Reboxetin / Edronax - Mehr Fluch als Segen? (© nenetus / stock.adobe.com)

Reboxetin / Edronax: Mehr Fluch als Segen?

Kritische Erfahrungen zu Wirkung und Nebenwirkungen

Bei Edronax handelt es sich um ein Antidepressivum mit dem Wirkstoff Reboxetin. Es wird hauptsächlich zur Behandlung schwerer Depressionen, Panikstörungen und ADHS eingesetzt. Mit ihm soll ein Mangel des Botenstoffs Noradrenalin im Gehirn ausgeglichen werden, der unter anderem für die Depression verantwortlich gemacht wird.

Aufgrund vieler negativer Erfahrungen der behandelten Patienten wurden diverse Studien angelegt und analysiert, um die Erfahrungsberichte zu bestätigen. Wie sich durch die Ergebnisse der Analysen gezeigt hat, sind die negativen Erfahrungen durch Nebenwirkungen ohne große positive Effekte eher die Regel als die Ausnahme. Seither ist Edronax ein sehr kontrovers diskutiertes Arzneimittel.


Antidepressiva – Einführung, Überblick, Liste der Mittel


Funktionsweise der Synapse

Die Synapse ist einer der wichtigsten Ansatzpunkte für verschiedene Arzneimittelklassen. Sie ist die Verbindung zwischen zwei Nervenzellen, wo die Signalübertragung stattfindet. An einer Seite kommt ein elektrisches Signal an, das sogenannte Aktionspotential. Dadurch werden Kanäle geöffnet, wodurch positiv geladene Ionen, meist Calcium-Ionen, in das Zellinnere gelangen. Daraufhin werden die gespeicherten Botenstoffe in den Spalt zwischen den beiden Anteilen ausgeschüttet. Diese Botenstoffe werden als Neurotransmitter bezeichnet, Beispiele dafür sind Adrenalin, Noradrenalin, Acetylcholin oder Serotonin.

Diese Botenstoffe schließen im Prinzip Kanäle auf der anderen Seite des Spalts auf, also an der zweiten Nervenzelle. Dadurch können positiv geladene Ionen in die zweite Nervenzelle einströmen. Ab einer gewissen Menge entsteht dann wieder ein elektrisches Signal, welches dann bis zur nächsten Nervenzelle oder auch zur Muskulatur weiterläuft und dort auf die gleiche Weise wieder erschalten wird.

Solange die Transmitter sich im Spalt befinden, können sie an die Kanäle der zweiten Nervenzelle binden und so lange wird auch das elektrische Signal gesendet. Der Botenstoff muss also nach der erwünschten Wirkungsdauer wieder abgebaut werden, damit kein Dauersignal entsteht. Dafür sind häufig Enzyme zuständig, wie zum Beispiel die Monoaminooxidase (MAO).

Wer diesen Vorgang noch einmal genauer anschauen möchte, findet hier aufschlussreiches Video zum Thema Synapse:



Neurotransmitter – und ihre Rolle im Kontext psychischer Erkrankungen


Depression

Im menschlichen Gehirn befindet sich eine sehr große Anzahl solcher Synapsen mit vielen verschiedenen Botenstoffen. Auf dieser Basis funktioniert das gesamte zentrale Nervensystem. Dabei ist es wichtig, dass deren Aktivitäten immer im Gleichgewicht sind. Bei einer Depression kommt das Gehirn gewissermaßen aus dem Gleichgewicht, genauer gesagt kommt es zu einem Mangel der Transmitter Serotonin und Noradrenalin. Dem zugrunde liegen sehr viele sehr verschiedene Ursachen wie genetische Veranlagung, der Lebensstil oder hormonelle Umstellungen. Meist kommen mehrere Faktoren zusammen. Die Ursachen sollen hier aber nicht weiter diskutiert werden. Eine Depression äußert sich vor allem durch Interessenverlust, Antriebslosigkeit und eine schlechte Stimmung. Außerdem können Symptome wie Schlafstörungen, Appetitlosigkeit und Schuldgefühle hinzukommen. Auch die Suizidalität steigt. Eine Diagnose wird in der Regel gestellt, wenn diese Symptome über einen Zeitraum von zwei Wochen auftreten, ohne dass es einen erkennbaren Auslöser wie die Einnahme von Medikamenten bzw. Drogen gibt (vgl. amboss.com/de/wissen/Depression).

Nebenwirkungen von Reboxetin und Edronax Erfahrungen

Laut Erfahrungsberichten von Patienten, die mit Reboxetin behandelt wurden, ist das Spektrum der Wirkung sehr groß. Einige Patienten empfehlen das Medikament, da die Depressionen damit erfolgreich bekämpft werden konnten. Wieder andere haben so schlechte Erfahrungen mit den Nebenwirkungen gemacht, dass die Therapie abgebrochen werden musste. Häufig überwogen jedoch die Nebenwirkungen (vgl. sanego.de/Medikamente/Edronax/ und psylex.de/psychopharmaka/psychopharmakon/edronax.html).

Dazu kommt noch, dass viele Antidepressiva ihre vollständige Wirkung erst nach ein bis zwei Wochen voll entfalten können, da das Gehirn etwas Zeit braucht, sich an den neuen Transmitterspiegel zu gewöhnen. Die Nebenwirkungen dagegen treten dagegen meist schon innerhalb weniger Stunden auf. Im Fall von Reboxetin handelt es sich laut Beipackzettel vor allem um Schlafstörungen, Verstopfung, Schwitzen, einen trockenen Mund und Übelkeit (pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=Reboxetin).

Diese Probleme treten bei mehr als einer aus zehn Personen auf, was schon eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit für ein Medikament ist. Bei weniger als einer aus zehn Personen können unter anderem Nebenwirkungen wie Herzrasen, Hautausschläge, Erektionsstörungen und Probleme beim Entleeren der Blase dazu kommen.

Aus einigen Erfahrungsberichten geht allerdings auch hervor, dass Reboxetin durchaus einen positiven Effekt haben kann, wenn es mit anderen Arzneimitteln kombiniert verabreicht wird. Wie stark die Wirkungen und Nebenwirkungen ausgeprägt sind, lässt sich wie bei vielen Antidepressiva nicht pauschal sagen. Jeder Mensch ist anders und muss ein Mittel finden, welches für ihn individuell passend ist. Das kann einiges an Zeit in Anspruch nehmen, lässt sich aber leider nicht vermeiden.

Die kontroverse Diskussion über Reboxetin

Reboxetin kam 1997 unter dem Handelsnamen Edronax in den meisten europäischen Ländern auf den Markt. Um eine Zulassung dafür zu erhalten, musste, wie bei allen Medikamenten, eine sogenannte Doppelblindstudie angelegt werden. Dabei werden die Testpersonen in zwei Gruppen eingeteilt. Die eine Gruppe erhält das eigentliche Medikament, die andere ein Placebo-Medikament. Keine der Personen darf wissen, in welcher Gruppe sie ist. Um eine Zulassung zu erhalten, muss das Medikament natürlich eine bessere Wirkung aufweisen, als der Placebo-Effekt. Dies schien lauf der veröffentlichten Studie auch der Fall zu sein.

2009 wurde allerdings im British Medical Journal eine ebenfalls britische Studie veröffentlicht, in der Reboxetin mit einem Placebo-Medikament und Medikamenten aus der Gruppe der Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) verglichen wurde. In der Studie wurden die Daten von 4098 Patienten analysiert, wobei fast dreiviertel der Daten zu diesem Zeitpunkt noch unveröffentlicht waren.

Dem Ergebnis der Analyse kann man entnehmen, dass Edronax in Bezug auf die Wirkung gegen Depression keinen signifikanten Unterschied zum Placebo-Medikament aufwies  – von Wirk-Segen keine Spur. Die SSRIs dagegen zeigten einen deutlich positiveren Effekt. Was die Nebenwirkungen angeht, so waren diese am stärksten bei Edronax zu beobachten (Eyding D., Lelgemann M., Grouven U., Härter M., Kromp M., Kaiser T., Kerekes M.F., Gerken M., Wieseler B. „Reboxetine for acute treatment of major depression: systematic review and meta-analysis of published and unpublished placebo and selective serotonin reuptake inhibitor controlled trials“ ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20940209). Laut der Studie richtet das Medikament also mehr Schaden durch seine Nebenwirkungen an, als es die Beschwerden lindert. Das scheint auch zu den meisten Erfahrungsberichten aus dem Internet zu passen.

Ähnliche Informationen gehen aus dem Abschlussbericht des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen in Köln hervor. Der Bericht wurde ebenfalls 2009 veröffentlicht und vergleicht Reboxetin mit einem Placebo-Medikament und diversen Antidepressiva. Aus der umfassenden Analyse geht hervor, dass Edronax keine belegbare Wirkung bei ambulant behandelten und nur eine sehr geringe Wirkung bei stationär behandelten Patienten aufweist. Auch hier werden die Erfahrungen der Betroffenen bestätigt, denn Edronax zeigt ein hohes Maß an Nebenwirkungen, weshalb auch einige Teilnehmer der Studien diese frühzeitig beenden mussten.

Dazu kommt noch, dass der Hersteller für das Medikament mit Handelsnamen Edronax offenbar nicht bereit war, alle veröffentlichten und unveröffentlichten Daten für den Bericht zur Verfügung zu stellen (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), 2009 iqwig.de/download/A05-20C_Abschlussbericht_Bupropion_Mirtazapin_und_Reboxetin_bei_Depressionen.pdf S. iv-xiii, S.37-38, S. 206-225).

Wichtig zu erwähnen ist, dass sich beide Analysen mit der Behandlung von Depressionen beschäftigen. Sie enthalten keine Belege zur Wirkung von Edronax bei ADHS oder bei Panikstörungen (nach F 41.0).

Fazit: Einsatz von Edronax scheinbar nur in wenigen Fällen die besten Wahl

Edronax ist trotz der negativen Erfahrungsberichte und der kontroversen Diskussion in Deutschland noch erhältlich. Dennoch setzen die meisten Antidepressiva auf die Erhöhung des Serotoninspiegels anstatt auf die des Noradrenalinspiegels. Daher gilt Reboxetin als Wirkstoff eher als etwas veraltet und wird nicht mehr so oft als einzelnes Medikament bei Depressionen eingesetzt. Wer eine Einnahme in Betracht zieht, der sollte sich auf jenen Fall umfangreich informieren und sich der Risiken bewusst sein, die damit verbunden sein können. Außerdem sollte natürlich eine intensive Absprache mit dem behandelnden Arzt vorab erfolgen. Antidepressiva sind eben eine sehr schwer zu pauschalisierende Arzneimittelklasse mit einem oftmals individuellen Wirkungsspektrum. Es ist einiges an Kondition nötig, um die Depression erfolgreich bekämpfen zu können.

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