Angst vor Kontrollverlust überwinden (© Jürgen Fälchle / Fotolia)

Angst vor Kontrollverlust – verstehen und überwinden

Angst vor Kontrollverlust im Kontext größerer Angststörungen

Die Befürchtung, über sich und die Situation die Kontrolle zu verlieren, kann allein schon krankhafte Züge annehmen. Vielmehr ist die Angst vor Kontrollverlust aber ein Symptom anderer Angsterkrankungen / Angststörungen. Um die Problematik näher zu verstehen, lohnt der Versuch einer Definition:

Als Angststörungen bezeichnet die Psychologie psychische Störungen, bei denen die Betroffenen übertriebene Ängste fühlen, denen aber keine reale Bedrohung zugrunde liegt. Durchschnittlich jeder vierte Deutsche erkrankt in seinem Leben einmal an einer Angsterkrankung, bei Frauen gelten sie sogar als die häufigste psychische Störung, bei Männern nach dem Alkoholmissbrauch als zweithäufigste. Menschen mit einer Angststörung sehen sich nicht mehr in der Lage, gewisse Situationen, ihren Körper oder ihr Verhalten zu kontrollieren. Ihren übertriebenen Empfindungen ausgeliefert, von denen sie nicht wissen, woher sie kommen, ziehen sie sich sozial zurück und scheuen die Konfrontation mit diesen (Vermeidungsverhalten).

Aber wie kommt es zu der scheinbar allgegenwärtigen Angst vor Kontrollverlust und wie kann es gelingen, sie zu überwinden?

Entspanne Dich - nichts ist unter Kontrolle ;-)! (© Robert Kneschke / Fotolia)
Entspanne Dich – nichts ist unter Kontrolle ;-)! (© Robert Kneschke / Fotolia)

Die physiologischen Grundlagen der Angst

Die typischen körperlichen Beschwerden einer Angsterkrankung sind alle samt Reaktionen des Körpers, der sich in einer Bedrohungssituation auf Flucht oder Kampf einstellt (vgl. Angststörung Symptome).

Ein Alarmsignal aus dem Gehirn setzt einen Adrenalinstoß aus der Nebennierenrinde frei, der über das sympathische Nervensystem (vgl. vegetatives Nervensystem) und über den Blutstrom binnen kurzer Zeit das Körpergeschehen auf die physiologischen Bedürfnisse einer Alarmreaktion umstellt. Im Zuge dieser Veränderung kommt es zu messbaren körperlichen Reaktionen:

  • vermehrte Ausschüttung von Hormonen
  • Beschleunigung von Herzfrequenz, Puls und Atemfrequenz
  • Zunahme des Blutdrucks, von Fett und Zucker im Blut
  • Erhöhung der Blutgerinnungsfaktoren
  • Pupillenerweiterung Senkung des Hautwiderstands, Muskelanspannung (Muskelkontraktion), Anstieg der Milchsäure

Für den Kampf oder die Flucht ist es notwendig, dass im Körper zusätzliche Energien zur Verfügung gestellt werden. Alle momentan nicht überlebensnotwendigen Funktionen (wie z.B. Verdauung oder Sexualtrieb) werden dazu vermindert oder ausgeschaltet.

Angesichts dieser körperlichen Reaktionen auf einen – für das Gehirn erst einmal lebensbedrohlichen – Reiz, verwundert es nicht weiter, woher die Symptome einer Angsterkrankung rühren:

  • Herzklopfen und Pulsbeschleunigung
  • Schwindel, Schweißausbruch
  • Zittern oder Beben
  • Mundtrockenheit, Hitzewallungen
  • Sprachschwierigkeiten
  • Atembeschwerden, Beklemmungsgefühl oder Brustschmerzen
  • Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall

Das Wahrnehmen dieser körperlichen Signale, die meist aus dem Nichts auftauchen, führen nicht selten zu Bewusstseinsstörungen, zum Beispiel dem Gefühl, verrückt zu werden.(siehe Angst verrückt zu werden).

Der Erkrankte bekommt das Gefühl, dass Dinge unwirklich sind oder man selbst „nicht richtig da“ ist. Es entsteht die Angst, nicht mehr die Kontrolle über die eigenen Gedanken zu haben.

Diese Spirale der Panik gipfelt nicht selten schließlich in Benommenheit oder gar der Angst zu sterben: ein allgemeines Vernichtungsgefühl stellt sich ein.

Vegetatives Nervensystem beruhigen


Generalisierte Angststörung

Die Symptome einer generalisierten Angststörung beschreibt die Psychologie ebenfalls als Nervosität, Zittern, Muskelspannung, Schwitzen, Benommenheit, Herzklopfen, Hyperventilation, Schluckbeschwerden, Schwindelgefühle, Oberbauchbeschwerden, Ruhelosigkeit, Konzentrationsstörungen, Reizbarkeit und Einschlafstörungen (vgl. generalisierte Angststörung Symptome). Kennzeichnend sind anhaltende Gefühle von Besorgnis und Angst. Es gibt jedoch keine wirklichen Auslöser für diese meist diffusen Ängste, häufig sind es Befürchtungen, jemand könnte erkranken oder etwas Schlimmes geschehen. Bei an generalisierter Angst erkrankten Personen bezieht sich die Angst vor Kontrollverlust auf die Kontrolle im Leben generell.


Buch: "Was deine Angst dir sagen will: Blockaden verstehen und überwinden. Mit Extra-Tipps gegen Panikattacken" von Andreas Winter (Amazon)
Buch: „Was deine Angst dir sagen will: Blockaden verstehen und überwinden. Mit Extra-Tipps gegen Panikattacken“ von Andreas Winter (Amazon)

Panik und Panikattacken

Panikattacken äußern sich als schwere impulsive Angst- oder Panikzustände, für die es in den meisten Fällen keinen bewusst wahrnehmbaren Auslöser gibt. Die Betroffenen leiden auch hierbei unter Brustschmerzen, Zittern, Luftnot, Schwindel, Übelkeit, Schwitzen oder Hitzewallungen und Entfremdungsgefühlen (siehe Panikattacken Symptome). Aufgrund der körperlichen Beschwerden, die meist als Auslöser und nicht Begleitsymptom der Angst verstanden werden, gehen viele von ihnen zu einem Arzt oder in eine Notaufnahme. Eine körperliche Ursache für den Anfall kann jedoch nicht festgestellt werden. Insbesondere Opfer von solchen Panikattacken haben Angst vor Kontrollverlust: sie fürchten, die Kontrolle über sich zu verlieren, verrückt zu werden oder zu sterben.


Agoraphobie und die Angst, die Kontrolle zu verlieren

Anders als bei den bisher beschriebenen Angststörungen geht der Agoraphobie eine bestimmte, die Angst auslösende Situation voraus. Bezeichnet wird sie auch als „Platzangst“, der Angst davor, unter fremden Menschen, in der Öffentlichkeit und damit z.B. in Kaufhäusern, freien Plätzen, Kinos, oder auch engen geschlossenen Räumen, der Bahn, einem Bus oder Flugzeug die Kontrolle über sich zu verlieren. Dabei bestimmen meist zwei Szenarien die Befürchtungen des Betroffenen:

  1. Die Angst, andere Menschen anzuschreien oder zu verletzen
  2. Die Angst, die Kontrolle über den eigenen Körper zu verlieren, in Ohnmacht zu fallen, verrückt zu werden oder gar zu urinieren

Eine Agoraphobie geht oft mit einer Panikstörung einher bzw. tritt infolge einer solchen auf (siehe Agoraphobie mit Panikstörung). Die Hilflosigkeit, den Attacken nicht entgehen zu können, verleitet ständig zur Flucht . Damit schüren die Erkrankten aber die Angst vor der Angst (siehe Erwartungsangst) und ihr Gedankenkarussell wird zu selbsterfüllenden Prophezeiung: die typischen Symptome der Angst treten auf und rufen eine Panikattacke hervor. Die Angst vor Kontrollverlust während einer Panikattacke führt dazu, dass die Gegenwart anderer, besonders vielzähliger und fremder Menschen ganz gemieden wird.


Alles "unter Kontrolle" haben zu wollen, steht meist im Kontext von Perfektionismus, welcher wiederum oft ein Symptom einer oder mehrerer Ängste ist (© TungCheung / Fotolia)
Alles „unter Kontrolle“ haben zu wollen, steht meist im Kontext von Perfektionismus, welcher wiederum oft ein Symptom einer oder mehrerer Ängste ist (© TungCheung / Fotolia)

Ursachen und Therapie: Woher kommt sie, und wie lässt sich die Angst vor Kontrollverlust überwinden?

Meist sind mehrere Faktoren notwendig, damit die Erkrankung ausbricht. Auf biologischer Seite gibt es die genetischen Anlagen, die das Risiko für eine Angsterkrankung erhöhen.

Aufseiten der Psychologie können bestimmte Denkstile, Annahmen oder Verhaltensweisen (z.B. eine besonders ausgeprägte Beobachtung der eigenen Körpersignale) mitverantwortlich sein. Ist einmal eine Panikattacke aus heiterem Himmel aufgetreten, bekommen die Betroffenen häufig große Angst vor einer erneuten Attacke und beobachten ihren Körper genau – ein Teufelskreis beginnt, da so normale Körperempfindungen (z.B. Herzschlag) viel intensiver wahrgenommen werden. Situationen, in denen Panikattacken aufgetreten sind, werden oft zunehmend vermieden, es entsteht die o.g. „Angst vor der Angst“.

Die unterschiedlichen Angsterkrankungen haben jedoch alle eines gemeinsam: Die Angst vor Kontrollverlust. Zugrunde liegt diesen Ängsten häufig eine „falsche“ Bewertung der äußeren Welt und damit mangelndem Vertrauen in dieselbe, was Vermeidungsverhalten und ständige Alarmbereitschaft nach sich zieht.

Auch die Angst vor Beschämung, meist ausgelöst durch hohe elterliche Ansprüche in der Kindheit können Angsterkrankungen auslösen. Zugrunde liegt oft ein übertriebener Perfektionismus: vermeintlich Sicherheit verleihende Mittel sind Genauigkeit, Pünktlichkeit und Ordnungsliebe. Durch das ständige Kontrollieren bekommen sie das Gefühl, dass nichts Unvorhergesehenes passieren kann.

Ein anderer Weg, ausreichende Sicherheit erlangen zu können, scheint das Sich-Sorgen-Machen. Dahinter steckt die Theorie: „Wenn ich mir nur genügend Sorgen mache, kann ich verhindern, dass etwas Schlimmes geschieht.“ Der Teufelskreis aus seelischer und damit auch körperlicher Alarmbereitschaft beginnt. Diese Entwicklung findet man häufig bei Menschen, die an einem Trauma leiden: sie verhalten sich so, als ob noch die Situation, in der sie hilflos waren, gegeben wäre. Ihnen fehlt das Vertrauen in die Welt und zu sich selbst.

Nicht selten resultieren aus Ängsten auch Zwänge (siehe auch Zwänge besiegenZwänge loswerden). Der Mensch glaubt, wenn er ein bestimmtes Verhalten ausführe oder immer wieder kontrolliere, vermeide er etwas Schreckliches und ein fataler Teufelskreis nimmt so seinen Lauf.


Zwangsstörungen | Zwangsgedanken loswerden


Etwa 80 von 100 Patienten berichten zudem, dass sie kurz vor ihrer Angsterkrankung einen schweren Schicksalsschlag zu verkraften hatten (z.B. den Tod eines nahestehenden Menschen oder eine Trennung). Auch positiv-anstrengende Ereignisse (z.B. ein neuer Job oder Geburt eines Kindes) können Auslöser sein. Schließlich können auch lang andauernde Belastungen (z.B. dauerhafte Überlastung bei der Arbeit, Pflege eines Angehörigen) zur Entstehung beitragen.

Hilfe für Betroffene

Trotz der enormen Hilflosigkeit, der sie sich ausgeliefert fühlen und der häufig empfundenen Einsamkeit aufgrund des sozialen Rückzugs und dem Verlorengehen wichtiger Beziehungen, können die Erkrankten sich Hilfe suchen, und die Angst vor Kontrollverlust überwinden. Ein erster Gang führt meist aufgrund der als Erscheinungen einer ernsthaften Krankheit wahrgenommenen körperlichen Anzeichen recht früh zum Hausarzt. Aufgrund der fehlenden körperlichen Ursachen erkennt der Arzt meist die Krankheit und ebnet somit den Weg in eine Therapie (siehe Psychotherapien im Überblick).

Zu diesem Schritt sollten Menschen, die mit der Angst vor Kontrollverlust leben, sich auf jeden Fall überwinden. Denn ohne professionelle Hilfe scheint es oft unmöglich, seine Angststörung oder gar daraus resultierende Zwänge zu heilen.

Neben unterschiedlichen Entspannungsverfahren, zu denen auch Hypnose zählt (siehe auch Hypnose bei Angstzuständen), die dazu dienen können, die körperlichen Symptome besser einzuordnen, auszuhalten und damit zu überwinden, bietet die Psychologie die Verhaltenstherapie und tiefenpsychologische Verfahren, um die hohe Belastung durch die Erkrankung zu verringern. Der Patient lernt, dass vor allem eine „Fehlbewertung“ der angstauslösenden Situation die heftige Angst und Vermeidungsreaktion hervorruft und immer weiter verstärkt.

Die Beziehung zum Psychotherapeuten ermöglicht ihm einem geschützten Raum, in dem die Konfrontation mit den gefürchteten Situationen durchgestanden wird. Er kann so erfahren, dass die Panik mit all ihren körperlichen Symptomen zwar lebensbedrohlich erscheint, es aber nicht ist. So wird ein Patient mit Platzangst im Rahmen einer Verhaltenstherapie beispielsweise mit seinem Therapeuten einen zunächst weniger stark frequentierten Platz aufsuchen und bei Eintreten der Symptome mit unterschiedlichen, zuvor erarbeiteten Techniken wie z.B. in Hypnose gefestigter Entspannung in der Situation bleiben. Er macht die Erfahrung, dass seine Angst vor Kontrollverlust unbegründet ist. Bei weiteren zugrunde liegenden Ursachen wie beispielsweise einem Trauma, wird die Therapie darauf abzielen, auch dieses noch einmal zu durchleben und mit Unterstützung des Psychotherapeuten die nie verarbeitete Hilflosigkeit zu überwinden. Hierzu hat der Therapeut verschiedene Interventionsmöglichkeiten und Methoden aus der Psychologie zur Verfügung.

Diplomarbeit "Prognostische Bedeutung von 'Angst vor Kontrollverlust' für die Therapie des Paniksyndroms" (Amazon)
Diplomarbeit „Prognostische Bedeutung von ‚Angst vor Kontrollverlust‘ für die Therapie des Paniksyndroms“ (Amazon)

Angst vor Kontrollverlust überwinden: Fazit

Grundsätzlich kann man festhalten, dass der Patient sich dahingehend entwickeln sollte, zu verinnerlichen, dass seine Einstellung seine Gefühle bestimmt und nicht die Umstände. Akzeptiert er das Unabänderliche und beschränkt seine Gedanken und Handlungen auf das Machbare, wird er die Erfahrung machen, über sein Leben ausreichend Kontrolle zu besitzen.

Nicht zuletzt kann eine Therapie auch medikamentös unterstützt werden, siehe Medikamente gegen Angst. Wohlgemerkt: „Unterstützen“ – denn die Ursachen von Ängsten lassen sich mit Medikamenten nicht lösen, aber ggf. eine Therapiefähigkeit herstellen oder erleichtern.

Zum Weiterlesen auf dieser Website:

Angst verrückt zu werden

Psychotherapie – Ein einführender Überblick für Patienten

Quellen und weiterführende Ressourcen: