Aichmophobie – Angst vor spitzen oder scharfen Gegenständen (© Dario Lo Presti / Fotolia)

Aichmophobie – Angst vor spitzen oder scharfen Gegenständen

Die Aichmophobie (von gr. aichmê Spitze) ist eine spezifische Phobie oder isolierte Phobie und wird laut Diagnoserichtlinie ICD-10 unter F40.2 kategorisiert. Gegenstand der Angststörung sind dabei spitze oder scharfe Objekte. Der Umgang mit diesen – oder schon die bloße Anwesenheit – genügt, um den Betroffenen in große Angst zu versetzen und handfeste Angst Attacken auszulösen.

Welche Gegenstände lösen Aichmophobie aus?

Grundsätzlich fürchtet ein Aichmophobiker, dass er sich selbst oder andere verletzen könnte. Dementsprechend im Zentrum stehen alle Objekte, die spitz oder scharf genug sind, um die Haut zu durchdringen: Messer, Nadeln, Scheren, Gabeln oder sogar Bleistifte können bei dem Betroffenen die Phobie auslösen. Mitunter erstreckt sich die Phobie sogar auf „ausgestreckte Finger“ und „Regenschirmspitzen“ oder scharfe Kanten an Möbeln, Maschinen oder Gebäuden. Auch Injektionsnadeln / Spritzen gehören in diese Kategorie, obwohl die damit verbundene spezifische Phobie auch als Trypanophobie bezeichnet wird und andere Konnotationen als die hier besprochene Störung aufweist. Wichtig ist die Unterscheidung, um eine zielgerichtete Therapie zu ermöglichen.

Je nach Ausprägung der Phobie können Betroffene noch mit entsprechenden Gegenständen umgehen / hantieren und erleben dabei nur ein ängstliches Unwohlsein. Dies kann sich so weit steigern, dass der bloße Anblick oder die Anwesenheit im selben Raum Angstreaktionen bis hin zur Panikattacke auslösen (siehe Panik Attacken).

(Quelle: Y. Nir, A. Paz, E. Sabo, I. Potasman: Fear of injections in young adults: prevalence and associations. Am J Trop Med Hyg. 2003 Mar;68 (3): S. 341–344, PMID 12685642)

Diagnose der Aichmophobie

Die bloße Furcht allein genügt nicht als hinreichendes Diagnosekriterium. Wie bei allen Angststörungen legt die ICD-10 auch bei spezifischen Phobien einen Katalog an Symptomen zugrunde:

  • ausgeprägte und anhaltende Angst in übertriebenem Ausmaß bereits bei bloßem Erwarten einer Konfrontation mit dem Auslöser
  • unmittelbare Angstreaktion bei Konfrontation mit dem Angstgegenstand (siehe auch: Angst besiegen durch Konfrontation)
  • Einsicht des Betroffenen, dass die Angst übertrieben und unbegründet ist (Ich-Syntonie)
  • Vermeidungsreaktionen
  • Einschränkung der Lebensqualität durch sozialen Rückzug, berufliche oder schulische Beeinträchtigung oder Probleme in der Beziehungsführung

Laut DSM-V gehört die Aichmophobie zum sogenannten Blut-Spritzen-Verletzungsphobie-Typus, bei dem eine Neigung zur Ohnmacht als Angstreaktion gehäuft auftritt. In der Regel steigt der Blutdruck des Betroffenen bei Konfrontation mit dem Angstobjekt kurz an, um danach stark abzufallen (vasovagale Ohnmacht).

(Horst Dilling, Werner Mombour, Martin H. Schmidt, E. Schulte-Markwort (Hrsg.): Internationale Klassifikation psychischer Störungen. ICD 10 Kapitel V (F) klinisch-diagnostische Leitlinien. 5., durchgesehene und ergänzte Auflage unter Berücksichtigung der Änderungen entsprechend ICD-10-GM 2004/2005

Morschitzky, H. (2009). Angststörungen. Diagnostik, Konzepte, Therapie, Selbsthilfe. Wien: Springer)

Therapeutische Maßnahmen

Erfolgsaussicht bei spezifischen Phobien hat ausschließlich die Psychotherapie, insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie (kognitive Therapie) (siehe auch Psychotherapien im Überblick).

Unterstützend können zur Angstlinderung bei anstehenden Konfrontationen Anxiolytika wie Benzodiazepine (nie über längere Zeiträume, da Abhängigkeitspotential), Antihistaminika oder Neuroleptika verabreicht werden (vgl. auch Anxiolytikum pflanzlich, sedierende Neuroleptika, Antihistaminika Schlafmittel). Darüber hinaus ist die Besserung der Stimmungslage und damit verbunden eine geringere Angstneigung durch Antidepressiva (SSRI, SNRI, Trizyklika) erreichbar. Generell anxiolytisch wirken Busprion und Opipramol.

Psychotherapie zur Aichmophobie Behandlung

Ziel der Psychotherapie ist ein gesteuerter Umgang mit überschießenden Ängsten, bei dem insbesondere die selbstverstärkende Tendenz von Angstreaktionen (Atemfrequenz -> körperliche Symptome -> psychischer Stress -> Atemfrequenz als Teufelskreis) im Fokus liegt (vgl. körperliche Reaktion bei Angst).

Gelingt es dem Patienten, dieses Muster zu durchbrechen, ist er in der Regel erfolgreich in der Lage, den Auslöser seiner Angst emotional und mental besser zu ertragen.

Konkret am Beispiel der Aichmophobie bedeutet dies, dass der Betroffene während der Therapie in Begleitung des Therapeuten mit angstauslösenden spitzen Gegenständen konfrontiert wird. Durch den Einsatz von Entspannungsverfahren wie Hypnose, autogenem Training, Atementspannungstechniken wird der Patient in die Lage versetzt, diese Begegnung mit einem erträglichen Level an Angstreaktionen zu absolvieren.

Durch die Erfahrung, diese Konfrontation ertragen zu können steigert sich sein Selbstbewusstsein (vgl. mangelndes Selbstbewusstsein) im Umgang mit der Phobie. Schritt für Schritt (abgestufte Reizexposition) wird er an immer stärkerr Angstauslöser herangeführt, bis er auch in der maximalen Konfrontation in der Lage ist, beherrscht zu reagieren (siehe Expositionsübungen).

Von Aichmophobie Betroffene können auch in Eigenregie Schritte unternehmen, um ihre Genesung in Selbsthilfe voranzutreiben (siehe auch Angststörung Behandlung). Zum einen sind wie bei jeder Angststörung Selbsthilfegruppen eine gute Möglichkeit, durch Austausch mit anderen Betroffenen mehr über die eigene Erkrankung zu erfahren und Strategien zum Beherrschen der Phobie zu erlernen. Zum anderen hat sich Sport als hervorragende Technik zum Angstabbau erwiesen (siehe auch Angstbewältigungsstrategien). Bereits halbstündiges Training ist in der Lage, Stress und damit die zur Angst beitragenden Grundanspannung signifikant zu reduzieren (vgl. auch innerliche Unruhe bekämpfen).

Weiterhin wird empfohlen, ein regelmäßiges Schlafregime einzuhalten und die Koffeinzufuhr einzuschränken. Auch der Verzicht auf Rauchen kann sich günstig auf die Prognose von Angststörungen auswirken.

(weitere Quellen: Maren Sörensen: Einführung in die Angstpsychologie. Ein Überblick für Psychologen, Pädagogen, Soziologen und Mediziner. 2. Auflage. Deutscher Studien-Verlag sowie de.wikipedia.org/wiki/Angstst%C3%B6rung und en.wikipedia.org/wiki/Anxiety_disorder)