Psychoedukation in einer Gruppentherapie-Sitzung (© Photographee.eu / stock.adobe.com)

Psychoedukation in der Psychotherapie

Was genau versteht man unter Psychoedukation im Rahmen von psychotherapeutischen Behandlungen? Was wird da gemacht, wie, und warum? – Um diese Themen geht es im folgenden Artikel.

Definition von Psychoedukation

  • Der Begriff Psychoedukation wurde Anfang der Achtzigerjahre erstmals verwendet. Es ging dabei um Familientherapie im Rahmen der Behandlung von Schizophrenie. (Pitschel-Waltz, 2008) Aufgrund seiner Definition bedeutet Psychoedukation vor allem Wissensvermittlung. Wissenschaftlich fundierte Information über ein psychisches Problem oder eine Störung wird an Betroffene oder deren Angehörige weitergegeben. Es geht also um Aufklärung über die Themen: Was bedeutet die Diagnose? Welche Therapieformen gibt es? Welche sind besser, welche weniger gut geeignet und wie stehen die Chancen auf Erfolg? Ist keine Heilung möglich, sollten die psychoedukativen Maßnahmen vermitteln, wie Defizite kompensiert werden können (zum Beispiel soziale Defizite bei Autismus). Das Ziel ist, dass die Patienten ein realistisches Bild ihrer Probleme und dem Umgang damit bekommen. Das mildert auch die Angst vor der eigenen Erkrankung. Ganz wichtig ist es auch, den Betroffenen zu vermitteln, wie sie sich selbst helfen können. (Wittchen & Hoyer, 2011)
  • Bezüglich der Dauer einer Psychoedukation gibt es keine genaue Definition. Die Häufigkeit ist von den Problemen abhängig. Bei Sucht werden in den ersten zwei Wochen vier Sitzungen empfohlen. (Niederhofer et al., 2013) Dauert die Maßnahme länger, verschwimmen die Grenzen zur Therapie. Generell gilt Psychoedukation nicht als eigene Therapieform, sondern als Teil einer Psychotherapie. Allerdings gehen die Meinungen in dem Punkt auseinander. (Pitschel-Waltz, Bäuml & Kissling, 2017)

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Anwendungsgebiete

  • In der Psychotherapie dienen psychoedukative Maßnahmen dazu, die Patienten über die Ziele und den Verlauf der Therapie aufzuklären. Die Patienten sollen auch wissen, was von ihnen erwartet wird und was die Therapie leisten kann und was nicht. Diese Aufklärung findet am Anfang der Therapie statt. Aber auch zu Beginn der einzelnen Sitzungen ist eine Übersicht über die Themen der Therapiesitzung sinnvoll. So eingesetzt, schaffen psychoedukative Maßnahmen Vertrauen in die Therapie und die Therapeuten. Besonders sinnvoll ist diese Maßnahme im Fall von Schizophrenie. Schizophrene Patienten leiden unter Psychosen, die bei ihnen selbst und Angehörigen Angst auslösen können. Hier geht es vor allem um die Bereitschaft, Medikamente regelmäßig einzunehmen und Anzeichen einer Psychose zeitgerecht zu erkennen. Weitere Bereiche, wo psychoedukative Maßnahmen eingesetzt werden, sind Depressionen, Angst und Panikstörungen (vgl. ICD F41.0 Diagnose), Trauma und PTBS, Zwangsstörungen, Essstörungen, ADHS, Autismus, Persönlichkeitsstörungen und Sucht. Bei Depressionen gehört Psychoedukation bereits zum Standard in der Therapie. (Wittchen & Hoyer, 2011)
  • Eine Zielgruppe sind auch Angehörige von psychisch kranken Patienten. Sie können lernen, wie sie mit den Patienten und deren Symptomen am besten umgehen. Die Belastung von Angehörigen ist oft groß. Information kann helfen, diese zu reduzieren. Die Angehörigen lernen, wie sich ihr Verhalten auf den Patienten auswirkt. Im Fall von Depression haben die Angehörigen oft das Gefühl, dass ihre Hilfe vom Patienten nicht angenommen wird. Die Folgen können Gefühle von Hilflosigkeit und aggressives Verhalten gegenüber Patienten sein. Daraus entstehen dann Schuldgefühle und die Probleme werden mehr anstatt weniger. Auch bei Schizophrenie spielt die Familie des Patienten eine Rolle, wenn es um die Häufigkeit von Rückfällen geht. Psychosen lösen Unverständnis und Angst im Umfeld aus. Patienten, die häufig kritisiert werden, erleben häufiger Rückfälle. Wird das Wissen der Angehörigen über Schizophrenie erweitert, fühlen sie sich kompetenter. Das führt häufig dazu, dass sie gelassener reagieren und den Patienten besser unterstützen können.(Pitschel-Waltz, Bäuml & Kissling, 2017)

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Wirkung und Methoden der Psychoedukation

  • Es gibt mehrere Studien, die zeigen, dass sich Psychoedukation positiv auswirkt. Wie genau sie wirkt, ist bisher noch nicht erforscht. Wahrscheinlich hilft es Patienten und deren Angehörigen, dass sie über die Diagnose besser informiert sind. Dadurch können Missverständnisse aus dem Weg geräumt werden. Zudem verstehen die Betroffenen den Sinn der Therapie besser und sind eher zum aktiven Mitmachen bereit. Sachliche Information kann den Patienten auch helfen, sich für ihre psychische Störung nicht zu schämen. So sehen sie, dass alles eine Ursache hat und dass sich die Wissenschaft bereits mit dem Thema beschäftigt. Auch am Ende einer Therapie ist Psychoedukation sinnvoll. Dann lernen die Patienten, wie sie die Inhalte der Therapie konsequent im Alltag umsetzen können. (Wittchen & Hoyer, 2011)
  • Viele psychische Störungen wirken auf die Betroffenen sehr beängstigend. Personen mit Psychosen oder Trauma und PTBS zweifeln oft an sich selbst. In dem Fall kann die Information, dass es sich um Symptome der Störung handelt, schon sehr beruhigend wirken.
  • Die Psychoedukation kann mit Einzelpersonen oder in der Gruppe durchgeführt werden. Meistens wird das Wissen verbal vermittelt. Es ist aber auch sinnvoll, das Gesagte mit Materialien zu unterstützen und auch noch Literatur zur Selbsthilfe mitzugeben. Dann können die Betroffenen oder Angehörigen jederzeit wieder auf die Information zugreifen. In Psychoedukationsgruppen sind auch Diskussionen ein sinnvoller Bestandteil. (Wittchen & Hoyer, 2011) Der Vorteil von Psychoedukationsgruppen ist, dass die Beteiligten sich gegenseitig stärken können. Die einzelnen Betroffenen merken, dass sie mit ihrem Problem nicht allein sind. Die Gruppenmitglieder können sich auch gegenseitig motivieren und voneinander lernen. Ein weiterer Vorteil der Gruppe ist, dass die Störung aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden kann. Jeder Teilnehmer bringt eigene Themen ein. Psychoedukative Einzelsitzungen wiederum haben den Vorteil, dass der Therapeut die individuelle Situation des Patienten berücksichtigen kann. Auch auf das Vorwissen des Patienten und sein Sprachverständnis kann der Therapeut so besser eingehen. (Pitschel-Waltz, Bäuml & Kissling, 2017).
  • Die Materialien, die eingesetzt werden, um die Inhalte anschaulicher zu machen, sind sehr vielfältig. Das können Grafiken sein, Broschüren oder anatomische Modelle. Auch ein Tagebuch kann Bestandteil einer Psychoedukation sein. Die Betroffenen notieren jeden Tag, was sie tun und wie es ihnen dabei geht. So können sie, den Verlauf der Psychotherapie besser nachvollziehen. Das Tagebuch kann auch helfen, die eigene Störung besser zu verstehen. Bei Depressionen kann diese Methode den Zusammenhang zwischen negativen Gedanken und depressiver Verstimmung aufzuzeigen. Andererseits sehen die Patienten dann auch anhand der besseren Tage, was zu einer Verbesserung ihrer Stimmung führt. (Wittchen & Hoyer, 2011)
  • Heutzutage spielt das Internet für psychoedukative Maßnahmen eine wichtige Rolle. Besonders häufig wird bei Depressionen mithilfe von Onlineforen und speziellen Webseiten Wissen vermittelt. Einerseits werden damit die persönlichen Sitzungen unterstützt, andererseits können damit Wartezeiten überbrückt werden. (Pitschel-Waltz, Bäuml & Kissling, 2017) Hilfreiche Webseiten sind am Ende des Artikels angeführt.

Mögliche Probleme und Kritik

  • Eines der Kernprobleme der Psychoedukation ist es, wissenschaftlich fundierte Inhalte für Laien verständlich zu vermitteln. Darum ist eine der wichtigsten Regeln für psychoedukative Maßnahmen, die Sprache einfach zu halten und Fachausdrücke nur da zu verwenden, wo sie unbedingt notwendig sind. Insgesamt sollte sich die Psychoedukation auf Informationen beschränken, die die Betroffenen wirklich brauchen. Am besten funktioniert das, wenn sich die Therapeuten vorab erkundigen, welches Vorwissen die Patienten haben. (Wittchen & Hoyer, 2011)
  • Es gibt kritische Stimmen, die Psychoedukation an sich ablehnen. Eine Kritik bezieht sich darauf, dass zu sehr die medizinische Seite der Diagnose oder Therapie betont wird. Die Patienten sollen dazu gebracht werden, ihre Medikamente williger einzunehmen. Andere Kritiker stört es, dass die psychisch kranken Patienten von einem Experten Fakten über ihre Krankheit erfahren. Dadurch besteht die Gefahr, dass die individuelle Erfahrung der Betroffenen auf der Strecke bleibt. Diese ist aber sehr wichtig für den Umgang mit einer psychischen Krankheit. Stattdessen schlagen die Autoren Kommunikation auf Augenhöhe vor. Es soll Erfahrungsaustausch stattfinden und subjektive Sichtweisen berücksichtigt werden. Eine Möglichkeit dafür ist Peer-to-Peer-Beratung, bei der Betroffene von ebenfalls Betroffenen beraten werden. (Bock & Heumann, 2015)
  • Um objektive Information und subjektive Sichtweise der Patienten zu integrieren und alle Inhalte verständlich zu vermitteln, ist gute Vorbereitung wichtig. Darum gibt es eigene Manuale für die Psychoedukation für einzelne Störungen. Zum Beispiel für Depression, Borderline, Trauma und Sucht.

Zusammenfassung

Psychoedukation hilft Betroffenen und ihren Angehörigen mehr über die Krankheit zu erfahren. Das kann die Angst reduzieren und ein realistisches Krankheitsbild vermitteln. Auch über verschiedene Therapieformen und Möglichkeiten der Behandlung wird aufgeklärt. Das kann entweder in Einzelsitzungen oder in Gruppen stattfinden. Sie sollte mit Materialien unterstützt werden und Literatur zur Selbsthilfe beinhalten. Ziel von psychoedukativen Maßnahmen ist es, dass die Patienten den Sinn der Therapie einsehen und erfahren, wie sie sich selbst helfen können.

Nützliche Links:

Videolinks

Quellen:

  • Bock, T., & Heumann, K. (2015). Psychoedukation ist ein überholtes paternalistisches Konzept–Pro. Psychiatrische Praxis, 42(06), 296-297.
  • Niederhofer, E., Goldmann, T., & Nyhuis, P. W. (2013). Psychoedukation für Suchpatienten in der Entzugsbehandlung. Vorstellung der Therapiemodule und Ergebnisse einer Evaluation. Suchttherapie, 14(S 01), S_34_1.
  • Pitschel-Walz, G., Bäuml, J., & Kissling, W. (2017). Psychoedukation bei Depressionen: Manual zur Leitung von Patienten-und Angehörigengruppen. Elsevier Health Sciences.
  • Pitschel-Walz, G. (2008). Psychoedukation – eine psychotherapeutische Basisbehandlung bei Depressionen, Psychiatrie 1.
  • Wittchen & Hoyer (2011). Klinische Psychologie & Psychotherapie (Vol. 1131). Heidelberg: Springer.

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