Angst vor Nähe überwinden | Emotional, körperlich / sexuell (© diez-artwork / Fotolia)

Angst vor Nähe überwinden

Woher kommen Angst vor körperlicher Nähe, Angst vor sexueller Nähe und Angst vor emotionaler Nähe? Wie lässt sich Angst vor Nähe überwinden? Darum geht es im heutigen Artikel.

Ein junger Mann distanziert sich nach mehreren Rendezvous von seiner Bekanntschaft, ohne sagen zu können, weshalb er sich zurückzieht. Obwohl er sich zu ihr hingezogen fühlt, umgeht er die sexuellen Avancen seiner Bekanntschaft mit gekonnten Ausweichmanövern. Wenn er seine Bekanntschaft trifft, fühlt er sich zunehmend unwohl. Er hat Angst vor der emotionalen Nähe und agiert deshalb so abweisend, dass sich die Beziehungsanbahnung in Luft auflöst.

Verhaltensmuster wie diese kommen oft vor: Sie sind Anzeichen für die Angst vor zu viel Nähe. Dabei handelt es sich um ein immer wieder anzutreffendes Problem, das in den meisten Fällen zu heilen ist. Dieser Artikel beschäftigt sich mit diesem Thema.

Angst vor Nähe

Die Psychologie geht davon aus, dass die Angst vor Nähe ganz unterschiedliche Ursachen und Ausprägungen haben kann. Um dieses Problem zu überwinden, ist es sinnvoll, sich darüber klar zu werden, woher die Ängste und Befürchtungen stammen könnten. Es gibt nicht nur ganz verschiedene Temperamente, sondern auch eine Reihe von psychischen Störungsbildern (siehe psychische Probleme: neurotische Störung vs. psychotische Störung), die Bindungsängste oder auch Angst vor körperlicher Nähe zur Folge haben können.

Bindungsängste und Persönlichkeit

Manche Persönlichkeiten sind besonders anfällig für Bindungsängste. Menschen mit einer Borderline Persönlichkeit („Borderliner„) leiden häufig unter dieser Angst:

  • Sie sehnen sich nach Nähe, da diese die Erfahrung von Leere ausfüllen soll.
  • Zugleich wird Nähe als erstickende Abhängigkeit erfahren. (Vgl. Schäfer, Rüther, Sachsse 2011, S. 32.)

Narzissten sind ebenfalls von dieser Angst betroffen: Es fällt ihnen schwer, sich authentisch in Beziehung zu setzen, zugleich ist das Gefühl von Abhängigkeit für sie oft unerträglich (vgl. narzisstische Persönlichkeitsstörung).

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Ängstlich vermeidende Persönlichkeiten, ggf. mit Sozialphobie / sozialen Angststörungen

Auch die ängstlich (vermeidende) Persönlichkeit sehnt sich nach Freundschaft und Nähe, vermeidet diese aber, wo es ihr nur möglich ist. Anzeichen für diese Persönlichkeit sind starke Anspannung und Sorgen, Unsichterheits- und Minderwertigkeitsgefühlen (siehe unseren Artikel zum Thema Minderwertigkeitsgefühl). Diese Persönlichkeit strebt danach, akzeptiert und gemocht zu werden, fürchtet sich zugleich aber vor Kritik und Zurückweisung (siehe Angst vor Zurückweisung). Viele Betroffene entwickeln deshalb soziale Ängste, die mit dem Fachbegriff soziale Phobie (Sozialphobie) bezeichnet werden.

Zu den Symptomen der sozialen Phobie gehören der soziale Rückzug und das Erleben starker Angst in sozialen Situationen. Häufig können Sozialphobiker ihre Wünsche oder Bedürfnisse nicht in einer adäquaten Weise vertreten, da sie unter beständiger Angst vor Zurückweisung leiden. Betroffene üben sich lieber im Verzicht, als das Risiko einzugehen, auch einmal anzuecken oder eigene Bedürfnisse zu zeigen. (Vgl. Morschitzky 2009, S. 90 – S. 91.) Zu den besten Tipps für Sozialphobiker gehört es zu erlernen, eigene Bedürfnisse zuzulassen und auszudrücken.

Ein Problem für Sozialphobiker ist es häufig, unrealistische Vorstellungen über den Beziehungsaufbau zu haben. Sie wünschen sich so etwa oft eine Reibungslosigkeit bei dem Aufbau und dem Erhalt einer Bindung, die nicht realitätsgemäß ist. Sozialphobiker leiden manchmal auch unter sexuellen Funktionsstörungen. Ihre Angst vor sexueller Nähe steht mit Versagensangst, Angst vor Lächerlichkeit, Peinlichkeit oder mit Minderwertigkeitsgefühlen in Zusammenhang. Die Angst vor körperlicher Nähe steht bei Sozialphobikern oft mit überzogenen Perfektionsansprüchen in Verbindung. (Vgl. Morschitzky 2009, S. 90 – S. 91.)

Angst vor zu viel Nähe und sozialer Rückzug

Der soziale Rückzug ist generell eine große Gefahr bei der Angst vor Nähe. Viele Menschen mit einer Angst vor zu viel Nähe haben einen starken Impuls zur Selbstbewahrung und Abgrenzung von anderen. Sie haben einen starken Unabhängigkeitsdrang (ganz im Gegensatz zu Betroffenen einer abhängigen Persönlichkeitsstörung). Jede Distanzüberwindung wird als bedrohlich empfunden. Zu viel Nähe weckt in den Betroffenen große Angst.

Angst vor körperlicher Nähe

Für die Betroffenen wird jede Bindung als Ausgeliefertsein und Abhängigkeit erfahren. Auch die Angst vor sexueller Nähe greift bei diesen Persönlichkeiten zuweilen durch: Betroffene lassen sich daher oft nur auf unverbindliche Beziehungen ein (Hier gibt es ein erhellendes YouTube-Video zur Bindungsangst). Wenn sie sich auf sexuelle Beziehungen einlassen, wird der Sex häufig vom Gefühlsleben abgespaltet.

Angst vor emotionaler Nähe

Die Angst vor emotionaler Nähe wird zum Beziehungskiller in der Partnerschaft: Sie verhindert, dass sich der Betroffene auf seinen Partner einlässt. Es kann der Eindruck entstehen, dass ihm die Zuneigungsbekundungen seines Partners lästig sind. Zugleich wird jede Bemerkung des Partners mit Misstrauen aufgenommen.

Dabei sind viele Betroffene zart besaitet und sensibel. Sie schützen sich durch Distanziertheit vor Verletzung und Zurückweisung. Die Isolierung ist ein Mittel, um mit der Angst vor Nähe umzugehen. Zugleich intensiviert die Isolierung diese Angst. Je stärker sich die Betroffenen zurückziehen, desto eher kommt es auch zu Angstdurchbrüchen, die sogar in einer Psychose münden können. (Vgl. Riemann 2013.)

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Angst vor Nähe überwinden – Lösungsansätze

Die Angst vor Nähe ist ein Phänomen, das vielfältige Ursachen haben kann. Die damit einhergehenden Symptome schränken häufig die Lebenszufriedenheit ein. Zugleich gibt es keine ganz einfache Lösung für diese Probleme, weshalb es ratsam ist, bei Leidensdruck auf die Hilfe von Spezialisten zurückzugreifen. Sowohl die Verhaltenstherapie durch Verhaltenstherapeuten als auch die Psychoanalyse sind bewährte Methoden, um die Angst vor Nähe zu überwinden (vgl. auch: Angststörungen Therapie).

Quellen:

  • Morschitzky, Hans, Angststörungen, Diagnostik, Konzepte, Therapie Selbsthilfe, Springer, Wien, New York 2009, S. 90 – S. 91.
  • Fritz Riemann, Grundformen der Angst, Ernst Reinhardt Verlag, München, Basel 2013.
  • Ulrike Schäfer, Eckart Rüther, Ulrich Sachsse, Borderline-Störungen: Ein Ratgeber für Betroffene und Angehörige, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 3. Auflage 2011, S. 32.

Zum Weiterlesen:

Bindungsangst vs. Bindungsstörung: Bindungsängste verstehen

Umgang mit Versagensangst

Verlustangst / Verlustängste

Zum Thema Angst vor sexueller Nähe siehe auch: