnden Ärzten zunächst als Depression, Erschöpfungssyndrom, akute Überforderung oder Burn-out darbietet, ist manchmal etwas ganz anderes: eine Arbeitsplatzphobie.

Aus einer Angsterkrankung kann durchaus auch eine körperliche Erkrankung resultieren. Diese wäre dann als körperliches bzw. psychosomatisches Vermeidungsverhalten zu deuten (vgl. auch psychosomatische Erkrankungen Beispiele). Problematisch ist daran, dass die Betroffenen ihrer Angst vor der Arbeit nicht ohne weiteres auf die Spur kommen können. Sie meinen körperlich krank zu sein. Gegensätzliche Meinungen werten sie als Angriffe.

Termindruck, Überforderung, Müdigkeit, Burnout... - schleichend kann sich aus Angst im Job auch eine Arbeitsplatzphobie entwickeln (© vege - Fotolia)
Termindruck, Überforderung, Müdigkeit, Burnout… – schleichend kann sich aus Angst im Job auch eine Arbeitsplatzphobie entwickeln (© vege – Fotolia)

Wenn die Angst vor der Arbeit übermächtig geworden ist, wäre ein Gespräch mit einem Psychotherapeuten sinnvoll (-> Psychotherapeuten finden). Viele Gründe für das Entstehen einer Arbeitsplatzphobie liegen in den Betroffenen selbst. Solche Menschen haben über Jahre ihre Minderwertigkeitsprobleme in den Vordergrund gestellt, statt sich auf ihre gute Ausbildung, ihre Leistungen und ihre soziale Kompetenz zu beziehen.

Die Angst vor dem Versagen hat zu großen Raum in diesen Menschen einnehmen können. Keine Phobie besteht ohne Grund. Wenn die panische Angst vorm Telefonieren oder den Vorgesetzten zu Vermeidungsverhalten führt, handelt es sich nicht um klassische Symptome eines Burn-out oder einer Depression. Vielmehr ist klar, dass eine Angstproblematik vorliegt.

Gleichwohl können Depression und Burn-out die Folge einer solchen Phobie sein. Das macht es umso schwerer, zu einer korrekten Diagnose zu kommen. Dennoch müssen die Betroffenen ihre Angst überwinden lernen, um wieder aktiv am Leben teilnehmen zu können.

Die Angst vor der Arbeit dominiert schließlich auch das Privatleben in erheblichem Maße. Alles, was diese Menschen am Arbeitsplatz belastet, wird mit nach Hause genommen. Das ständige Beschäftigt-Sein mit Problemen an der Arbeitsstelle kann Menschen tatsächlich so erschöpfen, dass ein Burn-out die Folge ist. Auch verschiedene Ausprägungen von Depressionen und Panikattacken können sich einstellen. Diese überlagern dann die eigentliche Problematik. Die Angst vor der Arbeitswelt ist plötzlich nicht mehr das dominierende Thema. Vielmehr stehen andere Dinge im Vordergrund. Das macht es schwer, den Betroffenen zu helfen.

Angst zur Arbeit zu gehen – Ursachen

Mit Angst vor der Arbeit ist nicht das sogenannte „lichtscheue Gesindel“ gemeint, dass scheinbar Angst vor dem Arbeiten hat. Es geht nicht um vermeintlich arbeitsfaule Menschen, die sich mit Hartz IV und Sozialhilfe wohler zu fühlen scheinen, als mit dem Arbeiten. Vielmehr geht es um Menschen, die eine gute Ausbildung genossen haben und an sich nicht wie Versager wirken.

Eine Arbeitsplatzphobie könnte zum Beispiel auf der Grundlage eines ängstlichen Wesens entstehen. Wenn jahrelang Gefühle der Überforderung oder der Minderwertigkeit gezüchtet werden, sind Ängste vor dem Versagen unvermeidbar. Durch die zunehmende Unfähigkeit, mit seinen Leistungen gegenüber den Kollegen zu bestehen, dominieren dysfunktionale Gedanken. Kurze Panikattacken unterbrechen immer häufiger den Alltag. Der Druck der Verantwortung lastet, statt zu motivieren. Panische Angst vorm Telefonieren und vor der Arbeitsstelle erschweren den Tag. Anfangs wäre es noch möglich gewesen, dagegen etwas zu unternehmen. Doch mit der Zeit macht sich die Angst selbstständig. Sie greift um sich und führt zum Gefühl der Machtlosigkeit.

Mobbing z.B. durch einen dominanten Chef kann sehr schnell dazu führen, dass jemand Angst zur Arbeit zu gehen entwickelt... (© GiZGRAPHICS / Fotolia)
Mobbing z.B. durch einen dominanten Chef kann sehr schnell dazu führen, dass jemand Angst zur Arbeit zu gehen entwickelt… (© GiZGRAPHICS / Fotolia)

Manchmal kann die Angst vor der Arbeit auch hochintelligente und ehrgeizige, aber sehr sensible Menschen betreffen. Diese Menschen fragen sich dank ihrer Wahrnehmungsfähigkeit oft eher: was tun? Manchmal betrifft die Angst vor Arbeit Blender. Diess geben sich nach außen hin als Tausendsassa. Sie leiden aber in Wahrheit an Minderwertigkeitsgefühlen und Komplexen. Manchmal werfen Trauerfälle, familiäre Trennungen oder unverarbeitete Traumata Menschen seelisch aus der Bahn (siehe Trauma behandeln). Selbst erfolgsverwöhnte Manager können gelegentlich durch den immensen Leistungsdruck eine Angsterkrankung entwickeln. Sie leiden an Erfolgsangst, Angst vor dem Versagen oder vor falschen Entscheidungen – in gesteigerter Form an einer Arbeitsplatzphobie.

Die Ursachen für diese Erkrankung sind oft – aber nicht immer – in der Persönlichkeit des Arbeitnehmers zu suchen. Manchmal sind auch die Arbeitsbedingungen, in denen diese Menschen stecken, krankheitswertig. Wenn die Angst vor der Arbeitswelt immer schwerer zu ertragen oder verbergen ist, fragt sich mancher Betroffene: was tun? Angsterkrankungen sind ein Tabu – vor allem in der Arbeitswelt, wo alleine Leistung und Funktionsfähigkeit zählen.

Angst vor der Arbeit mündet häufig früher oder später in eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung / Krankmeldung (© Stockfotos-MG / stock.adobe.com)
Angst vor der Arbeit mündet häufig früher oder später in eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung / Krankmeldung (© Stockfotos-MG / stock.adobe.com)

Angst im Job – Was können die Betroffenen unternehmen?

Wenn Zukunftsängste, rotierende Gedanken, Erfolgsangst und Angstträume überhandnehmen, handelt es sich möglicherweise um eine soziale Angststörung. Manchmal werden auch die Begriffe „soziale Phobie“ oder „Ergophobie“ benutzt. Es ist schwer, sich in einem leistungsbezogenen Umfeld, wo Funktionstüchtigkeit alles ist, eine Angsterkrankung einzugestehen. Genauso schwer ist es, die vorliegenden Symptome überhaupt als Angsterkrankung zu erkennen.

Zunächst suchen die meisten Betroffenen nach Tipps, wie sie ihre Ängste besser in den Griff bekommen können. Sie greifen möglicherweise zu Beruhigungstropfen und pflanzlichen Schlafmitteln. Manche versuchen es mit der MET Klopftechnik. Der Griff zu stärkeren Medikamenten mit Rezeptpflicht liegt nahe. Auch der Griff zur Flasche kann eine vermeintliche Lösung darstellen. Allerdings schafft Alkohol neue Probleme. Führt die Angst vor der Arbeit zur Depression, werden oft Antidepressiva verordnet oder eine dauerhafte Krankschreibung angestrebt. Mancher Arbeitnehmer möchte nach Krankschreibungen lieber kündigen als nochmals zur Arbeit zu gehen. Sinnvoller wären eine Psychotherapie z.B. in Form einer Verhaltenstherapie (siehe: Was ist ein Verhaltenstherapeut). Auch Hypnose könnte manchem helfen, die Ängste vor der Arbeit zu überwinden.

Die Angst vorm Zittern, vor Entdeckung und vor dem endgültigen Zusammenbruch erfordert eine möglichst zeitnahe Behandlung. Je eher eine Psychotherapie angefangen wird, desto weniger leiden die Betroffenen an Zukunftsängsten, Panikattacken und Versagensgefühlen. Sie werden durch eine frühzeitige Behandlung ihrer Störung gar nicht erst depressiv oder suizidal. Stattdessen erfahren sie von ihrem Therapeuten Verständnis und Hilfe. Die Betroffenen erhalten von ihrem Verhaltenstherapeuten hilfreiche Tipps. Er stellt ihnen Aufgaben, die es bis zur nächsten Sitzung zu bewältigen gilt.

Nach und nach können die Betroffenen ihre Ängste überwinden und deren Ursachen abstellen. Manchmal resultiert am Ende einer langen Strecke aus den in der Therapie gewonnenen Erkenntnissen ein Arbeitsplatzwechsel. Nicht immer ist die eigene Psyche schuld an solchen Problemen. Auch die Atmosphäre am Arbeitsort kann zuweilen krankheitswertig sein. In diesem Fall kann die Kündigung aus ungesunden Bedingungen und Strukturen ein Befreiungsschlag werden. Statt die Schuld an der Krise nur bei sich selbst zu suchen, kann mancher durch die Hilfe Dritter deren eigentliche Ursachen erkennen und abstellen.

Zusätzlich zu einer psychotherapeutischen Behandlung kann jeder heute Tipps aus dem Internet herunterladen. Alle Betroffenen können heute hilfreiche Videos auf YouTube anschauen. Dadurch können solche Arbeitnehmer erkennen, dass sie sich in bester Gesellschaft befinden und keineswegs Versager sind. Eine eigenständige Auseinandersetzung mit dem, was einen am Arbeitsort belastet hat, ist positiv. Sie stärkt das Selbstwertgefühl und die emotionelle Kompetenz. Die Angst vor Fehlern wird kleiner. Fehler sind menschlich – aber im Arbeitsalltag können zu viele Fehler sehr kostenintensiv werden oder gute Kunden vertreiben.

Daher ist es notwendig, die eigene Kompetenz zu stärken (siehe Training sozialer Kompetenzen). Die Betroffenen können durch Fortbildungen oder Kurse über Resilienz mehr Selbstsicherheit gewinnen. Irgendwann werden sie nicht mehr ohne Grund panisch. Menschen, die eine Therapie durchlaufen haben, erleben nicht mehr bei den kleinsten Anforderungen einen Schweißausbruch. Sie können nach und nach wieder ohne Ängste zur Arbeit gehen. Kleine Erfolgserlebnisse am Arbeitsplatz sind wichtig für die Genesung. Es kommt immer seltener dazu, unangenehme Aufgaben zu verschieben (siehe Aufschieben / Prokrastination)

Quellen:

Dr. Jan Martin - Virtueller Chefredakteur - Digitale Redaktionsleitung Dr. Jan Martin ist virtueller Chefredakteuer von www.angst-verstehen.de. Er ist das Außengesicht der digitalen Redaktionsleitung, verantwortlich für Qualitätssicherung und Publikation der Texte der Redaktion.

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