Larvierte Depression (© Tiko - stock.adobe.com)

Larvierte Depression verstehen und behandeln

Bei der larvierten Depression handelt es sich um eine Sonderform der Depression. Sie stellt gewissermaßen einen Subtyp der Erkrankung dar, der sowohl die allgemein gültigen Kriterien für eine Depression als auch weitere, spezielle Anzeichen aufweist. Im Falle der larvierten Depression sind dies körperliche Symptome, die dazu führen können, dass die eigentliche Erkrankung oft über einen längeren Zeitraum unerkannt bleibt. Im ICD-10 findet sie sich unter der Sammelklassifikation F32.8, „sonstige depressive Episoden“, die alle atypischen Unterformen der Depression umfasst. Sie wird daher auch nicht als selbstständige Erkrankung, sondern nur als – oft erst im Rückblick zu stellende – differenziertere Einordnung der Grunderkrankung betrachtet. Aus diesem Grund wird die Diagnose auch nicht von allen Therapeuten und Ärzten als relevant wahrgenommen, stattdessen wird häufig schlicht die Bezeichnung „Depression“ genutzt. Sie wird auch als somatoforme Depression bezeichnet (vgl. somatoforme Psychose).

Definition und Abgrenzung

Bei der larvierten Depression stehen oftmals untypische, körperliche Symptome deutlich im Vordergrund. Sie maskieren (im Sinne einer „Larve“) die Depression, sodass hier eine Abgrenzung besonders wichtig ist. Entscheidend ist, dass körperliche Anzeichen keine auffindbare Ursache haben. Wenn doch körperliche Erkrankungen bestehen, dann sekundär oder gleichzeitig, jedoch ohne eine ausreichende Erklärung für die Intensität der wahrgenommenen Beschwerden zu bieten. Aus demselben Grund ist die Abgrenzung jedoch sehr schwierig: Da vorwiegend oder sogar ausschließlich physische Anzeichen spürbar sind, ziehen sowohl Betroffene als auch Ärzte häufig nur körperliche Erkrankungen in Betracht. Gegen diese ist die Depression dann auch abzugrenzen. Weiterhin kommen Somatisierungsstörungen und Fibromyalgien als Fehldiagnosen infrage – beide sind ebenfalls kaum sicher und lediglich im Ausschluss zu diagnostizieren. Zudem weisen sie einige Überschneidungen bei den Symptomen auf. In diesen Fällen sind jedoch auch auf genauere Suche hin keine oder nur schwache Kriterien für eine Depression vorhanden.

Bei der larvierten Depression stehen viele körperliche Symptome im Vordergrund (© glisic_albina - stock.adobe.com)
Bei der larvierten Depression stehen viele körperliche Symptome im Vordergrund (© glisic_albina – stock.adobe.com)

Was sind die Symptome?

Grundsätzlich sind bei einer larvierten Depression dieselben Symptome möglich wie bei anderen Arten unipolarer Depressionen. Im Gegensatz hierzu sind diese Anzeichen jedoch entweder relativ schwach ausgeprägt im Vergleich zu körperlichen Merkmalen oder aber werden durch diese verdeckt. Daher sind sie gewöhnlich auch nicht der Anlass eines Arztbesuchs oder einer Beratung. Dazu gehören:

Allgemeine Symptome einer Depression

  • Grübeln, „Kreisgedanken“
  • Lust- und Motivationsarmut
  • Schlafstörungen, Sexualstörungen
  • Mühe, Konzentration und Fokus zu bewahren
  • Desinteresse, Mutlosigkeit, Pessimismus
  • Müdigkeit, Niedergeschlagenheit
  • Entscheidungsschwierigkeiten
  • Traurigkeit
  • Unruhe, Anspannung
  • Versagensgefühle und Verzweiflung ohne oder bei nichtigem Anlass
  • Selbstverletzung, Suizidgedanken

Bei larvierten Depressionen verstärkt auftretende Symptome

  • Atemprobleme, Luftnot
  • Kopfschmerzen
  • Herzbeschwerden wie Herzrasen oder Herzstechen
  • Gefühl von Schwindel und Schwäche, teils mit Befürchtung einer Ohnmacht
  • Gewichtsverlust, Appetitlosigkeit
  • Rückenschmerzen
  • Schlafstörungen, Sexualstörungen
  • Magen- und Darmbeschwerden wie Übelkeit, Durchfall, Schmerzen

Zudem können weitere, seltenere Anzeichen auftreten, die ebenfalls ohne körperliche Erklärung bleiben. Die genannten physischen Erscheinungen können auch im Rahmen jeder anderen Depression auftreten, sind dann allerdings weniger dominant und kaschieren nicht die übrigen, depressionstypischen Symptome. Ein Erfahrungsbericht zu den Auswirkungen einer larvierten Depression findet sich beispielsweise in diesem Video:

youtube.com/watch?v=BnUxY1KdRE8

Wie erfolgt die Diagnose?

Besteht einmal der Verdacht einer larvierten Depression, werden für die Diagnose ähnliche Kriterien wie für eine andere Depression herangezogen. Gleichzeitig kann vermerkt werden, dass es eine starke körperliche, eine sogenannte psychosomatische Komponente gibt, die auch bei der Therapie Beachtung finden sollte, da sie häufig den hauptsächlichen Leidensdruck verursacht. Trotzdem ist eine Diagnose in der Praxis häufig schwierig, sodass Betroffene nicht selten auf eine lange Ärzteodyssee oder sogar schwerwiegende Fehlbehandlungen zurückblicken, bevor sie Gewissheit erlangen. Einerseits sind viele Menschen erleichtert, wenn sie herausfinden, dass keine gefährliche körperliche Ursache hinter ihren Beschwerden steckt – vor allem, wenn die Befürchtung lebensbedrohlicher Erkrankungen wie Krebs oder Herzstörungen bestand. Andererseits können viele Betroffene nur schwer glauben, dass die Ursache tatsächlich in ihrer Psyche zu verorten ist und fühlen sich nicht ernst genommen, wenn ihnen vermittelt wird, ihre Symptome seien „nur“ psychisch bedingt.


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Larvierte Depression – Was sind gängige Ursachen?

  • Als Ursachen kommen dieselben Faktoren infrage wie bei anderen Formen der Depression. Dabei kann es sich um aktuelle Belastungen wie Überforderung, Mobbing, einen Trauerfall oder andere schwere Lebensereignisse handeln, die als Auslöser fungieren.
  • Ebenso können aber auch Traumata, unter Umständen der entfernten Vergangenheit, kurz- oder langfristig zu Depressionen führen. Dabei kann es sich um schwierige Zustände in der Kindheit handeln, um Sexualdelikte, Unfälle oder eine Vielfalt weiterer belastender Ereignisse.
  • In manchen Fällen sind hormonelle Veränderungen ursächlich, in anderen findet sich auch nach gründlicher Anamnese überhaupt kein Auslöser. Die folgende Behandlung muss dementsprechend individuell erfolgen.

Die größte Schwierigkeit bei der larvierten Depression stellt die Annahme von Fachpersonal und Betroffenen gleichermaßen dar, dass es sich um ein körperliches Problem handelt. Da die Symptome häufig sehr allgemein und zudem vielfältig sind, ist das Spektrum der möglichen Erkrankungen ebenfalls sehr groß. Beispielsweise können Herzschmerzen auf eine Herzmuskel- oder Herzbeutelentzündung, einen drohenden Myokardinfarkt, eine Muskelverspannung – oder eben eine Depression hindeuten. Eine sehr differenzierte, fachkundige und aufmerksame Eruierung der Ursachen hat daher oberste Priorität. Bei der Ursachenforschung muss zudem stets darauf geachtet werden, dem Patienten zu vermitteln, dass er ernst genommen wird. Betroffene erleben hier nicht selten, dass überfordertes Personal, Freunde oder Angehörige ihnen unterstellen sich ihre Symptome einzubilden oder sich wichtig machen zu wollen.

Viele Betroffene haben eine lange Odyssee von Arztbesuchen hinter sich, bis die korrekte Diagnose gestellt wird und eine angemessene Therapie / Behandlung beginnt (© NOBU - stock.adobe.com)
Viele Betroffene haben eine lange Odyssee von Arztbesuchen hinter sich, bis die korrekte Diagnose gestellt wird und eine angemessene Therapie / Behandlung beginnt (© NOBU – stock.adobe.com)

Wie erfolgt die Behandlung / Therapie?

Wichtig ist, die Ursachen für die Depression zu finden und diese zu bearbeiten. Daneben kann gerade Verhaltenstherapie helfen, konkrete Veränderungen im Alltag zu bewerkstelligen. Mitunter muss auch vorhandenes Suchtverhalten mitbehandelt werden.

  • Auch autogenes Training oder Meditation zeigen Wirkung, besonders, wenn dabei Wert auf Achtsamkeit gegenüber der seelischen und körperlichen Verfassung gelegt wird. Nicht selten wissen Betroffene, wenn sie eine Lebenssituation akut belastet, sehen sich aber nicht imstande, etwas daran zu ändern.
  • Sport, besonders im Freien, hat häufig einen günstigen Einfluss auf die seelische Befindlichkeit und ist deshalb auch im Falle der larvierten Depression zu empfehlen.
  • Weitere Möglichkeiten liegen in der Kunst- und Gestaltungstherapie, der Lichttherapie sowie pflanzlichen Alternativen wie Passionsblume (Passiflora) [siehe Pascoflair und Neurapas], Rosenwurz (Rhodiola rosea) oder Johanniskraut (Hypericum perforatum).

Wird die Depression erfolgreich behandelt, verschwinden gewöhnlich auch die physischen Begleiterscheinungen.


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Quellen und weiterführende Ressourcen:

  • http://flexikon.doccheck.com/de/Larvierte_Depression
  • https://www.apotheken-umschau.de/Depression/Wenn-die-Depression-auf-den-Koerper-schlaegt-523827.html
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Larvierte_Depression
  • https://nie-mehr-depressiv.de/wissen/depression-anzeichen/
  • https://www.calmerapy.com/wissen/larvierte-depression
  • https://www.focus.de/gesundheit/news/depressionen-auf-der-suche-nach-dem-verlorenen-glueck_aid_178416.html
  • https://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=37562
  • https://wartezimmeronline.com/larvierte-depression/

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Ängste, Phobien, Panikattacken > Angststörungen und Angsterkrankungen behandeln