Phobie oder Therapie - Angstpatienten mit ausgeprägtem Vermeidungsverhalten müssen sich entscheiden, ob sie ihre Ängste und Vermeidungsstrategien mit professioneller Hilfe überwinden wollen (© L. Klauser / Fotolia)

Vermeidungsverhalten bei Angst – Kern des Problems und Ansatzpunkt in der Therapie von Angsterkrankungen

Vermeidungsverhalten ist etwas, mit dem jeder Mensch in seinem Leben auf die ein oder andere Art und Weise konfrontiert wird. Die Spannbreite dieses Terminus reicht von kleineren, kaum auffälligen Ausprägungen bis hin zu erheblichen Einschränkungen des alltäglichen Lebens im Kontext von schweren Angststörungen / Angsterkrankungen. Schon allein zum eigenen Schutz und der Angstprävention ist es wichtig, sich mit Vermeidungsverhalten und Vermeidungsstrategien auseinanderzusetzen und Warnsignale bei anderen Menschen, aber auch bei sich selbst erkennen zu können.

Eine Einleitung: Was ist Vermeidungsverhalten?

Per Definition setzt sich Vermeidungsverhalten zusammen aus „Verhaltensweisen, die gezeigt werden, um einen unangenehmen Reiz zu vermeiden“ (Brunner & Zeltner, 1980). Diese Erklärung ist sehr allgemein und weit gefasst und deckt ein entsprechend umfangreiches Spektrum an Meidungsverhalten ab.

Um es ein wenig verständlicher werden zu lassen, ist es sinnvoll, den Begriff weiter aufzuarbeiten.

  • Das Wort Vermeidung bezieht sich normalerweise auf Situationen, in denen Menschen mit Gefahr konfrontiert werden. In diesen gefährlichen Begegnungen muss sich der Mensch auf einen Kampf, eine Flucht oder auch Panik vorbereiten.
  • Vermeidungsverhalten soll helfen, diesen Situationen aus dem Weg zu gehen. Es kann somit den Menschen vor Gefahren oder enormer psychischer, wie auch physischer Belastung schützen.

Dies ist aber nur die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite kann Vermeidungsverhalten das menschliche Leben enorm einschränken. Was anfangs einfach nur das Meiden unangenehmer Situationen ist, kann sich zu einem Teufelskreislauf verselbstständigen. Typische Folgen sind sozialer Rückzug, eine immer kleiner werdende „Komfortzone“, Depressionen, Medikamenten-/Alkoholmissbrauch bis hin zu Suizid. – Das ist nicht übertrieben; das passiert jährlich hunderttausendfach in Deutschland! – Entsprechend Ängste mit Vermeidungsverhalten zu erkennen und auch zu behandeln, zu überwinden – das kann geübt werden (siehe Ängste überwinden). Und das beschäftigt unter anderem Zehntausende Psychotherapeuten in der Psychotherapie (Verhaltenstherapie, Konfrontationstherapie) wie auch Coaches und Business-/Erfolgs-Trainer in ihrer Alltagsarbeit das ganze Jahr über. Denn oft ist das Coaching nichts anderes als eine (Psycho-)Therapie der betroffenen Klienten.

Wie kommt Meidungsverhalten zustande?

Vermeidungsverhalten ist wie vieles etwas, das der Mensch erst lernen muss bzw. (im negativen Sinne) erlernt hat. Hierbei kann man sich an den Ansätzen zur operanten und klassischen Konditionierung orientieren:

  1. Am Anfang steht die negative Erfahrung. Ein Mensch tritt zum Beispiel mit einem Hund in Kontakt und wird gebissen.
  2. Dieser körperliche Schmerz und die Panik werden mit dem Auslöser verknüpft – der Hund löst fortan Angst aus.
  3. Um diesen negativen Gefühlen zu entgehen, vermeidet der Mensch zukünftig Begegnungen mit dem negativen Auslöser. Sieht er einen Hund, wird er stets die andere Richtung wählen, um ihm aus dem Weg zu gehen.
  4. Dadurch, dass die Angst durch die Vermeidung der Begegnung vermieden wird (Vermeiden als „Bewältigungsstrategie“), erfährt der Mensch eine positive Verstärkung seines Verhaltens.
  5. So ist Vermeidungsverhalten ein Teufelskreislauf, der sich immer wieder aufs Neue selbst verstärkt und herbeiführt.

Skinner nannte dieses Phänomen Negative Verstärkung, also das Ausbleiben eines negativen Reizes durch Vermeidungsstrategien.

Natürlich dient dieses Verhalten ursprünglich dem Schutz des Menschen.

  • Wer bei einem Bienenstich bemerkt, dass er allergisch darauf reagiert, wird in Zukunft jede Begegnung mit dem Tier meiden. Das braucht der Mensch um das eigene Überleben zu sichern.
  • Wer aber einem Hund für den Rest seines Lebens aus dem Weg geht, der wird niemals erfahren, dass es viele Hunde gibt, die nicht beißen und die nicht gefährlich sind.

Auch wenn er sich rational darüber im Klaren ist, heißt das nicht, dass er vernünftig an die Konfrontation herangehen kann. Die imaginäre Komponente, das heißt die Vorstellungskraft, spielt bei gelerntem Vermeidungsverhalten eine große Rolle.

Doch was kann dieses Verhalten auslösen?

Gründe für Vermeidungsverhalten, Ursachen

Die Gründe für Vermeidungsverhalten sind vielfältig. Sie reichen von einer unangenehmen Erfahrung im Klassenzimmer bis hin zu schweren Traumata. In dem Fall mit dem Hund ist physischer Schmerz der Auslöser. Natürlich ist dieser jedoch nicht der einzige Grund für Vermeidungsverhalten.

Nahezu jede menschliche, negative Emotion kann dazu führen. Wer sich vor vielen Menschen blamiert wird eine Situation genauso meiden, wie jemand, der negative Kritik erhalten hat. Wer Opfer eines Verbrechens geworden ist und unter einem Trauma leidet, wird den Ort oder die Ursache dieses Geschehens mit allen Strategien meiden wollen.

Die Ursache für Vermeidungsverhalten kann im Grunde jede angstbesetzte Situation, jedes angstbesetzte Tier oder jeder angstbesetzte Mensch sein.

Doch wie genau äußert sich dieses Verhalten?

Formen von Vermeidungsverhalten

Der Mensch kann sich verschiedene Vermeidungsstrategien „zunutze“ machen, um der ungewollten Situation zu umgehen. Generell wird in der Psychologie zwischen sechs unterschiedlichen Arten unterschieden:

  • Aufschieben
  • „Vogel Strauß“
  • Verleugnen
  • Projektion
  • Schuldzuweisung
  • Vermeiden
  1. Die Strategie des Aufschiebens wurde sicherlich von jedem Menschen schon genutzt. Wer einer unerwünschten Situation aus dem Weg gehen will, der schiebt sie vor sich her und findet immer Gründe, warum genau heute nicht der richtige Tag ist, um sich damit auseinanderzusetzen.
  2. Der „Vogel Strauß“ orientiert sich an seinem tierischen Namensgeber – er verschließt die Augen vor dem Problem (steckt sprichwörtlich den Kopf in den Sand) und tut so, als wäre es nicht vorhanden.
  3. Der Mensch der verleugnet, geht ähnlich vor, nur versucht er zusätzlich, das Problem schönzureden. Je schlimmer die Situation war, desto eher versucht er positive Seiten daran hervorzuheben, um der Konfrontation mit dem Negativen aus dem Weg zu gehen.
  4. Wer projiziert, der schiebt alles Negative weg von der eigenen Person und schreibt es anderen zu. Positives jedoch sieht dieser Mensch nur bei sich selber.
  5. Die Strategie der Schuldzuweisung funktioniert ähnlich. Die betroffene Person weist jegliche Schuld von sich und macht andere für seine missliche Lage oder seine Probleme verantwortlich. Dahinter steckt der Wunsch, sich nicht mit den eigenen Fehlern auseinandersetzen zu müssen.
  6. Die letzte Strategie ist vielleicht die, die am schwierigsten zu diagnostizieren ist. Das Vermeiden ist vor allem ein körperliches Phänomen, um Problemen aus dem Weg zu gehen. So erleidet der Betroffene alle möglichen körperlichen Leiden wie Magenprobleme oder Kopfschmerzen, damit die ungewollte Situation nicht eintreten kann. Das Tückische daran ist, dass diese Strategie nicht bewusst eingesetzt wird, sondern vom Körper unbewusst gesteuert wird.
Vermeidungsverhalten überwinden - Angst durch Konfrontation / Therapie behandeln? (© aaabbc / Fotolia)
Vermeidungsverhalten überwinden – Angst durch Konfrontation / Therapie behandeln? (© aaabbc / Fotolia)

Konsequenzen von Vermeidungsverhalten

Die Konsequenzen von Vermeidungsverhalten sind weitreichend. Wer es internalisiert hat und selbst kaum noch bemerkt, dass er danach handelt, der kann unter vielfachen Problemen leiden.

So sind es oft gerade die Menschen, die all ihren Problemen und negativen Erlebnissen und Emotionen aus dem Weg gehen, diejenigen, die am öftesten mit Depression und Frustration (inkl. Lebensunzufriedenheit) zu kämpfen haben.

Wer sich keinen Gefahren stellt wird auch niemals über sich hinauswachsen, sich überwinden, Erfolgserlebnisse haben. Er wird sich nie für etwas belohnen können, das er erreicht hat, obwohl er Furcht davor hatte.

Viele Menschen leiden auch so sehr unter ihren Ängsten, dass sie aus dem sozialen Leben völlig zurücktreten. Dieser soziale Rückzug geht oft einher mit der Diagnose einer selbstunsicheren Persönlichkeitsstörung („selbstunsicher-vermeidende Persönlichkeitsstörung„) . Betroffenen meiden den Kontakt zu ihren Mitmenschen und sie sehen sich unfähig, zum Beispiel dem normalen Arbeitsalltag zu folgen. Daraus können sich auch eine echte Angststörung / Angsterkrankung bis hin zu dramatischen Phobien entwickeln, die für den Betroffenen selbst nicht leicht bzw. nicht mehr zu bekämpfen sind. Siehe zum Beispiel die immer häufiger diagnostizierte Sozialphobie.

Nicht ausgeschlossen ist auch die Flucht des Menschen in eine imaginäre Realität, um den Problemen des „wirklichen“ Lebens zu entfliehen. Dieser sogenannte Eskapismus ist eine oft unbewusst stattfindende Flucht aus vor Ängsten.

All diese Mechanismen können jedoch durch Therapie, Medikamente und Übungen bekämpft und überwunden werden.

Therapiemöglichkeiten

Selbst-Therapie und Übungen

Wer selbst sein Vermeidungsverhalten (inkl. der Ursachen und Konsequenzen) erkannt hat und es bewusst bekämpfen möchte, der kann sich an einigen Übungen zu kleinen Fortschritten entlanghangeln.

Hierbei ist vor allem Disziplin unumgänglich. Wer sein Problem ernsthaft angehen will, der darf sich selbst keine Ausnahmen gestatten. Die Grundregel: „Du sollst nicht kneifen“.

  1. Zu Beginn ist es wichtig, dass der Betroffene bereit ist, sein Problem zu erkennen und es als solches anzuerkennen.
  2. Dann sollte er beginnen, nach dem Grund für seine Ängste oder seinen Unmut zu suchen. Gab es einen konkreten Auslöser für dieses Verhalten? Wann hat das Problem angefangen? Der Betroffene sollte versuchen, sich diese Situation erneut vor Augen zu führen und sich mit den eigenen Emotionen zu beschäftigen. Welcher Moment hat welches Gefühl ausgelöst?
  3. Am effektivsten ist es, wenn diesen negativen Emotionen durch positive entgegengewirkt wird. Angenehme Musik, Yoga oder Meditationsübungen können helfen, dem Erlebnis gestärkt und entspannt entgegenzutreten.
  4. Dann kann das Einüben eines neuen (besser geeigneten) Verhaltens beginnen: Immer, wenn negative Gefühle, die mit dem ursprünglichen Problem zusammenhängen, auftreten, sollte der Betroffene versuchen, sich positive Erinnerungen oder Emotionen ins Gedächtnis zu rufen. Oft ist es auch an der Zeit, die eigene Einstellung zu ändern. Statt zu sagen „Ich mache das morgen.“ sollte man sich sagen „Wenn ich es jetzt erledige, dann habe ich es hinter mir. Und danach belohne ich mich mit einer Folge meiner liebsten Serie, einem Stück Schokolade oder einem guten Kaffee.“

Der größte Schritt bei der Selbsttherapie oder generell bei der Therapie von Angststörungen oder auch bei Phobien (wie zum Beispiel der Agoraphobie) ist die Konfrontationstherapie. Wer Angst hat vor Spinnen beispielsweise, sollte sich langsam und in kleinen Schritten seiner Furcht nähern. Vielleicht schaut der Betroffene sich erst einmal Bilder von Spinnen an, danach geht er in einen Zoo und zuletzt sucht er in einem Wald selbstständig nach kleinen Vertretern des Tieres (siehe auch unseren Artikel Angst vor Spinnen). So oder ähnlich kann ein selbsterstellter Plan aussehen, um sich dem eigenen Verhalten zu stellen. Zentral in dieser Behandlung ist der Wille, das eigene Verhalten zu ändern und die Intervention in das ursprüngliche Umgehungsverhalten.

Vermeidungsverhalten Spruch: Alles, was Du immer wolltest ist auf der anderen Seite der Deiner Angst. (© mrswilkins / Fotolia)
Alles, was Du immer wolltest ist auf der anderen Seite der Deiner Angst. (© mrswilkins / Fotolia)

Psychotherapie

Oft ist eine Selbsttherapie aber nicht ausreichend, um die Störung völlig zu entkräften. Dann kann auch eine Psychotherapie, eventuell in Kombination mit einer medikamentösen Behandlung, helfen. Die Patienten werden von einem Therapeuten bei ihrer Behandlung begleitet, diese wird individuell an jeden Fall angepasst. Von der Ursachenforschung über Verhaltenstherapie inkl. Konfrontationstherapie werden die Klienten nach und nach an sein Problem herangeführt.

Nicht nur bei tiefsitzenden Traumata oder schwerwiegenden psychischen Störungen (siehe psychische Probleme), sondern auch bei mittelschweren Panikstörungen und schon  „leichteren“ Angststörungen, selbstunsicher-vermeidenden Persönlichkeitsstörungen kann der Schritt, eine Therapie zu beginnen sehr sinnvoll sein!

Oft kann der Betroffene die Ursache seiner Panikstörung selbst nicht erkennen, weil er die Erinnerung an das auslösende Ereignis verdrängt hat. Dann können in der Gesprächstherapie auch Hilfsmittel wie Hypnose zum Einsatz kommen (siehe Hypnose gegen Angststörung), um dem Menschen bei der Erforschung seines Inneren zu Hilfe zu kommen.

Insgesamt ist Vermeidungsverhalten etwas, mit dem niemand alleine dasteht – wenn man sich helfen lässt! – Gerade durch die vielfältigen Auslöser und Ausprägungen leiden sehr viele Menschen unter diesem Verhalten – es ist in gewissem Umfang das normalste Verhalten im Umgang mit Angst. Dennoch ist es – gerade bei immer umfangreicherem Vermeiden –  wichtig, sich selbst das Problem einzugestehen und zu erkennen, dass es sich lohnt, dagegen vorzugehen. Dabei können auch Freunde oder Familie unterstützend mitwirken, indem sie die richtigen Impulse hin zu einer Konfrontation mit der unliebsamen Situation geben. Ob und in welcher Ausprägung eine Psychotherapie zum Einsatz kommen sollte, hängt stets von dem Individuum selbst ab. Gerade bei der Exposition mit dem Auslöser („Konfrontationstherapie“) kann es hilfreich sein, nicht alleine zu arbeiten.

Quellen

Videos