Neurotransmitter - und ihre Rolle im Kontext psychischer Erkrankungen (© psdesign1 / Fotolia)

Neurotransmitter – und ihre Rolle im Kontext psychischer Erkrankungen

Bei einem Neurotransmitter haben wir es nicht etwa mit einer Technologie zu tun, die etwas mit Raumfahrt zu tun hat, sondern mit chemischen Substanzen. Diese sind per Definition in der Lage, Erregung im Körper weiterzuleiten. In diesem Begriff stecken bereits die Begriffsteile „Neuro-“ für Nerven, und „Transmitter“ für übermitteln. Es geht hier also um chemische Botenstoffe, die Reize von Zelle zu Zelle weiterleiten können. Das klingt simpel, ist in Wahrheit aber ein komplexer Prozess, der diverse Beteiligte erfordert. Zu diesen gehören Axone, Neuronen, Bläschen, Ionenpumpen und Rezeptoren. Es würde zu weit vom Thema ab führen, das genauer zu erklären. Nachzulesen sind die Definition des Begriffs, und alle Details gegebenenfalls in der Wikipedia.

Unterteilt werden die Neurotransmitter in verschiedene Gruppen:

  • lösliche Gase
  • biogene Amine
  • Aminosäuren
  • Neuropeptide
  • und körpereigene Cannabinoide, sogenannte Endocannabinoide.

Quellen:

Welche Neurotransmitter gehören in diese Gruppen?

Einige der Neurotransmitter sind bei psychischen Erkrankungen oder depressiven Störungen wichtig. Sie können in Medikamente eingebaut werden, um die gewünschte Wirkung zu entfalten. Zu den löslichen Gasen, die als Neurotransmitter wirken, gehören das Stickstoffmonoxid und das Kohlenstoffmonoxid. Die biogenen Amine mit Transmitterfunktion sind das Acetylcholin, die drei Katecholamine Noradrenalin, Dopamin und Adrenalin, das Serotonin, das Histamin und das Dimethyltryptamin. Einige dieser biogenen Amine sind den meisten Menschen schon einmal über den Weg gelaufen, zum Beispiel das Adrenalin oder das Histamin.

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Bei den Aminosäuren haben wir es einerseits mit den inhibitorisch wirkenden Aminosäure-Transmittern zu tun. Dazu gehören die γ-Aminobuttersäure, die auch als GABA bekannt ist (vgl. GABA Mangel), das Taurin, das Glycin und das β-Alanin. Andererseits gehören in diese Sparte aber auch die sogenannten exzitatorischen Aminosäure-Transmitter Cystein – nämlich die Glutamin- und die Asparaginsäure sowie das Homocystein. Eine weitere Gruppe der Neurotransmitter sind die Neuropeptide. Das bekannteste Neuropeptid ist das Insulin, das zweitbekannteste das Glukagon. Außerdem gehören noch die Endorphine und Enkephaline, die Substanz P, das Somatostatin und das α-Endopsychosin dazu. Unser Organismus produziert körpereigene Cannabinoide. Die sogenannten Endocannabinoide, die als Transmitter tätig sind, heißen Anandamid, 2-Arachidonylglycerol und O-Arachidonylethanolamid.

Bereits diese Liste verdeutlicht, wie komplex körpereigene Prozesse sind, die Neurotransmitter beinhalten. Erstens muss der Organismus diese als solche erkennen. Zweitens kann er einige dieser Botenstoffe selbst herstellen. Andere erhält er über die Nahrung oder durch die Umwandlung anderer Stoffe. Weiterhin müssen verschiedene Beteiligte dafür sorgen, dass diese Substanzen ihrer Aufgabe als Botenstoffe überhaupt nachkommen können. Unter anderem sind dabei Co-Transmitter im Spiel, die der Organismus ausschüttet. Diese dienen regulierend und ausgleichend als Neuromodulatoren bei der Erregungsübertragung. Last not least wirken die verschiedenen Neurotransmitter auf unterschiedliche Zellarten, beispielsweise die Skelettmuskelfasern oder die Herzmuskelfasern. Kommen wir nun zur Funktion von Neurotransmittern bei psychischen Erkrankungen.

Quellen:

Die Welt der Neurotransmitter: Dopamin, Botenstoff, Gehirn, Nervenzellen, Neuronen, Synapse, Medikamente (© Zerbor / stock.adobe.com)
Die Welt der Neurotransmitter: Dopamin, Botenstoff, Gehirn, Nervenzellen, Neuronen, Synapse, Medikamente (© Zerbor / stock.adobe.com)

Was verbindet Neurotransmitter und psychische Erkrankungen?

Ausführlicher als in diesem Skript kann kaum jemand auf die Zusammenhänge von Neurotransmittern als Botenstoffe im Bereich der psychischen Erkrankungen hinweisen. Bereits aus dem Inhaltsverzeichnis lässt sich erlesen, dass

  • Serotonin und Depressionen
  • GABA und Angsterkrankungen
  • Serotonin und Angsterkrankungen
  • Dopamin und Schizophrenie
  • Neurotransmitter und Demenz

etwas miteinander zu tun haben. Offensichtlich können Mängel oder Überschüsse, oder eine Störung im komplexen Funktionskreis solcher Substanzen Fehlfunktionen mit fatalen Folgen für die Psyche auslösen. Wenn diese Botenstoffe nicht exakt das leisten, wofür sie da sind, kommt es zu Depressionen, Angst- oder Zwangsstörungen. Daher enthalten viele Medikamente gegen Angst, oder Psychopharmaka gegen Depressionen einen der oben genannten Botenstoffe. Alternativ beeinflussen die verabreichten Medikamente die Wirkungsweise solcher Botenstoffe, indem sie diese Stoffe blockieren oder ihre Ausschüttung bzw. Produktion stimulieren. Mit Medikamenten auf Basis von Neurotransmittern können die Mediziner psychische Erkrankungen zwar nicht heilen, aber zumindest durch einen biochemischen Ausgleich stabil halten. Die begleitenden Symptome werden gelindert, und die Betroffenen erleben wieder mehr Lebensqualität.

Psychotherapie und Neurobiologie: Neurowissenschaftliche Erkenntnisse für die psychotherapeutische Praxis (Amazon)
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Neurotransmitter sind aber auch noch in vielen anderen Zusammenhängen wichtig im Organismus. Sie leiten ja nicht nur Reize an Nervenzellen weiter, sondern auch an Muskelfaserzellen oder andere. So beeinflussen diese Botenstoffe beispielsweise die Gedächtnisleistung oder das Konzentrationsvermögen, die Kreativität oder das Durchhaltevermögen. Sie erregen oder dämpfen an den unterschiedlichsten Stellen. Sie können Muskelschmerzen ebenso auslösen, wie Herzbeschwerden.

Quellen:

Die Rolle des Serotonins

Serotonin wird aus einer Aminosäure namens Tryptophan gebildet. Es gelangt über die sogenannte Blut-Hirn-Schranke ins Gehirn. Die Wirkung von Serotonin ist abhängig von Serotoninrezeptoren. Die nehmen wiederum Einfluss auf die Schlafqualität, die Bewegungssteuerung, die Gedächtnisleistungen, das Schmerzempfinden, die Stimmung oder die Hormonausschüttungen. Ein Mangel an Serotonin wird für Depressionen, Labilität, Neurosen, Zwangsstörungen, Panikattacken, Phobien und Aggressionen verantwortlich gemacht. Andererseits wird jedoch nicht bei jeder Depression ein Serotoninmangel diagnostiziert. Depressionen können also auch anders verursacht werden. Um die Serotoninkonzentration im Gehirn zu erhöhen, werden häufig Serotonin-Wiederaufnahmehemmer als Psychopharmaka verschieben. Außer psychischen Störungen kann ein Serotoninmangel auch körperliche Symptome wie Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, Hunger, einen Reizdarm, Ein- und Durchschlafstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Bluthochdruck verursachen.

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Quellen:

Was bewirkt das Dopamin im Gehirn?

Dieser Neurotransmitter wird zu den Katecholaminen gerechnet, die durch die Aminosäure Tyrosin gebildet werden. Als Vorstufe von Dopamin, Noradrenalin und Adrenalin wird zunächst Dopa gebildet. Dopamin-Anteile sind unter den Katecholaminen im Gehirn mit 80 Prozent gut vertreten. Von den Millionen Nervenzellen sind aber nur 200.000 auf Dopamin angewiesen. Die Wichtigkeit dieses Botenstoffes sollte trotzdem niemand unterschätzen, denn Dopamin ist an fast allen psychischen Funktionen beteiligt. Von den drei „dopaminergen“ Systemen ist das mesolimbische System am deutlichen mit psychischen Erkrankungen verbunden. Ein Dopaminmangel kann zu Antriebsschwäche, Aktivitätsverminderung und erhöhter Depressivität beitragen. Der Dopamin-Stoffwechsel ist auf Mikronährstoffe wie Kupfer, Eisen und Vitamin angewiesen.

Quellen:

Was hat die Psyche mit GABA oder Glutaminsäure zu tun?

GABA ist das Kürzel für die Gamma-Amino-Buttersäure. Diese wird aus Glutaminsäure hergestellt. GABA gilt als wichtigster inhibitorischer bzw. dämpfender Neurotransmitter im Zentralnervensystem. Ein Drittel aller Neuronen im Zentralnervensystem schütten GABA aus. GABA dient der Beruhigung, aber wenn diese Funktion dieses Neurotransmitters unterdrückt wird, sind Störungen bei Gedächtnisprozessen eine mögliche Folge.

Auch die Glutaminsäure gehört zu den Aminosäuren, die als Neurotransmitter fungieren. Sie ist als Erreger ein Antagonist zum beruhigenden GABA. Überschüsse an Glutaminsäure können Nervenzellschädigungen verursachen. Jeder kennt die Glutaminsäure übrigens – als Geschmacksverstärker namens Glutamat.

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Glycin, Noradrenalin und Acetylcholin

Glycin gehört ebenfalls zu den Aminosäuren, die gleichzeitig Neurotransmitter sind. Glycin wirkt in Rückenmarks- und Hirnstamm-Nervenzellen des Rückenmarks und im Hirnstamm erregungsdämpfend. Es beeinflusst außerdem unsere Bewegungsabläufe sowie Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsleistungen.

Störungen beim Noradrenalin können ebenso wie Noradrenalin-Mängel zu Depressionen führen. Das zumindest schließen die Mediziner daraus, dass Depressionen sich bei einem nachgewiesenen Noradrenalin-Mangel mit den sogenannten Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern therapieren lassen (NARI). Es ist also tatsächlich nicht immer das Serotonin, das für depressive Episoden verantwortlich ist. Noradrenalin ist ein Katecholamin, das vom Organismus aus den Aminosäuren Tyrosin und Phenylalanin hergestellt wird.

Acetylcholin beeinflusst unter anderem die Erregungsweiterleitung zwischen Nerven und Muskel im vegetativen Nervensystem und die Gedächtnisleistung. Es kann aus Cholin hergestellt werden. Cholin wird zuvor aus den Aminosäuren Serin und Glycin synthetisiert.

Alle eben genannten Substanzen beeinflussen als den Sympathikus oder den Parasympathikus, die als Gegenspieler voneinander verstanden werden können. Sympathikus, Parasympathikus und Darmnervensystem gehören zum autonomen bzw. vegetativem Nervensystem. Dessen Aufgabe besteht darin, regulieren Anpassungen im Organismus vorzunehmen, damit alles in Balance bleibt.

Vegetatives Nervensystem beruhigen

Quellen:

Medikamente gegen Angst, Psychopharmaka und Antidepressiva

Psychische Erkrankungen werden häufig durch Psychopharmaka oder Antipsychotika behandelt, die mit diesen Neurotransmittern versehen wurden. Viele Medikamente gegen Angst, viele Antidepressiva und Antipsychotika, sowie Medikamente gegen andere psychische Erkrankungen wie Neurosen oder Zwangsstörungen, werden mit Präparaten wie Sertralin, Escitalopram, Doxepin, Paroxetin, Citalopram, Opipramol, Mirtazapin, Fluoxetin, Cymbalta oder Trimipramin behandelt. Diese Liste ist eindrucksvoll lang. Doch bei allen genannten Medikamenten handelt es sich um medizinische Präparate, die Einfluss auf das zentrale oder vegetative Nervensystem und den Stoffwechsel der oben genannten Botenstoffe nehmen.

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Antipsychotika

Auch wenn die Wissenschaftler bis heute nicht alle Details der komplexen Vorgänge im Gehirn nachvollziehen können, sehen sie anhand der positiven Wirkung solcher verschreibungspflichtigen Arzneipräparate, dass diese im Gehirn-Stoffwechsel eine wichtige Rolle spielen. Ein Noradrenalin- oder Dopaminmangel im Gehirn kann aus naheliegenden Gründen bisher nicht am lebenden Menschen gemessen werden. Er kann lediglich als Langzeitwert über den Urin ermittelt werden. Außerdem kann er durch Entnahme von Blutplasma bestimmt werden. Beides verlangt akkurate Vorbereitung und viel Geduld beim Patienten.

Wichtig ist, dass mit den Serotonin- oder Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern, den Dopamin-haltigen Medikamenten und ähnlichen Präparaten eine hilfreiche Medizin gegen solche Störungen entwickelt wurde. Da diese Präparate aber häufig unerwünschte Nebenwirkungen (siehe Antidepressiva Nebenwirkungen) haben, und zudem nicht für jede psychische Erkrankung geeignet sind, sind von den Betroffenen immer auch pflanzliche Arzneimittel wie pflanzliche Stimmungsaufheller oder pflanzliche Beruhigungsmittel in Erwägung zu ziehen. Bei mittelschweren bis schweren psychischen Problemen sind diese Arzneimittel allerdings nicht wirksam genug. Hier ist eine Selbstbehandlung grundsätzlich nicht anzeigt. Stattdessen sollte ein Facharzt für Nervenheilkunde oder ein Psychiater die Verordnung vornehmen.

Quellen:

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Dr. Jan Martin - Virtueller Chefredakteur - Digitale Redaktionsleitung Dr. Jan Martin ist virtueller Chefredakteuer von www.angst-verstehen.de. Er ist das Außengesicht der digitalen Redaktionsleitung, verantwortlich für Qualitätssicherung und Publikation der Texte der Redaktion.