Diagnose F44.0: Dissoziative Amnesie (© Jonathan Stutz / stock.adobe.com)

Diagnose F44.0: Dissoziative Amnesie > Was heißt das?

Was bedeutet der Code F 44.0

Im ICD-10, der internationalen Liste zur Klassifizierung von Krankheiten, sind sämtliche Diagnosen aufgeschlüsselt, die im klinischen Alltag von Ärzten gestellt werden können. F44.0 beschreibt eine psychiatrische Erkrankung namens “dissoziative Amnesie”. Dabei steht F für seelische Leiden, die Zahl 44 für die verschiedenen dissoziative Störungen und F 44.0 für die genaue Art der Diagnose.

Was bedeutet Dissoziation und was Amnesie?

Der Begriff Dissoziation steht für die Abspaltung unterschiedlicher psychischer Ebenen, die normalerweise miteinander in Verbindung stehen. Dazu zählen die Bereiche sensorische Wahrnehmung, Bewusstsein, Identität, Motorik und Gedächtnis, zum Teil auch Körperempfindungen, insbesondere bei Schmerz oder Hunger.

Es gibt ein breites Spektrum möglicher Ausprägungen, von denen einige zur normalen Funktion der menschlichen Psyche gehören, während andere den Alltag so stark beeinträchtigen, dass sie krankheitswertig werden. Ein Beispiel für organisch bedingte Dissoziation ist der Verlust von Gedächtnis und Identität bei Demenzpatienten.

Das griechische Wort μνήμη (Mmnémē, Gedächtnis) bildet mit dem negierenden Präfix -a die etymologische Grundlage von Amnesie und beschreibt den meist partiellen Gedächtnisverlust. Auch hier existieren normale Phänomene wie die kindliche Amnesie (Erwachsene können sich an Erlebnisse erst ab dem frühen Kleinkindalter erinnern). Die zeitliche Orientierung von Amnesien wird folgendermaßen beschrieben:

  1. Retrograde Amnesien betreffen Erinnerungen vor dem amnestischen Auslöser,
  2. anterograde Amnesien solche, die nach Eintritt des amnesieauslösenden Faktors erworben wurden.
  3. Die kongrade Amnesie wiederum verdeckt Erinnerungen an das zugrundeliegende Ereignis.

Auftreten in der Bevölkerung

Die dissoziative Amnesie gilt als in der Bevölkerung nicht hinreichend detektiert. Eine einzelne Studie in den USA fand eine 12-Monats-Prävalenz von 1,8% (1% bei Männern, 2,6% bei Frauen).

Wir wird eine dissoziative Amnesie F44.0 diagnostiziert?

Grundlegend müssen andere (z.B. organische) Ursachen wie Hirnverletzungen oder -traumata, dementielle Störungen für die beobachteten Symptome ausgeschlossen werden. Weiterhin können auch Medikamente oder Drogen wie z.B. Alkohol amnestische Symptome verursachen. All diese Amnesieformen fallen nicht unter die Diagnose F 44.0. (Vergleiche auch ICD 10 F43.1)

Neben Laboruntersuchungen werden auch im explorativem Arztgespräch Daten erhoben, die z.B. das Eintreten, die Dauer und den Charakter der Amnesie aufklären.

Die folgenden Anzeichen werden als Kriterien für dissoziative Störungen herangezogen.

  1. nachweisliches Fehlen organischer Ursachen
  2. psychisch bedingter Verlust (teilweise oder vollständig) der funktionalen Integration von Gedächtnis, Bewusstsein oder Willkürmotorik
  3. das Auftreten der Symptome unterliegt keiner bewussten Kontrolle des Patienten
  4. schwankende Ausprägung der Symptomatik
  5. zeitnahe Verbindung zu traumatisierenden Ereignissen, als unerträglich empfundenen inneren Konflikten oder Beziehungsproblemen

Im DSM-V (diagnostisches Handbuch für seelische Erkrankungen, 5. überarbeitete Version) werden folgende diagnostische Kriterien für die dissoziative Amnesie aufgelistet:

  1. Unfähigkeit, autobiografische Erinnerungen in Verbindung mit traumatischen Ereignissen abzurufen; die Erinnerung an den traumatischen Inhalt ist oft unbewusst
  2. die Unfähigkeit, sich an das traumatische Erlebnis zu erinnern, sorgt für Leidensdruck
  3. die Amnesie wird durch keine organische Ursache bedingt
  4. die Amnesie wird nicht durch eine dissoziative Identitätsstörung (früher bekannt als “Multiple Persönlichkeit(sstörung)” verursacht (vgl. Persönlichkeitsstörung Arten)
  5. die Amnesie wird nicht durch Substanzmissbrauch oder Alkohol verursacht

Symptome

Die Amnesie kann lokalisiert, selektiv oder generalisiert sein. Bei der ersten Variante ist der Patient unfähig, sich an ein konkretes Ereignis oder einen konkreten Zeitabschnitt zu erinnern. Üblicherweise stehen diese Lücken in Verbindung zu traumatischen Ereignissen. Zum Beispiel können die Betroffenen die Zeiträume (oft Monate oder sogar Jahre) vergessen, in denen Missbrauchserfahrungen in der Kindheit erlebt wurden.

Ein weiterer typischer Fall wäre ein Soldat, der den Ablauf intensiver Kampfhandlungen vergisst, in welche er verwickelt war. Das Eintreten der Amnesie tritt meist verzögert auf, es kann Stunden oder Tage dauern, bis die Erinnerung nicht mehr abrufbar ist. Üblicherweise ist der amnestisch blockierte Zeitraum klar begrenzt. Er kann von wenigen Minuten bis hin zu Jahrzehnten reichen.

Selektive Amnesie beschreibt dagegen das Vergessen nur einzelner Begebenheiten oder Details innerhalb eines Zeitraumes. Dies kann isoliert oder in Kombination mit lokalisierter Amnesie auftreten.

Die gravierendste Form ist die generalisierte Amnesie, bei welcher auch die persönliche Identität und Lebensgeschichte des Betroffenen nicht mehr abrufbar ist. Manche Patienten können auch erlernte Fähigkeiten wie z.B. das Autofahren nicht mehr abrufen. Diese Symptomausprägung ist eher selten und tritt vor allem bei schwer traumatisierten Menschen auf (siehe auch: verschiedene Traumatherapien).

Die meisten Betroffenen sind sich der Amnesie nicht bewusst. Darauf aufmerksam werden sie, wenn die persönliche Identität betroffen ist oder die Wahrnehmung durch äußere Umstände auf die fehlende Erinnerung gelenkt wird. Dies könnte zum Beispiel das Ansprechen von Ereignissen, an welche sich die Patienten nicht erinnern, durch andere Personen sein.

Durch den oft traumatischen Hintergrund sind depressive Komorbiditäten und Symptome aus dem Bereich der PTBS häufig. In Flashbacks können sich dissoziierte Erinnerungen wieder offenbaren und großen akuten Leidensdruck verursachen.

Wie entsteht eine dissoziative Amnesie?

Es gibt unterschiedliche Faktoren, die eine Veranlagung zur Dissoziation im Kontext von F44.0 bedingen können.

  • Die Fähigkeit, sich in Trance zu versetzen, Phantasien zu erleben,
  • eine erhöhte Imaginationsfähigkeit und
  • besondere Offenheit für Erlebnisse

sind Persönlichkeitseigenschaften, die die Wahrscheinlichkeit entsprechender Symptome erhöhen. Es gibt deutliche Hinweise auf eine erbliche Komponente dieser Faktoren.

Als Hauptauslöser für dissoziative Symptome wurde traumatischer Stress ausgemacht, da der Anteil von Menschen mit traumatischen Erfahrungen unter jenen mit Dissoziationen sehr hoch, in der Allgemeinbevölkerung mit traumatischen Erfahrungen aber nur sehr wenige insgesamt eine Dissoziationsstörung entwickeln. Zu diesem Auslöser muss also eine grundlegende Veranlagung als Bedingung hinzukommen.

Dissoziation wird gemeinhin als Schutzreaktion auf nicht erträglichen Stress, unauflösbare Konflikte oder vergleichbare Belastungen interpretiert. Durch die Abspaltung der betroffenen psychologischen Bereiche bleibt eine Funktion der restlichen Anteile erhalten. Im gesunden Alltag ermöglicht dies Betroffenen zum Beispiel in Hochstressphasen zu fokussieren und später die Erlebnisse zu strukturieren und aufzuarbeiten. Krankheitswertig wird die Dissoziation dann, wenn diese Reintegration nicht erfolgt.

Auch neurobiologisch kann diese Funktion der Dissoziation nachverfolgt werden: Sie geht mit einer starken Hemmung von Amygdala (vgl. Amygdala + Stress) und präfrontalem Cortex einher und unterbindet dadurch die emotionale Verarbeitung.

Wenn bereits das Erinnern von hochbelastenden Inhalten zu krassen Überreizungen zu führen droht, reagiert das System durch komplettes (nicht nur emotionales) Abspalten dieser Erlebnisse und bildet schließlich eine Amnesie aus.

F44.0 – Therapie der dissoziativen Amnesie

Es existiert keine medikamentöse Behandlungsoption. Patienten mit dissoziativer Amnesie sind auf psychotherapeutische Unterstützung angewiesen (Psychotherapien im Überblick), um ihre abgespaltenen Erinnerungen zu reintegrieren.

Generell gilt die Erkrankung als schwierig in der Behandlung. Die traumatische Komponente der Erkrankung erfordert häufig eine Traumatherapie, die die Auflösung der amnestischen Symptome begleitet. Um die Erinnerungen wiederzugewinnen, können Flashbacks oder Trauminhalte sowie Imaginationsübungen herangezogen werden. Auch hypnotische Techniken sind möglich und bieten die Möglichkeit, traumatische Inhalte in entspanntem Zustand zu konfrontieren. Ein großes Problem hierbei stellt die Gefahr des “false memory syndrome” dar, bei der Patienten unterbewusst durch den Therapeuten suggerierte Inhalte aufnehmen und daraus falsche Erinnerungen konstruieren. Um dies zu vermeiden, ist größte Sorgfalt darauf zu legen, während der Behandlung keine Vorschläge oder Vorgaben zu unterbreiten, keine Erwartungen zu wecken, die Auswirkungen auf die Rekonstruktion haben könnten.

Mit dem Wiedererlangen der Erinnerungen ist die Therapie jedoch nicht abgeschlossen. Die emotionale Bearbeitung des Erlebten und die Integration in die Identität des Betroffenen sind wichtige Schritte zur langfristigen Stabilisierung. Oftmals geraten Patienten, nachdem sie sich an traumatische Inhalte erinnern können, in komorbide Symptomverschlimmerungen und müssen therapeutisch “aufgefangen” werden.

Prognose

Hauptausschlaggebend für die Entwicklung und Therapierbarkeit der Erkrankung sind die Lebensumstände des Patienten. Als ungünstig gelten beispielsweise triggernde Familiensituationen, in denen die Dissoziation durch weiter bestehende Konflikte ständig erneuert wird. Auch die mentale Anpassungsfähigkeit des Betroffenen ist wichtig.

Die meisten Patienten sind unter therapeutische Anleitung in der Lage, die verlorenen Erinnerungen wiederzuerlangen und die Amnesie aufzulösen. Es gibt jedoch Fälle, in denen die Menschen lebenslang unfähig bleiben, ihre fehlende Vergangenheit zu rekonstruieren.

Darüber hinaus beeinflusst auch die geistige Leistungsfähigkeit im Alter die Befähigung zur Dissoziation als aktiven psychischen Prozess. Somit können – wenn kein dementieller Verfall vorliegt – verschüttete Erinnerung ebenfalls wieder auftauchen.

Youtube-Videos zum Thema

Weitere Informationen zur F44.0 Diagnose kann man in folgenden Videos erhalten:

YOUTUBE: ERKLÄRUNG | Dissoziation – Eine hochkreative Lösungsstrategie, nicht nur nach „Trauma“ (youtube.com/watch?v=K7fq5Lba7Vo)

YOUTUBE: Dissociative Amnesia – Psychiatry | Lecturio (youtube.com/watch?v=4VedBaY7AVU)

Siehe außerdem auf dieser Website:


Diagnose F44.0: Dissoziative Amnesie (© Jonathan Stutz / stock.adobe.com)
Diagnose F44.0: Dissoziative Amnesie (© Jonathan Stutz / stock.adobe.com)

Quellen

  • https://www.merckmanuals.com/professional/psychiatric-disorders/dissociative-disorders/dissociative-amnesia
  • https://www.theravive.com/therapedia/dissociative-amnesia-dsm–5-300.12-(f44.0)
  • American Psychiatric Association. (2013). Diagnostic and statistical manual of mental disorders (5th ed.). Washington, DC
  • Gerd Huber: Psychiatrie. Lehrbuch für Studium und Weiterbildung. 7., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. Schattauer, Stuttgart u. a. 2005
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Dissoziation_(Psychologie)
  • https://www.msdmanuals.com/de-de/heim/psychische-gesundheitsst%C3%B6rungen/dissoziative-st%C3%B6rungen/dissoziative-amnesie

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