Selbstverletzung / selbstverletzendes Verhalten (SVV) im Rahmen psychischer Erkrankungen (© arisha / stock.adobe.com)

Selbstverletzung / selbstverletzendes Verhalten (SVV) im Rahmen psychischer Erkrankungen

Selbstverletzungen? – Laut Wikipedia basiert selbstverletzendes Verhalten (SVV) auf einer freiwillig ausgeführten, oftmals kaum verhohlenen, oft aber auch verborgenen Selbstzerstörung. Hinter dieser selbstzerstörerischen Handlung steckt aber meistens keine bewusste Selbstmordabsicht. Vielmehr möchten die Betroffenen ihrem seelischen Schmerz Ausdruck verleihen. Sie fühlen sich innerlich taub und möchten sich selbst auf irgendeine Weise spüren. Fachleute sprechend auch von autoaggressivem Verhalten.

Die Betroffenen befinden sich in schweren seelischen Nöten. Sie können ihr Leiden oft nicht anders entlasten, als

  • sich selbst zu ritzen,
  • sich die Haare büschelweise auszureißen,
  • sich blutig zu kratzen,
  • die Haut absichtsvoll zu verbrennen, indem sie glühende Zigaretten darauf ausdrücken, oder
  • sich mit Rasierklingen tief in die Haut der Arme zu schneiden.

Die Massivität und die Konsequenz dieser Handlungen stellen oft Gründe für die Einweisung in die Psychiatrie dar.

Was ist selbstverletzendes Verhalten?

Zunächst sei gesagt, was nach ärztlicher Ansicht kein selbstverletzendes Verhalten (SSV) ist. Abzugrenzen ist die absichtsvolle Verletzung des eigenen Körpers vom

  • Piercen bestimmter Körperteile
  • Tätowieren des Körpers oder Gesichts
  • unmissverständlichen Selbstmordversuch
  • oder der absichtsvollen Verletzung eigener Kinder durch das Münchhausensyndrom.

Das SSV kann durchaus in einem Suizid enden. Das passiert, wenn die Verzweiflung groß genug ist. Das trifft für etwa 10 Prozent derer zu, die sich ritzen, verbrennen, blutig kratzen oder schneiden. Im Grunde hoffen die meisten Betroffenen aber, dass ihre Signale der Selbstverletzung dazu führen, dass die Seele irgendwann heilt oder jemand sie errettet. Inwieweit eine Therapie erfolgreich ist, ist verschieden. Der eigentliche Sinn der Selbstverletzung ist jedoch die Druckentlastung.


Ritzen, Kratzen, Schneiden - Selbstverletzungen (SVV - Selbstverletzendes Verhalten) findet sich im Kontext verschiedener psychischer Erkrankungen (© TwilightArtPictures / stock.adobe.com)
Ritzen, Kratzen, Schneiden – Selbstverletzungen (SVV – Selbstverletzendes Verhalten) findet sich im Kontext verschiedener psychischer Erkrankungen (© TwilightArtPictures / stock.adobe.com)

Oftmals wird von Betroffenen berichtet, dass sie sich innerlich wie taub, leer und abgestorben fühlen. Das Bluten und der Schmerz, die mit den Selbstverletzungen eintreten, bedeuten, dass man noch lebt. In einem traumatischen Umfeld haben Kinder und Jugendliche oft keine andere Möglichkeit, als jede eigene innere Regung abzutöten, um zu überleben. Oftmals stehen jahrelanger psychischer oder körperlicher Missbrauch als Auslöser für das selbstverletzende Verhalten im Raum. In anderen Fällen liegen bei autoaggresivem Verhalten schwere Persönlichkeitsstörungen wie das Borderline Syndrom oder Psychosen vor.


Persönlichkeitsstörungen vom Grundsatz her verstehen


In einigen Fällen bestrafen sich diese Menschen selbst durch das Selbstverletzen. Dahinter kann durchaus eine Portion Selbsthass oder Selbstverachtung stehen – beispielsweise nach jahrelangem Missbrauch durch einen nahen Angehörigen. Die Betroffenen fühlen sich besudelt, aber auch minderwertig und machtlos. Sie sehen sich oft als mitschuldig an. Viele projizieren den Hass auf den Täter auf sich selbst. In jedem Fall ist Selbstverletzung ein Ausdruck immensen seelischen Leidens und größter Verzweiflung. Dafür genügt bei labilen Kindern manchmal auch eine sehr konfliktbeladene Scheidung.

In welchen Zusammenhängen tritt selbstverletzendes Verhalten auf?

Einen möglichen Zusammenhang mit autoaggressivem Verhalten haben wir hier bereits genannt: psychischen und körperlichen Missbrauch oder daraus resultierenden Selbsthass. Es gibt aber auch eine Komorbidität. Damit ist ein Zusammenhang zwischen bestimmten Erkrankungen und Selbstverletzungen gemeint. Eine Komorbidität ist bekannt beim Vorliegen von

Zusätzlich zu langjährigen Missbrauchserfahrungen kann aber auch mangelnde Nestwärme ein Auslöser für autoaggressives Handeln werden. Die Gefühlskälte gestörter oder psychisch kranker Eltern erlaubt Kindern keine normale Entwicklung. Kindliche Traumata, Körperschema-Störungen, fortgesetzte Demütigungen und Herabwürdigungen im Familienkreis, psychotische oder schizophrene Schübe, Selbsthass und gedeckelte Wut können zum Selbstverletzen führen.

Man kann dieses Verhalten also auch als Hilferuf verstehen. Wenn Scheidungskinder anfangen, sich zu ritzen, blutig zu kratzen oder wund zu lecken, ist das immer ein Warnsignal. Die Psyche des Kindes leidet. Seine inneren Konflikte und Ängste bleiben unbeachtet. Die Eltern sind mit sich selbst beschäftigt. In diesem Fall ist es ratsam, die Beratungsstellen der Kinder- und Jugendpsychiatrie hinzuzuziehen.

Kinder mit selbstverletzendem Verhalten - SVV ist häufig ein Fall für die Kinder- und Jugendpsychiatrie, respektive einen Kinderpsychotherapeuten (© Jan H. Andersen / stock.adobe.com)
Kinder mit selbstverletzendem Verhalten – SVV ist häufig ein Fall für die Kinder- und Jugendpsychiatrie, respektive einen Kinderpsychotherapeuten (© Jan H. Andersen / stock.adobe.com)

Welche Menschen sind von selbstverletzendem Verhalten betroffen?

Eine Neigung zur Selbstverletzung kann bei Kindern, bei Jugendlichen und bei Erwachsenen entstehen. Die Verletzung kann ohne Spuren vorgenommen werden, die andere als SVV erkennen können. Die Betroffenen haben lediglich häufig blaue Flecken. Das ist einigermaßen unverdächtig, zumal diese durch Kleidungsstücke leicht bedeckt werden können. Bleiben die autoaggressiven Verletzungen ohne Spuren, können die Betroffenen andere Menschen jahrelang über ihre seelische Befindlichkeit täuschen.

Die selbst zugefügten Verletzungen können aber auch offensichtlich und unübersehbar sein. Bei manchen Menschen ist dieses Verhalten zwanghaft. Sie beginnen schon als Kind, sich zu ritzen, zu verbrennen oder blutig zu kratzen. Später findet sich das autoaggressive Verhalten bei den Erwachsenen wieder. Manche Frauen haben auffällig viele blaue Flecken. Diese können von absichtsvollem Schlagen, Kneifen oder Verbrennen der Haut mit glühenden Zigaretten herrühren. Solche Selbstverletzungen verheilen ohne Narben. Man kann sie gegebenenfalls gut wegerklären.

Manche Frauen schneiden sich mit Rasierklingen oder Küchenmessern so tief, dass die Wunden genäht werden müssen. In diesem Fall kann die absichtsvoll beigebrachte Verletzung nicht ohne Narben abheilen. Manche jungen Frauen sind übersät mit tiefen Narben an Unter- und Oberarmen. Welche seelischen Qualen diese Frauen ertragen, drücken sie durch körperliche Signale aus. Hier werden oftmals Krankenhauseinweisungen durch einen Notarzt notwendig. Manchmal rufen die Betroffenen diesen sogar selbst. Es liegen außerdem Gründe für die Einweisung in die Psychiatrie vor.

Bei Kindern unter fünfzehn Jahren wäre in solchen Fällen die Kinder- und Jugendpsychiatrie zuständig. Ein sozialpsychiatrischer Dienst z.B. in Hamburg, Berlin, München oder anderen Großstädten kann bei Vorliegen von SVV hinzugezogen werden.

Welche Arten der Selbstverletzung sind möglich?

Es gibt zahllose Methoden und Arten, sich und seinem Körper durch Selbstverletzungen zu schaden. Die bekanntesten Methoden der Selbstverletzung sind sicher das Ritzen und Schneiden. Während Ritzungen meist an der Oberfläche bleiben, ist das Zufügen tiefer Schnitte sehr viel drastischer. Auch das Verbrennen der Haut mit glühenden Zigaretten ist relativ weit verbreitet. Andere Arten des selbstverletzenden Verhaltens sind

  • das Blutigkratzen von Extremitäten, Gesicht oder anderen Körperteilen
  • das Schlagen des Kopfes mit den Händen
  • das Schlagen des Kopfes gegen Tische oder Wände
  • feste Faustschläge gegen die Wand
  • das Schlagen des Körpers mit Hämmern oder anderen Gegenständen
  • das Ausreißen ganzer Haarbüschel (Trichotillomanie)
  • das Bohren der Finger in die Augen
  • das Stechen der Haut mit spitzen Gegenständen oder Sicherheitsnadeln
  • das Wundlecken der Haut rund um den Mund
  • das Abbeißen und Zerkauen von Fingerkuppen
  • das massive Abkauen ganzer Fingernägel (Onychophagie)
  • das Ausreißen von Fingernägeln
  • das Zerkauen der Wangeninnenseiten und Lippen
  • das Verbrennen der Finger an Herd- oder Kerzenflammen
  • das Trinken von Reinigungsmitteln
  • die Injektion schädlicher Substanzen
  • das Verätzen der Haut durch Chemikalien
  • das Vereisen der Haut durch Deodorants oder Körpersprays
  • oder das Abschnüren von Körperteilen.

Typisch ist, dass das Selbstverletzen meist im Alter von 13 bis 15 Jahren beginnt. Die Gründe für autoaggressive Selbstverletzungen können unterschiedlich sein. Der Hang, sich selbst zu verletzen, ist in der Folge oft auch bei Erwachsenen festzustellen. Vor allem in seelischen Krisen wissen sich die Betroffenen meist keine andere Hilfe. Oftmals mündet das SSV in eine psychische Erkrankung. Diese kann aber auch der Auslöser für ein SVV sein. Manche Betroffenen flüchten sich zudem in eine Sucht. Alkoholika (siehe Alkoholismus Definition), Tabletten, Drogen oder rezeptpflichtige Medikamente kommen dafür infrage.

Man nimmt an, dass sich in Deutschland etwa 5,6 Millionen Jugendliche zwischen 15 und 24 Jahren ritzen, schneiden oder verbrennen. Mehr als 60 Prozent der Betroffenen sind weiblich. Ob die Selbstverletzungen für das Umfeld immer erkennbar sind, ist nicht unbedingt gesagt. Manche sichtbare Verletzung wird als Versehen oder Unfall deklariert. Andere werden vor den Augen anderer verborgen. In manchen Fällen werden diese Selbstverletzungen wie Trophäen zur Schau gestellt. Vielen Betroffenen ist es gleichgültig, ob andere ihre Nähte und verheilten Wunden sehen oder nicht.

Erschreckend ist, wie häufig selbstverletzende Strategien gerade in Deutschland zu verzeichnen sind. Unter den Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 17 gilt selbstverletzendes Verhalten (SVV) sogar laut Statistik als zweithäufigste Todesursache nach den tödlich endenden Unfällen im Straßenverkehr. Ob manifestierte Schulangst, Mobbing, Missbrauchserfahrungen, diffuse Ängste im Jugendalter oder Zukunftsangst dahinter stehen, ist zu hinterfragen. Eine Statistik fragt nicht nach Ursachen und Gründen für solche Probleme.

Statistiken weisen erschreckend viele Jugendliche mit Selbstverletzungen auf - Selbstverletzen ist oft ein stiller Hilferuf (© Anja Greiner Adam / stock.adobe.com)
Statistiken weisen erschreckend viele Jugendliche mit Selbstverletzungen auf – Selbstverletzen ist oft ein stiller Hilferuf (© Anja Greiner Adam / stock.adobe.com)

Den Ursachen für die gehäuft auftretende, absichtsvolle Verletzung des eigenen Körpers und jugendliche Suizidalität sollte mehr nachgegangen werden. Sie hängen offensichtlich mit gesellschaftlichen, sozialen oder auch politischen Gegebenheiten in unserem Land zusammen. Keine kindliche und jugendliche Seele bleibt bei einer Umsetzung von Problemen in autoaggressives Verhalten gänzlich ohne Narben. Ohne Spuren zu hinterlassen, verheilen keine Demütigungen, Herabsetzungen oder absichtsvoll zugefügten Verletzungen der kindlichen Seele. Tiefer Schmerz bei Kindern kann lebenslange psychische Probleme bei Erwachsenen nach sich ziehen. Es bleiben lebenslang unsichtbare blaue Flecken auf der Seele – oder tiefe seelische Wunden, die nie verheilen.

Dass die Betroffenen Hilfe annehmen oder Hilfe erhalten, ist nicht immer gesagt. Ebenso ist nicht gesagt, dass der seelische Schmerz der Betroffenen je geheilt werden kann – selbst wenn diese eine Behandlungsoption nutzen können. Viele Betroffene erleben zudem Rückfälle, weil das selbstverletzende Verhalten (SVV) zwanghaft geworden ist. Ohne an die Ursachen zu gehen, kann die innere Not oft nicht gelindert werden.

Besonders schwierig ist es, wenn zusätzlich ein Borderline Syndrom, Schizophrenie oder eine Psychose vorliegen. Borderline und autoaggressives Verhalten bedingen sich jedoch nicht notwendigerweise gegenseitig. Oftmals werden beide trotzdem fälschlicherweise gleichgesetzt. Fakt ist aber, dass viele Menschen, die sich selbst verletzen, an einem Borderline Syndrom erkrankt sind. Einen gewissen Zusammenhang scheint es also zu geben.

Therapeutische Möglichkeiten beim SSV

Der Unterschied zwischen Psychiater und Psychologe ist, dass der Psychiater meist für die Diagnostik und die medikamentöse Therapie der richtige Ansprechpartner ist. Er entscheidet bei heftigen Fällen von Selbstverletzung gegebenenfalls auch über eine klinische oder psychiatrische Einweisung, sofern der Notarzt diese nicht veranlasst hat.

Die Suche nach tiefer liegenden Gründen und Ursachen für das autoaggressive Verhalten übernehmen entweder Klinikärzte und in der Klinik tätige Psychologen. Andernfalls kann der behandelnde Psychiater respektive ein Psychotherapeut entsprechende Gespräche führen. Bei diesen müssen die Betroffenen wiederholt vorstellig werden.

Im Rahmen der Therapie kann den Betroffenen durch Filme über SVV ein Spiegel vorgehalten werden. Filme über das Selbstverletzen können auch im privaten Umfeld zu Gesprächen anregen, weil jemand sich selbst erkennt. Er kann sich allerdings auch ertappt fühlen und sein SVV in Zukunft besser verstecken. Gespräche mit anderen Betroffenen können im Rahmen einer Gruppentherapie hilfreich sein (siehe Gruppenpsychotherapien). Von selbst Betroffenen, die sich schneiden, verätzen oder verbrennen, fühlen sich die Betroffenen vielleicht eher verstanden.

Bei einer zusätzlich diagnostizierten Depression kann eine kurz- oder langfristige medikamentöse Behandlung notwendig werden. Entscheidend dafür ist die Schwere der Depression. Liegt eine Sucht vor, muss der Betroffene vermutlich eine Entziehungsmaßnahme durchlaufen. Problematisch ist aber, dass viele Menschen eine Therapie oder Suchtbehandlung abbrechen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Unter anderem sehen die Betroffenen sich möglicherweise des einzigen Ausdrucksmittels für ihre seelischen Nöte beraubt.

Selbstverletzen als Hilferuf - fehlende Hilfe führt oft in den (versuchten) Suizid (© arisha / stock.adobe.com)
Selbstverletzen als Hilferuf – fehlende Hilfe führt oft in den (versuchten) Suizid (© arisha / stock.adobe.com)

Welche Arten der Psychotherapie sind hilfreich?

Eine Psychotherapie sollte möglichst frühzeitig angedacht werden. Die Heilungschancen sind deutlich besser, wenn das autoaggressive Verhalten noch nicht zwanghaft geworden ist. Erfolgreich sind bei SVV tiefenpsychologische, psychoanalytische sowie verhaltenstherapeutische Therapiekonzepte. Eine Behandlungsleitlinie der DGKJP sieht auch eine stabilisierende medikamentöse Behandlung mit Psychopharmaka vor.


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Speziell die „Transference-Focused-Psychotherapy“ (TFP) nach Kernberg und die Verhaltenstherapie sind zu empfehlen. Auch die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie kann Erfolge bei der Behandlung aufweisen. Die Betroffenen müssen aber einsichtig sein und aus freien Stücken ihre aktive Mitwirkung zusichern. Tun sie das nicht, kann die Behandlung nichts bringen. Sie werden sich weiterhin blutig kratzen oder mit Messern verletzen. Speziell auf Betroffene mit Borderline Symptomen ist die dialektisch-behaviorale Therapie nach Linehan ausgerichtet.

In allen seelischen Krisen sollte ein Psychotherapeut der Ansprechpartner der Betroffenen sein. Diese erlernen in den Therapiesitzungen zwar bestimmte Skills, mit denen sie dem Selbstverletzen besser widerstehen können. Aber in einer seelischen Krise reichen diese Skills meist nicht aus. Der innere Druck wird zu hoch. Die Behandlung der Betroffenen kann langwierig und schwierig sein. Daher bleibt der Leidensdruck der SVV Betroffenen meist langjährig hoch.

Quellen: