Angst vor Gefühlen, Angst Gefühle zuzulassen (© Klaus Rademaker / Fotolia)

Angst Gefühle zuzulassen? – Weshalb manche Menschen Angst vor Gefühlen haben.

Angst vor Gefühlen? Angst Gefühle zuzulassen?

Woran liegt es, dass manche Menschen offen zu ihren Gefühlen stehen können, diese ausdrücken und auf diese Weise authentisch bleiben? Woran liegt es wiederum, dass andere Menschen dies nicht oder nur schwer können? Das andere Menschen generell Angst vor Gefühlen haben, bzw. Angst Gefühle zuzulassen? – Die psychologische Forschung ist bezüglich dieser Fragen zu sehr interessanten Schlussfolgerungen gekommen. Und die gute Nachricht lautet: In der Regel ist die Angst vor emotionaler Nähe therapierbar.

John Gottman: Emotionale Regeln

Es bestehen vielerlei psychologische Erklärungsansätze, warum Menschen unterschiedlich mit Gefühlen umgehen. Eine sehr interessante Theorie hat der bekannte US-amerikanische Psychologe John Gottman aufgestellt, der sich über viele Jahre hinweg damit befasste, welche Faktoren Beziehungen stabil halten und welche Faktoren Beziehungen zerstören. In diesem Zusammenhang hat er die Kommunikationsmustern von vielen tausenden Ehepaaren analysiert. Gottman geht dabei von folgender Voraussetzung aus: Es existieren demnach zwei verschiedene Typen von Menschen. Es gibt diejenigen, die im Elternhaus gelernt haben, dass Gefühle akzeptiert werden und sie dazu stehen dürfen. Solche Kinder werden/wurden dazu ermuntert, ihre Gefühle auszudrücken und diese wurden auch ernst genommen. Auf der anderen Seite stehen diejenigen Menschen, die dazu erzogen wurden, Gefühle zu unterdrücken und zu verleugnen. Angst, Trauer, Wut waren Emotionen, die unerwünscht waren. Stattdessen wurde angepasstes Verhalten erwartet.

Meta-Emotionalität

Je nachdem, welche Prägung Menschen von frühester Kindheit an erfahren haben, verinnerlichen sie den Umgang mit Gefühlen. Treffen Personen aufeinander, die unterschiedliche emotionale Hintergründe haben, kann es zu Problemen kommen. Doch Gottman geht noch einen Schritt weiter: Die Art und Weise, wie wir grundsätzlich zu unseren Gefühlen stehen (das heißt, wie wir in Bezug auf Gefühlen „fühlen“) nennt er Meta-Emotionalität. Ob wir uns mit unseren Gefühlen wohlfühlen und sie akzeptieren oder ob wir sie als unangenehm schnell beiseiteschieben, gibt Auskunft über unsere Meta-Emotionalität. Dies beinhaltet auch, wie wir uns in Bezug auf die Gefühle anderer Menschen fühlen und ob wir beispielsweise vor dem Ausdruck von Zuneigung zurückschrecken.

Günstige Faktoren für erfolgreiche Beziehungen

Nach Gottman bestehen erfolgreiche Beziehungen aus vier Faktoren: die Fähigkeit, Gefühle in Worte zu fassen, offene Fragen zu stellen, die das Gegenüber zu Ausführungen anregen (im Gegensatz zu geschlossenen Fragen, die mit Ja oder Nein beantwortet werden können), Aussagen vertiefen, die die Beziehung zur anderen Person ausbauen sowie die Fähigkeit, Mitgefühl und Empathie zu äußern.

Die positive Nachricht lautet, dass man hilfreiche Faktoren trainieren und üben kann und auf diese Art schrittweise seinen Kommunikationsstil verändern kann.

Quelle: gottman.com

Einige Menschen haben Ängste vor Nähe und Angst vor Gefühlen – und diese können mit diesem Ansatz durchaus erklärt werden. Ängste, die dabei auftreten können, sind beispielsweise: Angst Kontrolle zu verlieren oder sich durch einen Gefühlsausbruch lächerlich zu machen (vgl. Angst ausgelacht zu werden).

Angst vor Gefühlen, Angst Gefühle zuzulassen (© Klaus Rademaker / Fotolia)
Angst vor Gefühlen, Angst Gefühle zuzulassen (© Klaus Rademaker / Fotolia)

Frühkindliche Bindung und ihre Folgen

Tiefergehende Probleme ergeben sich, wenn Personen eine Bindungsstörung aufweisen (Bindungsstörung Test). Kommt ein Neugeborenes zur Welt, ist es existenziell darauf angewiesen, dass eine feste Bezugsperson verfügbar ist, die den Säugling am Leben erhält und seine Bedürfnisse stillt. Machen Kleinkindern die Erfahrung, dass Bezugspersonen nicht verfügbar oder unzuverlässig sind, kann sich je nach Kind eine Bindungsstörung bzw. Bindungsangst entwickeln. Psychologen gehen davon aus, dass die ersten Bindungen, die Kinder im Leben aufbauen, diejenigen zu den Eltern, vor allem zur Mutter sind. Die Gestaltung dieser Beziehung bleibt oft ein Leben lang prägend. Macht also ein Säugling wiederholt die Erfahrung, dass seine Bezugspersonen unzuverlässig oder nicht verfügbar sind, lernt es, dass es am besten keine festen Bindungen eingeht, weil es dadurch verletzbar und immer wieder enttäuscht und frustriert wird (siehe Bindungsstörung bei Erwachsenen). Solche Kinder haben häufig auch als Erwachsene nur ein mangelndes Selbstwertgefühl. Im schlimmsten Fall entwickeln sich sogenannte Beziehungsphobiker, die überhaupt keine dauerhafte feste Bindung eingehen können.

Bindungsangst vs. Bindungsstörung: Bindungsängste verstehen

Beziehungsphobie – Krankhafte Angst, Unwille oder Unfähigkeit?

Verlustangst und Angst Gefühle zuzulassen

Mangelndes Selbstvertrauen durch frühkindliche Bindungsstörungen kann aber auch zur Folge haben, dass Kinder und Erwachsene sehr klammern, was ebenfalls ein ungünstiges Beziehungsmuster ist (siehe auch: Angst vorm Alleinsein: Symptome). Daher steckt die grundlegende Angst vor dem Verlassenwerden. Solche Kinder und Erwachsene lernen früh, dass sie alles unternehmen müssen, um die Bezugsperson möglichst bei sich zu behalten. Da jeder Mensch aber auch Freiräume braucht und niemand immer verfügbar sein kann, führt dies unweigerlich zu Konflikten und Trennungen, was wiederum die Angst vor dem Verlassenwerden verstärkt. Es ist dann dringend notwendig, solche Beziehungsmuster zu hinterfragen und neu zu „programmieren“.

Übergriffe und Misshandlung

Denkbar ist auch, dass Kleinkinder und Kinder schon früh immer wieder Übergriffen oder Misshandlungen ausgesetzt sind, beispielsweise sexueller Art (siehe auch: Angst vor Berührungen Ursachen) oder durch körperliche und/oder psychische Gewalt. Kinder, die stets aufs Neue Übergriffe erleiden müssen, bauen instinktiv Abwehrmechanismen auf, wodurch vielfältige Konflikte in späteren Beziehungen entstehen. Sie fürchten neue Grenzverletzungen und können unnahbar werden. Im Extremfall entwickelt sich eine tiefgehende Angst vor dem anderen Geschlecht, das heißt wahlweise vor Frauen oder vor Männern (vgl. Gynophobie und Androphobie).

Quelle: blog.vitos.de/allgemein/bindungsstoerung-eine-stoerung-durch-traumata-in-der-kindheit

 

Andere Gründe für die Angst vor emotionaler Nähe

Schizoide Persönlichkeitsstörung und Angst Gefühle zuzulassen

Es existiert eine Art von Persönlichkeitsstörung, die zwar selten ist (ca. 0,4 bis 0,9 Prozent der Bevölkerung), aber mit einer ausgeprägten Angst vor emotionaler Nähe einhergeht: die schizoide Persönlichkeitsstörung. Es handelt sich dabei um sogenannte „Eigenbrötler“ (umgangssprachlich ausgedrückt), die sehr zurückgezogen und in sich gekehrt sind und kaum Kontakte zu anderen Menschen haben. Den Ausdruck von Gefühlen wie Ärger, Zuneigung, Wut oder Freude kennen diese Menschen nur sehr eingeschränkt, so dass man von einer ausgeprägten Form der Kontaktstörung sprechen kann. Dieser Personenkreis hat auch kaum Interessen und pflegt zum Beispiel nur selten Hobbys. Allerdings darf die schizoide Persönlichkeitsstörung nicht mit Schizophrenie verwechselt werden, da bei Schizoiden der Kontakt zur Realität intakt bleibt. Dennoch ist diese Form von emotionaler Unnahbarkeit für die Umwelt nur schwer zu handhaben.

Quelle: msdmanuals.com/de/profi/psychische-st%C3%B6rungen/pers%C3%B6nlichkeitsst%C3%B6rungen/schizoide-pers%C3%B6nlichkeitsst%C3%B6rung-sps

Larvierte Depression

Ein anderer Grund für eine emotionale Starre und Angst vor Gefühlen kann auch eine sogenannte maskierte Depression (oder: larvierte Depression) sein. Dies bedeutet, dass eine Depression vorhanden ist, diese aber hinter körperlichen Symptomen verborgen und zunächst unerkannt bleibt. Interessant ist dies deswegen, weil depressive Menschen oft (zumindest vorübergehend) den Kontakt zu ihren Gefühlen verlieren, auch zu Gefühlen wie Traurigkeit oder Angst. Manche beschreiben sich daher als „innerlich wie tot“ oder „wie abgestorben“ (innere Leere). Solche Zustände können beispielsweise entstehen, wenn Menschen die Trauerverarbeitung (etwa um verstorbene Angehörige) nicht bewältigen und in ihrer emotionalen Starre gefangen bleiben. Jedoch kann eine Depression auch aus vielen anderen Gründen auftreten. Gefühllosigkeit kann ein Kennzeichen dafür sein. Verwandt damit sein kann das Burnout-Syndrom im fortgeschrittenen Stadium, wobei die vorherige Hyperaktivität immer mehrh einer umfassenden Gleichgültigkeit Platz macht.

Quelle: flexikon.doccheck.com/de/Larvierte_Depression

Therapeutische Ansätze gegen Angst, Gefühle zuzulassen

Welche Ansätze gibt es nun, um solche Ängste vor Nähe zu therapieren? – Wahlweise kommen eine Verhaltenstherapie oder ein tiefenpsychologischer Ansatz in Frage, um solche Ängste zu behandeln. Ausschlaggebend sind hierbei die Gründe für die Angst vor Gefühlen. Frühkindliche Muster werden am besten durch eine tiefenpsychologisch orientierte Therapie aufgelöst (siehe tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie), für später erworbene Ängste kann auch eine Verhaltenstherapie in Betracht kommen (vgl. Was machen Psychologen). Dies ist im Einzelfall mit einem Psychologen zu klären.

Ein Teil der Therapie bei einem Verhaltenstherapeuten kann darin bestehen, dass man schrittweise auf das Objekt seiner Angst zugeht und auf diese Art sukzessive die Angst abbaut, weil man wiederholt die Erfahrung macht, dass kein Grund zur Furcht besteht und die Furcht vielmehr irreal ist. Ein anderer Teil kann darin bestehen, immer wieder neue Verhaltensformen einzuüben: beispielsweise bewusst seine Gefühle ausdrücken und den offenen Kontakt zu Menschen suchen (siehe: Negative Energien in positive umwandeln). Dies bedeutet, dass das Potenzial der Angst umgewandelt wird und in eine positive Richtung kanalisiert wird. Psychologen sagen deswegen manchmal auch: Unsere Fähigkeit, Schmerz und Angst zu empfinden, beinhaltet in sich gleichzeitig das Potenzial, im gleichen Ausmaß glücklich zu sein. Ein wichtiges Ziel der Therapie ist es dabei, sich das eigene Verhalten und die eigenen Verhaltensmuster bewusst zu machen und schrittweise zu verändern (siehe auch: kognitive Verhaltenstherapie).

Quelle: psychothek.de/therapeutische-methoden/kognitive-vt/

Hilfreiche Videos

youtube.com/watch?v=LXJcW51p9o0&t=237s

youtube.com/watch?v=EEfuALi_QNw