Phobien / Phobie / Phobia (© Feng Yu / Fotolia)

Phobien verstehen | Die Phobie als Spezialfall der Angst

Das Wort „Phobie“ entstammt dem altgriechischen Ausdruck „phobos“, der Furcht bedeutet. Phobien, deren Definition 1870 erstmals unter diesem Begriff geprägt wurde, existierten parallel unter anderen Bezeichnungen, wie der sogenannten Kriegsneurose, bereits in unterschiedlichen historischen Aufzeichnungen.

Der Ausdruck „Phobie“ wird in der Medizin für eine psychische Störung im Bereich der Angststörungen verwendet. Unter diesen Störungen, die in der ICD 10 unter den Ziffern F40.0, F40.1, F40.2, F40.8, F40.9, F41.0, F41.1 und F41.2 zu finden sind, werden alle Erkrankungen zusammengefasst, die primär mit Angst einhergehen.

Angststörungen gelten je nach Studie als die häufigste bis zweithäufigste psychische Erkrankung überhaupt.

  • Bei einer 2013 durchgeführten, groß angelegten Studie fanden sich mit einer Häufigkeit von 15,3% aller befragen 18-79-Jährigen Angststörungen im Leben. Dabei entfielen 2,7% auf soziale Phobien, 4,0% auf Agoraphobien und 10,3% auf die sogenannten spezifischen Phobien.
  • Eine andere Befragung ergab, dass aktuell etwa 9% der Teilnehmer an einer Angststörung litten. Phobien können bei Menschen jeder sozialen Schicht, jeden Geschlechts und in jedem Lebensabschnitt auftreten – im Kindesalter, in der Pubertät, aber auch im Alter.

Die folgende Zusammens tellung soll einen Überblick über Phobien als Erkrankung geben.

Phobien Definition und Abgrenzung

Während unter den Angststörungen zunächst alle Störungen beschrieben sind, deren Leitsymptom Angst ist, beziehen sich Phobien nach ihrer Definition auf konkrete Objekte oder Situationen. Während das Gefühl der Angst an sich ein natürlicher und – evolutionär betrachtet – lebensrettender Vorgang ist, nimmt sie im Falle der Angststörungen übersteigerte Ausmaße an. Bei Phobien sind die Faktoren, die zur Angst führen, bekannt, denn bei Phobien sind sie der Definition nach – im Gegensatz zu anderen Angsterkrankungen – gerichtet und nicht diffus. Dabei kann es sich um real gefährliche Faktoren wie beispielsweise Schlangenbisse oder Flugzeugabstürze handeln. Diese werden jedoch stark übersteigert wahrgenommen oder aber die Wahrscheinlichkeit des Eintretens der Situation als erheblich höher als tatsächlich angenommen.

Es kann sich jedoch auch um Dinge handeln, denen objektiv betrachtet kein Gefahrenpotential anhaftet, beispielsweise die Angst, von Enten beobachtet zu werden (Anatidaephobie). In beiden Fällen wissen die Betroffenen jedoch gewöhnlich, dass ihrem Empfinden keine echte Gefahr zugrunde liegt. Dieses Wissen hilft ihnen jedoch nicht im Umgang mit der Phobie, da diese als unkontrollierbar wahrgenommen wird. Der Phobiker versucht daher zunehmend die auslösende Situation aufzuschieben (vgl. Aufschieberitis) oder gänzlich zu vermeiden, wobei dieses Verhalten zu keiner Besserung der Phobie selbst führt.

Phobien Entstehung und Ursachen

Zu den Ursachen von Phobien existieren unterschiedliche Theorien. Einige beziehen sich auf eine grundsätzliche Ängstlichkeit des Charakters der Betroffenen. Andere Studien legen jedoch nahe, dass äußere Bedingungen oder Charaktereigenschaften kaum eine Rolle bei der Ausprägung der Erkrankungen spielen. Allerdings entsteht insbesondere bei der Entwicklung von Ängsten (weniger Phobien) eine verzerrte Wahrnehmung der Umgebung.

Es gibt Hinweise darauf, dass Personen, die bereits in der Kindheit unter Ängsten litten, auch im späteren Leben anfälliger sind und kindliche Phobien damit als Risikofaktoren für spätere Erkrankungen gelten können. Auch werden Zusammenhänge zwischen Phobien und ebenfalls phobischem Verhalten erziehender Vorbilder sowie hohen elterlichen Ansprüchen und übersteigerter Sorge vor gesellschaftlicher Beschämung gesehen.

Ein kognitiver Effekt kann durch Vermeidungsverhalten entstehen, da in diesem Fall scheinbar erfolgreich gegen eine Angst oder Phobie angegangen wird. Dies führt zu einer wahrgenommenen Verbesserung, gleichzeitig aber auch zu der fälschlichen Bewertung, das Objekt der Phobie stelle tatsächlich eine Gefahr dar, was wiederum die Phobie verstärkt. Diese Ansätze sehen bei den speziellen Phobien also die klassische Konditionierung sowie das Modell-Lernen im Vordergrund.

Hingegen wird bei der Agoraphobie ein Zusammenhang mit der Panikstörung in Betracht gezogen (siehe Panik), da sie überdurchschnittlich häufig gemeinsam auftreten. Auch neurologische, gehirnchemische Faktoren werden untersucht, ebenso wie eine mögliche genetische Disposition, deren Existenz durch die Ergebnisse von Zwillingsstudien gestützt wird. Nicht zuletzt gibt es Erkrankungen, die einzelne Symptome einer Phobie hervorrufen können, beispielsweise bestimmte Hirntumore, Schilddrüsenfehlfunktionen oder Psychosen (vgl. psychotische Störung).

Generell können bei vielen Betroffenen keine konkreten Gründe für die Entwicklung der Erkrankung gefunden werden, sodass sich eine Behandlung eher auf kognitiver Ebene oder im Rahmen der Verhaltensmodifikation bewegt. Ob bei der Behandlung von Phobien die Entstehung eine Rolle spielt, ist bislang unzureichend geklärt.

Symptome und Auswirkungen

Phobien rufen einige klassische Symptome hervor, von denen das deutlichste intensives Angstempfinden ist. Des Weiteren kommen hinzu:

  • Schweißausbrüche
  • Zittern
  • Erröten
  • Übelkeit, teilweise sogar mit Erbrechen
  • Schwindel, Gefühl ohnmächtig zu werden
  • Harndrang, Stuhldrang, teilweise mit Durchfall
  • Gefühl der Dissoziation und Depersonalisation sowie Derealisation, verändertes Zeitempfinden
  • Angst vor Kontrollverlust und Wahnsinn
  • Herzsymptomatik

Letztere wird vor allem zu Beginn der Erkrankung an einer Phobie von Betroffenen häufig als extrem bedrohlich wahrgenommen und nicht selten mit einer Herzattacke verwechselt. Hinzukommen können außerdem:

  • Scham über die als Peinlichkeit oder Schwäche wahrgenommene Erkrankung
  • Verhalten, das mit der Vermeidung bei spezifischen Phobien einhergehen kann (z.B. Hautprobleme durch stetiges Waschen und Desinfektionsmittel)
  • Selbstbewusstseinsprobleme, Versagensängste, Angst vor Kritik

Bei sozialen Phobien kann der Rückzug der Betroffenen auch zur Unfähigkeit zu oder Ablehnung von sozialer Verantwortung führen.

Die Folgen, die Phobien im Leben der Betroffenen haben, können sehr unterschiedliche Ausmaße annehmen. Während einige Phobiker nur selten unter ihren Symptomen leiden, werden andere in ihrer gesamten Lebensführung beeinträchtigt. Das gilt speziell für soziale Phobien, die zwischenmenschliche Kontakte derart erschweren können, dass ein normales Arbeits- und Sozialleben nicht mehr möglich ist. Betroffene verwenden oft viel Zeit auf Strategien zur Vermeidung ihrer Auslöser und bewegen sich deshalb beruflich und privat unterhalb ihrer eigentlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten, was ebenfalls karriereschädigende Folgen nach sich ziehen kann. Die Einschränkungen können zudem das Zusammenleben mit einem Partner oder die Pflege familiärer und freundschaftlicher Beziehungen erheblich erschweren und die Betroffenen aufgrund dessen sozial isolieren.

Erschwerend kommt das gesellschaftliche Stigma hinzu, das vielen Phobikern anhaftet und sowohl den Umgang mit als auch die Behandlung der Phobie erschwert. Selbiges ist häufig umso größer, je absurder oder geschlechtsuntypischer Außenstehenden das Objekt oder die Situation erscheint, die der Phobiker fürchtet.

Erscheinungsformen phobischer Ängste

Phobien können im Grunde jedes vorstellbare Objekt und jede vorstellbare Situation betreffen und dabei sowohl sehr speziell als auch sehr allgemein sein – daher wäre es unmöglich, alle Phobien auf eine Liste zu schreiben. Teilweise werden Phobien nach Arten unterschieden.

Phobien Liste (beispielhaft):

Angst vor…

  • Nadeln (Trypanophobie)
  • Zahnarztbesuch (Dentalphobie)
  • Toiletten
  • Essgeräuschen
  • Blut (Hämatophobie)
  • Spinnen (Arachnophobie)
  • […]

In diesen Fällen ist die Phobie relativ eng begrenzt. Unter Umständen sind die Übergänge von normaler Ängstlichkeit hin zur Phobie fließend – ein Termin beim Zahnarzt beispielsweise ist häufig mit Angst belegt, ohne dass es sich um eine Phobie handelt.

Deutlich schwieriger sind die (häufiger auftretenden) sozialen Phobien einzugrenzen. Diese können zum Beispiel mit Problemen, jemanden anzurufen, einhergehen, aber auch gegen Menschen im Allgemeinen oder bestimmte andere soziale Situationen auftreten. Gelegentlich werden erstmalig auftretende Phobien, insbesondere, wenn sie zu Panikattacken führen, aufgrund ihrer Symptome mit Herzinfarkten verwechselt – einige Betroffene empfinden sie als so intensiv, dass sie den Eindruck haben, sterben zu müssen.

Generell werden Phobien nach Arten in die „Sozialen Phobie“ und die „Spezifischen Phobien“ unterschieden. Unter letztere werden Einzelphobien wie die oben gelisteten und viele weitere sowie die – weit verbreitete – Agoraphobie gefasst, wobei letztgenannte unterschiedliche Ausprägungen zeigen kann. Die Betroffenen fürchten sich vor bestimmten oder auch allen Situationen außerhalb ihres Wohnraums, zum Beispiel der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, Menschenmassen auf Plätzen oder davor, Geschäfte zu besuchen. Im schlimmsten Fall reicht diese Furcht so weit, dass Betroffene sich nicht mehr imstande sehen, ihr Zuhause zu verlassen.

Soziale Phobien treten mit großer Häufigkeit auf und belegen soziale Interaktionen mit Ängsten, die von starkem Unwohlsein bis hin zu ihrer völligen Vermeidung führen können.

Komorbidität – eine Phobie kommt selten allein…

Wie viele andere Erkrankungen treten Phobien nicht immer einzeln auf. Stattdessen sind sie nicht selten mit anderen Erkrankungen vergemeinschaftet. Dies kann verschiedene Ursachen haben. Zum einen kann es sein, dass sowohl die Phobie als auch weitere Erkrankungen von einer dritten Problematik verursacht werden – beispielsweise Substanzmissbrauch. Es ist auch möglich, dass die Phobie eine weitere Erkrankung zur Folge hat – so wie Phobien und Zwangsstörungen, die bei dem Versuch, die auslösenden Faktoren zu meiden, erworben werden. Eine Phobie kann ebenfalls Auswirkung einer anderen Störung, wie einer posttraumatischen Belastungsstörung, sein.

Insgesamt sprechen Statistiken von bis zu 70% der Betroffenen, die zusätzlich zur Angsterkrankung auch an mindestens einer weiteren Störung leiden – inwieweit dies speziell Phobien betrifft, wurde nicht weiter aufgeschlüsselt. Besonders verbreitet zeigen sich Substanzabhängigkeit sowie depressive Störungen. Auch Phobien und Zwänge kommen nicht selten gleichzeitig vor. Dies kann unter anderem dadurch bedingt sein, dass von den Symptomen der Phobie ein derartiger Leidensdruck ausgeht, dass die Betroffenen eine Depression entwickeln. Unter anderem deshalb ist es umso wichtiger, Phobien zu behandeln. Komorbidität spielt bei den Heilungsaussichten eine große Rolle, da weitere Störungen die Effektivität bei der monokausalen Behandlung einer Angsterkrankung erheblich vermindern. Zudem verschlechtert sich die Lebensqualität unter Umständen deutlich. Letztlich können Phobien auch mit weiteren Angsterkrankungen gemeinsam auftreten, auch dies verkompliziert bei Phobien die Behandlung.

Behandlungsansätze bei Phobien

Ob eine Phobie behandlungsbedürftig ist, entscheidet sich letztendlich am Leidensdruck der oder des Betroffenen. Nicht jede Phobie schränkt den Alltag ein, insbesondere wenn sie sich auf seltene oder leicht zu vermeidende Ereignisse bezieht (beispielsweise Coulrophobie – Phobie vor Clowns). Viele Phobiker leiden jedoch erheblich unter ihrer Erkrankung und den damit verbundenen Alltagsbeschränkungen verschiedener Formen, die das gesamte Leben bestimmen können.

Für die Behandlung von Phobien existieren sehr viele verschiedene Ansätze. Das liegt unter anderem an der unterschiedlichen Einordnung der Phobien an sich, je nach therapeutischer Ausrichtung (analytischer Ansatz, Verhaltenstherapie, kognitiver Ansatz etc.). Dazu sind sowohl die Patienten Individuen als auch ist jede Phobie individuell ausgeprägt. Das führt dazu, dass nicht jeder Patient gleichermaßen gut oder schlecht auf eine Behandlung anspricht. Betroffene, die aufgrund ihrer Phobien nach einer Behandlung suchen, müssen daher manchmal mehrere Ansätze ausprobieren, um herauszufinden, welche die für sie richtige Methode ist. Zu den Aussichten auf dauerhafte Heilung sind relativ wenige belastbare Zahlen verfügbar. Für einzelne Phobien, beispielsweise den sozialen Phobien, werden Heilungschancen von bis zu 80% angegeben. Grundsätzlich sind nicht alle Erkrankungen heilbar. In vielen Fällen ist jedoch wenigstens eine Verbesserung im Umgang mit der Angst und damit eine Erleichterung im Alltagsleben erreichbar.

Anwendbar sind sowohl medikamentöse als auch therapeutische Methoden, wobei einer eventuellen Komorbidität Rechnung getragen werden muss. Unabhängig von der Methode sind Kontrolle und Regulation der empfundenen Angst bis auf ein normales Niveau Ziele einer Therapie. Wie sich Phobien behandeln lassen, zeigt dieser Überblick:

– Verhaltenstherapie

Gute Ergebnisse in der Behandlung von Phobien kann eine Therapie, die auf Verhaltensmodifikation beruht, erzielen, auch Konfrontationstherapie genannt. Diese Konfrontationstherapie soll den Patienten langsam und unter therapeutischer Begleitung mit stärker werdenden Reizen seiner Phobie konfrontieren. Hieraus sollen eine Gewöhnung und damit eine Annäherung an eine normale Reaktion auf den Auslöser der Phobie resultieren. Die Technik wird als abgestufte Reizexposition bezeichnet. Kombiniert werden kann diese mit einer kognitiven Therapie, die an den zugrunde liegenden Bewertungsschemata angreift und die resultierende Fehlbewertung korrigiert.

– Analytische Ansätze

Psychoanalytische und tiefenpsychologische Therapien sehen in der Angst einen verdrängten Konflikt, der bearbeitet werden muss. Wird dieser Konflikt erkannt und aufgearbeitet, sollen die tatsächlichen Ursachen zurückgeholt und die Angst auf diese Weise bekämpft werden. Es ist jedoch umstritten, inwieweit Phobien derartig verdrängte Probleme zum Auslöser haben.

– Pharmakologische Behandlung

Zu Beginn einer Behandlung, aber auch längerfristig, können parallel angstlösende Medikamente eingesetzt werden, die die Lebensqualität verbessern und andere Therapieformen unterstützen sollen. Hier kommen verschiedene Wirkstoffe und Wirkstoffgruppen infrage, die auf die individuelle Situation des Patienten abgestimmt sein können. Beliebt sind dabei insbesondere Antidepressiva, unter anderem aufgrund der hohen Komorbidität mit depressiven Erkrankungen (vgl. Depression Symptome).

Weitere Möglichkeiten in der Behandlung einer Phobie

Neben den genannten gibt es eine Reihe weiterer Formen, Phobien und ihre Symptome zu verringern. Viele von ihnen bieten Betroffenen eine gute Ergänzung zur ärztlichen Behandlung. In Selbsthilfegruppen und Foren kann sich ohne Angst vor Unverständnis ausgetauscht werden. Zudem kann es Phobikern das oft quälende Gefühl nehmen, die einzigen Erkrankten zu sein, und auf diese Art Schamgefühle und Selbstzweifel lindern. Gründe, mit anderen Betroffenen Kontakt aufzunehmen, sind jedoch auch der Austausch von Erfahrungen im Alltag und gegenseitiges Informieren über Therapiemethoden.

Einige Phobiker berichten auch über positive Wirkungen von Behandlungen unter Hypnose. Dabei soll in der Hypnose vor allem an möglichen Ursachen sowie dem Umgang mit der Angst gearbeitet werden (siehe Hypnose gegen Angst und Panik). Gute Ergebnisse erzielen zudem Entspannungstechniken wie autogenes Training, die eine erhöhte Achtsamkeit für die eigenen körperlichen Reaktionen sowie eine bessere Kontrolle darüber ermöglichen. Weitere Informationen lassen sich in entsprechenden Selbsthilfeforen finden oder den ärztlichen Leitlinien entnehmen. Auch eine Beratung oder Sachtexte und –videos können genutzt werden, beispielsweise: