Analytische Psychotherapie (© StockPhotoPro / Fotolia)

Analytische Psychotherapie – Wie läuft das genau?

Mit dem Begriff „analytische Psychotherapie“ wird eines von drei Therapieverfahren bezeichnet, deren Kosten von den Krankenkassen übernommen werden (siehe unseren Psychotherapieverfahren Überblick). Es handelt sich bei dieser anerkannten Therapieform nicht um eine klassische Psychoanalyse à la Freud, sondern um ein moderneres Verfahren, das sich aber auf die Psychoanalyse bezieht. Im Gegensatz zur Freud‘schen Psychoanalyse dauert die analytische Psychotherapie jedoch nicht so lange. Sie wird nach klaren Zielvorgaben begonnen und zwei- bis dreimal in der Woche terminiert. Ob der therapiebedürftige Patient auf einer Couch liegt oder in einem Sessel sitzt, ist egal.

Viele Therapeuten bezeichnen auch diese Therapieform oft als „Psychoanalyse“, da die analytische Psychotherapie auf deren Grundlage entstanden ist. Sie ist ebenfalls eine Langzeittherapie, die entweder in Einzel- oder in Gruppensitzungen durchgeführt wird. Üblich sind bei Einzeltherapien 80 bis maximal 300 Sitzungen, bei Gruppensitzungen 80 bis maximal 120 Sitzungen (vgl. Gruppentherapie). Die Höchstzahl an Sitzungen ist nur auf einen Verlängerungsantrag hin und bei entsprechender Indikation ausschöpfbar. Für Kinder und Jugendliche gelten weniger lange Therapiezeiten. Die analytische Psychotherapie für Kinder wird spielerischer, die mit Jugendlichen und Erwachsenen als freies Gespräch gestaltet.

Quellen:

Wann ist eine analytische Psychotherapie sinnvoll?

Verschiedene Indikationen sprechen für die analytische Psychotherapie. Wichtigste Grundlage ist, dass der Patient einen gewissen Leidensdruck hat, weil er

  • mit sich selbst nicht mehr zurecht kommt
  • in seinem Leben unzufrieden ist
  • immer wieder wegen seiner destruktiven oder neurotischen Verhaltensweisen aneckt
  • unbefriedigende oder konfliktreiche Beziehungen hat
  • unter innerfamiliären Konflikten leidet oder Ursache derselben ist
  • eine stark neurotische Persönlichkeit mit Krankheitswert hat
  • eine chronische psychische Erkrankung hat
  • oder an einer Persönlichkeitsstörung leidet.

Bei bestimmten Gegebenheiten aufseiten des Patienten – zum Beispiel beim Vorliegen von Traumata – müssen die an sich festgelegten Therapiemuster individuell angepasst werden. Bei akuten Psychosen eignet sich diese Therapieform nicht, ebenso bei bestimmten Angststörungen und Phobien. Diese werden meist eher der Verhaltenstherapie zugewiesen, weil dort bessere Behandlungserfolge erzielt werden können.

Quellen:

Analytisch orientierte Psychotherapie in der Praxis: Behandlungsplanung, Kassenanträge, Supervision
Analytisch orientierte Psychotherapie in der Praxis: Behandlungsplanung, Kassenanträge, Supervision

Was bewirkt die analytische Psychotherapie?

Wenn ein Patient mit den oben genannten Problemen zu einem Therapeuten geht, erwartet er meist eine Besserung seiner Probleme. Zumindest sollte man das annehmen. Das ist aber so nicht immer richtig. Manche Patienten erwarten offensichtlich eine Selbstbestätigung durch den Therapeuten. Sie wollen im Grunde hören, dass sie ganz in Ordnung sind und ihr jeweiliges Gegenüber sich dauernd falsch verhält. Andere Patienten wollen endlich einmal ihre ganze Geschichte loswerden – aber dass diese Erzählung zu einer Einsicht oder der Aufgabe der verinnerlichten Opferhaltung führt, ist in ihrem Konzept nicht inbegriffen. Daher sagte einmal ein Psychologe, dass er nichts mehr fürchtet, als Menschen mit einer Opferhaltung.

