Agitierte Depression (© dobok / stock.adobe.com)

Agitierte Depression

Depressive Episode mit „agitiertem Verhalten“

Bei der agitierten Depression handelt es sich nicht um eine eigenständige Krankheit, sondern um eine Sonder- oder Unterform, beziehungsweise einen bestimmten Aspekt, einer bestehenden Depression unterschiedlicher Schwere. Die Einordnung wird von einigen Fachleuten als historisches Überbleibsel eines anderen Klassifizierungssystems betrachtet, daher findet sie sich in dieser Form nicht im aktuellen ICD und wird unter diesem Spezialbegriff eher selten diagnostiziert. In der modernen Klassifikation findet sich die agitierte Depression stattdessen innerhalb der Beschreibung einer depressiven Episode (siehe auch mittlere depressive Episode). Gegebenenfalls dient die Einordnung dazu, eine bestimmte dominante Symptomatik bei einer depressiven Erkrankung zu bezeichnen (vgl. auch reaktive depressive Störung).

Definition von „agitiert“ und Abgrenzung

Als agitierte Depression wird eine Depression bezeichnet, wenn sie mit starker Agitiertheit des Patienten einhergeht. Agitiertheit / Agitation zeigt sich in Form von Unruhe (siehe Unruhezustände), Schlafstörungen (siehe auch Einschlafstörung) oder beständigem Drang sich zu bewegen, beispielsweise zu gestikulieren, an sich selbst zu nesteln oder herumzulaufen. Stellt sie das Leitsymptom der Depression dar, während andere Anzeichen weniger ausgeprägt sind, kann von einer agitierten Depression gesprochen werden.

Wikipedia Definition zu "agitiert", "Agitation" / "Agitiertheit" und "agitiertes Verhalten"
Wikipedia Definition zu „agitiert“, „Agitation“ / „Agitiertheit“ und „agitiertes Verhalten“

Umgekehrt ist es jedoch auch so, dass agitiertes Verhalten ein Symptom vieler unterschiedlicher Erkrankungen – sowohl physischer als auch psychischer – sein kann. So kann beispielsweise eine Schizophrenie (siehe Diagnose Schizophrenie) oder eine andere wahnhafte Psychose mit Agitiertheit (siehe Arten von Psychosen sowie Wahnvorstellungen Symptome), oft in Kombination mit anhaltender Schlaflosigkeit, einhergehen. Auch bei Borderline-Persönlichkeitsstörungen (siehe Borderline kurz erklärt), ADHS sowie unterschiedlichen Angst- und Panikstörungen kann es zu Agitation kommen. Diese kann sich zudem in Zusammenhang mit Alkohol- oder Drogenmissbrauch, insbesondere von Kokain und Amphetaminen zeigen – auch als Symptom eines Entzugs. Einige Antidepressivas und weitere Medikamente können Agitiertheit als Nebenwirkung zeigen, dies ist besonders bei der Behandlung von Depressionen zu beachten.

Menschen, die akut oder im Rahmen einer posttraumatischen Belastungsstörung (posttraumatisches Belastungssyndrom) unter einem Trauma leiden, zeigen ebenfalls oft agitiertes Verhalten, gemeinsam mit Unruhe, Angst und Desorientierung. Dies ist wahrscheinlich auf den erhöhten Aufmerksamkeits- und Erregungszustand zurückzuführen, in dem sich der Betroffene direkt nach einem Trauma oder aber im Zuge von Flashbacks befindet.

Nicht zuletzt tritt agitiertes Verhalten oft im Rahmen einer Demenz auf und äußert sich beispielsweise als „Herumwandern“ der Erkrankten. Die anderen genannten Ursachen müssen durch Tests und genaue Betrachtung der Symptome von einer Depression abgegrenzt werden.


Depressionen: Arten / Formen, Symptome / Diagnosekriterien, Behandlung / Therapie


Agitierte Depression – Symptome und Erscheinungsbild

Agitierte Depressionen zeichnen sich insbesondere durch folgende Symptome aus – die jedoch auch als Teil anderer Depressionsformen auftreten können:

  • Schlaflosigkeit
  • übermäßiger, unermüdlicher Bewegungsdrang
  • Unruhe, Rastlosigkeit, Getriebenheit
  • permanentes, oft ungerichtetes Denken und Handeln
  • verstärktes, oft zielloses Redebedürfnis, ausführliches Beklagen
  • Perfektionismus
  • gesteigerter Antrieb

Nicht selten kommen auch Ängste hinzu, wahlweise als Symptom oder eigenständige Erkrankung im Rahmen einer Komorbidität. In einigen Fällen ist auch gereiztes oder aggressives Verhalten möglich.

Oft werden mit den Symptomen der Agitiertheit die eigentlichen Symptome der Depression, die sich vor allem in Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit äußern, bewusst oder unbewusst überspielt. Das bedeutet jedoch nicht, dass diese nicht ebenfalls existieren. Daher sollte im Falle von agitiertem Verhalten besonderes Augenmerk darauf gelegt werden, ob weitere, depressionstypische Anzeichen auftreten (siehe auch: Bin ich depressiv?).

