Paranoide Persönlichkeitsstörung / ICD Diagnose F60.0 (© lhphotos / stock.adobe.com)

Diagnose F60.0 (ICD) / paranoide Persönlichkeitsstörung

Wer möchte schon eine ärztliche Diagnose erhalten, die „paranoide Persönlichkeitsstörung“ lautet, und nach dem ICD 10 mit der Kennziffer F60.0 bezeichnet wird? Dennoch betreffen solche Diagnosen Menschen in ganz Deutschland. Es handelt sich hier um eine paranoide Persönlichkeitsstörung – nicht aber um ähnlich klingende Diagnosen wie Paranoia, Psychose oder Schizophrenie mit paranoiden Anteilen. Diese sind im ICD 10 mit eigenen Kennziffern und Beschreibungen gelistet. Die paranoide Persönlichkeitsstörung gilt als eine schwer zu behandelnde psychische Störung.

Was kennzeichnet eine paranoide Persönlichkeitsstörung (F60.0)?

Medizinische Begriffe und Kennziffern aus dem ICD 10 sind eines. Ihre Auswirkungen auf den Betroffenen zu verstehen, ist aber etwas anderes. Ein Mensch mit einer paranoiden Persönlichkeitsstörung ist hochempfindlich gegen vermeintliche Zurückweisungen. Er trägt seinem Gegenüber Kränkungen lange nach. Er ist notorisch misstrauisch gegenüber anderen. Er interpretiert die meisten Erlebnisse als gegen sich gerichtet um. Er kann zum Beispiel eine freundlich gemeinte Bemerkung zu einer Verächtlichmachung oder einem versteckten Angriff umdeuten.

Die Partner solcher Menschen haben sich gegen Verdächtigungen zu wehren, die vermeintliche Untreue oder andere angebliche Vergehen betreffen. Menschen mit paranoiden Persönlichkeitsstörungen verteidigen ihre eigenen Rechte mit Vehemenz. Sie sind oft sehr selbstbezogen und haben ein überhöhtes Selbstwertgefühl. Bei der paranoiden Persönlichkeitsstörung unterscheiden die Mediziner solche, die expansiv-paranoid, fanatisch oder paranoid sind, von solchen, die querulatorisch oder sensitiv paranoid sind.

Bis die Diagnosestellung laut ICD als F60.0 erfolgt ist, können aber einige Jahre oder Jahrzehnte vergehen. Zunächst versucht das Umfeld solcher Menschen meist, sich mit der Persönlichkeitsstörung ihres Gegenübers zu arrangieren. Solche Menschen sind streitsüchtig, rechthaberisch und über die Maßen eifersüchtig (vgl. krankhafte Eifersucht). In Beziehungen sind sie keine angenehmen Zeitgenossen. Ständig wittern sie eine Verschwörung gegen sich. Die Nähe zum Verfolgungswahn ist durchaus vorhanden. Oftmals zeigen diese Menschen schon als Kind oder Jugendlicher psychische Auffälligkeiten. Diese setzen sich im Erwachsenenalter fort.

Ein Fallbeispiel für eine solche Persönlichkeit findet sich in diesem Artikel.

Ursachen der paranoiden Persönlichkeitsstörung

  1. Bisher gehen die Fachleute davon aus, dass die Neigung zur F60.0-Persönlichkeitsstörung familiär vererbt wird. In Familien, in denen Schizophrenie und Verfolgungswahn vorkommen, sind paranoide Persönlichkeitsstörungen auffallend häufiger anzutreffen.
  2. Als zweiten Einflussfaktor sehen die Fachleute ungünstige soziale Bedingungen an, die Persönlichkeitsstörungen wie diese befördern. Genau sind die Ursachen solcher Persönlichkeitsstörung allerdings noch nicht erforscht. Vermutlich liegen die Auslöser für solche Persönlichkeitsstörungen in multifaktoriellen Ursachen.

Man geht davon aus, dass solche Persönlichkeitsstörungen etwa 0,2 bis 5 Prozent der Gesamtbevölkerung betreffen. Sie treten also relativ selten auf. Das erklärt auch den Forschungsrückstand. Begleitend zu dieser Störung der Persönlichkeit können noch weitere psychische Erkrankungen vorliegen. Man spricht diesbezüglich von einer Komorbidität. Diese betrifft etwa drei Viertel aller von der Diagnose F60.0 Betroffenen. Zusammen mit einer paranoiden Persönlichkeitsstörung kommt es gehäuft zu begleitend auftretenden

Das erschwert die Diagnostik, zumal die Betroffenen oft erst nach Jahren eine Behandlung erfahren. Die Diagnose F60.0 aus dem ICD muss gegebenenfalls mit weiteren Kennziffern aus dem Diagnose-Schlüssel versehen werden. Ein Test bei jemandem, der eine Persönlichkeitsstörung vermuten lässt, kann sinnvoll sein. Da es möglich ist, dass eine Veränderung des Dopamin-Spiegels mit auslösend für die Persönlichkeitsveränderung war, sollte gegebenenfalls ein entsprechender Test vorgenommen werden (vgl. Dopamin senken).

Der Umgang mit paranoid gestörten Persönlichkeiten

Für Angehörige, Beziehungspartner oder für einen Therapeuten ist der Umgang mit solchen Menschen schwierig. Wenn selbst neutral formulierte Sätze nach vermeintlich feindseligen Inhalten oder angeblich versteckten Aggression abgetastet werden, hat man kaum eine Chance auf eine gute Kommunikation. Das tief sitzende Misstrauen dieser Menschen verhindert, dass eine vertraute Beziehung zum Therapeuten oder zu einem darum bemühten Familienmitglied entsteht. Die Familienmitglieder wie die Beziehungspartner finden sich ständig in der Defensive. Sie sehen sich zunehmender Verschlossenheit, latenter Feindseligkeit, Aggression, Eifersucht, Misstrauen und anderen Beziehungskillern gegenüber.

Wenn der Umgang mit der gestörten Person für diese Menschen unerträglich wird, brechen die Beziehungspartner die Beziehung oft ab. Genauso oft ist aber der Umgang mit anderen für den Betroffenen selbst schwierig. Auch der Kranke bricht daher oft den Umgang mit Familie oder Freunden ab. Da diese Menschen sich nicht als persönlichkeitsgestört wahrnehmen, erfahren sie oft auch keine Behandlung. Sie können jahrzehntelang ohne eine Diagnose oder eine therapeutische Intervention leben. meistens erkennen die Betroffenen nicht, dass sie selbst die Quelle aller Probleme ihres Lebens sind. Die Ursachen für alle Konflikte liegen in ihnen selbst.

Behandlung und Therapie der paranoiden Persönlichkeitsstörung

Da die Diagnose F60.0 oft erst spät im Leben erfolgt, ist eine Behandlung schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Die Verhaltensweisen und Überzeugungen dieser Menschen haben sich bereits stark verfestigt. Gelegentlich kommt es aber vor, dass solche Patienten sich selbst einweisen. In diesem Fall haben sie vermutlich einen größeren Leidensdruck. Dieser kann durch eine zusätzlich aufgetretene Depression, eine Angsterkrankung, eine Paranoia (siehe Paranoia Symptome), gesteigerte Wahnvorstellungen (siehe: Wahnvorstellungen Ursachen), eine Aphephosmophobie, eine Herpetophobie oder eine Phobophobie eingetreten sein.

Die Betroffenen haben plötzlich Angst, verrückt zu werden (siehe auch: Angst Kontrolle zu verlieren). Sie machen vielleicht einen Test in Internet oder unterziehen sich freiwillig einem Test bei einem Psychiater. Falls der Test einen Aufschluss über die Schwere und Art der Störungen gibt, wäre eine Therapie angezeigt. Diese kann medikamentös eingeleitet und durch eine Verhaltenstherapie begleitet werden. Psychopharmaka spielen bei allen Persönlichkeitsstörungen eine eher untergeordnete Rolle. Es finden sich außerdem auffallend wenige Selbsthilfegruppen für Persönlichkeitsstörungen. Der Grund dafür ist naheliegend: Solche Menschen nehmen sich nicht als gestört oder krank wahr. Sie sehen die Ursache aller Schwierigkeiten außerhalb von sich.

Erst wenn die Betroffenen nicht mehr mit ihrem Leben zurechtkommen, suchen sie sich therapeutischen Rat und Hilfe. Persönlichkeitsgestörte Menschen sind – entgegen aller Meinungen, die anderslautend sind – jedoch nicht grundsätzlich therapieresistent. Zwar ist die Zahl der Therapieabbrüche hoch. Doch es hat sich erwiesen, dass die Therapie solcher Menschen speziell auf ihre Störung zugeschnitten sein muss. Das ist eine Herausforderung, die besondere Fähigkeiten beim Therapeuten voraussetzt. Bei einem wertschätzenden Therapeuten, der aus dem Verstehen der Situation des Betroffenen agiert, wird die Therapie oft erfolgreich sein.

Die paranoide Störung der Persönlichkeit im Sinne von F60.0 entsteht oft als Überlebensstrategie im Kindesalter. Später entwickelt sie sich aber zu einer zerstörerischen Strategie, die sämtliche Beziehungen des Betroffenen torpediert. Gelingt es dem Betroffenen in der Therapie, seinem Therapeuten auf Augenhöhe zu begegnen, ist er ein Fallbeispiel für eine positiv verlaufende Behandlung. Das bedeutet für den Betroffenen selbst oft eine immense Erleichterung. Wenn solche Menschen erkennen, dass sie mit alternativen Verhaltensweisen – die sie allerdings regelrecht einstudieren müssen – auf Dauer besser fahren, kann ihnen geholfen werden. Heilung ist bei solchen Persönlichkeitsstörungen aber nicht möglich.

Warum sind medikamentöse Therapien bei F60.0 & Co. umstritten?

Die Behandlung einer Persönlichkeitsstörung kann schwierig und langwierig sein – insbesondere, wenn noch Komorbiditäten vorliegen. Das gilt auch, weil es oft an Leidensdruck oder Einsicht mangelt. Persönlichkeitsstörungen sind aufgrund bestimmter Haltungen, die als Überlebensstrategie dienten, entstanden. Zusätzlich können genetische, soziale oder familiäre Bedingungen eine Rolle spielen.

Es mag sein, dass gewisse zusätzliche Störungen mit einer Medikamentengabe abgemildert werden können – zum Beispiel begleitend aufgetretene Depressionen. Eine paranoide Persönlichkeitsstörung kann man aber medikamentöse nicht beheben. Alles Medikamente gegen Paranoia sind also nur bedingt nutzbar. Zudem kann die Langzeitgabe von Medikamenten schwere gesundheitliche Folgen nach sich ziehen (siehe: Opipramol Langzeitschäden).

Vielmehr sind hier Einzel- oder Gruppentherapien und psychotherapeutische Maßnahmen viel sinnvoller. Wie in dem hier geschilderten Fallbeispiel deutlich wird, ist es aber schwer, einen persönlichkeitsgestörten Menschen überhaupt von einer Behandlung zu überzeugen. Auch dieser Versuch wird gewöhnlich zu einem Angriff und einem Manipulationsversuch uminterpretiert. Erfolgreich sind bestenfalls eine kognitive Verhaltenstherapie oder eine Fokaltherapie.

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