Psychodrama Rollenspiel in der Psychotherapie / Gruppentherapie (© Photographee.eu / stock.adobe.com)

Die Psychodrama Methode in der Psychotherapie mit Gruppen

Der Arzt Jacob Levy Moreno (1890–1974) wollte mit der kreativen Methodik des Psychodramas bewusst einen Gegenentwurf zu Freuds Psychoanalyse entwickeln. Seine eigene psychotherapeutische Richtung sollte deutlich handlungsorientierter sein als die gesprächsbasierte Psychoanalyse. Der Patient sollte in Rollenspielen und szenischen Darstellungen dazu aufgefordert werden, in eigener Sache aktiv zu werden, statt auf der Couch zu liegen und seine Geschichte zu erzählen.

Heute gilt die Psychodrama-Methode als eines der einflussreichsten Verfahren der Psychotherapie. Es hat seine Spuren in diversen Psychotherapie-Verfahren – etwa der Gestalttherapie, der Transaktionsanalyse oder der Familientherapie – hinterlassen.

Das Psychodrama nach Moreno wird in Einzel- oder Gruppentherapien sowie in der Kindertherapie angewendet. Wir finden Morenos Ansätze aber auch im pädagogischen Umfeld, im künstlerischen Bereich oder in institutionalisierten Lernsituationen wieder.


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Welche Bereiche wurden durch das Psychodrama beeinflusst?

Heutzutage wird das einflussreichste psychotherapeutische Verfahren in die systemischen, die transpersonalen und die humanistischen Ausrichtungen unterschieden. Das Psychodrama hat mittlerweile eine erstaunliche Anwendungsbreite entwickelt. Es eignet sich für die Gruppenpsychotherapie ebenso wie für die Einzelpsychotherapie oder die Psychotherapie mit Kindern oder Jugendlichen, die psychische Störungen entwickelt haben. Außerdem werden viele der Techniken und Methoden des Psychodramas in der Erwachsenenbildung eingesetzt – vor allem im Bereich der Personal- und Organisationsentwicklung.

Im pädagogischen Umfeld hat das Psychodrama-Verfahren sich außerdem im Bereich der szenischen Didaktik bewährt. Unterrichtsbeispiele können mit den Mitteln des Psychodramas anschaulicher präsentiert werden. Die Musiktherapie hat vom Psychodrama ebenso profitiert wie die Geronto-Therapie, der Fremdsprachen-Unterricht oder die qualitative Marktforschung. Sogar die Landschaftsarchitektur oder die Auseinandersetzung mit historischen Geschehnissen blieben nicht unberührt von dieser psychotherapeutischen Methodik.



Was kennzeichnet die Psychodrama-Gruppentherapie-Methode?

Dieses ausgesprochen handlungsorientierte Verfahren der Psychotherapie wird vor allem durch seine speziellen Methoden und seinen standardisierten Ablauf gekennzeichnet.

  • Der Ablauf ist durch das anfängliche „Warming-up“ gekennzeichnet.
  • Diesem folgt die Aktionsphase, in der szenische Darstellungen und spielerische Handlungen im Fokus stehen.
  • Die anschließende Integrationsphase sieht ein Teilen der Erfahrungen mit anderen Gruppenteilnehmern und das positive Feedback der Gruppe vor.
  • Wenn die Psychodrama-Methodik im Kontext der Weiterbildung und Supervision angewendet wird, folgt diesen drei Phasen noch eine Prozessanalyse.

Moreno und seine Nachfolger haben inzwischen so viele Techniken entwickelt, dass man kaum noch einen Überblick gewinnen kann. Dr. med. Reinhard T. Krüger sah es daher als sinnvoll an, etwas mehr Ordnung in die Sache zu bringen. Er ordnete alle bekannten Psychodrama-Verfahren in acht Bereichen ein. Als die acht wesentlichen Psychodrama-Techniken sieht Krüger

  • den Szenenaufbau
  • die szenische Aktion
  • den Szenenwechsel und die szenische Interaktion
  • das Rollenspiel und das Spiegeln
  • den Rollentausch
  • das Rollen-Feedback und die Interpretation
  • das Sharing und die Amplifikation
  • sowie das Doppeln.

Her geht es sehr viel mehr als in anderen Richtungen der Psychotherapie um spielerische Aktivität und Rollenspiele. Es geht um den Austausch dabei gemachter Erfahrungen und das Betrachten von Prozessen und Entwicklungen. Auch das Feedback der anderen ist ein wichtiger Bestandteil dieser Therapiemethode. Die individuelle Wahrnehmungen und Sichtweisen der anderen Gruppen-Teilnehmer sollen vom Kandidaten, der gerade im Mittelpunkt steht, wahrgenommen und verstanden werden. Sie erweitern seinen Horizont.

Hier geht es also nicht um das therapeutische Sprechen über traumatische oder konfliktbeladene Erlebnisse. Stattdessen werden die Konflikte oder Probleme in der Gruppe szenisch dargestellt. Das geschieht auf genaue Anweisungen des Probanden hin, um den es gerade geht. Die nachgestellten Szenen können durch einen Rollentausch neu gestaltet werden. Das soll das eigene Erleben mit möglichen Sichtweisen aus der anderen Position bereichern. Jeder Beteiligte kann seine Wahrnehmungen und Erkenntnisse zusammen mit der Gruppe reflektieren.

Vier Psychodrama-Schulen sind heute lebendig. Sie haben teils eigene methodische Verfahren und Schwerpunkte entwickelt:

  1. das behavioristisch beeinflusste sowie
  2. das tiefenpsychologisch-fundierte Psychodrama,
  3. das analytische und
  4. das humanistisch beeinflusste Psychodrama.

Allesamt werden nicht von den gesetzlichen Krankenkassen als wissenschaftlich belegbar hilfreiche Psychotherapie-Methoden anerkannt. Die Patienten können daher – außer im klinischen Bereich – keine Kostenübernahme erwarten.



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Was beinhaltet eine Psychodrama Ausbildung?

Neben dem Moreno-Institut übernehmen heutzutage weitere Ausbildungs-Institutionen die Psychodrama Ausbildung. Diese Institutionen bieten auch entsprechende Fortbildungen für Psychotherapeuten oder Pädagogen an. In vielen großen und größeren Städten sind entsprechende Einrichtungen zu finden.

Die Vielzahl der angebotenen Psychodrama Ausbildungen lässt nicht nur auf ein gesteigertes Interesse an der Methodik auf Psychologenseite schließen. Es reflektiert auch die enorme Vielfalt möglicher Anwendungen des Psychodrama-Konzepts. Zudem werden viele Verfahren der Psychotherapie von Privatpatienten genutzt, die Selbstzahler sind. Alternativ haben interessierte Menschen vielleicht das Glück, in einer privaten Krankenkasse zu sein, die unter bestimmten Umständen eine Kostenübernahme für das Psychodrama bewilligt. Daher lassen sich immer mehr Psychotherapeuten in dieser Richtung ausbilden. Andere belegen entsprechende Fortbildungen, um flexibler auf ihre Patienten eingehen zu können.

Der entscheidende Punkt ist, dass die Psychodrama Ausbildung wegen ihre Vielseitigkeit weltweit Anerkennung findet. Leider beeindruckt das die Krankenkassen bisher wenig. Sie anerkennen nur vier verschiedene Therapieverfahren.

Die Methoden aus diesem psychotherapeutischen Spektrum der Psychodramaturgie werden in den Bereichen

  • Beratung und Supervision
  • Coaching und Mediation
  • Psychotherapie (Einzel- oder Gruppenpsychotherapie)
  • Organisations- und Personalentwicklung
  • Jugendarbeit
  • Erwachsenenbildung
  • Sozial- und Drogenarbeit
  • Schule und Unterricht
  • Training
  • Theater- und Regiearbeit
  • Improvisationstheater oder Clownerie

angewendet. Eine Psychodrama Ausbildung speziell für Kinderpsychodrama wird in Köln angeboten.

Wann und wie wird dieses Verfahren angewendet?

Diese Methode der Psychotherapie benötigt zunächst einen entsprechend ausgebildeten Therapeuten. Dieser agiert als Psychodrama-Leiter. Er leitet eine Gruppe von Mitspielern an. In der Therapiesitzung geht es jeweils um einen Protagonisten, der ein Problem oder Anliegen hat. Mittels Psychodrama möchte er zu einer Lösung finden. Er ist vielleicht wegen affektiver Störungen in Behandlung. Er leidet möglicherweise an mangelndem Selbstvertrauen (vgl. mangelndes Selbstvertrauen), hat ständig Probleme wegen seiner Angst vor Verantwortung oder leidet an Beziehungsängsten. Auch Anpassungsstörungen (vgl. die F43.2g  Diagnose) können mit dieser Methode der Psychotherapie gut behoben werden.

Bevor es zur Sache geht, erfolgt beim Psychodrama stets eine Erwärmungsphase. Diese kann mit körperlichen Übungen – beispielsweise pantomimischen Darstellungen der eigenen Befindlichkeit – eingeleitet werden. In der dann folgenden Aktionsphase wird das Thema, um das es gehen soll, einfach erklärt. Es wird im Gespräch eine beispielhafte Szene entwickelt, die das Problem verdeutlicht. Nehmen wir an, es geht um Beziehungsangst oder affektive Störungen. Der Protagonist sucht sich anschließend Teilnehmer aus der Gruppe. Diese stellen seine Bezugspersonen (Hilfs-Ichs) für das szenische Spiel dar.

Der Unterschied des Psychodramas zum Familienstellen liegt darin, dass niemand frei und gefühlsmäßig agiert. Jedes Handeln erfolgt gemäß der Anweisungen, die der im Zentrum stehende Haupt-Protagonist abgibt. Er teilt mit, was die Mitspieler sagen und tun sollen.

  • Bei einem Rollentausch kann jemand anderes seine Rolle übernehmen und der Protagonist wird somit zum Hilfs-Ich. Damit soll ein besseres Einfühlungsvermögen in die Positionen der anderen erreicht werden.
  • Durch das Spiegeln können innere Widerstände erkannt werden. Der Hauptteilnehmer betrachtet dann die Szene von außen, wie in einem Spiegel.
  • In den Übungen wird außerdem die Technik des Doppelns angewendet. Der Leiter in Therapiegruppen oder Psychodrama Seminaren spricht dann aus der Perspektive des Haupt-Protagonisten.

Abgebrochen wird das Spiel, wenn es keine neuen Erkenntnisse mehr über die Situation gibt, oder wenn eine zu emotionell aufgeladene Situation entsteht. Das passiert, wenn bei manchen Mitspielern plötzlich Erinnerungen oder Trauma-Erfahrungen hochkochen, und das Rollenspiel entgleisen könnte. In der nachfolgenden Integrationsphase setzen sich alle zusammen. Sie berichten von ihren Eindrücken und Gefühlen. Sie erinnern vielleicht eigene Probleme mit ähnlichem Inhalt. Das gemeinsame Reflektieren soll ein Gemeinschaftsgefühl erzeugen. In einem wertschätzenden Klima erläutert der Leiter, was er beobachtet hat und welche Prozesse er für wichtig hält.

Gibt es Risiken, die diese Übungen beinhalten?

Manchmal kommen in den Übungen schmerzliche Gefühle wieder hoch, wenn Probleme der Vergangenheit aktiv nachgestellt werden. Die Befindlichkeiten und Stimmungen der Mitspieler im Auge zu behalten, ist Aufgabe des Leiters. Bei größeren Gruppen kann das schwierig werden. In der Kritik standen zu lange Sitzungen, zu geringe Strukturierungen oder mangelnde Erklärungen, die zu emotionellen Störungen oder Überforderung einzelner Mitwirkender geführt haben.

Mitwirkende, die an psychischen Störungen leiden, können sich durch das Rollenspiel so belastet fühlen, dass sich ihre seelische Befindlichkeit verschlechtert.

Am Ende jeder Sitzung darf daher Lob oder Kritik geübt. Zusammenfassend soll auf die entstandenen Gefühle eingegangen werden. Gegebenenfalls sind Einzelsitzungen ratsam, in denen ein Teilnehmer einfach erklärt, was ihn so aufgewühlt hat. In Seminaren kommt es vor, dass bestimmte Themen nicht vor der gesamten Gruppe ausgebreitet werden sollen. Auch dann sind Einzelgespräche sinnvoll.

Was bedeutet in diesem Zusammenhang Soziometrie?

Auch die Entwicklung der Soziometrie geht auf Jacob Levy Moreno zurück. Bereits in den Dreißigerjahren des 19. Jahrhunderts entwickelte er im Rahmen der empirischen Sozialforschung seine eigene Methodik. Diese sollte Beziehungen zwischen Gruppenmitgliedern in einer „Soziomatrix“ erfassen. Daraus sollte man ein Soziogramm entwickeln, um diese Beziehungen grafisch als Beziehungsgeflecht oder -netzwerk darstellen zu können. Anschließend konnte man daraus entwickelte Kennzahlen nutzen, um genauere Analysen der Beziehungen zu ermöglichen.

Quellen: