Derealisation / Depersonalisation / Depersonalisierung (© 1STunningART - stock.adobe.com)

Derealisation / Depersonalisation verstehen

Derealisationssyndrom und Depersonalisierungsstörung

Derealisation / Depersonalisation – wer diese Begrifflichkeiten  nachschlägt, weiß zwar möglicherweise nicht, was sie bedeuten – aber vermutlich hat er diese Begriffe nicht zufällig nachgeschlagen. Sie haben eventuell etwas mit ihm selbst oder mit jemandem zu tun, den er sehr gut kennt. Zunächst scheint es daher sinnvoll, eine Begriffsklärung vorzunehmen.

Derealisation und Depersonalisation sind nicht dasselbe, obwohl es eine Gemeinsamkeit gibt: das Gefühl der Entfremdung von etwas, was eigentlich vertraut sein müsste. Es gibt noch eine Gemeinsamkeit: Beide Störungen treten oft zusammen auf. Das ist auch der Grund, warum es hier nicht nur um eine der beiden Störungen gehen soll.

Was ist Derealisation?

Der Begriff „Derealisation“ sollte eigentlich präzise als „Derealisationserleben“ genutzt werden. Benannt wird damit eine Störung der Wahrnehmung.

Das Derealisationssyndrom kann eine vorübergehende Phase der Entfremdung bezeichnen. Es kann aber auch in einen dauerhaften Zustand übergehen. Dieser betrifft die Wahrnehmung der Umwelt – also der in ihr agierenden Menschen, der Umgebung oder aller Gegenstände, die in ihr enthalten sind. Natürlich erkennen solche Menschen ein Auto als Auto und einen Gehsteig als Gehsteig. Diese Objekte fühlen sich aber plötzlich nicht mehr vertraut an, sondern fremd und andersartig. Sie wirken irgendwie verzerrt. Im Gegensatz dazu beschreibt die Depersonalisierung die Entfremdung einer Person von sich selbst. Es ist nachvollziehbar, dass Entfremdungsgefühle allen anderen Dingen gegenüber die eigene Person nicht ausnehmen.

Es kommt vor, dass manche Menschen hin und wieder ein Gefühl der Fremdheit erlebt haben. Ein gutes Beispiel ist eine lange Abwesenheit vom Heimatort. Meistens erscheint dieser sofort wieder als ein vertrauter Ort. Manchmal ist aber auch etwas geschehen, und man fühlt sich in der vertrauten Umgebung plötzlich wildfremd. Alles scheint irgendwie unwirklich zu sein. Es erinnert einen an etwas, was man kannte. Man hat aber keinen emotionellen Bezug mehr dazu. In den meisten Fällen löst sich dieses Gefühl schnell auf. Wenn man den Ort wieder bewohnt und sich seine Wohnung wieder zu Eigen gemacht hat, ist alles wieder vertraut. Geschieht das aber nicht und das Gefühl der Entfremdung bleibt, kann es sich um eine psychische Störung handeln.


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Buch zum Thema Depersonalisationsstörung / Derealisationssyndrom: „Depersonalisation und Derealisation – Die Entfremdung überwinden“ (Amazon*)

Was ist eine Depersonalisationsstörung?

Wie bereits angedeutet, entfremden sich manche Menschen von sich selbst. Oftmals geht das auch der Umwelt gegenüber mit einem Fremdheitsgefühl einher. Daher wurden beide Begriffe zusammengefasst zum Depersonalisations-Derealisationssyndrom. Ein sperriger Begriff für Wahrnehmungen und Gefühle, die der Betroffene plötzlich nicht mehr zuordnen kann. Man könnte das vielleicht so beschreiben, als würden sich die Betroffenen plötzlich wie in einem Science Fiction-Film fühlen. Sie nehmen sich und andere als Aliens und die Umwelt als unbekannten Planeten wahr. Nichts wirkt mehr so, wie es zuvor auf einen gewirkt hatte.

Störungen wie das Depersonalisationssyndrom werden als Ich-Störung bezeichnet. Sie betreffen das Ich, das Erleben von Einheit und Stimmigkeit zwischen dem Ich und der Rest-Welt, und die eigene Integrität. Es ist gar nicht mal ungewöhnlich, dass auch psychisch gesunde Menschen hin und wieder kurze Anfälle von Derealisation erleben. Das kann zum Beispiel bei großer Erschöpfung passieren. Es passiert manchmal, wenn jemand um eine nahestehende Person trauert und emotionell aufgewühlt ist. Auch der Genuss von Cannabis, LSD, Alkohol oder manchen Medikamenten kann zu einer verzerrten und neuartigen Wahrnehmung der Umwelt führen.

Außerdem ist bekannt, dass auch schwere Depressionen, Angst- und Panikstörungen zu solchen Momenten führen können. Wenn bei einer Panik-Attacke eine Derealisation auftritt, kann das veränderte Erleben der Umwelt zu einer neuerlichen Panikattacke führen. Dadurch kann die Derealisation sogar zu einem Symptom der Angst- und Panikstörung werden. Das Depersonalisations- und Derealisationssyndrom – im ICD-10 als F48.1 gelistet – erzeugt ein umfassendes Entfremdungsgefühl.

Alles wirkt auf die Betroffenen irgendwie unwirklich, leblos und fremd. Objekte oder Menschen können verzerrt, roboterhaft oder farblos wirken. Sie scheinen unecht zu sein, wirken farblos oder größer/kleiner als sonst. Die Mitwelt wird wie unter Milchglas, unter einer Käseglocke oder wie in Watte gepackt erlebt. Sie wirkt plötzlich zweidimensional, wie auf eine Leinwand projiziert. Die Depersonalisierung ist meistens ein Teil dieses Erlebens. Fachleute sehen sie als Wahnstimmung an, die im Rahmen von Schizophrenie oder Depressionen vorkommen kann.

Wann liegt eine Derealisationsstörung vor?

Um von einer Störung im Sinne einer psychischen Erkrankung sprechen zu können, müssen bestimmte Kriterien erfüllt sein. Erfüllt sein müssen auf jeden Fall diese vier Symptome:

  • Symptome einer Depersonalisation
  • Symptome einer Derealisation
  • ein klares Verständnis der Krankheit
  • und das Verstehen, dass die Ursachen der veränderten Wahrnehmung nicht äußerlich von einem selbst liegen.

Die Depersonalisationssymptomatik ist mit der Wahrnehmung eigener Gefühle als fremd, irgendwie nicht zu einem gehörend oder fern von einem beschrieben. Ein Depersonalisierungserleben bezeichnet also Zustände der Selbstentfremdung. Dieser Zustand geht mit dem vorübergehenden oder bleibenden Verlust – zumindest jedoch einer Beeinträchtigung – des sogenannten Persönlichkeitsbewusstseins einher. Sich selbst als fremdartig und irgendwie unwirklich zu erleben, ist ein verstörendes Erlebnis. Mancher Betroffene fragt sich, ob er verrückt wird oder einen Hirntumor hat.

Die zusätzliche Derealisations-Symptomatik wäre mit der Wahrnehmung erfüllt, dass auch die Umgebung irgendwie fremd, unwirklich oder leblos wirkt. Trifft beides zu, liegt möglicherweise ein Depersonalisations- und Derealisationssyndrom vor. Doch auch die beiden zweitgenannten Symptome müssen zutreffen. Die Betroffenen verstehen durchaus, dass sich das Geschehen in ihrem eigenen Inneren abspielt, und nicht durch äußere Veränderungen hervorgerufen wird. Sie erkennen, dass irgendetwas nicht stimmt. Sie ahnen, dass sie womöglich ein psychisches Problem haben.

Sie erkennen beispielsweise, dass sie keinen epileptischen Anfall, keinen die Wahrnehmung verzerrenden Hirntumor oder keinen drogeninduzierten Verwirrtheitszustand haben. Ist das nicht der Fall, haben wir es möglicherweise doch mit einer organischen Ursache, einer Depression oder Schizophrenie, oder einer toxisch bedingten Verwirrung zu tun. Da die Depersonalisierung oft zusammen mit einer Derealisationsstörung auftritt, werden beide meist zusammen genannt.

Fachleute schätzen, dass jeder zweite Bundesbürger ein- oder mehrfach im Leben solche Zustände erlebt hat – allerdings nicht im Bereich einer Krankheitswertigkeit. Die Zahl der Menschen, bei denen solche Störungen als krankheitswertig zu bezeichnen sind, ist deutlich kleiner. Fachleute schätzen, dass maximal 2 Prozent der Menschen in Deutschland von solchen psychischen Störungen betroffen sind. Es spielt dabei keine Rolle, ob der Betroffene männlich oder weiblich ist.

Prekär ist, dass die wenigsten Betroffenen, bei denen ein Krankheitswert angenommen werden muss, eine korrekte Diagnose erhalten. Das ergab eine Auswertung von Daten der Krankenversicherungen im Jahre 2006. Statt einer korrekten Diagnose erhalten die Betroffenen meist eine falsche oder eine nicht die gesamte Symptomatik erfassende Diagnose. Vergleichenden Studien zufolge haben nur ein Prozent der Menschen, die von einem Depersonalisationssyndrom betroffen waren, eine entsprechende Diagnose erhalten. Daraus folgt: sie haben dann auch keine hilfreiche Therapie bekommen.



Typische Anzeichen einer Depersonalisationsstörung

Vielfältige Symptome kennzeichnen dieses psychische Störungsbild. Typisch für die Depersonalisationsstörung sind folgende Leitsymptome:

  • ein emotionales Taubheitsgefühl
  • eine veränderte Körperwahrnehmung
  • eine Veränderung visueller Wahrnehmungen
  • und ein Gefühl, der eigene Körper oder die Sprache seien roboterhaft.

Emotionale Taubheit äußert sich durch verflachte Gefühle oder das Gefühl, gar nichts mehr zu fühlen. Nicht rührt sich in diesen Menschen, wenn die Sonne untergeht, irgendetwas weh tut oder der Partner den Betroffenen zärtlich berührt. Die gewohnten Emotionen bleiben aus. Alles Erlebte hat keine unmittelbare Auswirkung auf den Betroffenen mehr.

Das veränderte Körpererleben kann den gesamten Körper oder einzelne Körperteile betreffen. Der von der Depersonalisierung Betroffene nimmt sich oder die betroffenen Körperteile als dicker oder dünner, kleiner oder größer, leichter oder schwerer wahr. Sie scheinen nicht zu ihm zu gehören. Sie wirken irgendwie entfernt, als gehörten sie jemand anderem. Auch das eigene Spiegelbild wirkt fremd. Die Stimme klingt in den eigenen Ohren wie von einem Tonband kommend. Man erkennt sie nicht als die eigene. Manche von einer Depersonalisierung Betroffenen nehmen ihren Körper nicht mehr wahr. Sie schildern, dass sie gefühlt nur noch aus einem Kopf oder ihren Augen bestehen.

Die Veränderung visueller Wahrnehmungen im Sinne der Depersonalisation kann ebenso verstörend sein. Betroffene beschreiben sich, als würden sie neben sich stehen, oder als würden sie über allen anderen schweben. Manche schildern, dass es sich anfühlt, als würden sie alles um sich herum durch ein Teleskop betrachten. Die Umwelt scheint irgendwie wie in einem Film auf einer Leinwand zu wirken. Sie hat nicht unmittelbar etwas mit den Betroffenen zu tun. Der innere Kontakt zur eigenen Person und zu allen anderen ging verloren. Damit haben wir eine Derealisierung mit Anteilen einer Depersonalisierung vorliegen.

Die Depersonalisationsstörung kann zu dem Gefühl eigener Roboterhaftigkeit führen. Der Betroffene nimmt sich wie einen Automaten wahr, der roboterhafte Bewegungen oder automatische Denkprozesse durchführt. Die Bewegungen werden zwar bewusst und willentlich gesteuert, aber eben als fremdartig wahrgenommen. Bewegung und Entschluss zur Bewegung stehen in keinem gewohnten Zusammenhang mehr. Nach eigenem Empfinden bewegt sich die Hand wie ferngesteuert vom Körper weg oder auf etwas zu.


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Weitere Symptome einer Depersonalisationsstörung

Eine Depersonalisation kann auch zu einer Wahrnehmungs-Veränderung von Gedächtnisprozessen führen. Auch frische Erinnerungen wirken auf die Betroffenen abgestanden und uralt. Die Geschehnisse scheinen schon lange her zu sein. Sie scheinen nichts mehr mit einem frischen Erleben vor kurzer Zeit zu tun zu haben. In einer traumatisierenden Situation oder bei extremen Stressbelastungen kann sich das Bewusstsein der Betroffenen so stark einengen, dass vom Erlebten nur Fragmente und Splitter im Gedächtnis haften bleiben.

Damit ist auch eine Unfähigkeit erklärbar, das Erlebte zu schildern. Ein ähnliches Phänomen kennen die Mediziner von der posttraumatischen Belastungsstörung. Hier stellt die Fragmentierung und Zersplitterung belastender Erinnerungen aber einen Schutzmechanismus des Gehirns dar. Selbst Déjà-vu-Erlebnisse sind bei Betroffenen mit einem Derealisationssyndrom meist von einem Entfremdungs-Gefühl begleitet. Der Betroffene versteht zwar, dass er dieses Erlebnis schon einmal gehabt hat. Er kann jedoch den emotionellen Zusammenhang nicht mehr herstellen, weil er den Vorfall nur bruchstückhaft erinnert. Er könnte daher nicht sagen, ob das Erlebnis zwei Tage oder zehn Jahre her ist.

Zusätzlich zu den genannten Symptomen einer Depersonalisierung können auch das Hörerleben, das taktile Erleben, das Geruchs- und Geschmacksempfinden oder die Wahrnehmung von Zeitabläufen gestört sein. Das Vermögen, sich etwas bildhaft vorzustellen oder im Gedächtnis nachzuerleben, kann ebenso gestört sein. Es kommt Berichten von Betroffenen zufolge öfter zu einem Gefühl der Gedankenleere. Die Betroffenen können wegen ihrer unerklärlichen Zustände zu besorgten Selbstbeobachtern werden. Sie suchen nach Erklärungen für ihren Zustand.

Möglich ist, dass Betroffene eine verminderte Schmerzwahrnehmung beschreiben. Diese reicht manchmal bis zum Zustand kompletter Schmerzlosigkeit (Analgesie). Unabhängig von dieser gestörten Schmerzwahrnehmung können die Betroffenen durchaus Schmerzen haben. Sie fühlen diese aber nicht. Ihr Schmerzerleben scheint wie abgeschnitten vom Körper zu sein. Tritt zusätzlich ein allgemeines Gefühl der Unwirklichkeit ein, ist eine ergänzende Derealisation gegeben. Da diese häufig mit der Depersonalisation einhergeht, sprechen Psychiater von einem Derealisationssyndrom in Kombination mit einer Depersonalisationsstörung.

Wichtig ist aber die Erkenntnis, dass Störungen wie die Depersonalisation oder Derealisation auch als Symptome bestimmter psychischer Erkrankungen auftreten können. Außerdem treten sie bisweilen auch bei körperlichen Krankheiten wie Epilepsie oder anderen Anfallserkrankungen auf. Daher ist eine sorgfältig durchgeführte Differentialdiagnose unerlässlich.

Das Depersonalisierungs-Derealisations-Syndrom

Depersonalisierung und Depersonalisation gehören in gewisser Weise logisch zusammen. Nur selten tritt eine dieser Störungen alleine auf. Die Begriffe Derealisationssyndrom oder Depersonalisationssyndrom deuten bereits an, dass es sich um einen ganzen Komplex von Symptomen und Störungen handelt. Depersonalisierung und Derealisation treten nicht nur gemeinsam, sondern häufig auch mit gleicher Gewichtung auf. Es dominiert also nicht unbedingt die Derealisation, während die Depersonalisation schwächer ausgebildet ist.

Auslöser der Depersonalisations-/Derealisationsstörung ist oft ein Trauma, das den Betroffenen unter enormen Stress setzt.

  • Dabei können sexuelle Missbrauchserfahrungen,
  • psychischer Missbrauch oder
  • körperliche Gewalt eine Rolle spielen.
  • Auch der Unfalltod eines nahen Verwandten oder Freundes kann solche Störungen der Gefühlswelt auslösen.
  • Oftmals lösen die schwere psychische Erkrankung oder der chronische Alkoholismus eines Elternteils eine Depersonalisierung aus.
  • Drogenerfahrungen mit Marihuana, Ketamin oder Halluzinogenen können ebenfalls beteiligt oder auslösend für eine Depersonalisationsstörung sein.

Derealisation und Depersonalisierung werden meist als dissoziative Störungen zusammengefasst. Sie beruhen also auf einer Abspaltung der Gefühle. Auch wenn etwa die Hälfte der Deutschen bereits kurzfristig oder wiederholt solche Erlebnisse hatten, sind nur geschätzte zwei Prozent der Deutschen von einem Derealisationssyndrom oder einer Depersonalisationsstörung mit Krankheitswert betroffen. Ein Selbsttest ist für diese Störung nur schwer möglich. Zunächst sollten alle Symptome, die in diesem Artikel genannt wurden, sorgfältig abgecheckt werden. Fällt dieser Test positiv aus bzw. alle Symptome treffen zu, ist der Gang zu einem Psychiater oder zu einer psychologischen Beratungsstelle angeraten.


Dissoziative Störungen: Dissoziative Identitätsstörung / Persönlichkeitsstörung


Eine fachärztliche Diagnose sollte zunächst eine sorgfältige Differentialdiagnose und Labortests umfassen. Es sind zunächst andere Verursacher für die Derealisation oder die Depersonalisierung auszuschließen. Fest steht: Ein Depersonalisationssyndrom oder ein Derealisationssyndrom werden oft nicht als das erkannt, was sie sind. Das erhöht den Leidensdruck für die Betroffenen. Diese haben oft das Gefühl, mit niemandem über ihr verstörendes Erleben sprechen zu können. Sie fürchten, verrückt zu werden.

Dabei sind diese Störungen gut behandelbar – und oft auch heilbar. Üblicherweise besteht die Behandlung einer Depersonalisationsstörung bzw. eines Depersonalisationssyndroms aus einer Psychotherapie plus zusätzlicher medikamentöser Behandlung. Diese betrifft meistens die Begleitsymptome der Störung. Empfohlen wird, dass begleitend aufgetretene Ängste oder Zwangsstörungen als Komorbiditäten angesehen werden und ebenfalls eine Behandlung erfahren. Ebenso sollte mit einer Depression als Folge der Depersonalisierung verfahren werden.

Andere psychische Störungen können hingegen per Selbsttest ermittelt werden – zum Beispiel unter psychenet.de/de/selbsttests.html. Trotzdem wird angeraten, sich lieber auf eine ausführliche medizinische Diagnostik zu verlassen. Solche Tests geben nur Hinweise. Sie ersetzen keine medizinische und psychologische Diagnostik. Dennoch ist die Suche nach Selbsthilfe bei psychischen Beschwerden immer gut und richtig.

Der Wert von Selbsthilfe und Tipps aus dem Internet

Eine Depersonalisations-/Derealisationsstörung tritt bei Männern und Frauen gleichermaßen oft auf. Oftmals erkranken bereits junge Menschen.

  • Durchschnittlich liegt das Erkrankrungsalter bei 16 Jahren oder sogar früher.
  • Nur 5 Prozent der bekannten Fälle liegen im Alter von 25.
  • Noch seltener beginnt ein Depersonalisationssyndrom im späteren Alter um die 40 Jahre.

Viele Betroffene suchen sich in ihrer Not Hilfe und Tipps im Netz. Sie erkennen, dass ihre Gefühle nicht dem normalen Empfinden entsprechen. Dieses Wissen unterscheidet sie von den Menschen, die an einer Psychose leiden. Trotzdem sind die erlebten Beschwerden und Störungen für die Betroffenen extrem belastend. Sie lösen daher oft Ängste, Zwangsstörungen und Depressionen aus. Die Betroffenen wissen aber, dass ihre veränderten Sichtweisen nicht real sind. Ihre Realitätseinschätzung ist immer der Realität verhaftet.

Niemand sollte allerdings erwarten, dass eine Heilung dissoziativer Störungen durch einen Selbsttest oder solche Tipps möglich wäre. Auch Maßnahmen der Selbsthilfe helfen nur sehr bedingt bis überhaupt nicht. Ohne eine Psychotherapie und gegebenenfalls begleitend eingesetzte Medikamente wird das mit der Heilung meist nichts. In manchen Fällen treten die Symptome allerdings nur episodisch auf – zum Beispiel unter starkem Stress. In anderen Fällen bleiben sie dauerhaft erhalten. In solchen Fällen ist eine Therapie dringlicher vonnöten als bei den episodisch auftretenden Fällen. Bei diesen kann die veränderte Wahrnehmung sich auch ohne Zutun anderer auflösen.

Zur Heilung der Depersonalisierung gehört das Verständnis der Ursachen. Es muss eine fachgerechte Behandlung vorgenommen werden. Nur eine sorgfältige Differenzialdiagnose, psychologische Tests, MRT und EEG-Untersuchungen, Laborwerte und Fragebögen geben Aufschluss über Symptomatik, Schwere und mögliche Ursachen der Störungen. Gegebenenfalls sind Medikamente notwendig, die die Psyche stabilisieren oder gegen die begleitende Depression wirken.

Ein Derealisierungs- oder Depersonalisationssyndrom ist eine viel zu komplexe Angelegenheit, als dass Tipps ebenfalls Betroffener zur Heilung beitragen könnten. Die Tipps aus dem Internet können den Betroffenen jedoch weiterhelfen. Sie wissen nun, dass sie mit ihren Erlebnissen nicht alleine sind. Sie erfahren vielleicht, dass ihr Zustand der Depersonalisierung vorübergehend oder heilbar ist.

Behandlung und Prognose

Die Psychotherapie bietet alle Möglichkeiten, um mit einer Depersonalisations-/Derealisationsstörung umzugehen. Es ist aber elementar, dass die Betroffenen offen über störungsbedingte Probleme sprechen. Sie sollten auch nicht die seelischen Probleme verschweigen, die sie in frühen Zeiten bereits hatten. Um die Ursachen für die Störung zu erkennen, muss der Therapeut über früheren Stress – etwa Alkoholismus der Eltern, sexuellen Missbrauch durch nahe Verwandte, Gewalterfahrungen – Bescheid wissen. Diese Belastungen sind vermutlich der Beginn der später aufgetretenen Depersonalisierung gewesen.

Welche Art der Therapie erfolgreich ist, ist unterschiedlich. Wissenschaftlich anerkannt und offiziell zugelassen sind lediglich vier Therapieformen. Nur für diese übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten. Erfolgreich gegen die Derealisation können die psychodynamisch bzw. tiefenpsychologisch orientierte Psychotherapie oder die Verhaltenstherapie sein. Welche Therapie für den Betroffenen geeigneter ist, kann möglicherweise im Vorgespräch abgeklärt werden. Hier erfährt der Patient, was der Therapeut als Ziel setzt und wie er verfahren wird.

Medikamentöse Begleittherapien haben zwar eine gewisse Bedeutung. Prekär ist jedoch, dass bislang kein Medikament bekannt ist, das bei diesen Störungen wirklich hilfreich ist. Trotzdem kann es sein, dass ein Psychiater einen Test mit bestimmten Medikamenten vornimmt. Immerhin wirken verschreibungspflichtige Medikamente wie SSRI-Antidepressiva, Opioid-Antagonisten oder Anxiolytica gegenüber den häufig zu findenden Begleiterscheinungen wie Depressionen oder Angst. Diese Beschwerden können medikamentös gelindert werden. Die zusätzlich aufgetretenen Störungen benötigen jedoch zusätzlich auch eine therapeutische Berücksichtigung.

Die Prognose für das Problemfeld Derealisation / Depersonalisation ist insgesamt recht gut. Die gute Nachricht ist: Das Depersonalisationssyndrom ist heilbar. Manchmal bessern sich die belastenden Depersonalisations- oder Derealisationsstörungen sogar ohne eine therapeutische Intervention. Die Patienten erholen sich wieder – und zwar ganz ohne eine medizinische oder psychotherapeutische Behandlung erhalten zu haben. Das ist besonders bei kurzfristigen seelischen Überlastungen und daraus resultierenden Störungen der Selbstwahrnehmung der Fall.

In manchen Fällen chronifiziert die Wahrnehmungsstörung jedoch. In diesen Fällen sind seelische Probleme wie Depersonalisation und Derealisation möglichst schnell einer Therapie zuzuführen. Je länger es dauert, bis eine Therapie einsetzt, desto mehr zusätzliche psychische Begleitstörungen können sich entwickeln. Seltsam ist, dass auch dauerhafte oder wiederkehrende Depersonalisations- oder Derealisationsstörungen von den Betroffenen teilweise relativ gut ins Leben integriert werden können. Manche Patienten schaffen es, sich von ihrem verstörenden Erleben abzulenken. Sie beschäftigen sich intensiv mit anderen Themen oder Aktivitäten.

Das gelingt jedoch nicht jedem Betroffenen. Es bedeutet auch keine Heilung, sondern nur eine innere Distanzierung vom Problem. Doch es käme auf einen Test an, um festzustellen, inwieweit bei diesen Patienten ein therapiebedürftiger Leidensdruck besteht oder nicht. Fakt ist: Manche Betroffenen leiden unter den Begleiterkrankungen – etwa Depressionen oder Angsterkrankungen – sogar mehr als unter ihren Wahrnehmungs- und Entfremdungsstörungen, die als Auslöser dafür gelten. Offensichtlich können manche der Betroffenen mit solchen Wahrnehmungsstörungen leben lernen. Warum das so ist, weiß niemand.

Quellen: