Antidepressiva in der Schwangerschaft (© rolafoto / Fotolia)

Antidepressiva in der Schwangerschaft?

Wissenswertes über Antidepressiva in der Schwangerschaft und Stillzeit – ein Überblick

Auch depressive Patientinnen werden schwanger und auch schwangere Frauen können eine Depression entwickeln. Viele Betroffene sind in diesem Fall unsicher, ob eine Behandlung mit Antidepressiva infrage kommt oder aber – sofern sie bereits begonnen hat – beendet werden sollte. Hierzu gibt es Studien mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen und daraus resultierenden Empfehlungen. Generell gibt es kein Antidepressivum, das für eine Behandlung während der Schwangerschaft zugelassen ist. Allerdings werden trotzdem Antidepressiva an schwangere Frauen verschrieben, zudem gibt es Frauen, die ungeplant schwanger werden, während sie entsprechende Medikamente einnehmen. Die Risikobewertung ist je nach Präparat sehr unterschiedlich, daher gibt es Ausnahmefälle, in denen trotz möglicher Schäden eine medikamentöse Behandlung angezeigt sein kann. Insgesamt ist die Beurteilung jedoch sehr schwierig, da Studien an Schwangeren verboten sind und somit nur nachträglich erhobene Daten von Frauen infrage kommen, die die jeweiligen Medikamente während der Schwangerschaft eingenommen haben.

Risiken und Gefahren während der Schwangerschaft

► Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) / Selektive Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI)

Die Einnahme von Serotonin-Wiederaufnahmehemmern führt höchstwahrscheinlich zu einem erhöhten Risiko von Missbildungen. Dieses ist je nach Präparat unterschiedlich, insbesondere Paroxetin geriet deshalb erheblich in die Kritik (vgl. Paroxetin Nebenwirkungen). Weiterhin kommt es einigen Studien nach zu gehäuften Früh- und Totgeburten, es wird insgesamt ein niedrigeres Geburtsgewicht verzeichnet. Auch das Risiko für Krampfanfälle ist erhöht.

Die mit Abstand gefährlichste Nebenwirkung bei Neugeborenen stellt jedoch die sogenannte Pulmonale Hypertonie dar. Es handelt sich um eine Blutdruckstörung im Lungensystem, die in zehn Prozent der Fälle tödlich endet, allerdings auch sonst zu einer geringeren Lebenserwartung führt. Die Häufigkeit dieser Erkrankung nach SSRI-Gebrauch ist dosisabhängig und abhängig vom Zeitpunkt der Einnahme – besonders eine Nutzung nach der 20. Schwangerschaftswoche gilt als riskant. Ihr Auftreten wird mit etwa 1% der Neugeborenen, deren Mütter SSRI nutzten, beziffert. Für andere Wiederaufnahmehemmer wie Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer und selektive Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer liegen weniger Studien vor, allerdings werden die Risiken zumeist ähnlich eingeschätzt. In allen Fällen besteht ein erhöhtes Risiko einer Fehlgeburt, die Angaben zu deren Wahrscheinlichkeit schwanken jedoch stark.

► Trizyklische Antidepressiva

Die Datenlage für trizyklische Antidepressiva ist unterschiedlich. Während die Anwendung teilweise als unbedenklich beschrieben wurde, insbesondere z. B. von Amitriptylin, weisen Tierstudien auf eine erhöhte Gefahr von Missbildungen hin. Zurzeit sind die vorhandenen Studien nicht ausreichend, um ein abschließendes Urteil zur Sicherheit zu treffen.

► Monoaminooxidase-Hemmer

Monoaminooxidase-Hemmer werden aufgrund des vergleichsweise oft schlechteren Nebenwirkungsprofils mittlerweile deutlich seltener eingesetzt als zur Zeit ihrer Entwicklung. Für den Gebrauch während der Schwangerschaft sind sie generell nicht zugelassen, es liegen auch keine ausreichenden Daten vor. Vereinzelt wurde von Unterversorgung der Föten und dadurch bedingte Fehlentwicklung berichtet. Auch Totgeburten sind möglich. Generell ist eine Verwendung von MAO-Hemmern während der Schwangerschaft daher kontraindiziert.

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Risiken und Gefahren nach der Geburt

► Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) / Selektive Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI)

Etwa 30% der Neugeborenen, deren Mütter während des letzten Trimesters SSRI einnahmen, leiden unter dem Absetzsyndrom. Dieses kann mit folgenden Symptomen einhergehen:

  • erhöhter Muskeltonus / Krämpfe
  • Berührungsempfindlichkeit
  • Schreien
  • Magen- und Darmprobleme

Da diese Entzugserscheinungen zwar weniger intensiv sind als die eines Opiatentzugs, nichtsdestotrotz aber eine teils erhebliche Belastung für das neugeborene Kind darstellen, ist eine engmaschige Überwachung in einem entsprechend ausgestatteten Krankenhaus absolut notwendig.

Neben der Absetzsymptomatik gibt es erste Hinweise, dass durch die kontinuierliche Einnahme einiger Antidepressiva Veränderungen im Gehirn der Embryos, speziell in den emotionalen Zentren verursacht werden. Die Forschung bezüglich dieses speziellen Aspekts steht noch am Anfang, jedoch ist es möglich, dass es zu dauerhaften Schäden kommen kann.

► Trizyklische Antidepressiva

Trizyklische Antidepressiva können nach der Geburt ebenfalls zu Entzugssymptomen führen. Neben den oben genannten wurden dabei unter anderem auch Schweißausbrüche, epileptische Anfälle, Tachykardie, Tachypnoe, Blasenvergrößerung und Bewegungsstörungen beobachtet. Zu den Langzeitauswirkungen gibt es bisher keine ausreichend großen Studien, in kleinen Studien konnten keine Auffälligkeiten entdeckt werden.

► Monoaminooxidase-Hemmer

Da MAO-Hemmer als ungeeignet für die Einnahme während der Schwangerschaft gelten, liegen keine ausreichenden Daten für die Auswirkungen nach der Geburt vor.

Mögliche Indikationen für Antidepressiva trotz Schwangerschaft

Antidepressiva sind, entweder aufgrund ihrer Nebenwirkungen (vgl. Antidepressiva Nebenwirkungen allgemein bzw. exemplarisch z.B. Citalopram Nebenwirkung, Venlafaxin Nebenwirkungen und Fluoxetin Nebenwirkungen) oder aufgrund der Ergebnisse verschiedener Studien, insgesamt nur bei schweren Depressionen empfehlenswert. In diesen Fällen kann die Behandlung mit Antidepressiva trotz der möglichen Auswirkungen auf das ungeborene Kind sinnvoll sein. Das gilt insbesondere dann, wenn andere Therapieformen wie Psychotherapien nicht oder nicht ausreichend anschlagen. Ist bei einer Nicht-Behandlung eine ernsthafte Gefahr für Mutter und Kind, beispielsweise durch Drogen- oder Alkoholkonsum, schwere Selbstverletzung, oder gar ein Suizid zu befürchten, stellt eine Behandlung mit Antidepressiva oft das geringere Risiko dar. In jedem Fall ist der Einsatz sehr gründlich abzuwägen und die Schwangerschaft engmaschig zu überwachen.

Absetzen

Trotz der Risiken, die von einer Einnahme der meisten Antidepressiva während einer Schwangerschaft ausgehen, dürfen sie keinesfalls spontan abgesetzt werden. Das gilt umso mehr, je länger die vorherige Einnahme angedauert hat. Grund dafür sind die erheblichen Absetzerscheinungen wie Schwindel, Übelkeit, Angst, Nervosität, Krämpfe und viele weitere (vgl. exemplarisch Sertralin absetzen und Mirtazapin absetzen). Diese Symptome belasten nicht nur die Mutter in erheblichem Ausmaße, sondern auch das ungeborene Kind. Daher sollten sie durch behutsames Ausschleichen nach Bekanntwerden der Schwangerschaft abgemildert oder ganz vermieden werden.

Wie rasch dies möglich ist, entscheiden die individuell auftretenden Absetzerscheinungen sowie die Höhe der Dosierung und das genaue Präparat. Dabei ist jedoch auch die psychische Verfassung der Mutter zu beachten: Zusammen mit den Symptomen des Entzugs können auch Hormone, die depressive Grunderkrankung sowie Verunsicherung aufgrund der veränderten Lebenssituation zu großer Instabilität und Belastung führen. Eine medikamentöse Therapie darf also keinesfalls ersatzlos beendet werden. Stattdessen sind eine intensive Betreuung und eine Psychotherapie zur Unterstützung empfehlenswert, um die Depression weiterhin zu behandeln. Eine Möglichkeit besteht auch darin, die Therapie mit Antidepressiva sofort nach der Geburt zu beginnen oder fortzuführen, sofern die betroffene Patientin zuvor gut darauf angesprochen hat. Allerdings ist es dann nicht möglich, zu stillen, da Antidepressiva über die Muttermilch an den Säugling weitergegeben werden und unter Umständen toxisch wirken.

Alternativen zu Antidepressiva in der Schwangerschaft

Medikamentöse Alternativen zu Antidepressiva während der Schwangerschaft zu nutzen, ist schwierig bis unmöglich, da auch gängige andere Mittel wie pflanzliche Präparate (siehe pflanzliche Antidepressiva) nicht ausreichend auf ihre Sicherheit hin getestet sind. Einzig zur Behandlung mit Echtem Johanniskraut (Hypericum perforatum) gibt es kleine Studienreihen, die darauf hinweisen, dass von der Substanz weder eine Gefahr von Fehlbildungen noch Frühgeburten ausgeht. Eine abschließende Empfehlung existiert jedoch bislang nicht. Grundsätzlich ist eine Behandlung mit Johanniskraut daher im Rahmen des Möglichen, wichtig ist jedoch, auf eventuelle Interaktionen mit anderen Medikamenten zu achten. Die in Johanniskraut enthaltenen Pflanzenstoffe beeinflussen eine Reihe anderer Wirkstoffe, sodass eine genaue Abklärung besonders wichtig ist.

Weitere pharmazeutische und sonstige Alternativen sind unterschiedlich zu bewerten. Einer Therapie mit Licht beispielsweise steht nichts entgegen, allerdings ist die Wirkung nur bei saisonalen Depressionen ausreichend belegt.

Lithium hingegen ist in hohem Maße teratogen und daher vollkommen ungeeignet. Zur Anwendung von Aminpräkursoren oder Vitamin D3 liegen keine hinreichenden Studien vor, allerdings ist auch deren Wirksamkeit nach wie vor eher fragwürdig.

Als sinnvollste Alternative kann in diesem Fall nur eine gute Psychotherapie bezeichnet werden. Hier können die Ursachen für Depressionen besprochen und Methoden im Umgang mit der Erkrankung erlernt werden. Dies ist umso wichtiger, um die werdende Mutter auch nach der Geburt zu stabilisieren. Neben einer Therapie sollten, wenn nötig und gewünscht, weitere Angebote genutzt werden, beispielsweise Begleitung im Alltag durch spezielle Beratungsstellen und Hilfsmöglichkeiten für Alleinerziehende, sofern gegeben. Geduld und Unterstützung, aber auch die Ängste der Betroffenen zu besprechen und ernst zu nehmen, sind jedoch auch im persönlichen Umfeld der Schwangeren von großer Bedeutung. Neben diesen Maßnahmen ist auch wenig belastender Sport – beispielsweise Spaziergänge oder Yoga – hilfreich, sowohl um die psychische Verfassung zu verbessern als auch die Schwangerschaft selbst zu erleichtern.

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Weitere Quellen sowie weiterführende Ressourcen: