Tranquilizer Medikamente - Die Liste ist lang, ebenso die ihrer Nebenwirkungen ... (© ibreakstock / stock.adobe.com)

Tranquilizer Medikamente – Liste mit Übersicht zu Wirkung und Nebenwirkungen

Was sind Tranquilizer? – Das Wichtigste im Überblick

Tranquilizer gehörten jahrzehntelang zu den meistverordneten Medikamenten. Wenn von Tranquilantien die Rede ist, sind die sogenannten Benzodiazepine (umgangssprachlich: Benzos) gemeint. Laut Definition handelt es sich dabei um Beruhigungsmittel mit einer speziellen chemischen Struktur, die angewendet werden, um kurzfristig bestimmte seelische Zustände zu lindern.

Lesen Sie hier alles Wichtige über diese Präparate, deren Anwendungsgebiete, die Unterschiede zwischen den einzelnen Medikamenten und deren Gefahren.

Die Geschichte, die mit Librium anfing, über Valium weiterging und …

1960 lancierte das Pharmaunternehmen Hoffmann-La-Roche das Librium© (Chlordiaxepozid), das das erste Benzodiazepin darstellte. Es wurde von dem Pharmakologen Leo Sternbach synthetisiert. 1963 folgte das Valium© (Diazepam, ebenfalls von Leo Sternbach) und viele weitere Varianten. Dieser damals neue Typus von Medikament verdrängte die bis dahin dominierenden Barbiturate vom Markt, da die neuen Beruhigungsmittel als wesentlich sicherer galten, insbesondere was die Gefahr einer Überdosis angeht. Der spezifische Wirkmechanismus dieser Medikamente liegt darin begründet, dass sie an GABA-Rezeptoren im Gehirn andocken. GABA sind – kurz gesagt – hemmende Stoffe, sozusagen körpereigene Beruhigungsmittel. Durch Benzodiazepine wird die Wirkung von GABA verstärkt.

Anwendungsgebiete von Tranquilizern

Tranquilizer Medikamente wirken angstlösend, schlafanstossend, beruhigend, krampflösend, muskelentspannend und entspannend. Zum Teil berichten Konsumenten auch von einem euphorischen Gefühl nach der Einnahme. Aus diesem Wirkspektrum leiten sich die Anwendungsgebiete von Tranquilizern ab:

In der Akutpsychiatrie handelt es sich deswegen nach wie vor um unverzichtbare Medikamente. Da es sich bei einem Tranquilizer um ein starkes Beruhigungsmittel handelt, werden diese Präparate in der Akutpsychiatrie zum Beispiel auch verwendet, wenn ein Patient im Rahmen einer Psychose unter akutem Verfolgungswahn leidet, der für den Betroffenen und die Umwelt sehr belastend sein kann. Während der Wirkdauer dieser Mittel verschafft dies den Patienten Erleichterung. Hauptanwendungsgebiet sind hier Erregungs,- Unruhe- und Angstzustände (siehe auch: Zwangseinweisung Psychiatrie).

Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass es sich bei diesen Substanzen um Beruhigungsmittel handelt, die den Betroffenen kurzfristig Entlastung in einer psychischen Krise verschaffen sollen. Ein anderer Ausdruck für Beruhigungsmittel ist Sedativum.


Benzodiazepine – das Wichtigste erklärt


Unterschiede zwischen den Tranquilizern

Tranquilantien werden nach ihrer Wirkdauer unterschieden. Daraus leitet sich auch ihr Einsatzspektrum ab. Beruhigungsmittel von diesem Typ weisen eine unterschiedlich lange Halbwertszeit auf. Die Halbwertszeit bezeichnet den Zeitraum, nach dem noch die Hälfte der Substanz im Körper vorhanden ist.

Anbei finden Sie eine kurze Liste mit den gängigsten Tranquilizer Medikamente:

Kurzfristig wirksame Tranquilizer:

  • Midazolam (Dormicum©, 4 Stunden)
  • Triazolam (3 Stunden)

Anwendungsgebiete sind zum Beispiel Anästhesie vor operativen Eingriffen (Schlafmittel) oder Krampfanfälle im Rahmen von Epilepsien.

Mittelfristig wirksame Tranquilizer:

Diese Substanzen werden vor allem bei Angstzuständen wie Panikattacken angewandt. Angstzustände können für die Betroffenen sehr belastend und einengend sein. Jedoch wird die Ursache dieser Ängste durch diese Präparate nicht beseitigt, sondern es werden lediglich die Symptome unterdrückt. Angstpatienten sollten deswegen auf jeden Fall langfristig eine Therapie in Erwägung ziehen, um den Ursachen ihrer Ängste auf den Grund zu gehen und um diese auf diese Art zu beseitigen.

Langfristig wirksame Tranquilizer:

Diese Medikamente werden verwendet, wenn eine längerfristige Sedierung erwünscht ist. Da mit steigendem Lebensalter die Entgiftungsorgane nachlassen, sollten Substanzen wie Diazepam bei Senioren nicht verwendet werden. Wird zum Beispiel Diazepam längere Zeit eingenommen, kommt es zu einer Akkumulierung, d.h. Ansammlung der Substanz im Körper. Dies erklärt, warum die Sturzgefahr bei Senioren mit zum Teil gefährlichen Oberschenkelhalsbrüchen dann stärker gegeben ist, da Tranquilizer-Medikamente eine Gangunsicherheit und Koordinationsstörungen hervorrufen können.

Die oben genannte Liste erhebt natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Eine umfassende Liste mit den gängigsten Tranquilizern und den entsprechenden Handelsnamen finden Sie hier: en.wikipedia.org/wiki/List_of_benzodiazepines

Rezeptfrei sind diese Psychopharmaka in Deutschland nicht erhältlich. Sogenannte rezeptfreie Angebote im Internet sind in aller Regel Betrugsseiten. Dies gilt auch für Anbieter, die im Ausland sitzen, da die Zollkontrollen bei Medikamenten sehr streng sind. Bezieher dieser Mittel aus dem Ausland können deswegen ernste juristische Schwierigkeiten bekommen.

Gefahren von Tranquilizern

Seit der Jahrtausendwende sind die Verschreibungszahlen von Tranquilizern konstant rückläufig. Dies liegt unter anderem daran, dass die Behandlung mit diesen Mitteln immer nur kurzfristig angelegt sein sollte. Sie sind zwar geeignet, um zeitweilig Erleichterung bei seelischen Spannungszuständen zu bringen, jedoch bergen sie die Gefahr der Abhängigkeit und des Missbrauchs. Zudem beseitigen sie die eigentlichen Ursachen der seelischen Probleme nicht, sondern unterdrücken lediglich die Symptome.

Bereits nach wenigen Wochen des Gebrauchs entwickelt sich eine Toleranz. Schon nach vier bis sechs Wochen hat sich der Körper an das Mittel gewöhnt. Dies bedeutet, die Betroffenen benötigen immer höhere Dosen um die gleiche entspannende, angstlösende oder schlafanstoßende Wirkung zu erzielen. Aus diesem Grunde kann es vorkommen, dass Betroffene nach Jahren der Verwendung exorbitante Dosen benötigen, um „normal“ zu funktionieren, während andere mit den gleichen Dosen längst auf der Intensivstation liegen würden. Suchtmediziner berichten hier von schier unglaublichen Mengen, denen eine sehr starke Abhängigkeit von diesen Mitteln zugrunde liegt.

Da der seelische Zustand nach Einnahme dieser Mittel als sehr angenehm empfunden wird, birgt dies außerdem das Risiko des Missbrauchs. Mediziner sprechen dann von „Abusus“. Insofern ist es nicht weiter erstaunlich, dass Tranquilizer-Medikamente auch in der Drogenszene weit verbreitet sind. Sie werden hier verwendet, um den Kick durch das Heroin zu verstärken oder als Ersatzdroge, wenn kein Heroin verfügbar ist. Von Abusus spricht man dann, wenn der eigentliche Anlass für den Einsatz von Benzodiazepinen gar nicht mehr gegeben ist, sie aber weiter konsumiert werden, um einen angenehmen seelischen Zustand zu erzeugen. Mit der Zeit führt dies zur emotionalen und kognitiven Abstumpfung. Die Betroffenen werden gleichgültig und verlernen gleichzeitig, auf ihre eigenen psychischen Fähigkeiten zurückzugreifen, um mit Konflikten und Problemen umzugehen. Insofern bietet sich der Vergleich mit einer „Krücke“ an, die dazu führt, dass man mit der Zeit das Laufen völlig verlernt.

Inzwischen ist erwiesen, dass Tranquilizer bei Dauergebrauch zu Gedächtniseinbußen führen. Betroffene können sich neue Informationen schlechter merken und neigen zu Vergesslichkeit. Seit Jahren wird auch diskutiert, ob Tranquilizer-Medikamente bei Senioren die Gefahr der Entwicklung einer Demenz vom Alzheimer-Typus erhöhen. Bemerkenswert ist, dass das Gedächtnis schon nach einigen Wochen des Gebrauchs deutlich schlechter wird.

Nicht zu unterschätzen sind die Wechselwirkungen mit Alkohol. Alkohol und Tranquilantien verstärken sich wechselseitig in ihrer Wirkung. Aus diesem Grunde kann es zu unkontrollierten Wirkungen und lebensgefährlichen Zuständen wie Atemstillstand kommen. Wie bei den meisten anderen Psychopharmaka auch ist ein gleichzeitiger Konsum von Alkohol deswegen zu vermeiden. Ebenso ist zu berücksichtigen, ob es möglicherweise Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten (zum Beispiel anderen Psychopharmaka) gibt.

Hier finden Sie die wichtigsten Nebenwirkungen auf einen Blick:

  • Müdigkeit
  • Niedergeschlagenheit, depressive Erkrankungen können sich verstärken
  • verminderte Reaktionsfähigkeit (Stichwort: Fahrtüchtigkeit), Benommenheit
  • Gedächntnisstörungen
  • sogenannte paradoxe Reaktionen: Verwirrtheit und Erregung (vor allem hochdosiert und bei Senioren)
  • Schwindel
  • Muskelschwäche, Gangunsicherheit (Sturzgefahr)
  • sexuelle Dysfunktionen
  • Kopfschmerzen
  • Abstumpfung, emotionale und kognitive Einbussen
  • Atemstörungen

Hilfreiches Youtube-Video:

Zu den ungünstigen Entwicklungen bei einer Sucht gehört es auch, dass Betroffene zunehmend alle möglichen Tricks anwenden, um an weitere Rezepte zu kommen. Dies kann gravierende soziale Probleme nach sich ziehen und schadet der Selbstachtung der Betroffenen.

Entzug von Tranquilizern

In der Bundesrepublik Deutschland gibt es schätzungsweise 2 Millionen Abhängige von Tranquilantien, wobei der überwiegende Teil Frauen sind (während Männer eher zu Alkohol-Missbrauch neigen; siehe auch Alkoholismus Test). Jedoch variieren die Angaben, da ein Gutteil der Rezepte Privatrezepte sind, die nicht von Krankenkassen erfasst werden. Der Entzug kann sehr langwierig und schwierig sein. Dies hängt davon ab, welches Präparat konsumiert wurde (abhängig von der Halbwertszeit), in welcher Dosis, über welchen Zeitraum und natürlich ist dies auch abhängig von der individuellen Person.

Essenziell ist es, Tranquilantien nach längerem Gebrauch unbedingt schrittweise abzusetzen, da es ansonsten zu lebensgefährlichen Krampfanfällen kommen kann. Ein sogenannter kalter Entzug wird deswegen heutzutage nicht mehr durchgeführt. Dabei kann zu Beginn mit größeren Absetzschritten vorgegangen werden. Je mehr sich die Dosis gegen Null nähert, um so kleiner sollten die Absetzschritte sein. Viele ehemalige Benzodiazepin-Nutzer haben sich beim Absetzen am Leitfaden der britischen Medizinerin Heather Ashton orientiert, die als besondere Expertin für Benzodiazepine gilt: benzo.org.uk/manual/.

Wer es nicht schafft, schrittweise Tranquilantien selbst abzusetzen, sollte medizinische Hilfe in Anspruch nehmen. Eine erste Adresse hierfür ist der Hausarzt, es gibt jedoch auch Suchtmediziner, die sich auf ambulanten Entzug spezialisiert haben. Als Alternative kommt ein Klinikaufenthalt zur körperlichen Entgiftung in Frage.

Tranquilizer Medikamente absetzen

Beim Absetzen nach Dauergebrauch spielen zwei Faktoren eine Rolle, die einen Entzug schwierig machen können:

  • die psychische Abhängigkeit und
  • die körperliche Abhängigkeit.

Menschen, die Tranquilantien abgesetzt haben, berichten von Zittern, Schwitzen, Schlafstörungen, extremen Stimmungsschwankungen, Konzentrationsstörungen, Panikattacken nachts, verstärkter Angst bis hin zur Paranoia (Verfolgungswahn). Die ursprünglichen Symptome, die durch die Tranquilizer-Medikamente unterdrückt wurden, treten dann verstärkt wieder auf (sogenannter Rebound-Effekt). Dies wiederum kann so belastend werden, dass Betroffene doch wieder zu den Beruhigungsmitteln greifen – ein Teufelskreislauf.

Ein hilfreiches Video (wenn auch verstörend):

Bei der Abhängigkeitsentwicklung wird zwischen Niedrigdosis-Abhängigkeit (Low dose dependency mit Äquivalenzdosen kleiner als 20 mg Diazepam) und Hochdosis-Abhängigkeit (High dose dependency mit Äquivalendosen größer als 20 mg Diazepam) unterschieden. Bei den meisten Abhängigen handelt es sich um Niedrigdosis-Abhängige. Eine Umrechnungstabelle mit Äquivalenzdosen (als Maßstab gilt das Diazepam) finden Sie hier: psychiatrietogo.de/2012/01/29/benzodiazepin-aquivalenzdosierungen/.

Der richtige Umgang mit Tranquilizern

Es ist richtig, dass Tranquilantien durchaus positive Effekte haben und unter Umständen sogar lebensrettend sein können. Die WHO hat Diazepam beispielsweise bereits 1977 in die Liste der unentbehrlichen Medikamente aufgenommen, zu denen jeder Mensch weltweit Zugang haben sollte. Inzwischen sind auch Lorazepam und Midazolam hinzugekommen. In der Akutpsychiatrie sind sie nach wie vor unverzichtbar, wie bereits erwähnt wurde.

Mittlerweile sind aber auch deutlich die Gefahren dieser Mittel zu Tage getreten und schätzungsweise zwei Millionen Abhängige bundesweit sprechen eine deutliche Sprache. Missbrauch, Abhängigkeit sowie zahlreiche Nebenwirkungen sind Gefahrenpotenziale, die nicht von der Hand zu weisen sind. Deswegen stellt sich die Frage, was der richtige Umgang mit diesen Mitteln ist.

Viele Mediziner schrecken inzwischen davor zurück, Tranquilantien zu verschreiben, während es jahrzehntelang Usus war, diese Mittel sehr großzügig zu verordnen. In der Zwischenzeit haben deswegen viele Ärzte mittlerweile die Tendenz, die Verordnung von Tranquilantien zu verweigern und stattdessen auf Z-Substanzen (schlafanstoßende Medikamente wie Zolpidem oder Zopiclon) oder Antidepressiva auszuweichen. Einige Fachleute bestreiten aber, dass diese neueren Mittel tatsächlich sicherere Präparate sind, wie ursprünglich von der Pharmaindustrie behauptet wurde. Von Z-Substanzen ist inzwischen ebenfalls bekannt, dass sie zu einer Gewöhnung führen und 90 Prozent der ausgestellten Rezepte Dauerrezepte sind.

Viele Suchtexperten empfehlen deswegen bei der Verordnung die sogenannte 4-K-Regel (Definition):

  • klare Indikation
  • kurze Zeit
  • kleinste Packung/kleinste wirksame Dosis
  • kein abruptes Absetzen (ausschleichen)

Die Verordnung dieser Mittel erfordert eine strenge Nutzen-Risiko-Erwägung. Zudem sollten sowohl verordnender Arzt als auch der Patient selbst die Dauer und Menge der Einnahme streng im Blick haben. Nehmen Sie diese Mittel außerdem ausschließlich nach Rücksprache mit Ihrem Arzt ein und halten Sie sich an die verordnete Dosis (keine eigenmächtige Dosiserhöhung!) und an die verordnete Dauer der Einnahme. Grundsätzlich sollten Benzodiazepine nicht länger als sechs Wochen verordnet werden.


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