Angst verrückt zu werden (© Jakub Krechowicz / Fotolia)

Angst verrückt zu werden

„Die Gedanken in meinem Kopf rasen, ich finde keinen Halt und kann mich unmöglich selbst beruhigen. Ich denke wirklich, ich werde gleich vollkommen wahnsinnig“, schreibt „Fux“ in einem Forum der Seite leben-mit-angst.de/showthread.php?t=1121. Wie die Antworten auf diesen Beitrag zeigen, steht der Betroffene mit seiner inneren Unruhe, seinen Panikattacken und seiner Angst verrückt zu werden bei Weitem nicht alleine da.

„Häufig denken wir, wenn wir Angst haben, wenn wir depressiv sind, wenn wir grübeln, Zwangsstörungen haben, es geht nur uns so. Aber das stimmt gar nicht. Es geht vielen Menschen so“, weiß die Diplompsychologin Franziska Luschas aus ihrer Praxiserfahrung zu berichten. (https://www.youtube.com/watch?v=4CfgEKHSjbA)

Doch welche Ursachen verbergen sich hinter solchen Befürchtungen, den Verstand zu verlieren? Können etwa tief verankerte Ängste oder Symptome wie Panikattacken auf Dauer in den Wahnsinn treiben? Wie finden Betroffene aus diesem Teufelskreis seelischer Qualen wieder heraus?

Bevor der folgende Text auf diese und weitere Fragen eingeht, sei zunächst den Leidtragenden gesagt, dass kein Grund zur Resignation besteht, „denn die Heilungschancen bei Angststörungen machen mit etwa 80 Prozent doch Mut“ (https://www.youtube.com/watch?v=SZVdvsQFERQ).

Angst verrückt zu werden: Psychologische Fachbegriffe

Das Thema Angst, Panik und wirre Gedanken ist äußerst komplex, wobei eine erste Annäherung über die Erläuterung medizinischer Fachtermini gelingt. Bezogen auf die ständige Angst verrückt zu werden, sind insbesondere diese Ausdrücke von Belang:

– Generalisierte Angststörung (GAS)

Das ICD-10-Klassifikationssystem der Krankheiten listet die generalisierte Angststörung unter dem Punkt F 41.10 auf, der zu den „Anderen Angststörungen“ zählt, und definiert sie als eine: „Anhaltende, nicht auf bestimmte Situationen gerichtete, frei flottierende Angst mit starken vegetativen Beschwerden, unkontrollierbaren Sorgen und nicht begründbaren Befürchtungen.“ (psychotherapie-davos.ch/Kontakt/Service/Download_Materialien/Klassifikation_Angst.pdf)

Mit frei flottierend sind vage, unbestimmte Gefühle der Beklemmung und Besorgnis gemeint, deren Bezugspunkt vor allen Dingen Probleme und Erlebnisse des Alltags sind. Betroffene fürchten zum Beispiel, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, ohne dass dazu ein konkreter Anlass besteht. Auch die permanente Angst, dass einem selber oder einem Angehörigen durch Unfall oder Krankheit etwas zustoßen könnte, fällt in diese Kategorie (siehe auch Angst vor Krankheiten besiegen). All diese Gefühle sind ausgerichtet auf die Ungewissheit der Zukunft und tendenziell so angelegt, dass sie ein Hineinsteigern in die panische Angst verrückt zu werden oder die Angst verrückt zu sein begünstigen.

Nicht selten steckt hinter solchen generalisierten Angststörungen der Gedanke, dass man im Falle des tatsächlichen Eintretens schrecklicher Ereignisse vorbereitet und somit in der Lage ist, die Kontrolle über sich und die Situation zu behalten (vgl. Angst vor Kontrollverlust Psychologie).

– Agoraphobie

Agora leitet sich aus dem Altgriechischen ab und heißt übersetzt „Marktplatz“. Mit Agoraphobie ist also die Platzangst gemeint, die bei vielen Gelegenheiten ein Problem darstellen kann. So geraten manche Menschen in geschlossenen dunklen Räumen wie im Kino in Panik, während es anderen dagegen schwerfällt, sich auf öffentlichen Plätzen oder in Menschenmengen aufzuhalten. Auch das Betreten der Bahn, des Busses oder des Flugzeuges bedeutet für einige eine extreme Überwindung (vgl. Raumangst / Platzangst / Klaustrophobie).

Der Heilpraktiker Lukas Rick konstatiert, dass all diesen unterschiedlichen Ausprägungen der Agoraphobie die Angst vor Kontrollverlust gemein ist. Detaillierter erklärt er: „Man befürchtet, dass man aus einer Situation nicht mehr fliehen kann, in eine peinliche Situation gerät oder einen bedrohlichen körperlichen Zustand erleidet.“ (https://www.youtube.com/watch?v=Kl-pctBi3BU)

– Depersonalisation und Derealisation

Erstere Form dieser psychischen StörungDepersonalisation oder Depersonalisierung – ist ein auf die eigene Person gerichtetes Gefühl der Selbstentfremdung, des Neben-sich-Stehens. Patienten beschreiben ihr diffuses Empfinden oft mit Sätzen wie: „Mein Körper fühlt sich an, als gehöre er nicht zu mir“ oder „Ich komme mir vor wie ein Roboter oder als bewege ich mich wie ein Automat“ (onmeda.de/psychische_erkrankungen/depersonalisation-derealisation-wie-fuehlt-es-sich-an—109825-2.html).

Die Derealisation zeichnet dagegen ein gestörtes Verhältnis zur Umwelt aus. Betroffene „klagen z.B. darüber, dass die Umgebung oder bestimmte Objekte fremd aussehen, verzerrt, stumpf, farblos, leblos, eintönig und uninteressant sind, oder sie empfinden die Umgebung wie eine Bühne, auf der jedermann spielt“ (awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/051-030l_S2k_Depersonalisations_Derealisationssyndrom_2014-09.pdf).

Häufig tritt das Unwirklichkeitsgefühl in Bezug auf die eigene Person oder das Umfeld als Folgeerscheinung anderer psychischer Erkrankungen wie Depression, Burnout oder Borderline auf. Es ist aber auch als eigenständiges Krankheitsbild zu beobachten, wovon insbesondere Menschen betroffen sind, die schweren seelischen Belastungen und Stressmomenten ausgesetzt sind.

Typisch für diese Entfremdungserfahrung und das damit verbundene Unwirklichkeitsgefühl ist „die Angst, die Depersonalisation gehe auf einen irreversiblen Gehirnschaden zurück“, weshalb Betroffene häufig „glauben, ‚verrückt‘ zu sein oder zu werden“ , siehe awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/051-030l_S2k_Depersonalisations_Derealisationssyndrom_2014-09.pdf).

Hilfe, ich werde verrückt! – Woher kommt die Angst?

Von ihrem Wesen her liegt den psychisch zunehmend belastenden Ängsten ein heimtückischer Mechanismus zugrunde, der Betroffene immer tiefer in den Sog von Zwangsgedanken und Zwangshandlungen zieht.

Das Gefühl, sich vor bestimmten Situationen zu fürchten, ist normal und dient dem Selbstschutz, sich nicht unnötig in Gefahr zu begeben. Erlebt jemand jedoch einen Moment in seinem Leben als extrem bedrohlich, etwa in Form einer Panikattacke in einem Aufzug, so ist der natürliche Reflex, eine Abwehrhaltung gegenüber dem Auslöser dieser Ängste zu entwickeln (vgl. auch Panikattacken Ursachen).

Während es dem einen Menschen jedoch gelingt, zum Beispiel beim erneuten Betreten eines Liftes sein ungutes Gefühl zu überwinden, und er sich schließlich wieder entspannen kann, erfahren andere das genaue Gegenteil. Bei ihnen baut sich mehr und mehr eine sogenannte Erwartungsangst auf, die sich so weit hochschaukeln kann, dass am Ende beispielsweise alleine der Gedanke an einen Aufzug Atemnot, Herzrasen und Schwindel hervorrufen kann.

Doch woher kommt die Angst, von der andere verschont bleiben? Ausschlaggebend hierbei ist, wie sich Betroffene gegenüber furchteinflößenden Situationen, Orten und Gedanken positionieren. Da das Naturell der Menschen und deren Angstschwelle individuell unterschiedlich ausgeprägt sind, reagiert jeder anders auf solche Momente, die er mit negativen Empfindungen verbindet.

So sieht der eine die vermeintliche Gefahr als Herausforderung an und stellt sich ihr. Der andere hingegen scheut die Konfrontation mit angstauslösenden Situationen und blendet diese weitestgehend aus seinem Leben aus, was ihm zunächst Erleichterung verschafft. Doch genau durch dieses Verhalten der „Meidung werden die Angst- und Panikgefühle am Leben gehalten und gestärkt“ (palverlag.de/lebenshilfe-abc/angst-panik-therapie.html), da das Erlernen des Umgangs mit solchen Problemfeldern ausbleibt. In der Folge kann es schließlich zu einer extremen Fixierung auf die Angst kommen, die etwa dazu führen kann, dass sich jemand überhaupt nicht mehr traut, das Haus zu verlassen.

Bei tief sitzenden Ängsten, die massiv die Lebensqualität beeinträchtigen, befinden sich Seele und Verstand nicht mehr in einem harmonischen Gleichgewicht. Je weiter diese Balance auseinanderdriftet, desto verzweifelter empfinden Betroffene ihre Lage. Mit der Zeit quälen sie nur noch wirre Gedanken, sodass viele von ihnen schließlich befürchten, gänzlich „ die Kontrolle über sich zu verlieren“ (onmeda.de/psychische_erkrankungen/depersonalisation-derealisation-wie-fuehlt-es-sich-an—109825-2.html) und verrückt zu werden oder bereits verrückt zu sein.

Angst verrückt zu werden – Werde ich schizophren?

Bei der Schizophrenie (siehe Schizophrenie Krankheitsbild) handelt es sich um eine endogene Psychose, ,,die u.a. mit Realitätsverlust, Wahnvorstellungen, Störungen des Denkens, der Sprache und der Gefühlswelt verbunden“ (neurologen-und-psychiater-im-netz.org/psychiatrie-psychosomatik-psychotherapie/erkrankungen/schizophrenie/was-ist-schizophrenie/) ist. Dieser Krankheitsform liegt eine verzerrte Wahrnehmung und Interpretation der Umwelt zugrunde, wenn beispielsweise nicht vorhandene Stimmen von außen zu einem sprechen. Ein markantes Merkmal der Schizophrenie ist, dass es zu einem tatsächlichen Realitätsverlust kommt.

Im Unterschied dazu bleibt bei Angststörungen die Realitätsprüfung intakt. Es ist daher „eine ausgesprochen häufige, aber falsche und unpassende Überzeugung, dass man den Verstand verlieren könnte oder ‚durchdreht‘, wenn man eine Angstattacke bekommt […] Auch wenn einigen Patienten während der Angst die Welt ‚fremd‘ vorkommt (Derealisation) oder sie sich selber wie fremd in der Umgebung vorkommen (Depersonalisation): Dies ist ein vorübergehender Zustand, der auch wieder aufhört“ (web4health.info/de/answers/anx-go-mad.htm).

Wer also unter einer Zwangsstörung infolge tief manifestierter Ängste leidet und sich sorgt, verrückt, schizophren oder sonstwie geisteskrank zu werden, lastet mit solchen Vorstellungen seiner ohnehin instabilen Psyche unnötigerweise ein weiteres Problem auf.

Angst verrückt zu werden: Ursachen psychischer Erkrankungen

Auch wenn auf dem Gebiet der Angststörungen noch viele Bereiche unerforscht sind, so geht die Wissenschaft generell als Ursache für die Erkrankung der Seele von einem „Zusammenspiel erblicher, neurobiologischer und psychologischer Faktoren“ (neurologen-und-psychiater-im-netz.org/psychiatrie-psychosomatik-psychotherapie/stoerungen-erkrankungen/angsterkrankungen/ursachen/) aus.

Darüber hinaus können auch hormonelle Schwankungen, wie sie während der Wechseljahre oder beim prämenstruellen Syndrom (PMS) vorkommen, Einfluss auf die Psyche nehmen. So haben 20 bis 40 % aller Frauen in der Zeit vor ihrer Regelblutung „mehrere stärker ausgeprägte PMS-Beschwerden, die sie im Alltag spürbar belasten. Bei ungefähr 3 bis 8 % sind die Symptome – insbesondere die psychischen Probleme – so stark, dass sie das Alltagsleben deutlich stören. Fachleute sprechen dann von einer prämenstruellen dysphorischen Störung (PMDS)“ (gesundheitsinformation.de/praemenstruelles-syndrom-pms.2112.de.html). In den besonders schweren Fällen treten häufig depressive Phasen auf. Aber auch die panische Angst verrückt zu werden oder die Angst verrückt zu sein, kann eine psychische Folge des PMS sein.

Die Wechseljahre spielen ebenfalls eine große Rolle für den Zustand der Psyche. Insbesondere Frauen empfinden diese Phase nicht nur wegen der körperlichen Umstellung als belastend, sondern viele von ihnen fühlen sich „durch den Verlust der Fertilität (Fruchtbarkeit) nicht mehr ‚vollwertig‘, sexuell nicht mehr begehrlich“ (psychosoziale-gesundheit.net/seele/wechseljahre.html). Auch in solchen Zeiten innerer Unruhe kann es etwa zu Gefühlen der Entfremdung von sich oder der Umwelt kommen und die Sinnhaftigkeit des Seins in Form von Ängsten in Frage gestellt werden.

Was tun gegen die Angst verrückt zu werden? – Therapie-/Behandlungs-Optionen

Bei leichteren psychischen Belastungen kann man zunächst versuchen, mit Entspannungstechniken, Sport und einer gesunden Lebensweise das Problem in den Griff zu bekommen. Hat man allerdings ein Stadium erreicht, in dem die extreme Angst verrückt zu werden einen fest umklammert hält, sodass dass das private und berufliche Alltagsleben zu entgleiten droht, ist es ratsam, die professionelle Hilfe eines Facharztes für Psychiatrie und Psychotherapie in Anspruch zu nehmen.

Psychotherapie / Verhaltenstherapie / Konfrontationstherapie

Die Behandlung von Angstpatienten basiert in der Regel auf mehreren Säulen. In der kognitiven Verhaltenstherapie lernen die Betroffenen, ihre festgefahrenen Denkmuster zu ändern, indem sie sensibilisiert werden für die Mechanismen ihrer Angstentstehung.

Dazu zählt beispielsweise die Konfrontationstherapie, die beinhaltet, sich den furchteinflößenden Situationen zu stellen – in der Regel unter Betreuung durch einen Verhaltenstherapeuten. Hierzu erläutert die Psychotherapeutin Dr. Doris Wolf: „Ziel des Konfrontationstrainings ist, dass (die Betroffenen) erkennen, dass ihre Angst und Panik ungefährlich sind, dass das Befürchtete nicht eintritt und dass ihre Angst nachlässt, wenn sie sich der Angst stellen.“ (palverlag.de/lebenshilfe-abc/angst-panik-therapie.html)

Medikamentöse Behandlung / Psychopharmaka-Therapie

Neben der Psychotherapie kommt in angezeigten Fällen auch eine medikamentöse Behandlung zur Anwendung durch Psychopharmaka (Anxiolytika, Antidepressiva u.ä. – siehe unsere Psychopharmaka Liste).

Häufig verordnet der Arzt Mittel wie Citalopram oder Cipralex. Sowohl Citalopram als auch Cipralex zählen zur Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), die Einfluss auf die Konzentration des Serotonin-Botenstoffs im Gehirn nehmen und häufig auch bei einer Depression verschrieben werden.

Homöopathie, Bachblüten und Co.?

Die Homöopathie schwört dagegen auf den Erfolg von Bachblüten bei der Behandlung von Angststörungen. Die sogenannte Bachblütentherapie (BBT) geht zurück auf ihren Entdecker, den englischen Arzt Dr. Edward Bach (siehe auch: Bachblüte gegen Angst), der sie in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelte. Das Therapiesystem basiert dabei auf „38 verschiedenen Blütenessenzen, den sogenannten Bachblüten, und einer Mischung davon, den Rescue Tropfen“ (https://www.bach-blueten-portal.de/bachblueten-ratgeber/bachbluetentherapie/). Oftmals zeigt die Homöopathie überraschende Erfolge, weshalb es sicher kein Fehler ist, sich auch über diese Behandlungsmöglichkeiten zu informieren.

Schlusswort: Was tun gegen die Angst verrückt zu werden?

Wer Gefangener seiner Psyche ist, hat einen manchmal langen und mühsamen Weg vor sich, sich aus der Knechtschaft und von seinen Zwangsgedanken – wie die extreme Angst verrückt zu werden – zu befreien. Oftmals bedeutet schon der erste Schritt eine große Überwindung, nämlich sich selbst einzugestehen, an einer psychischen Störung wie Burnout oder Borderline erkrankt zu sein.

Auch die Inanspruchnahme professioneller Hilfe fällt vielen nicht leicht. In einer Gesellschaft, die Gesundheit, Vitalität und Leistungsfähigkeit propagiert, entwickeln Betroffene häufig Schamgefühle, den allgemeinen Erwartungen scheinbar nicht gewachsen zu sein. Daneben kann auch der Gedanke, sich einem wildfremden Menschen zu öffnen, Unbehagen auslösen.

Doch wenn die Zwangsgedanken sich erst einmal in die Seele gefressen und sich dort so massiv festgesetzt haben, dass das berufliche und private Leben aus den Fugen gerät, bleibt meist keine andere Wahl, als sich an einen Experten zu wenden und fachkundige Tipps einzuholen.

Der Schriftsteller Franz Kafka brachte das grundsätzliche Problem der Angst einst folgendermaßen auf den Punkt: „Die Furcht ist das Unglück, deshalb ist nicht Mut das Glück, sondern Furchtlosigkeit.“ In diesem Sinne sollte man die ständige Angst verrückt zu werden aus seinem Leben verbannen, indem man sich ihr stellt und ihr den Kampf ansagt.