Serotonin-Syndrom (Google Bilder Suche)

Serotonin-Syndrom als Nebenwirkung von Antidepressiva

Als Serotoninsyndrom wird ein Zustand bezeichnet, bei dem der Serotoninspiegel des Körpers in gesundheitsgefährdendem Maße erhöht ist. In diesem Sinne handelt es sich um eine Vergiftung. Die Ursachen sind nahezu ausschließlich in falscher Medikamentierung zu suchen. Hier spielt insbesondere die Behandlung von Depressionen eine Rolle, da Präparate eingesetzt werden, die auf unterschiedlichem Wege eine Erhöhung des Serotonins oder Verstärkung von dessen Effekten erzielen.

Chemie und Wirkung von Serotonin

Bei Serotonin, eigentlich 5-Hydroxytryptamin (5-HAT), handelt es sich um einen wichtigen Neurotransmitter, der zu den biogenen Aminen zählt. Sein Grundbaustein ist Tryptophan, abgebaut wird es durch die Monoaminooxidase.

Im Körper erfüllt es sehr unterschiedliche Funktionen im Nervensystem und an vielen weiteren Orten: Es führt zu einer Gefäßverengung in der Peripherie sowie in Lunge und Niere und einer Arteriolenerweiterung innerhalb der Skelettmuskulatur. Weiterhin bewirkt es eine Steigerung von Frequenz und Kontraktionskraft des Herzens, es ist Teil der Regulation von Darmmotorik, Uterus- und Bronchialmuskulatur. Zudem hat es einen Einfluss auf den Brechreiz, die Nahrungsaufnahme, den Schlaf-Wach-Rhythmus sowie die Körpertemperatur. Nicht zuletzt wird ihm eine wichtige Wirkung bei der Entwicklung von Abhängigkeit zugeschrieben.

Die Bedeutung von Serotonin – Über Mangel, Mythos und Mittelchen…

Der Referenzbereich für Serotonin im Blut und Urin ist verhältnismäßig breit, da die Werte abhängig von Alter, Gewicht, Geschlecht und weiteren individuellen Faktoren sehr verschieden sein können.

Ein Wert von < 2 µmol/l im Blut und < 1 µmol/d im Urin gelten als unproblematisch (abweichende Werte für das Abbauprodukt 5-HIES).

Eine Erhöhung der Werte kann auf Epilepsie, Zöliakie, starken Nikotinkonsum oder einen Tumor hinweisen, auch die Ernährung beeinflusst die Werte geringfügig.

Ein deutlich zu niedriger Serotoninwert wird mit dem Vorhandensein einer Depression in Zusammenhang gebracht. Allerdings wurden auch depressive Patienten ohne auffällige Serotoninwerte und umgekehrt niedrige Serotoninwerte ohne Anzeichen einer Depression gefunden. Daher konnte bislang kein Referenzwert festgelegt oder direkter Zusammenhang bewiesen werden.

Steigt der Serotoninwert im Gehirn oder Blutkreislauf durch Akkumulation über einen längeren Zeitpunkt oder plötzliche Überdosierung erheblich an, kann dies zum Serotonin-Syndrom führen. Dieser Überschuss kann in schweren Fällen tödlich enden, wenn es nicht gelingt, ihn rechtzeitig zu behandeln.

Serotonin-Syndrom Symptome

Anzeichen eines Serotoninüberschusses können ebenso vielfältig wie die Wirkung des Neurotransmitters sein, zumal Medikamente sowie Erkrankungen nicht zwingend zu einer gleichmäßigen Erhöhung in jedem Bereich des Nervensystems führen. Ein Überschuss im Blutkreislauf oder Gehirn kann aus der Überdosierung eines einzelnen oder aber der Kombination aus mehreren Arzneimitteln resultieren. Da Serotonin selbst die Blut-Hirn-Schranke nicht passieren kann, sind die Symptome auch abhängig vom genauen Wirkmechanismus eines Arzneistoffes. Zu ihnen zählen:

  • Herzrasen
  • Anstieg des Blutdrucks
  • Übelkeit und Erbrechen, Durchfall
  • schnelle Atmung, Schwitzen, Schüttelfrost, Fieber
  • Pupillenerweiterung
  • Unruhe, Verwirrung, Agitiertheit
  • Halluzinationen
  • leichte Manie
  • Bewusstseins- und Koordinationsstörungen
  • Tremor, Muskelzuckungen, Krämpfe, Anfälle
  • gesteigerte, teils pathologische Reflexe
  • Rhabdomyolyse, Nierenschädigung

Diese Anzeichen werden in autonom vegetative, zentralnervös erregte und neuromuskuläre Symptome aufgeteilt. Sie treten innerhalb von kürzester Zeit, teilweise innerhalb weniger Minuten, spätestens innerhalb von 24 Stunden nach Einnahme des auslösenden Wirkstoffes auf.

Auch das Auftreten von Suizidgedanken wird mit einem Anstieg des Serotoninspiegels in Zusammenhang gebracht. Aufgrund der hohen Verschreibungsrate antidepressiver Medikamente einerseits und der gleichzeitig großen Zahl an Präparaten, die den Serotoninspiegel beeinflussen (siehe SSRI Medikamente), andererseits kommt es relativ häufig zum Auftreten des Serotoninsyndroms. Auch bei bestimmungsgemäßem Gebrauch können einige der Symptome als Nebenwirkungen auftreten. Dies gilt insbesondere bei (zu) hohen Anfangsdosierungen. Seltener kommt es auch zu bewussten Überdosierungen, teilweise in Suizidabsicht. Unbehandelt kann das Serotonin-Syndrom tödlich enden, in erster Linie aufgrund einer Störung der Atemmuskulatur.

Da die Symptome des Serotoninsyndroms größtenteils unspezifisch sind, wird die Diagnose häufig im Ausschlussverfahren gestellt. Mögliche Verwechslungen bilden sowohl Infektionserkrankungen als auch psychische Erkrankungen und andere schwere Nebenwirkungen einer Medikamenteneinnahme (Malignes Neuroleptika-Syndrom). Hierzu sind Kenntnisse über die Vorgeschichte des Patienten sowie die genaue Menge, Art und eventuelle Kombination der eingenommenen Präparate von entscheidender Wichtigkeit. Ein Bluttest kann zur Diagnostik ergänzend herangezogen werden. Weiterhin ist es wichtig, die neuromuskulären Symptome zu beobachten.

Wenn Patienten diese oder ähnliche Anzeichen während einer Behandlung mit einem den Serotoninhaushalt beeinflussenden Präparat bemerken, sollten sie sich umgehend in ärztliche Behandlung begeben, da es sich um einen Notfall handelt.

Serotoninsyndrom: Lebensbedrohlicher Überschuss (Artikel in der Pharmazeutischen Zeitung)
Serotoninsyndrom: Lebensbedrohlicher Überschuss (Artikel in der Pharmazeutischen Zeitung)

Ursachen

Ein sehr hoher Serotoninspiegel kommt gelegentlich bei einer speziellen Art des Tumors, einem Karzinoid vor. Dabei handelt es sich um einen oft gutartigen Tumor des Weichgewebes, der jedoch imstande ist größere Mengen Hormone zu produzieren, häufig Serotonin. Einige der Anzeichen (Durchfall, Krämpfe) können sich daher mit denen des Serotoninsyndroms überschneiden. Allerdings handelt es sich hier um eine langfristige Entwicklung, nicht um einen Akutfall wie beim medikamentös induzierten Serotonin-Syndrom.

Ein Serotoninsyndrom zu erkennen, einzuschätzen und zu vermeiden ist insbesondere aufgrund der großen Anzahl Medikamente, die eine Auswirkung auf den Serotoninspiegel haben, nicht immer einfach.

  • Zu ihnen zählen nicht nur Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, sondern auch nahezu alle weiteren Antidepressiva wie trizyklische Antidepressiva, MAO-Hemmer und Lithium.
  • Doch auch Medikamente, die zunächst weniger mit dem Neurotransmitter in Verbindung gebracht werden, haben oft erhebliche Auswirkungen. Zu ihnen gehören beispielsweise Migräne- und andere Schmerzmittel (Triptane), außerdem Tryptophan in pharmazeutischen Dosierungen, das angstlösende Buspiron und das Antibiotikum Erythromycin.
  • Auch verschiedene HIV-Medikamente wie Saquinavir und Ritonavir können zu gefährlichen Wechselwirkungen führen. Diese ergeben sich nicht aus einem Effekt auf das Serotoninsystem selbst, sondern treten aufgrund einer Hemmung des Abbaus der Arzneistoffe auf – dies kann sekundär zu einem erhöhten Wirkstoffspiegel führen.
  • Nicht zuletzt führen alle Amphetamine, außerdem Kokain, unabhängig davon, ob ihr Einsatz aus medizinischem oder missbräuchlichem Grund geschieht, zu einer kurzfristigen, teils erheblichen Erhöhung des Serotoninspiegels. Von einer eigenständigen parallelen Medikation mit Johanniskraut ist ebenfalls dringend abzuraten (siehe Johanniskraut hochdosiert Nebenwirkungen).

Die genannten Wirkstoffe beeinflussen den Serotoninspiegel auf unterschiedlichen Wegen:

  • Verstärkung der Serotonineffekte
  • Stimulation der Serotoninrezeptoren
  • Hemmung des Serotoninabbaus
  • Steigerung der Serotoninsyntheseleistung
  • Erhöhung der Serotoninfreisetzung
  • Hemmung der Wiederaufnahme von Serotonin aus dem synaptischen Spalt

Problematisch sind sowohl Medikamente mit dem gleichen Effekt, beispielsweise zwei verschiedene Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, als auch Medikamente mit unterschiedlichen Effekten. Aus diesem Grund sollte jeder Arzt, der Antidepressiva oder ein anderes Präparat mit entsprechenden Auswirkungen verschreibt, genaueste Kenntnis von der übrigen Medikamentierung des Patienten haben. Auch dieser selbst sollte sich gründlich informieren und seinen behandelnden Arzt gegebenenfalls auf mögliche Wechselwirkungen ansprechen. Ausgesprochen wichtig ist zudem, bei der Umstellung von einem Präparat auf ein anderes eine ausreichend lange Behandlungspause einzulegen, um eine Überschneidung der Wirkung auszuschließen. Die Länge richtet sich nach der Halbwertszeit der Arzneimittel und beträgt zumeist ein bis zwei Wochen.

Eine beispielhafte, fachliche Beschreibung der einem Serotonin-Syndrom zugrunde liegenden Ursachen findet sich auch in diesem Video:

Serotoninsyndrom Behandlung

Die Behandlung des Serotonin-Syndroms ist abhängig von dessen genauer Ausprägung, also spezifischen Symptomen und deren Stärke, sowie der Ursache. Falls notwendig, werden zuallererst Notfallmaßnahmen ergriffen, um die Lebensfunktionen der betroffenen Person zu gewährleisten und sie zu stabilisieren. Hierzu ist es wichtig, eine funktionierende Atmung sicherzustellen. Die Erfahrung besagt, dass vor allem die Aspiration von Erbrochenem lebensgefährlich sein kann.

Körperfunktionen und Blutwerte sollten engmaschig überwacht werden, letztere insbesondere, um Gerinnungsstörungen (disseminierte intravasale Koagulopathie) und Nierenversagen frühzeitig zu entdecken und zu behandeln. Weiterhin müssen die Blutparameter auf das übermäßige Vorhandensein von Creatin-Kinase, Lactatdehydrogenase und Myoglobin überprüft werden, da dies auf eine gefährliche Rhabdomyolyse, also eine Auflösung quergestreifter Muskulatur hinweist. In diesem Fall muss, aufgrund der möglichen Nierenschädigung, eine Dialyse in Betracht gezogen werden. Gleichzeitig können größere Mengen Flüssigkeit gemeinsam mit Diuretika als Infusion verabreicht werden, um die Ausscheidung der Abbauprodukte zu beschleunigen.

In jedem Fall sollte die Ursache des Serotoninüberschusses sofort behoben werden. Das bedeutet in den meisten Fällen, die Medikamentierung des Patienten umzustellen oder ganz abzusetzen. Handelt es sich um einen serotoninproduzierenden Tumor, muss dieser therapiert werden. Im akuten Fall kommt das Präparat Cyproheptadin infrage, das die Effekte des Serotonins hemmt. Sind die Auswirkungen in erster Linie psychischer Natur und führen beispielsweise zu starker Unruhe, kann auch ein Beruhigungsmittel, beispielsweise Lorazepam, zur Anwendung kommen, um die Beschwerden abzumildern (siehe Tavor und Lorazepam Wirkung).

Liegt eine Hyperthermie vor, muss die Körpertemperatur des Betroffenen unter Umständen künstlich gesenkt werden, um Komplikationen zu vermeiden. Insgesamt ist das Serotoninsyndrom oftmals schwer zu behandeln.

Falsch dosiert können Nahrungsergänzungsmittel wie dieser exemplarische Serotonin-Dopamin-"Booster" im schlimmsten Fall ein Serotonin Syndrom auslösen, insbesondere im Wechselspiel mit ggf. weiteren konsumierten Mitteln und Wirkstoffen (Amazon)
Falsch dosiert können Nahrungsergänzungsmittel wie dieser exemplarische Serotonin-Dopamin-„Booster“ im schlimmsten Fall ein Serotonin Syndrom auslösen, insbesondere im Wechselspiel mit ggf. weiteren konsumierten Mitteln und Wirkstoffen (Amazon)

Quellen und weiterführende Ressourcen zum Serotonin Syndrom

  • http://www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=Serotoninsyndrom
  • http://www.gesundmed.de/laborwerte/serotonin-5-hydroxytryptamin-5-ht/
  • https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/2035713?dopt=Abstract
  • https://www.netdoktor.de/laborwerte/serotonin/
  • https://www.spektrum.de/lexikon/neurowissenschaft/serotonin/11758
  • https://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=43232
  • https://deximed.de/home/b/psychische-stoerungen/patienteninformationen/arzneimittel/serotoninsyndrom/
  • http://www.neuro24.de/show_glossar.php?id=1994
  • http://flexikon.doccheck.com/de/Serotoninsyndrom
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Disseminierte_intravasale_Koagulopathie
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Rhabdomyolyse
  • https://www.msdmanuals.com/de-de/profi/verletzungen,-vergiftungen/hitzekrankheit/serotoninsyndrom
  • https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/32390/Lebensgefaehrliches-Serotonin-Syndrom-durch-Migraenemedikamente
  • https://www.netdoktor.de/krankheiten/serotonin-syndrom/
  • https://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=43232