Noradrenalin Wiki (Screenshot google.de am 26.08.2019)

Noradrenalin und die Rolle im Kontext psychischer Erkrankungen

Noradrenalin Mangel vs. Noradrenalin erhöht. Wer die Wirkung von Noradrenalin im Zusammenhang mit unserer Psyche und seelischen Problemen verstehen will, muss einen größeren Bogen schlagen. Klar ist: Menschen, die von psychischen Erkrankungen betroffen sind, werden zur Besserung ihres Zustandes oft nicht nur einer Psychotherapie zugeführt. Oftmals genügen bei anhaltenden Problemen die bekannten natürlichen Antidepressiva, Stimmungsaufheller und pflanzlichen Beruhigungsmittel nicht. Bei manchen psychischen Erkrankungen kommen daher auch pharmazeutische Medikamente (chemische Psychopharmaka) zum Einsatz, um den Patienten kurz-, mittel- oder langfristig zu stabilisieren.

Einer größere Rolle spielt hier auch das Noradrenalin, ebenfalls als Norepinephrin (INN) bekannt. Es handelt sich dabei um einen körpereigenem Botenstoff. Dieser hat eine Wirkung als Stresshormon und Neurotransmitter. Interessant ist, dass das Noradrenalin im Körper auf zwei verschiedene Weisen hergestellt wird: als Körperhormon stellt das Nebennierenmark das benötigte Noradrenalin her. Im Locus caeruleus, einem Ort in Nervensystem, wird das Noradrenalin jedoch gebildet, wenn es als Neurotransmitter dienen soll. Diese Substanz ist unter verschiedenen chemischen Bezeichnungen bekannt. Sie kann beispielsweise als (R)-Noradrenalin, Levarterenol oder (R)-4-(2-Amino-1-hydroxyethyl)-1,2-benzoldiol bezeichnet werden. Die enge Verwandtschaft zum Adrenalin ergibt sich bereits aus der gebräuchlichsten Bezeichnung als Noradrenalin.

Quellen:

Was ist die Funktion von Neurotransmittern?

Mediziner bezeichnen das Noradrenalin auch als Katecholamin. Die Entdeckung dieser Substanz erfolgte 1948, damals noch unter der Bezeichnung Norepinephrin. Noradrenalin sollte zunächst durch eine Verengung der Blutgefäße eine bessere Durchblutung und einen höheren Blutdruck erzeugen. Bis heute behandeln die Mediziner damit Menschen, die einen schweren Schock oder einen Kreislaufzusammenbruch erlitten haben. So gesehen, ist Noradrenalin auf der einen Seite ein Akut-Medikament für medizinische Notfälle. Die Dosierung bei solchen Akutfällen sollte vorsichtshalber niedrig bleiben, denn es liegen diverse Kontraindikationen für solche Injektionen vor.

Bei einer psychischen Erkrankung geht es aber um die Noradrenalin Wirkung bzw. Funktion als Neurotransmitter. Diese Botenstoffe entfalten eine Wirkung im zentralen und im sympathischen Nervensystem. Zusammen mit Dopamin, Serotonin und Endorphin wirkt das Noradrenalin als Neurotransmitter auf das Wohlbefinden und den psychischen Zustand der Betroffenen ein. Neurotransmitter wie die eben genannten steuern also unsere Stimmungen. Als innerkörperliche Botenstoffe leiten sie wichtige Impulse von Nervenzelle zu Nervenzelle weiter. Das Noradrenalin braucht jedoch, um bei psychischen Erkrankungen die gewünschten Wirkungen zu entfalten, als Helfershelfer das Dopamin und ein bestimmtes Enzym. Dopaminmangel tritt häufig zusammen mit einem Energiemangel und damit verbundener Antriebslosigkeit, sowie bei Depressionen auf. Parkinson-Betroffene leiden ebenfalls an einem Dopaminmangel.

Dopamin-Überschüsse lösen hingegen einen enormen Tatendrang und erhöhte Erregbarkeit aus. Erhöhte Dopamin-Spiegel sind auch bei Menschen anzutreffen, die an Psychosen oder Schizophrenie leiden oder drogensüchtig sind. Serotonin ist quasi der Gegenspieler des Dopamins. Dieser Neurotransmitter stabilisiert die Psyche. Er dämpft übermäßige Erregung oder lindert Angst- und Panikzustände. Auffällige Serotoninmängel sind bei Menschen mit Depressionen, Angststörungen oder Zwangsstörungen anzutreffen. Endorphine sind hingegen körpereigene Schmerzmittel, die im Organismus eine Morphin-ähnliche Wirkung entfalten. Sie wirken außerdem beruhigend, schlaffördernd und abwehrstärkend.

Da bei verschiedenen psychischen Erkrankungen ein Überschuss oder ein Mangel an diesen Substanzen vorliegen kann, richtet sich die Medikation meistens nach der ermittelten Diagnose. In den meisten Fällen sollen die verordneten Medikamente den Spiegel eines oder zweier dieser vier Substanzen erhöhen oder senken.

Quellen:

Die Rolle von Serotonin und Noradrenalin bei Depressionen

Wenn eine Depression entsteht oder über längere Zeit bestehen bleibt, sind immer zwei Neurotransmitter im Spiel: Serotonin und Noradrenalin. Hergestellt werden die beiden Botenstoffe in diesem Fall in angehäuften Nervenzellen im Hirnstamm. Davon liegen nur vergleichsweise wenige Hunderttausend Nervenzellen vor. Das Gehirn umfasst immerhin insgesamt etwa einhundert Milliarden Nervenzellen. Trotz der relativ geringen Menge sind die angehäuften Nervenzellen aber so weit verzweigt, dass sie durch ihre Ausläufer – die sogenannten Axone – und durch Synapsen Kontakte zu zigtausend anderen Nervenzellen herstellen können. Fachleute schreiben diesen beiden Botenstoffen daher eine global-modulierende Wirkung im Gehirn zu. Problematisch ist lediglich, dass die Signalübertragung weder allzu exakt, noch sehr schnell erfolgen kann.

Fast alle modernen Antidepressiva bedienen sich bzw. beeinflussen die Wirkung des Serotonins und des Noradrenalins. Interessant ist jedoch, dass niemand bisher die exakte Wirkungsweise dieser Botenstoffe im Gehirn benennen kann. Offensichtlich ist aber die Funktionsfähigkeit von körpereigenen Zellen, die normalerweise genügend Noradrenalin und Serotonin herstellen, gestört.

Problematisch ist, dass man einen Mangel oder einen Überschuss von solchen Substanzen im Gehirn heutzutage noch nicht direkt messen kann. Nur aufgrund der Symptomatik und der positiven Wirkung entsprechender Medikamente kann auf solche Vorgänge geschlossen werden. Wir haben jedoch schon genauere Kenntnisse über die Wirkung von zu wenig oder zu viel Noradrenalin, um daraus Medikamente gegen Depressionen zu entwickeln. Wenn durch noch anstehende oder zukünftige Forschungsprojekte weitere Ergebnisse über die Wirkungsweise von Botenstoffen im Gehirn erzielt werden, könnten diese Medikamente noch weiter verbessert werden.

Quellen:

Welche Rolle spielen die Rezeptoren?

Es würde hier zu weit führen, an dieser Stelle die komplexen Zusammenhänge, die bei Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen im Gehirn ablaufen, zu schildern. Nur so viel: Es genügt bei einer Depression oder einer anderen psychischen Erkrankung möglicherweise nicht, den überschüssigen Botenstoff zu senken, oder den fehlenden zu erhöhen. Möglicherweise kann die Wirkung der bisherigen Medikamente noch verbessert werden, indem man die Rezeptoren im Gehirn zielgenauer und schneller anspricht. Wie bereits dargestellt, wirken von außen eingeleitete Neurotransmitter nicht exakt genug und auch nicht besonders schnell. Hier könnte zukünftig das Potenzial für neue Medikamente liegen.

Fakt ist: Noradrenalin und Serotonin aktivieren bestimmte Rezeptoren. Diese werden als Adenorezeptoren oder adrenerge Rezeptoren bezeichnet. Ohne solche Rezeptoren können die übermittelten Signale der Botenstoffe nicht dort ankommen, wo sie ankommen sollen. Es entsteht folglich auch keine der erwünschten Wirkungen. Das perfekte Zusammenspiel von Neurotransmitter und Rezeptor ist also bei der medikamentösen Behandlung von psychischen Erkrankungen unerlässlich (siehe auch medikamentöse Behandlung von Angststörungen). Die Funktion eines Medikaments gegen die Folgeerscheinungen psychischer Erkrankungen ist daher von der Funktionalität und Empfangsbereitschaft der Rezeptoren abhängig. Bisher wurden neun verschiedene Rezeptorproteine ermittelt, die wiederum an die Adenorezeptoren angekoppelt sind.

Die Medizin setzt heute bereits sehr spezielle Arzneistoffe ein, die mit den Adenorezeptoren eine Interaktion aufnehmen können. Wir finden hier sogenannte Agonisten, die die mangelnde Substanzmenge in Gehirn erhöhen. Außerdem sind Antagonisten im Spiel, die die überschüssige Substanzmenge senken. Ein Mangel kann also behoben werden. Ein Überschuss wird medikamentös abgebaut. Damit lassen sich auch die Symptome psychischer Erkrankungen gut beeinflussen. Die gleiche Funktion der genannten Wirkstoffe wird bei Parkinson-Patienten und nicht-psychischen Erkrankungen eingesetzt.

Quellen:

Welche psychischen Erkrankungen werden mit Noradrenalin behandelt?

Die bekanntesten Medikamente in diesem Spektrum sind Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSNRI-Präparate). Diese Arzneimittel sind vornehmlich als Antidepressiva in Gebrauch.

Durch den Einsatz der Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer wird die Konzentration der beiden Substanzen im Gehirn erhöht. Zweck dieser Maßnahme ist es, die Signalübertragung zwischen Neurotransmitter und Adenorezeptoren zu verbessern, und die übertragene Signalstärke positiv zu beeinflussen. Die bekanntesten in Deutschland zugelassenen Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer sind Trevilor mit dem Wirkstoff Venlafaxin, MILNAneuraX mit dem Wirkstoff Milnacipran, sowie Yentreve und Cymbalta auf Basis des Wirkstoffs Duloxetin. Der Unterschied dieser Präparate liegt darin, um wieviel sie den Nordadrenalin-Spiegel erhöhen.

Aufgrund der Funktion und Wirkungsweise dieser Präparate treten insbesondere zu Beginn der Behandlung mit SSNRI-Medikamenten Nebenwirkungen wie Übelkeit, Durchfall oder Erbrechen auf. Außerdem kann es unter der Einnahme eines SSNRI-Medikaments anfänglich zu innerer Unruhe, Erregung und Angstzuständen (vgl. Angstzustände Symptome) kommen. Es besteht bei entsprechenden Dispositionen ein erhöhtes Risiko, eine Magen-Darm-Blutung zu erleiden. Dagegen werden meistens Magenschutz-Präparate verordnet. Zu den möglichen Nebenwirkungen solcher Präparate gehören weiterhin Herzbeschwerden, erhöhter Blutdruck, Schlafstörungen oder ein verringerter Appetit. Potenz- oder Orgasmus-Störungen sind ebenfalls möglich.

Eine der wichtigsten Grundregeln bei der Einnahme von Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmern ist, diese nicht plötzlich oder eigenmächtig abzusetzen. Das sogenannte Absetzsyndrom – auch als „SSRI Discontinuation Syndrome“ bekannt – zieht gravierende Entzugserscheinungen nach sich. Es ist daher notwendig, die Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer langsam auszuschleichen. Der behandelnde Arzt entscheidet darüber, wann und wie das geschieht. Kombinieren die Betroffenen SSNRI-Medikamente mit MAO-Hemmern oder Serotonin-Vorläufern wie Tryptophan oder 5-Hydroxytryptophan, besteht das Risiko eines Serotonin-Syndroms.

Neben dem bereits genannten Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmern gibt es noch die Selektiven Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (NARI oder NERI). Auch diese sind Psychopharmaka, die als Antidepressiva genutzt werden. Bekannte Präparate aus dieser Wirkstoffgruppe sind Solvex und Edronax. Für die Behandlung depressiver Kinder und Jugendlicher sind solche Medikamententypen eher nicht gebräuchlich.

Quellen:

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Dr. Jan Martin - Virtueller Chefredakteur - Digitale Redaktionsleitung Dr. Jan Martin ist virtueller Chefredakteuer von www.angst-verstehen.de. Er ist das Außengesicht der digitalen Redaktionsleitung, verantwortlich für Qualitätssicherung und Publikation der Texte der Redaktion.