Zurzeit noch in der Diskussion steht die Frage, ob Verhaltensstörungen, die mit übersteigertem Gesundheitsbewusstsein, extremen Ernährungsgewohnheiten oder ungewöhnlich ausgeprägtem sportlichem Ehrgeiz einhergehen, ebenfalls mit dem Krankheitsbild „agitiert depressiv“ in Verbindung stehen könnten.

Diagnose „agitiert depressiv“

Als Diagnosemöglichkeiten für „agitiert depressiv“ dienen zunächst die Kriterien, nach denen Depressionen im Allgemeinen beurteilt werden. Bei der Anamnese sollte die Möglichkeit in Betracht gezogen werden, dass sich Betroffene subjektiv nicht unbedingt als erkrankt empfinden. Da Depressionen häufig eher mit Rückzug und Teilnahmslosigkeit als mit Bewegungsdrang und Rastlosigkeit in Verbindung gebracht werden, werden diese oft erst spät erkannt. Existiert allerdings weder Einsicht noch deutlicher Leidensdruck bei einem Betroffenen, ist eine Diagnosestellung und Behandlung kaum aussichtsreich oder erwünscht. Andererseits ist es möglich, dass Erkrankte unter erheblichem Leidensdruck stehen, ihre Symptome jedoch nicht zuordnen können – in diesem Fall wird eine Diagnose nicht selten mit Erleichterung aufgenommen. Das gilt besonders dann, wenn eine längere Ärzteodyssee vorausging.

Agitiert depressiv? Agitation bzw. Agitiertheit im Zusammenspiel depressiver Symptomatiken wird oft nicht oder erst sehr spät richtig diagnostiziert (© dobok / stock.adobe.com)
Agitiert depressiv? Agitation bzw. Agitiertheit im Zusammenspiel depressiver Symptomatiken wird oft nicht oder erst sehr spät richtig diagnostiziert (© dobok / stock.adobe.com)

Ursachen

Die Ursachen einer Depression sind nach wie vor nicht ausreichend bekannt. Unterschiedliche Studien, Erfahrungsberichte und Auswertungen kommen zu dem Schluss, dass vermutlich verschiedene Faktoren eine Rolle spielen. Ob und welche ausschlaggebend sind, ist jedoch ungeklärt, es steht zudem zu vermuten, dass sich dies ohnehin nicht einheitlich für alle Depressionen gleichermaßen annehmen lässt. Als wahrscheinlich ist anzusehen, dass sowohl biografische Ereignisse wie Traumata und ungünstige Lebensumstände als auch hormonelle Ursachen eine Rolle spielen können. Zudem scheint die grundlegende Vulnerabilität von Mensch zu Mensch zu variieren (vgl. auch Resilienzfaktoren). Für Betroffene sind häufig vor allem die biografischen Faktoren wichtig, da sie durch eine Aufarbeitung im Rahmen einer Therapie an Einfluss auf die psychische Gesundheit verlieren können.


Buch: "Therapie-Tools: Depression" - Wie können Therapeuten mit Patienten umgehen, die depressiv sind und Agitiertheit bzw. agitiertes Verhalten zeigen? (Amazon)
Buch: „Therapie-Tools: Depression“ – Wie können Therapeuten mit Patienten umgehen, die depressiv sind und Agitiertheit bzw. agitiertes Verhalten zeigen? (Amazon)

Behandlung von Depressionen mit Agitiertheit

Die grundsätzlichen Behandlungsansätze für agitierte Depressionen gleichen denen für andere Depressionsarten und richten sich nach der Schwere der Erkrankung sowie den Symptomen und Bedürfnissen des Betroffenen. Infrage kommen in erster Linie Psychotherapie (siehe Gesprächspsychotherapie, analytische Psychotherapie), aber auch Veränderungen der Lebensumstände, Sport und pflanzliche Mittel (siehe auch pflanzliche Psychopharmaka). In schweren Fällen können weiterhin Medikamente oder stationäre Aufenthalte eine Alternative bieten. In diesem Fall sind weniger Medikamente mit Antriebssteigerung, sondern eher Präparate mit leicht sedierender Wirkung angeraten, die agitiertes Verhalten dämpfen. Diese können, auch aufgrund der Gefahr einer Abhängigkeitserkrankung, jedoch nur als kurzfristige Maßnahme dienen, um den akuten Leidensdruck zu mildern und psychotherapeutische Interventionen zu ermöglichen. Auch im Rahmen der Therapie ist als Erstmaßnahme eine beruhigende Einwirkung auf den Betroffenen sinnvoll. Hierzu sollte der Therapeut Gelassenheit vermitteln und gleichzeitig deutlich werden lassen, dass er die Sorgen und Symptome des Patienten ernst nimmt.

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