Das Medikament Mianserin ist ein Beispiel für tetrazyklische Antidepressiva. (© lyricsai - stock.adobe.com)

Tetrazyklische Antidepressiva und ihre Wirkung im Überblick

Tetrazyklika erklärt: Psychopharmaka der zweiten Generation erhöhen Noradrenalin- und Serotoninlevel

Unsere wechselnden Stimmungslagen sind äußeren Reizen, genetischer Disposition und dem sehr komplexen Zusammenspiel verschiedener Hormone und Botenstoffen (Neurotransmitter) und einigen weiteren Faktoren geschuldet. Auffällig ist, dass manifeste Depressionen, die am psychischen Empfinden und am Verhalten des Betroffenen festgemacht werden können, in der Regel von einer biochemisch nachweisbaren Störung der Balance verschiedener Neurotransmitter und Hormone im zentralen Nervensystem (ZNS) begleitet werden. Es ist dabei nicht hinreichend geklärt, ob die biochemischen Auffälligkeiten Ursache oder Auswirkung der Depression sind.

Eine besondere Rolle kommt den Gewebshormonen und Neurotransmittern Serotonin, Dopamin und Noradrenalin zu, weil ihr Level bei Vorliegen einer Depression deutlich gesenkt ist. Die Wirkung tetrazyklischer Antidepressiva (Tetrazyklika) zielt vor allem auf eine Erhöhung des Levels an Noradrenalin, Serotonin und Dopamin ab. Serotonin und Dopamin werden auch als Glückshormone bezeichnet, und Noradrenalin wirkt über Aktivierung des sympathischen Nervensystems positiv auf eine Vielzahl physiologischer Vorgänge. In seiner Rolle als Botenstoff wirkt es zudem als antriebsfördernd. Medikamente auf der Antidepressiva Liste, die einen der drei Wirkstoffe Maprotilin, Mianserin oder Mirtazapin enthalten, zählen zu den Tetrazyklika. Die Antidepressiva sind nicht rezeptfrei (vgl. Liste rezeptfreier Antidepressiva).


Neurotransmitter – und ihre Rolle im Kontext psychischer Erkrankungen


Wie lassen sich Tetrazyklika biochemisch definieren und was bewirken sie?

Die Bezeichnung tetrazyklische Antidepressiva oder Tetrazyklika gehen auf vier Kohlenstoffringe zurück, die Arzneiwirkstoffe dieser Klasse charakterisieren. Chemie und physiologische Eigenschaften der Tetrazyklika erinnern an trizyklische Antidepressiva mit nur drei Kohlenstoffringen, aus denen sie entwickelt wurden. Es ist erstaunlich, dass sich Substanzen mit derartig starker physiologischer Wirkung ausschließlich aus den drei Elementen Kohlenstoff (C), Wasserstoff (H) und Stickstoff (N) zusammensetzen. Alle drei Elemente stehen in unserer Biosphäre in praktisch unbegrenzter Menge zur Verfügung.

Die biochemische Wirkung der Tetrazyklika und auch der Trizyklika betrifft Vorgänge innerhalb der Synapsen zwischen den Verbindungen zweier Nerven (vgl. auch Psychopharmaka Wirkung im Gehirn). Die Signalübertragung von einer Nervenzelle an eine andere geschieht mittels spezieller Botenstoffe oder Transmitter, die in den synaptischen Spalt ausgeschüttet werden und anschließend entweder von der aussendenden Zelle wieder aufgenommen oder weiter verstoffwechselt werden. Tetrazyklika wirken dabei selektiv auf Synapsen, die mit dem Neurotransmitter Noradrenalin und Serotonin arbeiten. Ziel der Therapie besteht immer darin, einem Mangel an Noradrenalin und Serotonin im synaptischen Spalt entgegenzuwirken. Im positiven Fall werden dadurch z.B. Zukunftsängste, das Gefühl der inneren Leere und negatives Denken überwunden.

Eine Therapie mit tetrazyklischen Antidepressiva wird typischerweise bei einer Diagnose F32.1 g empfohlen. Es handelt sich dabei um eine mittelgradige depressive Episode. Die Behandlung sollte parallel und in Ergänzung zur Behandlung durch den Verhaltenstherapeuten erfolgen. Es handelt sich um ambulante Therapien ohne Einweisung in die Psychiatrie.

Wie unterscheiden sich einzelne tetrazyklische Antidepressiva in ihrer Wirkung?

Das Ziel der Therapie mit tetrazyklischen Antidepressiva besteht immer darin, durch eine Erhöhung des Levels an Noradrenalin im synaptischen Spalt die Symptome der Depression (vgl. Depression Test) zu lindern oder die Erkrankung völlig zu überwinden. Die drei zur Verfügung stehenden Tetrazyklika unterscheiden sich dabei ein wenig in ihren biochemischen Eigenschaften.

Maprotilin – biochemischer Wirkmechanismus, Indikationen und Dosierung

Der pharmakologische Wirkstoff Maprotilin ist unter anderem in folgender Liste von Medikamenten enthalten:

  • Maprotilin (verschiedene Pharmaunternehmen)
  • Deprilept
  • Ludiomil
  • Maprolu

Auch in Form von Generika steht der Arzneiwirkstoff Maprotilin zur Verfügung. Obige verschreibungspflichtige Medikamente werden gegen Depressionen und Angststörungen verordnet. Die Wirkung von Maprotilin ist ähnlich der eines Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmers. Dadurch erhöht sich zielkonform die Konzentration von Noradrenalin im synaptischen Spalt der Neuronen im ZNS. Prinzipiell entsteht dadurch eine antriebssteigernde und angstlösende Wirkung. Das Medikament wird deshalb auch als Anxiolytikum verschrieben.

Maprotilin wird in Form von Tabletten und als Injektionslösung angeboten. Die Dosierung sollte zur Minimierung unerwünschter Nebenwirkungen einschleichend mit 3 x 25 mg begonnen und auf maximal 150 mg als Tagesdosis gesteigert werden. Bei stationärem Aufenthalt kann die Tagesdosis bei Bedarf auf 225 mg gesteigert werden. Auch das Absetzen des Medikaments muss langsam (ausschleichend) gemäß Empfehlung des Arztes vorgenommen werden.

Mianserin – biochemischer Wirkmechanismus, Indikationen und Dosierung

Der Arzneimittelwirkstoff Mianserin aus der Klasse der Tetrazyklika wird gegen Depressionen, Angststörungen und gegen außerordentliche Unruhezustände verschrieben. Es existiert eine Reihe von Generika mit dem Wirkstoff. Die Hauptwirkung besteht in einer Wiederaufnahmehemmung von Noradrenalin im synaptischen Spalt der Neuronen im ZNS. Mianserin bindet auch an Histamin- und Serotoninrezeptoren sowie an Adrenozeptoren. Es entsteht dadurch auch eine sedierende Wirkung. Häufig wird die Behandlung von Gewichtszunahme (vgl. Antidepressiva ohne Gewichtszunahme) und von einer Blutdruckabnahme begleitet. Das Medikament eignet sich nicht zur Behandlung neuropathischer Schmerzen. Während der Behandlung sollte das Blutbild regelmäßig überprüft werden, weil sich ein Mangel an wichtigen Immunzellen wie Leukozyten, Thrombozyten, Agranulozyten und anderen ergeben kann.


Das Medikament Mianserin ist ein Beispiel für tetrazyklische Antidepressiva. (© lyricsai - stock.adobe.com)
Das Medikament Mianserin ist ein Beispiel für tetrazyklische Antidepressiva. (© lyricsai – stock.adobe.com)

Mianserin ist zur Behandlung einer Depression üblicherweise in Tablettenform verfügbar. Die Tagesdosis beträgt 30 bis 90 mg. Besonders für ältere Patienten ist es wichtig, dass zunächst mit der Einnahme einer geringen Dosis begonnen wird, bevor die angestrebte Dosis erreicht wird. Auch das Absetzen des Medikaments soll nicht abrupt erfolgen, sondern allmählich, also ausschleichend nach Maßgabe des Arztes. Bei der Behandlung mit Mianserin besteht unter bestimmten Umständen das Risiko einer gravierenden Störung der Blutbildung, so dass sich eine regelmäßige Kontrolle des Blutbildes empfiehlt. Beispielsweise kann es sich bei grippeähnlichen Symptomen um eine Agranulozytose, eine starke Verminderung der Bildung von Granulozyten handeln. Granulozyten gehören zu den wichtigsten weißen Blutkörperchen (Leukozyten). In diesem Fall muss das Medikament sofort abgesetzt werden.

Mirtazapin – biochemischer Wirkmechanismus, Indikationen und Dosierung

Der Arzneiwirkstoff Mirtazapin wird zwar unter die Wirkstoffklasse der Tetrazyklika eingeordnet, wird aber aufgrund seiner Wirkung als Hemmer bestimmter Serotoninrezeptoren und bestimmter anderer Rezeptoren auch den noradrenergen und serotonergen Antidepressiva (NaSSA) zugeordnet. Der Wirkmechanismus von Mirtazapin fördert stark die Ausschüttung von Noradrenalin und Serotonin. Das Medikament entfaltet dadurch eine gewisse Breitenwirkung. Dennoch ist es in Deutschland und in der Schweiz ausschließlich für die Behandlung von Depressionen zugelassen. Im Rahmen eines Off-Label Use, also abweichend von Erkrankungen gemäß Zulassung, wird Mirtazapin auch bei psychischen Störungen wie Angststörungen, Panikstörungen und Schlafstörungen sowie zur begleitenden Schmerztherapie verschrieben. In einer placebokontrollierten Studie wurde die Wirksamkeit von Mirtazapin mit der von Amitriptylin und Clomipramin verglichen. Es zeigte sich, dass alle drei Substanzen vergleichbar gute Wirkungen zeigten.


Mirtazapin: Überblick über das Antidepressivum


Der Arzneiwirkstoff Mirtazapin steht in Form von Film- und Schmelztabletten zur Verfügung sowie als Lösung zum Einnehmen. Falls eine parenterale Einnahme, also unter Umgehung des Verdauungstraktes, notwendig ist, kann mit einem Konzentrat auch eine Infusionslösung hergestellt werden. Die Tagesdosis liegt bei etwa 30 bis 90 mg, wobei wie bei den anderen tetrazyklischen Antidepressiva die Einnahme mit einer niedrigen Dosierung begonnen werden soll und erst allmählich bis zur vom Arzt empfohlenen Dosis gesteigert werden soll. Ebenso sollte das Absetzen des Medikaments ausschleichend erfolgen (vgl. Mirtazapin absetzen).

YOUTUBE: positive Erfahrung mit Mirtazapin, englisch(youtube.com/watch?v=oez41gzOeTw)

Welche Neben- und Wechselwirkungen können durch tetrazyklische Antidepressiva auftreten?

Das breite Wirkspektrum der tetrazyklischen Antidepressiva kann zu unerwünschten, unspezifischen Nebenwirkungen führen wie Müdigkeit, Schwindel, Mundtrockenheit, Unruhezuständen, Kopfschmerzen und einigen weiteren Symptomen. Ähnlich wie bei Amitriptylin und Clomipramin, die der Klasse der trizyklischen Antidepressiva angehören, kommt es häufig zu Gewichtserhöhungen durch gesteigerten Appetit und durch auftretende Wasseransammlungen (Ödeme).

Die meisten tri- und tetrazyklischen Antidepressiva wirken leicht sedierend, machen also schläfrig. Dadurch kann die Fahrtüchtigkeit oder die Fähigkeit, eine Maschine zu bedienen, beeinträchtigt sein. In diesem Zusammenhang sollte beachtet werden, dass sich die Schläfrigkeit bei der Einnahme tri- und tetrazyklischer Antidepressiva und Alkohol verstärken (vgl. Alkohol und Antidepressiva).

Es muss beachtet werden, dass die Einnahme von Antidepressiva dieser Klasse zu Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten führen kann (vgl. Antidepressiva Wechsel-/Nebenwirkungen). Beispielsweise kann sich die Wirkung von blutdrucksenkenden Arzneien verstärken, während die Wirkung von Kontrazeptiva (Antibabypillen) herabgesetzt wird.

Weil tetrazyklische Antidepressiva Komplexe mit Metallionen wie Eisen, Magnesium, Calcium und Aluminium bilden, sollten der Verzehr von kalziumhaltigen Lebensmitteln und Magnesium- oder Eisenpräparaten von der Einnahme der Medikamente zeitlich versetzt erfolgen.


Antidepressiva Nebenwirkungen


Gibt es Kontraindikationen, bei denen tetrazyklische Medikamente nicht eingenommen werden dürfen?

Grundsätzlich gilt, dass tetrazyklische Antidepressiva bei Schwangerschaft vorsichtshalber nicht eingenommen werden sollten, weil aus ethischen Gründen bisher (noch) keine gesicherten Erkenntnisse über die Wirkungen und Auswirkungen vorliegen (vgl. Psychopharmaka in der Schwangerschaft). Das gilt ebenso für die Stillperiode, weil Spuren des Medikaments über die Muttermilch auf das Baby übertragen werden.

Tetrazyklische Antidepressiva – Das könnte Sie auch interessieren:

Antidepressiva – Einführung, Überblick, Liste der Mittel

F32.9G Diagnose – Unklare depressive Episode?

Erschöpfungszustände – Was hilft gegen den Erschöpfungszustand?

Wiki zu Tetrazyklisches Antidepressivum: In der Wikipedia finden sich weiterführende Informationen zu den Tetrazyklika Mianserin, Mirtazapin und Maprotilin
Wiki zu Tetrazyklisches Antidepressivum: In der Wikipedia finden sich weiterführende Informationen zu den Tetrazyklika Mianserin, Mirtazapin und Maprotilin
Dr. Jan Martin - Virtueller Chefredakteur - Digitale Redaktionsleitung Dr. Jan Martin ist virtueller Chefredakteuer von www.angst-verstehen.de. Er ist das Außengesicht der digitalen Redaktionsleitung, verantwortlich für Qualitätssicherung und Publikation der Texte der Redaktion.