Die analytische Psychotherapie sieht es als ihre Aufgabe an, dass sich der Patient im Laufe seiner Therapie besser verstehen lernt. Wer sich für dieses therapeutische Verfahren entscheidet, sollte ein echtes Interesse mitbringen, seine Probleme und seine Persönlichkeit verstehen zu wollen. Er sollte die Bereitschaft zeigen, etwas an seinem Denken, Fühlen und Handeln ändern zu wollen. Die Komplexität des menschlichen Geistes und der Seele erfordert es, für diese Ziele eine größere Zeitspanne einzuräumen. Daher dauert die analytische Psychotherapie auch so lange. Es macht auch Sinn, das Gespräch kontinuierlich mehrfach in der Woche fortzusetzen, weil der gedankliche Faden sonst verloren geht. Zudem wird vieles, was im Menschen vorgeht, ins Unterbewusstsein oder die Verdrängung geschoben. Es dauert, bis es von dort wieder in den Bewusstseinsbereich geholt werden kann.

Quellen:

Analytische und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie - Theorie und Praxis der psychoanalytisch begründeten Verfahren (Psychodynamische Therapie) (Amazon)
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Was wird von den Patienten erwartet?

Im Vorfeld einer analytischen Psychotherapie finden mehrere Vorgespräche statt. Diese dienen nicht nur dem gegenseitigen Kennenlernen. Der Therapeut ermittelt in einem der Diagnostik dienenden Gespräch auch, ob die Problematik dieser Therapie angepasst ist, und ob der Patient mit der spezifischen Vorgehensweise dieser Therapieform umgehen kann. Vielfach fühlen sich Patienten beispielsweise erleichtert, wenn der Therapeut etwas hinter ihnen sitzt und sie sein Gesicht nicht sehen können, wenn sie etwas erzählen.

Diese Therapieform stellt den Therapeuten in eine eher passive Rolle. Er ist der Zuhörer, der hin und wieder auf etwas hinweist und es zur Diskussion stellt. Er zeigt ihm sichtbar gewordene Zusammenhänge auf und sorgt so dafür, dass der Patient nach und nach sein Inneres, seine Haltungen und Annahmen sowie seine unbewussten Anteile besser verstehen lernt.

In der analytischen Psychotherapie darf der Patient im Grunde reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Er erzählt, was ihm gerade in den Sinn kommt. Es spielt zunächst keine Rolle, ob es sich um wichtige oder unwichtige Mitteilungen, Traumerinnerungen oder aktuelle Erlebnisse handeln. Er assoziiert frei, der Therapeut hört dabei intensiv zu. Er registriert, was erzählt wird und wie es geschieht. Der Therapeut versucht herauszufinden, was der Patient ihm mit dem Erzählten mitteilen will. Er prüft, ob unbewusste Inhalte dahinter stehen.

Psychodynamische Psychotherapie
Psychodynamische Psychotherapie

Die Rolle des Therapeuten

Glaubt der Therapeut, er hat die eigentliche Botschaft verstanden, interveniert er und schaltet sich ein. Er ermöglicht seinem Patienten einen Zugang zu dem, was ihm unbewusst ist. Zudem kreisen sich im Gespräch die wirklich wichtigen Themen zunehmend ein und werden dann zum hauptsächlichen Thema. Gerade der lange Zeitrahmen einer analytischen Psychotherapie erlaubt es, zunächst im Ungefähren zu stochern und dann die Kernthemen herauszufiltern und einzukreisen. Dieser Prozess des Herantastens ist für den Patienten schwierig, weil seine Konfliktthemen emotionsgeladen sind. Der Therapeut spricht von einer „Regression„, wenn es um das behutsame Annähern an die Minenfelder im Leben seines Gesprächspartners geht.

Dieses intensive Gespräch in vertraulichem Rahmen führt zu einer relativ engen Beziehung zum Therapeuten. Deshalb muss dieser gut gewählt werden. Jeder Patient verknüpft nämlich im Rahmen einer „Übertragung“ frühere Beziehungserfahrungen, die wichtig waren, mit der Person des Therapeuten. Dadurch manifestieren sich im Gespräch auch bestimmte Verhaltensmuster, die der Therapeut bemerken und ansprechen kann. Der Patient kann lernen und Erfahrungen machen. Er erhält Einsichten in seine bewussten und unbewussten Denkmuster, Gefühle und Annahmen.

Die Patienten sollen das Gespräch mit dem Therapeuten in einer entspannten Liege- oder Sitzposition führen. Es geht darum, ein Vertrauensverhältnis zu erarbeiten, damit der Patient auch über Intimes, über Ängste oder über ihm peinliche Dinge sprechen kann. Das Ziel ist, dass der Patient seine innerseelischen Konflikte und Probleme umfassend wahrnimmt, betrachten und lösen kann.

Quellen:

Analytische Psychotherapie zwischen 18 und 25 (Amazon)
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Die Wirkung von analytischen Psychotherapie

Immer wieder streiten sich Experten über Sinn und Unsinn von Langzeittherapien wie der analytischen Psychotherapie. Mancher würde die Betroffenen gerne mit Medikamenten behandeln, weil das als wirtschaftlicher und effektiver gilt. Dass das allerdings zu irgendeinem Erkenntnisgewinn und einer Veränderung im Verhalten der Betroffenen führt, darf man getrost bezweifeln. Wichtig für den Therapieerfolg sind allerdings einige Voraussetzungen. Der Therapeut muss für die Indikation gut gewählt worden sein. Der Patient muss willens sein, sich vertrauensvoll auf diesen einzulassen und sein Verhalten, nachdem er es verstanden hat, ändern wollen.

Kritisch anzumerken ist, dass es heute viele sogenannte Therapeuten gibt, deren Qualifikation fragwürdig ist. Manches Zertifikat entstammt einem Fernstudium bei wenig seriösen Anbietern oder Instituten. Ein seriöser Psychotherapeut sollte entweder als Arzt approbiert sein, oder als Psychologischer Psychotherapeut bzw. als Kinder- und Jugendpsychotherapeut. Die gewählte Methode muss aus Sicht der Krankenkassen seriös und erfolgversprechend sein.

Das trifft für die analytische Psychotherapie, die Verhaltenstherapie und die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie zu. Die Wirksamkeit aller anderen Verfahren soll damit nicht infrage gestellt werden, wenn sie von einem fähigen Therapeuten ausgeübt werden. Die Krankenkassen haben jedoch eine klare Meinung von der Wirksamkeit von Therapien. Sie übernehmen daher nur die Kosten für die genannten drei Verfahren.

Es ist trotz aller Streitigkeiten über Sinn und Unsinn längst erwiesen, dass sich auch die Finanzierung einer Langzeittherapie rechnet. Diverse Studien und Meta-Analysen haben ergeben, dass Kurzzeittherapien nicht effektiver sind. Selbst die Verhaltenstherapie, die an sich auf eine eher kurzzeitige Intervention ausgelegt war, geht mittlerweile von einer längeren Behandlungsdauer aus. Die besten Ergebnisse wurden bei einer Therapiedauer von zwei Jahren erzielt – und eine medikamentöse Begleitung erbrachte keine nennenswert besseren Ergebnisse. Wenn Patienten eine Psychotherapie zu früh oder aus Kostengründen beenden müssen, wird der Therapieerfolg infrage gestellt.

Bei der analytischen Psychotherapie sind die besten Therapieerfolge zu erwarten, wenn der Patient sich zu Beginn als sehr problembeladen wahrgenommen hatte und eine lange Therapiedauer erlebte. Jüngere Patienten profitieren in der Regel mehr von dieser Therapieform als ältere. In der Folge einer analytischen Psychotherapie waren deutlich weniger Krankschreibungen, Rezeptausstellungen und Arztbesuche zu verzeichnen. Um Kosten zu sparen, empfehlen sich also bestenfalls die preisgünstigeren Gruppentherapien.

Quellen:

Praxis der analytischen Psychologie - Integrative Psychotherapie
Praxis der analytischen Psychologie – Integrative Psychotherapie

Ängste, Phobien, Panikattacken > Angststörungen und Angsterkrankungen behandeln