Angst vor Verantwortung (© kues1 - stock.adobe.com)

Angst vor Verantwortung – keine Krankheit, aber ein Problem

Angst vor Verantwortung hat keinen Krankheitswert. Sie zeigt aber eine Flucht vor gesundem Verhalten an. Ohne Verantwortung für die eigenen Gefühle, Gedanken oder Handlungen zu übernehmen, lassen Menschen sich von Neurosen, Meinungen oder Hass treiben. Wer vor der Verantwortung flüchtet, eine Familie zu gründen oder ein Kind in die Welt setzt, ohne anschließend Sorge für dessen Aufwachsen zu tragen, ist weder erwachsen noch fürsorglich.

Selbstbestimmtheit und Freiheit zu erleben, kann niemals bedeuten, verantwortungslos zu sein und sich nicht um die Rechte und Bedürfnisse anderer zu kümmern. Die eigene Freiheit endet da, wo die anderer beginnt. Die eigenen Bedürfnisse sind nie wichtiger als die Bedürfnisse anderer.

Was bedeutet Verantwortung eigentlich?

Wer den ausführlichen Wikipedia-Artikel über Verantwortung liest, kann einiges darüber lernen. Doch so gewichtige Artikel können auch abschrecken. Interessant ist jedoch der Blick auf das alltägliche Leben. Dieses fordert den Menschen täglich ab, Verantwortung zu übernehmen. Viele empfinden das als schöne Aufgabe. Diese kann gelegentlich auch eine Belastung darstellen. In diesem Fall kann jeder Teile der Verantwortung abgeben – zum Beispiel in professionelle Hände. Niemand muss mehr Verantwortung übernehmen, als ihm zumutbar ist.

Viele Menschen, die sich kaum Gedanken über Sinn und Inhalt von Begriffen machen, verwechseln Verantwortung mit Schuld. Sie meinen, wenn sie Verantwortung für etwas übernehmen, ist das gleichzusetzen mit Schuldzuweisungen, die man ihnen anschließend machen könnte. Doch verantwortlich zu sein, heißt keineswegs, an allem Möglichen und Unmöglichen Schuld zu sein. Verantwortung zu übernehmen, bedeutet: Wohlüberlegte und zu rechtfertigende Entscheidungen zu treffen, zu denen man dann auch steht. Wer keine Verantwortung übernehmen möchte, flüchtet vor dem Erwachsenwerden. Er möchte sich weiterhin wie ein Kind verhalten und schiebt damit anderen die Verantwortung zu.

Doch in der Realität ist jeder erwachsene Mensch voll verantwortlich: für das, was er denkt und fühlt, für alles, was er tut – und auch für das, was er absichtsvoll unterlässt. Im Endeffekt zerreißen sich viele Menschen, die keine Verantwortung übernehmen wollen, zwischen zwei unvereinbaren Polen: Sie möchten einerseits Karriere machen und nicht einsam sein, scheuen andererseits aber vor einer verantwortlichen Position oder der Verantwortung zurück, eine Familie ernähren zu müssen.

Auf Dauer entstehen so Konflikte und Unzufriedenheit. Jemand fühlt sich vielleicht als Opfer. Er entwickelt eine Opfermentalität. Dieser zufolge sind immer andere Schuld. Nicht einmal für die eigene Zwiespältigkeit und das eigene Versagen übernehmen solche Menschen Verantwortung. Niemand anderes ist für das Entstehen von inneren Konflikten, Opfermentalitäten und den Mangel an innerer Reife verantwortlich. Nur der, der das alles hat entstehen lassen, weil er glaubte, ohne Übernahme von Verantwortlichkeit durch das Leben gehen zu können.

Quellen:

Angst vor Verantwortung? – Jeder muss in seine individuelle Verantwortung hineinwachsen

Als Kind sind andere für uns verantwortlich. Kinder müssen erst lernen, für alles gerade zu stehen, was sie tun. Als Kind können wir die Folgen von Handeln und Nicht-Handeln nicht absehen. Kinder verstehen nicht, dass sie selbst es in der Hand haben, wie sie sich fühlen und was sie denken. Doch spätestens als junger Erwachsener müssen sie sich um all das Gedanken machen. Sie hatten hoffentlich Eltern, die ihnen ein Vorbild waren. Familienmitglieder haben sie hoffentlich gelehrt, was Verantwortung heißt und wie umfassend diese ist. Mangelndes Selbstbewusstsein oder eine lieblose Familie befreien einen nicht davon, als Erwachsener für sich selbst verantwortlich zu sein. Die Verantwortlichkeit von Eltern endet damit, dass Kinder Erwachsene geworden sind.

Die Verweigerung vieler junger Menschen, für irgendetwas verantwortlich zu sein, lässt eine verantwortungslose Generation entstehen. Viele junge Menschen gönnen sich jede Freiheit. Sie leben ihren Neurosen und Ansprüchen gemäß auf Kosten anderer, und fühlen sich dabei auch noch gut. Lockere Facebook-Gruppen sind ihnen lieber als enge Freunde. One-Night-Stands interessieren sie mehr als verbindliche Beziehungen. Natürlich übernehmen ebenso viele junge Menschen heutzutage Verantwortung für sich und andere. Das kann man unter anderem an der „Fridays for Future“-Bewegung erkennen.

Doch da, wo mangelndes Selbstbewusstsein zu einem Verantwortungsdefizit führt, entsteht eine Parallelwelt von Menschen, die jede Verantwortung scheuen. Daher ist der Staat oft gezwungen, solche Menschen für das verantwortlich zu machen, was sie tun oder unterlassen. Anarchie funktioniert nicht. Jede Gesellschaft und jedes Staatwesen, ja selbst jede Familie oder jeder Freundeskreis sind darauf angewiesen, dass jeder Mensch verantwortlich handelt. Der bedeutet, Rücksichten zu nehmen, auf sich und andere zu achten und respektvoll miteinander umzugehen.

Beruht Verantwortungslosigkeit immer auf Angst?

Sicher nicht. Nicht jeder Mensch hat Angst vor den Konsequenzen seines Denkens, Fühlens, Handelns und Nicht-Handelns. Manche Menschen wählen die Verantwortungslosigkeit ganz bewusst für sich als Lebensmodell, um tun und lassen zu können, was sie wollen. Leider finden solche Naturen immer irgendwo Unterstützer und Mitläufer. Unser Thema sind aber die Menschen, die tatsächlich wegen ihrer Ängste keine Verantwortung übernehmen möchten. Ob mangelndes Selbstbewusstsein oder etwas anderes die Ursache dafür ist, ist zu klären. Es kann auch sein, dass Eltern einem Kind ständig die Schuld und Verantwortung dafür zugeschoben haben, dass sie selbst unglücklich und unzufrieden sind.

Solche Erlebnisse prägen. Sie verschaffen Ängsten Raum, die tief sitzen und unbewusst bleiben. Oft beruht der Mangel an Verantwortungsgefühl nicht auf einer bewussten Entscheidung, sondern auf einem verinnerlichten Gefühl, immer der Sündenbock zu sein, und für alles und jedes verantwortlich gemacht zu werden. Es wird diesen Menschen nicht bewusst, dass sie ihre Freiheiten als mittlerweile Erwachsene und ihr eigenes Wohlbefinden einem Elternhaus geopfert haben, das ihnen keine gesunden Grundlagen mitgegeben hat. Stattdessen hoffen solche Menschen ein Leben lang, dass andere die Verantwortung übernehmen, die sie eigentlich tragen müssten.

Es liegt aber in ihrer eigenen Verantwortung, sich irgendwann im Leben ihrer Ängste und Limitierungen bewusst zu werden. Jeder muss irgendwann Verantwortung für sich übernehmen und eine andere Haltung zum Leben einnehmen. Aufschieberitis verzögert das Erwachsenwerden nur. Ein wichtiger Teil der Persönlichkeitsentwicklung und der Reifung zum Erwachsenen ist es eben, die volle Verantwortung für sich zu übernehmen. Niemand kann einem das abnehmen.

Quellen:


 

Ängste verstehen, überwinden, bewältigen, bekämpfen


 

Verantwortung zu übernehmen, fühlt sich gut an

Wer die volle Verantwortung für sich übernommen hat, fühlt sich damit meistens gut. Er muss sich nicht wegen seines Versagens mit Schuldgefühlen oder Versagensängsten herumplagen. Er muss sich nicht klein und kindisch fühlen, weil er vor jeder Verantwortlichkeit flieht. Er muss sich nicht feige und wie ein Verräter fühlen, weil er ein nettes Mädel geschwängert und dann verlassen hat. Er fühlt sich nicht mies, weil er eine fantastische Jobchance in den Wind schlägt, weil er die damit verbundene Verantwortung fürchtet.

Solche Menschen geraten manchmal in eine sogenannte Angstspirale. Diese offenbart ihnen früher oder später, wie es wirklich um sie steht. Nächtliche Panikattacken erwischen vor allem jene Menschen, die sich ihren Ängsten voll und ganz überlassen haben. Da solche Menschen sich von ihren Befürchtungen und Ängsten dominieren lassen, haben diese mittlerweile die Oberhand gewonnen. Spätestens jetzt tragen die Betroffenen die Verantwortung dafür, etwas gegen ihre Ängste zu unternehmen. Alkohol ist der falsche Weg. Letzten Endes begleitet oder zwingt das Leben fast jeden Menschen in die Verantwortung. Daher macht es auch keinen Sinn, Jahrzehntelang vor Verantwortlichkeiten zu fliehen. Wer mehr zu Ängsten wissen möchte, siehe auch unseren Artikel Angstbewältigung.

Angstbewältigung: Angst bewältigen mit den richtigen Strategien

Gibt es eine spezielle Therapie gegen Angst vor Verantwortung?

Es wäre schön, wenn es gegen jedes und alles ein Heilmittel oder eine therapeutische Handreichung gäbe. Doch es liegt nun einmal in der Verantwortung jedes einzelnen, sich seiner Fehler und Versäumnisse bewusst zu werden und umzusteuern. Das kann am beste durch eine Psychotherapie geleistet werden. Oftmals führt zunächst ein akutes Problem zu einem Psychotherapeuten, oft folgt eine Verhaltenstherapie. Jemand hat zum Beispiel Panikattacken, Ängste, eine Zwangsstörung oder eben Schuldgefühle haben, die nicht (im vorhandenen Maße) angemessen sind.

Solche Probleme bringt kaum jemand in Verbindung mit dem eigentlichen Problem: der Angst, Verantwortung zu übernehmen. Beides steht jedoch oft in einem Zusammenhang. Daher werden entweder im Rahmen einer Gesprächstherapie Ursachen für aktuelle Probleme gesucht, oder alternativ eine kognitive Verhaltenstherapie begonnen. Denkbar ist auch, dass alternativ ein Gestalttherapeut ins Spiel gebracht wird. Ob die Auseinandersetzung in Form einer Einzeltherapie oder im klinischen Rahmen als Gruppenpsychotherapie erlebt wird, ist unterschiedlich.

Wenn die Angst vor Verantwortung zum Alkoholmissbrauch geführt hat, muss zunächst eine Entziehungsmaßnahme den Weg zum Erwachsenwerden einleiten. Auch die „Anonymen Alkoholiker“ stellen dann eine Möglichkeit dar, Anfänge zu machen. Auch für den Alkoholismus trägt niemand anderes die Verantwortung.

Um mehr über mögliche Therapiewege zu erfahren

Quellen:

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Dr. Jan Martin - Virtueller Chefredakteur - Digitale Redaktionsleitung Dr. Jan Martin ist virtueller Chefredakteuer von www.angst-verstehen.de. Er ist das Außengesicht der digitalen Redaktionsleitung, verantwortlich für Qualitätssicherung und Publikation der Texte der Redaktion.