Imipramin (Screenshot Google Bildersuche am 16.09.2019)

Imipramin – Erfahrungen zu Wirkung, Nebenwirkungen

Trizyklisches Antidepressivum der ersten Stunde

Die antidepressive Wirkung des Arzneistoffs Imipramin wurde eher zufällig 1957 entdeckt. Der Schweizer Psychotherapeut Roland Kuhn verabreichte das Mittel als Neuroleptikum seinen an Schizophrenie erkrankten Patienten. Dabei stellte sich heraus, dass der Wirkstoff als Neuroleptikum ungeeignet war, dass er aber offensichtlich aufhellend und antriebssteigernd bei Depressionen wirkte. Der Pharmahersteller Geigy – heute Novartis – machte sich die Entdeckung zu Nutze und brachte bereits 1958 das erste moderne Antidepressivum auf Basis des Wirkstoffs Imipramin. Unter dem Handelsnamen Tofranil begründete der Wirkstoff den Beginn einer umfangreichen Entwicklungsreihe weiterer trizyklischer und später auch tetrazyklischer Antidepressiva.

Welche physiologischen Merkmale sind für eine Depression typisch?

Unser Wohlbefinden hängt von einer Reihe von äußeren und inneren Faktoren ab, die in einem sehr komplexen Zusammenspiel Einfluss auf unsere Psyche nehmen. Unsere Grundstimmungen werden unter anderem von sympathischen und von parasympathischen Nerven (Sympathikus und Parasympathikus) gesteuert. Der Sympathikus sorgt im positiven Fall den Antrieb über die Ausschüttung von Stresshormonen. Bei stärkerer Ausschüttung werden Körper und Geist physiologisch auf Flucht oder Angriff programmiert. Der Parasympathikus meldet sich zu Wort, sobald die akute Situation vorüber ist. Er sorgt für Einkassierung und Inaktivierung der Stresshormone und ermöglicht damit Erholung- und Wachstumsphasen.

Die notwendigen Signalübertragungen zwischen den Nerven im Gehirn (ZNS) untereinander und zwischen den Nerven und anderen Zellen erfolgen an den Synapsen. Die zwei Zellenden (Axon und Dendrit) stehen sich sozusagen gegenüber, ohne sich zu berühren und bilden so den synaptischen Spalt. Die Signalübertragung erfolgt durch Ausschüttung bestimmter Botenstoffe (Neurotransmitter) in den synaptischen Spalt und die gegenüberliegende Nervenendigung nimmt die Neurotransmitter über spezifische Rezeptoren auf und kann den empfangenen Reiz an die nächste Zelle weiterleiten.

Eine besondere Rolle bei der Signalübertragung im ZNS kommt den Monoaminen Noradrenalin und Serotonin zu, die beide als Neurotransmitter wie auch als Gewebshormone fungieren. Serotonin und Dopamin werden wegen ihrer Stimmung aufhellenden Wirkung häufig auch als Glückshormone bezeichnet. Es hat sich herausgestellt, dass depressive Episoden (vgl. auch rezidivierende depressive Episode) und manifeste Depressionen immer mit einem Mangel an Noradrenalin und meist auch an Serotonin im synaptischen Spalt begleitet werden. Es ist dabei noch nicht hinreichend geklärt, ob der Mangel Folge oder Auslöser der Erkrankung ist. Ziel jeder medikamentösen Therapie besteht darin, den Level an Noradrenalin und Serotonin im synaptischen Spalt wieder zu erhöhen.

Was ist Imipramin?

Der Wirkstoff Imipramin gehört chemisch zu den Dibenzazepinen mit zwei 6-Kohlenstoffringen und einem siebengliedrigen Ring, der sich zwischen den beiden Benzolringen befindet. Die drei Ringe und die dreidimensionale Struktur ist sehr gut auf der Youtube-Adresse (youtube.com/watch?v=y16cN8g4tow) zu erkennen.

Arzneitechnisch gehört das Mittel zu den trizyklischen Antidepressiva (Trizyklika). Die chemische Summenformel lautet C19H24N2 und zeigt, dass Imipramin nur aus den drei Elementen Kohlenstoff, Wasserstoff und Stickstoff besteht, aus Elementen, die auf unserem Planeten praktisch in unbegrenzter Menge zur Verfügung stehen. In Arzneimitteln liegt der Wirkstoff meist in Form von Imipraminhydrochlorid vor, das im Darm gut resorbiert und vom Stoffwechsel in die bioaktive Form umgewandelt wird. Originalpräparate werden in Form von Filmtabletten oder als Dragees unter dem Namen Tofranil angeboten. Auch als Generikum der neurax Arzneimittel GmbH ist das Medikament in verschiedenen Dosierungen zu haben.

Welche biochemischen Wirkungen entfaltet Imipramin?

Die pharmakologisch wichtigsten Wirkungen des Arzneimittels betreffen die physiologischen Vorgänge an den Synapsen des ZNS. Der Wirkstoff hemmt in erster Linie die Wiederaufnahme der Monoamine Serotonin und Noradrenalin nachdem die Botenstoffe zwecks Signalübertragung in den synaptischen Spalt ausgeschüttet wurden.

Normalerweise werden die Signalstoffe wieder von der ausschüttenden Nervenzelle durch entsprechende Enzyme wieder aufgenommen und recycelt oder verstoffwechselt. Imipramin hemmt diesen Prozess, was zu der erwünschten Erhöhung des Levels an Noradrenalin und mit leicht abgeschwächter Wirkung auch des Levels an Serotonin führt. Die gleiche Wirkung als Wiederaufnahmehemmer wurde auch für den Botenstoff Dopamin nachgewiesen. Serotonin und Dopamin werden häufig als Glückshormone bezeichnet. Die Erhöhung der Konzentration der oben genannten Monoamine führt zu einer Abschwächung der depressiven Symptome und bestenfalls sogar zu einer vollständigen Heilung.

Die Wirkungen von Imipramin als Mittel der ersten Stunde sind allerdings nicht so spezifisch und selektiv wie die der später entwickelten tetrazyklischen Antidepressiva (Tetrazyklika). Beispielsweise entfaltet das Arzneimittel auch antagonistische Wirkungen zu Acetylcholin. Acetylcholin ist einer der wichtigsten Botenstoffe zur Übertragung von Erregungspotenzialen auf die motorische Endplatte von Muskeln und in der Übertragung von Reizen innerhalb des sympathischen und parasympathischen Nervensystems. Außerdem interagiert der Wirkstoff mit Histamin-Rezeptoren sowie mit weiteren spezifischen Rezeptoren. Es können sich dadurch die für Trizyklika typischen unerwünschten Nebenwirkungen einstellen. Insgesamt wirkt das Antidepressivum stimmungsaufhellend und vor allem zu Beginn der Behandlung auch leicht sedierend.

Das Allroundmittel Imipramin hilft bei vielen psychischen Problemen

Das rezeptpflichtige trizyklische Antidepressivum ist für die Behandlung mittlerer bis starker Formen einer depressiven Erkrankung und für eine begleitende Schmerztherapie zugelassen. Umfangreiche Imipramin Erfahrungen führten zu einer Erweiterung der Anwendungsgebiete im Rahmen eines Off-Label-Use. So wird es außer bei Depressionen auch bei Panikstörungen, Angststörungen und Zwangsstörungen verschrieben sowie bei sozialer Phobie, Bettnässen (Enuresis) und Nachtängsten (Pavor nocturnus). Wie auch bei anderen Medikamenten aus der Gruppe der Trizyklika setzen die erwünschten Wirkungen erst allmählich nach zwei bis drei Wochen ein. Eine Therapie besteht im Normalfall aus der medikamentösen und der psychotherapeutischen Behandlung, die sich gegenseitig ergänzen.

Was muss bei der Anwendung von Imipramin-neuraxpharm beachtet werden und wie hoch ist die Dosierung?

Wie bei allen übrigen Tri- und Tetrazyklika muss beachtet werden, dass die Einnahme der rezeptpflichtigen Medikamente einschleichend erfolgt, also mit einer niedrigen Dosis begonnen wird, die erst allmählich nach Maßgabe des Arztes auf die individuelle tägliche Dosierung gesteigert wird. Die Behandlung dauert im Regelfall etwa 6 Wochen, selbst wenn die Symptome bereits nach kürzerer Zeit nachlassen oder verschwinden. Auch der Abschluss der medikamentösen Behandlung erfolgt dann ausschleichend, also allmählich mit langsamer Verringerung der Dosis.

Imipramin-Tabletten gibt es mit den Dosierungen 10 mg, 25 mg, 50 mg und 150 mg je Tablette oder Dragee. Gemäß Beipackzettel sollte die Einnahme der täglichen Dosis von Imipraminhydrochlorid auf 3-mal täglich – auch unabhängig von den Mahlzeiten – verteilt werden. Die individuelle Tagesdosis wird in Absprache mit dem Arzt festgelegt und beträgt für die meisten Anwendungsgebiete bis zu 150 mg. Im Einzelfall kann vom Arzt – besonders bei einem stationären Aufenthalt – eine deutlich höhere Tagesdosis von bis zu 250 mg eingesetzt werden. Eine Behandlung dauert in der Regel etwa 6 Wochen und kann bei Bedarf mit geringerer Dosierung über einen längeren Zeitraum fortgesetzt werden.

Außer für Erkrankungen wie Bettnässens oder Nachtangst sollte das Mittel nicht bei Kindern und Jugendlichen eingesetzt werden. Mangels vorliegender Studien über die Sicherheit von Trizyklika sollten auch schwangere Frauen nicht mit Imipramin-neuraxpharm behandelt werden. Das gilt ebenfalls während der Stillzeit, weil das neugeborene Baby über die Muttermilch geringe Mengen des Medikaments aufnehmen würde.

