Affektive Störungen | Über Affektregulation, Affektlabilität, Affektstörung (© elnariz - stock.adobe.com)

Affektive Störungen – über Affektregulation, Affektlabilität und das Stigma der Affektstörung

Wer möchte schon an einer Affektstörung leiden? Affektive Störungen gelten als psychische Störung im Sinne einer klinisch relevanten Stimmungsänderung. Was heißt das aber nun?

Eine Störung der Affektregulation kann sich beispielsweise äußern als:

  • Depression,
  • Aggression,
  • Überspanntheit oder
  • Manie.

Zu unterscheiden sind Affektstörungen, die akut auftreten, von solchen, die bereits chronisch geworden sind. Außerdem gibt es noch episodisch oder periodisch auftretende Probleme der Affektregulation. Es gibt aber zwischendurch auch Zeiten, in denen die Betroffenen in normaler Verfassung sind. Das ist beispielsweise bei Psychosen der Fall.

Was ist überhaupt eine Affektstörung?

Affektive Störungen können nicht nur die Stimmungslage betreffen. Sie können auch durch Denkstörungen begleitet werden. Es kann zu verschiedenen kognitiven Beeinträchtigungen oder psychotischer Agitiertheit kommen. Weil die Anzeichen für eine Affektstörung so vielfältig sein können, untersuchen die Mediziner verschiedene Lebensbereiche auf ungewöhnliches Verhalten und Affektlabilität.

Beispielsweise kann das soziale Leben des Betroffenen plötzlich verändert sein. Er kann plötzlich übermäßig erregt wirken. In anderen Fällen können Betroffene sich in sich selbst zurückziehen. Sie zeigen gesteigertes oder fehlendes sexuelles Interesse oder leiden an übermäßigem bzw. gemindertem Appetit. Sie können je nach seelischer Gestimmtheit Schlafstörungen beklagen oder über ein erhöhtes Schlafbedürfnis berichten.

Im ICD 10 wird die affektive Störung im Abschnitt F30-F39 definiert. Die bisherige Definition ist aber nicht unumstritten, weil sie aus medizinischer Sicht nicht passgenau genug zutrifft. Im ICD 10 werden zum Beispiel Erkrankungen zu den affektiven Störungen gerechnet, die eigentlich gar keine Affektstörungen sind – beispielsweise die Manie, die bipolare Störung, die Depression, anhaltende affektive Störungen oder episodisch auftretenden depressive Phasen.

Affektive Störungen sind aber eigentlich plötzliche Gefühlswallungen wie Wut, Aggression oder Trauer, die sich in übermäßige Agitiertheit umsetzen. Die im ICD 10 genannten Erkrankungen wurden früher als Gemütskrankheiten bezeichnet, im englischen Sprachgebrauch als „mood disorders“ übersetzt. Hier scheint es also begriffliche Abgrenzungsprobleme zu geben. Organische Ursachen liegen bei affektiven Persönlichkeitsveränderungen meist nicht vor. Man rechnet diese Störungen daher oft den idiopathischen oder den endogenen Störungen zu.

Quellen:

Buch: Affektive Störungen (Amazon*)
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Affektverflachung oder Affektlabilität?

Bei manchen psychischen Erkrankungen erfolgt eine Affektverflachung. Bei anderen hingegen kommt es zu einer erhöhten Affektlabilität. Außerdem kann es noch eine Affektverarmung geben.

So oder so scheint die Affektregulation gestört zu sein.

  • Die Affektverflachung beinhaltet eine Verringerung der affektiven Ausdrucksmöglichkeit. Bekannt ist dieses Symptom – das wegen seines Fehlens eigentlich ein Negativsymptom ist – von der Schizophrenie.
  • Sind nur manche der normalen Gefühlsäußerungen gestört, sprechen die Fachleute lediglich von einer Affektverarmung. Dabei geht es um partiell eingeschränkte, aber teils noch vorhandene Affekte.
  • Von einer Affektlabilität oder Stimmungslabilität ist die Rede, wenn jemand sich in einem durch geringe Reize stimulierbaren psychischen Zustand wiederfindet. Es kleiner Auslöser genügt, um die Stimmung ins andere Extrem umschlagen zu lassen. Als Gegensatz zur Affektlabilität wurde der Begriff der „Affektinkontinenz“ eingeführt. Bei dieser ist den Betroffenen zwar bewusst, dass sie an heftigen Stimmungsumschwüngen leiden. Sie halten diese aber für normal, und nicht für krankhaft oder belastend (vgl. auch Stimmungsschwankungen bekämpfen).

Bei einem affektlabilen Menschen genügen oft schon geringfügige Auslöser, um die Kontrolle über die Gefühlslage zu verlieren. Solche Menschen erhalten vor Gericht oft mildernde Umstände zugesprochen, weil sie laut einem Gutachten im Affekt – also in einer Art unkontrollierbarem emotionellem Rausch – gehandelt haben. Affektlabilität macht sich am sekundenschnellen Umschlagen der Stimmung von Trauer zu Wut oder von Freude zu Trauer fest.

In vielen Lebenslagen oder durch bestimmte Umstände haben Menschen jeden Alters schon einmal solche Zustände erlebt – zum Beispiel

  • in Form eines kindlichen Entwicklungsstadiums
  • als Wochenbettdepression
  • bei einem aufregenden Fußballspiel im Fernsehen
  • durch hormonell bedingte Gefühlsschwankungen beim prämenstruellen Syndrom
  • durch starke psychische Belastungen
  • bei Persönlichkeitsstörungen (Neurosen, Borderline-Syndrom etc.)
  • oder durch einen besonders impulsiven oder cholerischen Charakter.

In anderen Zusammenhängen kann ein Verlust der Affektkontrolle eine Erkrankung andeuten. Zum Beispiel können die Symptome auf

  • eine familiär vorkommende Neigung zur Manie oder manischen Depressionen
  • eine akute Psychose
  • eine beginnende Demenzerkrankung
  • ein Aufmerksamkeitsdefizit bzw. eine Hyperaktivitätsstörung (ADHS)
  • Hirnschäden
  • oder Frühstadien der Schizophrenie

hindeuten. In diesem Fall kann es zu einer organischen Störung gekommen sein, die die Impulskontrolle verändert hat.

Quellen:

Buch zum Thema Affektive Störung, Affektregulation und Affektlabilität (Amazon*)
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Was beeinflusst die Affektregulation?

Unter Affektregulation verstehen wir, dass jemand in der Lage ist, seine Gefühle zu kontrollieren, statt sich von ihnen übermannen zu lassen. Bei erhöhter Affektlabilität ist das aber nicht immer gegeben. Hier genügt schon ein kleiner Anlass, um gewaltige Gefühlsausbrüche nach sich zu ziehen. Diese können sich in Geschrei oder Aggressionen entladen.

Der Begriff „Affektregulation“ beschreibt also eine menschliche Fähigkeit. Menschen sollten unter normalen Umständen in der Lage sein, auch überbordende Gefühllagen managen und kontrollieren zu können. Problematisch ist eher der Begriffsteil „Affekt“. In der Regel wird damit ein besonders intensiver Gefühlszustand beschrieben – zum Beispiel, Wut, Trauer oder innere Erregung. Der Verlust der Affektkontrolle zieht in der Folge einen Kontrollverlust nach sich. Es kommt zu einer akuten affektiven Störung, zum Beispiel einem Wutausbruch.

Man könnte aber auch jedwede emotionale Regung als einen affektiven Prozess ansehen. So gesehen, schwanken viele Menschen beständig zwischen ausgeglichenen, leicht erregten oder stark erregten Zuständen hin und her. Die Übergänge in unserer Gemütslage sind oft fließend. Eben noch ist alles eitel Sonnenschein. Doch dann passiert etwas, was den Betroffenen

  • plötzlich auf die Palme bringt
  • in einen Freudentaumel versetzt
  • mit einem Schock konfrontiert
  • wütend macht
  • mit Eifersucht oder Begierde erfüllt
  • oder mit tiefer Trauer ausfüllt.

Zugleich mit der emotionellen Belastung reagiert auch der Körper. Die Atmung wird schneller. Die Herzschlagfrequenz steigt an. Der Magen krampft sich zusammen. Die Gesichtshaut wird blass, Hormone werden ausgeschüttet und so weiter. In einem Chaos aus Gefühlswallungen und körperlichen Symptomen verliert der Mensch seine übliche Contenance. Er verliert möglicherweise die Kontrolle über sein Handeln und handelt im Affekt.

Eine wichtige Seite des menschlichen Lebens ist eine funktionierende Trieb- und Affektkontrolle. Auf der anderen Seite stellen unsere Affekte aber auch einen wichtigen inneren Antrieb dar. Unterdrückt jemand seine Affekte, kann er neurotisch werden. Er verdrängt bestimmte Anteile seiner selbst und kann dadurch sogar erkranken. Typisch sind beispielsweise Herzbeschwerden, Magen-Darm-Probleme oder Gallenerkrankungen. Diese werden folglich als Affektkrankheiten zusammengefasst.

Quellen:


Buch: Störungen der Affektregulation (Amazon*)
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Besondere Herausforderungen in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie

Wann entsteht eine Affektstörung / affektive Störung?

Offensichtlich erleben fast alle Menschen gelegentlich eine akute affektive Störung. Die Frage ist nun, wann Probleme der Affektregulation einen Krankheitswert hat, und wann eine Affektlabilität lediglich einer momentanen Belastungssituation gefolgt ist. Wann ist ein Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie der richtige Ansprechpartner – und wann kommt jemand von selbst wieder runter von seiner Gefühlswallung?

Eine akute affektive Störung ist normal. Was sie in den Bereich des nicht mehr Normalen rückt, ist bestenfalls der Grad an emotioneller Explosivität. Rastet jemand verbal aus, kann dieser emotionelle Ausbruch bereits grenzwertig sein. Wirft jemand mit Tellern, könnte dies bereits als häusliche Gewalt bezeichnet werden. Rastet jemand aber regelmäßig aus und verliert komplett die Kontrolle über seine Gefühle, hat das definitiv einen Krankheitswert.

Wenn jemand wegen seiner hin und her wallenden Gefühle denkt „Hilfe ich werde verrückt„, sollte er sich vielleicht Hilfe holen. Bei mangelnder Impuls-Kontrolle und regelmäßigen Ausrastern ist vielleicht ein Anti-Aggressivitätstraining hilfreich. Wenn durch eine affektive Störung andere Menschen belastet werden, oder man selbst sich als in einer seelischen Ausnahmesituation befindlich erkennt, ist Hilfe nötig. Ebenso bei Verfolgungswahn, einer Zwangsneurose oder anderen Störungen mit beträchtlichen Auswirkungen auf das eigene Leben.

Möglicherweise zieht die affektive Störung eine Komorbidität nach sich. Das bedeutet, dass zu der psychischen Grunderkrankung eine körperliche Begleiterkrankung auftritt. Die Begleiterkrankung kann jedoch die Grunderkrankung in den Hintergrund rücken. Beispielsweise kann jemand beim Hausarzt über Herzrasen klagen, ohne wahrzunehmen, dass das eigentliche Problem in einer Affektstörung liegt. Die vorgeschlagene Therapie ist wenig hilfreich, weil sie nur die körperlichen Symptome berücksichtigt.

Ohne Alkoholismus als Ursache einer verringerten Affektkontrolle zu benennen, wird die therapeutische Maßnahme nicht am richtigen Ort einsetzen. Alkoholgenuss zieht bei manchen Menschen eine erhöhte Affektlabilität und ein stärkeres Aggressionspotenzial nach sich. Die Therapie muss direkt an der Ursache ansetzen, um effektiv zu sein. Sie muss aber auch die tieferen Ursachen in den Blick nehmen. Diese können auf eine Persönlichkeitsstörung oder eine mangelnde Affektkontrolle hinweisen.

Das bedeutet: Selbst wenn das Alkoholproblem bewältigt wird, kann die affektive Störung weiterhin bestehen. Affektive Störungen können durch viele Faktoren getriggert und ausgelöst werden.

Quellen:

Therapie: Affektive Störungen behandeln

Eine affektive Störung muss den Betroffenen nicht gleich in die Psychiatrie führen. Es kann sich um einen vorübergehenden Zustand handeln. Diese kann der Betroffene selbst in den Griff bekommen. Anders ist es aber, wenn affektive Störungen zum gewohnten Bild im Alltagsleben werden. Hier ist ein Krankheitswert anzunehmen. Eine chronische oder episodisch auftretende Affektstörung, die auch andere involviert, gehört in Behandlung.

Die Feststellung der Ursachen für die Affektstörung ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass die Therapie erfolgreich sein kann. Zu Beginn steht also die diagnostische Abklärung. Es muss festgestellt werden, ob eine krankhafte Veränderung im Gehirn vorliegt, eine Persönlichkeitsstörung ursächlich ist oder eine andere Ursache wie Alkoholismus oder erhöhte Gewaltbereitschaft durch bestimmte politische Ansichten vorliegen.

Wenn eine Affektstörung auf Verfolgungswahn oder einer Zwangsneurose beruht, muss anders behandelt werden, als wenn jemand Alkoholiker ist, harte Drogen konsumiert oder ein Hooligan ist. Wenn jemand lethargisch statt schnell oder dauerhaft erregt ist, liegt eine andere Ursache für die affektive Störung vor. Ein starkes Beruhigungsmittel zu verabreichen, wenn jemand ohnehin schon emotionell gedämpft wirkt, wäre kontraproduktiv. Wer lethargisch ist, benötigt eher medikamentöse Stimulation und Stimmungsaufhellung. Er ist vermutlich eher depressiv als psychotisch.

Affektive Störungen zu behandeln, erfordert meistens eine psychotherapeutische Behandlung. Zusätzlich kann eine medikamentöse Therapie angemessen erscheinen. Oftmals muss bei affektiven Störungen der Sympathikus beruhigt werden. Dazu eignen sich Sympathicolytica als Medikamente. Muss der Sympathikus jedoch angeregt werden, kommen meist Sympathikomimetica zur Verwendung. (vgl.: Wie beruhigt man den Sympathikus?)

Die Vielzahl der affektiven Störungen mit Krankheitswert erfordert für jede Störung eine eigenständige Therapie. Über die therapeutischen Maßnahmen entscheiden die vorliegenden Symptome. Außerdem wird der Verlauf der Störung dokumentiert. Der Leidensdruck der Betroffenen und ihres Umfeldes kann eine Einweisung in die Psychiatrie erfordern (vgl. geschlossene Psychiatrie Einweisung).


Analytische Psychotherapie – Wie läuft das genau?


Wann erfolgt eine Einweisung in die geschlossene Psychiatrie?

Je nach Lage der Symptome und Ursachen kann eine Einweisung der Betroffenen in ein Krankenhaus oder eine geschlossene Psychiatrie vorgenommen werden. So ohne weiteres ist diese Maßnahme aber heute nicht mehr möglich. Zunächst einmal müssen alle anderen Behandlungsversuche erfolglos geblieben sein. Der Betroffene darf keine Gefahr für sich selbst oder für andere darstellen. Außerdem müssen die Ursachen und Auswirkungen der affektiven Störung als krankhaft diagnostiziert worden sein.

Eine Zwangseinweisung darf nur unter bestimmten Gesichtspunkten erfolgen. Zum Beispiel muss die Einsicht in die gravierenden Auswirkungen der affektiven Störung fehlen. Das Ordnungsamt kann beispielsweise veranlassen, dass jemand nach einem Ausbruch von Aggressionen gegen andere in eine geschlossene Psychiatrie eingewiesen wird. Eine Grunderfordernis für eine Einweisung ist, dass die Gesundheit des Betroffenen, anderer in seinem Umfeld oder die öffentliche Sicherheit gefährdet sind.

Neben dem Ordnungsamt können auch amtlich bestellte Betreuer, Polizisten oder Notärzte entsprechen tätig werden (siehe auch sozialpsychiatrische Dienste). Die Einweisung kann auch aufgrund einer akuten psychischen Krise notwendig werden – zum Beispiel, weil ein Patient mit geringer Affektkontrolle nach einer überraschenden Krebsdiagnose völlig austickt. So oder so muss am nächsten Tag geprüft werden, ob die Einweisung in die geschlossene Psychiatrie rechtens und notwendig war. Wenn jemand sich selbst als Gefahr für sich oder andere versteht, kann er sich auch freiwillig einweisen.


Sozialpsychiatrischer Dienst – Überblick über Tätigkeit und Anlaufstellen


Eine chronische affektive Störung kann jedoch auch anders behandelt werden. Neben der therapeutischen Begleitung können dämpfende Medikamente verordnet werden. Diese stabilisieren den emotionellen Zustand. So macht mancher Betroffene erste Trimipramin Erfahrungen oder kommt mit anderen Medikamenten in Kontakt, die bei problematischer Affektregulation verordnet werden (siehe auch Escitalopram Erfahrungen).

Falls im Zustand verminderter Affektkontrolle eine Straftat begangen wurde, wird ein Gericht darüber entscheiden, wie verfahren wird. Bei erhöhter Aggressivität kann vom Gericht ein Aggressivitätstraining angeordnet werden. Außerdem kann neben einer Haftstrafe ein Drogen- oder Alkoholentzug angeordnet werden, bevor der eigentliche Haftantritt erfolgt.

Quellen:

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