Lorazepam | Formel, Dosierung, Einsatzgebiete, Wirkung, Nebenwirkungen (© Designer491 / Fotolia)

Lorazepam > Einsatzgebiete, Wirkung, Nebenwirkung, Dosierung

Lorazepam ist ein Medikament aus der Gruppe der Benzodiazepine. Es wird in Deutschland auch unter den Handelsnamen Tavor, Temesta und Ativan verschrieben, zusätzlich sind verschiedene Generika (z. B. Lorazepam dura) im Umlauf. Da es sich um ein Beruhigungsmittel, einen sogenannten „Tranquilizer“ handelt, von dem ein nicht unerhebliches Suchtpotenzial ausgeht, darf es in Deutschland nur unter den strengen Vorschriften des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG) ausgegeben werden. Lediglich in geringen Dosierungen von unter 2,5mg pro Einheit fällt das Inverkehrbringen und Verordnen unter das Arzneimittelgesetz (AMG) – es ist jedoch immer verschreibungspflichtig.

Zeitweise war Lorazepam der am zweithäufigsten verordnete Wirkstoff aus der Gruppe der Psychopharmaka. Aufgrund verschiedener Untersuchungen, die die Möglichkeit einer durch längere Einnahme eines Benzodiazepins erhöhten Demenzwahrscheinlichkeit aufwarfen, aber auch der erheblichen Abhängigkeitsgefahr hat die Häufigkeit der Verschreibungen jedoch deutlich abgenommen. Trotz dieser Kontroversen galt der Wirkstoff nach seiner Einführung in den Sechzigerjahren als erhebliche Therapieverbesserung. Er ersetzte zu diesem Zeitpunkt die Barbiturate als starke Schlafmittel, deren letale Dosis erheblich näher an der therapeutisch wirksamen Dosis liegt und die daher häufig bei Suizidversuchen zum Einsatz kamen. Weiterhin werden der rasche Wirkeintritt und das – im Verhältnis zu anderen Präparaten – meist unproblematische Nebenwirkungsprofil von Benzodiazepinen geschätzt.

Eine gute Zusammenfassung der Wirkungen, Vor- und Nachteile findet sich hier:

YOUTUBE: Benzodiazepine Nutzen & Sucht (youtube.com/watch?v=77KoizNAW1g)

Quellen:

Lorazepam Wirkung, Wirkstoff und Wirkweise

Jedes Benzodiazepin setzt sich aus einem Benzol- und einem Diazepinring zusammen. Je nach Präparat kommen unterschiedliche weitere Verbindungen hinzu, im Fall von Lorazepam in Form einer dritten Ringstruktur. Seine Summenformel lautet C15H10Cl2N2O2.

Lorazepam liegt stereochemisch in der R- und S-Form vor und tritt in gelöster Form nur als Racemat der beiden Formen auf. Allerdings ergibt sich daraus kein Unterschied in den pharmakologischen Eigenschaften, sodass das Racemat pharmazeutisch nutzbar ist.

Wirkung: Hirnchemisch führt Lorazepam zu einer Öffnung der Chloridkanäle, indem es an die im Nervensystem vorhandenen GABAA-Rezeptoren bindet. Durch diese Verbindung verstärkt es den inhibitorischen Effekt des Neurotransmitters GABA im zentralen Nervensystem, der dessen Erregungszustand herabreguliert. In der Folge entsteht eine je nach Dosierung unterschiedlich intensive anxiolytische, antikonvulsive, sedierende und schlaffördernde Lorazepam Wirkung.

Lorazepam Medikamente haben ähnlich wie andere Psychopharmaka (Benzodiazepine) eine weitreichende Wirkung auf den Botenstoffwechsel im Gehirn und damit verbundene Nebenwirkungen (© meletver / Fotolia)
Lorazepam Medikamente haben ähnlich wie andere Psychopharmaka (Benzodiazepine) eine weitreichende Wirkung auf den Botenstoffwechsel im Gehirn und damit verbundene Nebenwirkungen (© meletver / Fotolia)

Lorazepam ist in der Lage die Blut-Hirn-Schranke zu passieren und wird vom Körper nahezu gänzlich aufgenommen. Innerhalb der Benzodiazepingruppe hat es eine mittellange Halbwertszeit, die besonders bei chronischen Angst- und Unruhezuständen erwünscht ist (siehe auch Angstzustände Symptome, Unruhezustände). Die Lorazepam Wirkung ist über einen Zeitraum von 5 bis 18 Stunden zu erwarten – je nach Dosis, Gewöhnung, Konstitution und Leberfunktion des Patienten.

Lorazepam dura & Co: Anwendungsgebiete und Darreichungsformen

Die Anwendungsgebiete von Lorazepam sind vielfältig, da mehrere Wirkungen genutzt werden können. Vor allem wurde es als Mittel gegen schwere Unruhe-, Angst- und Panikzustände sowie Schlafstörungen verordnet, wie sie bei einer Reihe psychischer Erkrankungen auftreten. Auch ein Alkohol- oder Drogenentzug kann durch das Präparat erleichtert werden. Eine Indikation ergibt sich auch aus kurzfristigen emotionalen Ausnahmezuständen wie Schock oder infolge von Unfällen, Verbrechen und Todesfällen. Es findet zudem bei chirurgischen, zahnmedizinischen und endoskopischen Eingriffen Anwendung, wenn eine Beruhigung und unter Umständen auch eine anterograde Amnesie gewollt sind. Weitere Gründe für eine Einnahme können nicht anders behandelbare Übelkeit sowie schwere epileptische Zustände, Delirium und Katatonie sein.

Unabhängig vom Grund der Behandlung ist diese grundsätzlich nur sehr kurzfristig – maximal ein bis sechs Wochen – gefahrlos möglich. Bei längerer Einnahme entsteht ansonsten eine Abhängigkeit. Eine Ausnahme stellt die Verabreichung in der Palliativmedizin am Lebensende dar, bei der die Sedierung und Linderung von Angstzuständen erreicht werden soll.

Bei nicht-tödlichen Erkrankungen, vor allem psychischer Natur, stellt die Stand-by-Medikation eine Alternative zur Dauereinnahme dar. Hier wird das Arzneimittel nur selten bei Spitzen der Krankheitssymptome eingenommen, was eine Abhängigkeit verhindert. Damit dies jedoch möglich ist, müssen Zuverlässigkeit und Vertrauensfähigkeit sowohl seitens des Patienten als auch seitens des behandelnden Arztes vorhanden sein.

Lorazepam steht in verschiedenen Darreichungsformen zur Verfügung. Hierzu zählen Tabletten und Schmelztabletten sowie Lösungen zur intramuskulären und intravenösen Verabreichung. Letztere weist den schnellsten Wirkungseintritt innerhalb von 1-2 Minuten auf. Schmelztabletten sind immer dann nützlich, wenn ein Patient nicht imstande ist zu schlucken. Die übliche Tagesdosis liegt zwischen 0,25 und 7,5 mg, dazu sind Tabletten in Dosierungen von 0,5 mg, 1 mg und 2,5 mg verfügbar. Die genaue Lorazepam Dosierung ist von der individuellen Konstitution und Gesundheit sowie dem Gewicht des Patienten, der Art der Erkrankung und deren Intensität abhängig.

Tavor: Wirkung, Nebenwirkungen – Abhängigkeit, Entzug

Lorazepam Nebenwirkungen, Gegenanzeigen und Wechselwirkungen

Wie bei jedem Medikament können auch bei der Anwendung von Lorazepam Nebenwirkungen auftreten, in unterschiedlicher Zahl und Schwere. Zu den häufigsten Nebenwirkungen zählen:

  • Sedierung, Müdigkeit, Benommenheit
  • Schläfrigkeit, Schwindel, Bewegungs- und Gangunsicherheit
  • Verwirrung, Sprachstörungen, emotionale Taubheit, Depression, Angstzustände, Suizidgedanken
  • Veränderung von Blutbild und Hormonen
  • Veränderter Blutdruck
  • Sehstörungen, Tremor, Krampfanfälle, Atemnot
  • Probleme mit dem Verdauungssystem: Übelkeit, Verstopfung
  • Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen
  • Impotenz, Libidostörungen
  • Psychische Veränderungen

Neben den genannten Problemen kann es zu Allergien und Überempfindlichkeiten kommen – sind diese bekannt, darf das Präparat nicht angewendet werden, treten sie neu auf, muss eine Behandlung sofort abgebrochen werden. Weitere, seltenere Nebenwirkungen können dem Beipackzettel entnommen werden.

Gegenanzeigen

  • Bestehen Vorerkrankungen, insbesondere die chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD), muss die Einnahme genau abgewägt werden.
  • Aufgrund der Gefahr einer Abhängigkeit ist bei Alkohol- oder Drogensucht besondere Vorsicht zu wahren.
  • Dasselbe gilt für Patienten mit einem Glaukom, Schlaf-Apnoe, chronischen Nerven-, Muskel- und Gehirnerkrankungen oder –schäden, Leberfunktionsstörungen sowie epileptischen Erkrankungen.
  • Bei Kindern und Jugendlichen sollten die Medikamente nur in Ausnahme- und Notfällen verwendet werden, beispielsweise bei nicht anderweitig zu behandelnden Krampfanfällen.
  • In der Schwangerschaft sollte Lorazepam nur im absoluten Notfall und der geringstmöglichen Dosierung verwendet werden. In der Stillzeit sollte das Medikament keinesfalls angewendet werden, da es in die Muttermilch übergeht.

Wechselwirkungen

Wechselwirkungen können mit fast allen anderen Arzneimitteln gegen Angststörungen sowie allen Antidepressiva und Neuroleptika entstehen. Noch intensiver treten diese bei der Kombination mit weiteren Beruhigungs- und Schlafmitteln sowie anderen dämpfenden Präparaten auf. Das gilt auch und insbesondere für den Konsum von Alkohol. Da sich die Wirkstoffe gegenseitig verstärken, kann es bei höherer Lorazepam Dosierung zu lebensgefährlichen Konsequenzen, beispielsweise einem Atemstillstand kommen.

Kombinationen mit anderen Psychopharmaka sollten daher immer intensiv mit dem behandelnden Arzt abgesprochen werden. Auf Alkohol sollte während der Einnahme von Lorazepam auf jeden Fall verzichtet werden, da die Wechselwirkungen unvorhersehbar sind (vgl. Psychopharmaka und Alkohol).

Probleme entstehen auch bei der gleichzeitigen Verwendung von Opioiden und weiteren Schmerzmitteln, Antihistaminika, Antiepileptika, H2-Rezeptorenblockern, Protonenpumpenhemmern, hormonell basierten Verhütungsmitteln, Muskelrelaxanzien und bestimmten Antibiotika. Vorsicht ist außerdem bei blutdrucksenkenden Mitteln und Gerinnungshemmern geboten. Nicht zuletzt verändern einige Gicht- und Asthmamittel die Wirkungvon Lorazepam.

Kurz: Es ist außerordentlich wichtig, beim ärztlichen Gespräch jedwede andere Medikamentierung offenzulegen und ausgiebig zu besprechen, um problematische und gefährliche Effekte zu verhindern.


Benzodiazepine – das Wichtigste erklärt


Lorazepam Abhängigkeit und Missbrauch

Die regelmäßige Einnahme eines Benzodiazepins, inklusive Lorazepam, führt nach relativ kurzer Zeit zu psychischer, vor allem aber ausgeprägter physischer Abhängigkeit. Sie kann mit einer Gewöhnung einhergehen, die eine Dosiserhöhung zur Folge hat, aber auch ohne diese einsetzen, als sogenannte Niedrigdosisabhängigkeit. Diese kann bereits nach ein bis zwei, gelegentlich auch erst nach sechs Wochen täglicher Einnahme beginnen. Grundsätzlich gilt daher, dass Lorazepam auch bei kurzfristiger Einnahme schrittweise abgesetzt werden muss, um Absetzerscheinungen zu vermeiden. Zu diesen gehören:

  • Schlafstörungen, Unruhe
  • Kopfschmerzen
  • Angst- und Panikzustände, Anspannung, Erregung, Aggressivität, Depression, Suizidgedanken
  • Verwirrung, veränderte Wahrnehmung, Gedächtnisprobleme, Verhaltensveränderungen
  • Halluzinationen, Delirium, veränderte Reaktionszeit
  • Empfindlichkeit gegen äußere Reize und Sinneseindrücke
  • Probleme mit dem Verdauungssystem: Krämpfe, Durchfall, Übelkeit, Erbrechen
  • Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen
  • Schwindel
  • Muskelschmerzen, Pulsrasen, Zittern, Fieber, übermäßiges Herzklopfen
  • Krampfanfälle

Mit Abstand am gefährlichsten ist dabei das Risiko von Krampfanfällen, die in seltenen Fällen auch tödlich verlaufen und noch deutlich über die endgültige Abdosierung hinaus auftreten können. Grundsätzlich ist es daher notwendig, die Behandlung mit Lorazepam auszuschleichen. Im Falle langandauernder Einnahme ist ein begleiteter Entzug in einer entsprechend spezialisierten Klinik notwendig, wobei Clonazepam zur Verhinderung von Krämpfen zum Einsatz kommt. Alles in allem wird das Absetzen nach Entwicklung einer Sucht von Betroffenen als außerordentlich schwierig empfunden. Ein weiteres Problem dabei ist, dass sich die Absetzsymptomatik und Symptome der ursprünglichen Erkrankung – beispielsweise Angst, Unruhe, Depression – deutlich überschneiden können. Daher haben Betroffene häufig den Eindruck ihre Erkrankung kehre verstärkt zurück, obschon es sich lediglich um die Folgen des Entzugs handelt.

Da durch die Einnahme von Lorazepam ein häufig als angenehm empfundenes, dämpfendes Gefühl entsteht, wird es gelegentlich in missbräuchlicher Absicht genommen. Dies kann für sich oder nach der Einnahme stimulierender Drogen geschehen – als sogenannter „Downer“ (Wiki). Weiterhin versuchen einige von psychischen Erkrankungen Betroffene den oft erheblichen Leidensdruck ihrer Erkrankung durch das Medikament auch ohne ärztliche Verordnung zu lindern.

Insgesamt geht der größte Teil der Abhängigkeitserkrankungen bei Benzodiazepinen jedoch auf fehlerhafte und zu langfristige Verschreibung durch Ärzte zurück. Aufgrund fehlender und verharmlosender Informationen der herstellenden Unternehmen kann die Verschreibungspraxis bei Lorazepam und anderen Benzodiazepinen viele Jahre bis Jahrzehnte lang bestenfalls als sorglos beschrieben werden. Hinweise auf die erhebliche Abhängigkeitsgefahr der Medikamente fanden sich erst zwanzig Jahre nach der Markteinführung in den Beipackzetteln. Dazu kam, dass viele langzeitabhängige Patienten ihre Medikamente sorgfältig nach ärztlicher Anweisung einnahmen und ihre Sucht daher lange unerkannt blieb. Auch dauerhafte Nebenwirkungen wie emotionale Abgestumpftheit wurden kaum ernst genommen. Selbst heute noch ist ein großer Teil der geschätzt 1,5 Millionen Medikamentenabhängigen in der Bundesrepublik Deutschland auf Lorazepam und verwandte Beruhigungsmittel zurückzuführen.

Lorazepam als Benzodiazepin Medikament (© molekuul.be / Fotolia)
Lorazepam als Benzodiazepin Medikament (© molekuul.be / Fotolia)

Alternativen

Eine Alternative zu einem Benzodiazepin wie Lorazepam ist nicht immer einfach zu finden, ganz besonders im kurzfristigen Einsatz. Langfristig ist das Störungsbild entscheidend, um mögliche Alternativpräparate zu identifizieren. So kommen beispielsweise Antiepileptika, Neuroleptika und weitere Präparate zum Einsatz. Andere Arzneimittel aus der Gruppe der Benzodiazepine besitzen zwar dieselben Vorteile, jedoch auch dieselben Probleme wie Lorazepam. Das Gleiche gilt für die lange Zeit fälschlicherweise als harmloser und weniger abhängigkeitsgefährlich wahrgenommenen sogenannten Z-Drugs wie Zolpidem und Zopiclon. Diese können daher lediglich bei Allergien oder Unverträglichkeiten einen Ersatz darstellen, führen bei dauerhaftem Einsatz jedoch ebenfalls zur Sucht.

Gerade bei psychischen Erkrankungen lohnt es sich, nach nicht-medikamentösen Alternativen zu suchen. In leichteren Fällen oder begleitend können Meditation oder autogenes Training ebenso nützlich sein wie bestimmte pflanzliche Präparate. Aufgrund des großen und nur teilweise seriösen Angebots ist es jedoch notwendig, sich sehr genau über Art und Menge des pflanzlichen Wirkstoffes sowie vorliegende Studien zu informieren. Regelmäßiger Sport, besonders an der frischen Luft, wirkt ausgleichend bei vielen psychischen Erkrankungen, vor allem bei Depressionen. Häufig ist eine Therapie bei einem ausgebildeten Psychologen sinnvoll (siehe Psychotherapien, Verhaltenstherapien, Gesprächstherapien, kognitive Umstrukturierungen), um sich den Ursachen der Erkrankung zu nähern, aber auch um zu lernen, besser mit deren Auswirkungen umzugehen. Da sich die Suche nach einem guten Therapeuten sowie die Wartezeit auf einen Platz oft langwierig gestalten, ist hier Geduld gefragt. Hilfreich kann auch der Kontakt mit nahestehenden Menschen und Selbsthilfegruppen sein, mit denen Betroffene sich durch Gespräche erleichtern und Erfahrungen austauschen können.

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