Welche Neben- und Wechselwirkungen können bei der Einnahme von Imipramin auftreten?

Besonders zu Beginn der Behandlung können unter anderem folgende Symptome auftreten:

  • Müdigkeit
  • Mundtrockenheit (Xerostomie)
  • Schwindel
  • Handzittern (Tremor)
  • Blutdruckabfall (Hypotonie)
  • Herzrhythmusstörungen und Herzrasen
  • Verstopfung (Obstipation)
  • Gewichtszunahme (s.a. Antidepressiva ohne Gewichtszunahme)

Obige Liste an Symptomen ist keineswegs vollständig. Häufig wird auch ein vorübergehender Anstieg der Leberenzyme beobachtet. Einige der häufigsten Symptome wie Mundtrockenheit und Schwindel können im Laufe der Therapie wieder schwächer werden oder gänzlich verschwinden. Seltenere Imipramin Nebenwirkungen betreffen Hautreaktionen, Sehstörungen und Verwirrtheit. Die Einnahme des Medikaments kann zu einer Beeinträchtigung der Fahrtüchtigkeit führen und Auswirkungen auf die Fähigkeit zum Bedienen einer Maschine haben. Die Informationen der entsprechenden Beipackzettel sollten unbedingt beachtet werden, sie spiegeln sozusagen die jahrzehntelangen Erfahrungen mit dem Medikament wider.

Die Behandlung mit imipraminhaltigen Tabletten oder Filmtabletten müssen wichtige Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten beachtet werden. Die Wirkung von Beruhigungsmitteln und Schlafmitteln wird verstärkt, auch die Wirkung von Alkohol. Es wird daher dringend empfohlen, während der Therapie auf den Genuss von Alkohol grundsätzlich zu verzichten. Insbesondere kann die Wirkung bestimmter Psychopharmaka, Antihistaminika und gefäßverengender Mittel zur Senkung des Blutdrucks unkontrollierbar verstärkt werden. Vor allem dürfen keine Antidepressiva aus der Gruppe der Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer gleichzeitig mit Imipraminhydrochlorid eingenommen werden, weil sich ihre Wirkungen und Nebenwirkungen deutlich und unkontrollierbar verstärken (Serotoninsyndrom). Auch die Hinweise auf dem Beipackzettel sollten beachtet werden.

Gibt es Gegenanzeigen, bei denen das Arzneimittel nicht eingenommen werden darf?

Vor der Anwendung und Einnahme von imipraminhaltigen Tabletten oder Filmtabletten müssen eine Reihe von Kontraindikationen beachtet werden, die als Gegenanzeigen von der Einnahme des Mittels abraten lassen. Krankheiten, die mit einer veränderten Blutbildung, mit einer gestörten elektrischen Reizweiterleitung des Herzens, mit einer vergrößerten Prostata mit Restharnbildung oder mit Nieren- und Leberleiden verbunden sind, schließen eine Imipraminbehandlung aus. Ebenso dienen Verwirrtheits- und Sinnesstörungen mit akuten Delirien als Kontraindikationen. Vor allem dürfen während der Medikation keine Antidepressiva aus der Klasse der Monoamino-Oxidase-Hemmer (MAO-Hemmer) eingenommen werden. Es sollte sogar ein Sicherheitsabstand von 14 Tagen zwischen der Anwendung von MAO-Hemmern und imipraminhaltigen Präparaten liegen. Weitere Informationen und Hinweise über Gegenanzeigen können auch hier dem jeweiligen Beipackzettel entnommen werden.

Das könnte Sie auch interessieren:

Sertralin im Überblick: Erfahrungen zu Wirkung und Dosierung, zu Nebenwirkungen und zum Absetzen

Duloxetin (als Psychopharmakon / Antidepressivum)

Psychosomatische Kliniken: Was macht man dort, und wie?

Siehe auch:

  • F32.9 g Diagnose, https://www.angst-verstehen.de/f32-9g-diagnose/
  • F 32.1 g, https://www.angst-verstehen.de/f32-1-diagnose-im-ueberblick/
  • Reaktive Depression ICD 10, https://www.angst-verstehen.de/reaktive-depression-definition-behandlung/
  • F43.2g, https://www.angst-verstehen.de/anpassungsstoerungen/

Titelbild: Imipramin (Screenshot Google Bildersuche am 16.09.2019) – hier kann man gut weiterführende Infos zur Molekülstruktur und chemischen Wirkung von Imipramin finden


 

Dr. Jan Martin - Virtueller Chefredakteur - Digitale Redaktionsleitung Dr. Jan Martin ist virtueller Chefredakteuer von www.angst-verstehen.de. Er ist das Außengesicht der digitalen Redaktionsleitung, verantwortlich für Qualitätssicherung und Publikation der Texte der Redaktion.

Offizielle Website zum eBook "Angst verstehen" mit Textauszügen & mehr.