Perfekt sein wollen - Ursachen von Perfektionismus (© snyGGG / stock.adobe.com)

Perfektionistisch? – Ursachen von Perfektionismus und seine psychischen Schattenseiten

So gut wie nichts, was existiert, ist tatsächlich perfekt im Sinne von „nicht verbesserungswürdig“. Nicht einmal die Wunder der Schöpfung sind gänzlich frei von Fehlern und Anpassungsproblemen. Und selbst, wenn sie es wären: Es gäbe garantiert immer jemanden, der etwas zu meckern hätte.

Wenn ein Mensch ein Ideal hat, das nach Perfektion strebt, kann das ganz schön anstrengend werden. Die Kinder solcher Menschen können ihrer perfektionistischen Mutter nichts recht machen. Ein Arbeitskollege, der nach Perfektion strebt, will besser sein als alle anderen. Der Perfektionist strebt danach, seine Kollegen zu übertrumpfen und im schlimmeren Fall gar als „nachlässig“ beim Chef anzuschwärzen.

Perfektionismus – krankheitswertig oder nicht?

Ob ein übertriebenes Streben nach Perfektion gleich einen Krankheitswert hat oder nicht, ist schwer festzumachen. Perfektionistisches Streben und der innere Zwang, sich keine Fehler zu erlauben, haben aber auf jeden Fall etwas Pathologisches.

Ein gesundes Verhalten strebt danach, alles so gut wie möglich zu machen – gelegentliche Fehler eingeschlossen. In diesem Sinne bezieht sich das Streben nach den besten Ergebnissen allein auf den, der es sich zum Ideal gewählt hat. Vielleicht erzieht eine strebsame Mutter auch ihre Kinder zu Leistungsbereitschaft und überdurchschnittlich guten Ergebnissen. Sie wird aber auch gelegentliche Zensur-Ausrutscher oder eine mangelnde mathematische Begabung verzeihen.

Perfektionismus liegt immer dann vor, wenn es zu ungesunden oder dysfunktionalen Verhaltensweisen und Ansprüchen kommt. Überhöhte Ansprüche werden oft auch über andere Personen gestülpt. Perfektionistische Mütter verlangen ihren Kindern ab, die Klassenbesten zu sein – und zwar ohne Wenn und Aber. Manche von ihnen mischen bei sämtlichen Hausaufgaben mit. Gefallen Zeichnungen des Kindes nicht, weil sie nicht perfekt genug sind, werden sie Strich für Strich ausradiert.

Das anschließend abgegebene Bild stammt zu 100 Prozent von der übereifrigen Mutter. Diese kann nicht nachvollziehen, dass sie ihrem Kind eine Entwicklungsmöglichkeit genommen und es der Lächerlichkeit preisgegeben hat. Oftmals kassiert das Kind für das Bild der Mutter eine schlechtere Note, als es für die eigene Zeichnung kassiert hätte. Eine perfektionistische Mutter hat nur die Außenwirkung von sich als Mutter im Kopf.



Der Zusammenhang zwischen Perfektionismus und Gesundheit

Die Psychologie entwickelte verschiedene Modelle, die Perfektionismus als neurotisches und dysfunktionales Verhalten werten. Alles, was nicht dysfunktional und neurotisch ist, könnte man im positiven Sinne gewissenhaft oder strebsam nennen. Perfektionisten zeigen oft neben diesem pathologischen Persönlichkeitsmerkmal auch andere psychische Auffälligkeiten. Studien unter entsprechend gelagerten Patienten haben gezeigt, dass solche Menschen häufiger an

leiden. Die Frage ist, was bei den Betroffenen zuerst da war: Perfektionsstreben und daraus resultierende Folgeerkrankung, oder Grunderkrankung und nachfolgender Perfektionismus. Darauf gibt es bisher keine Antwort.

Der Unterschied zwischen gesunder Gewissenhaftigkeit und zwanghaftem Perfektionsstreben liegt im Umgang mit Problemen. Gewissenhafte Menschen streben nach Vollkommenheit. Doch wenn es Probleme oder Hindernisse gibt, entwickeln sie Strategien, um damit umzugehen. Sie erleben sich daher eher als positiv und handlungsfähig. Da sie sich als weniger gestresst erleben, neigen sie auch weniger stark zu psychischen Erkrankungen. Anders ist es aber bei übertrieben perfektionistischen Personen. Für diese ist jedes noch so kleine „Versagen“ ein persönlicher Affront und „nicht perfekt gewesen sein“ ein emotionelles Desaster.

Das Gefühl des Scheiterns verursacht Stress. Es führt zu Verzweiflung, Enttäuschung und Aggressionen. Infolge dessen ist die Neigung zu psychischen Erkrankungen bei ausgesprochen perfektionistischen Naturen deutlich höher. Ziel jeder Behandlung – falls es denn je zu einer kommt – sollte es sein, das Perfektionsstreben solcher Menschen in gesunde Bahnen zu lenken. Unabhängig davon müssen die psychischen Begleiterkrankungen behandelt werden. Oft gibt es Komorbiditäten, zum Beispiel zu sozialen Ängsten, sagt Dr. Krazubiako


Das Leben muss nicht perfekt sein, um schön zu sein... (© Anna Kutokova / stock.adobe.com)
Das Leben muss nicht perfekt sein, um schön zu sein… (© Anna Kutokova / stock.adobe.com)

Perfektionistisch durch die Kindheit? – Ursachen für Perfektionismus

Fachleute gehen heute davon aus, dass gewisse genetische Vorbedingungen gegeben sind, damit jemand hochneurotisch und übertrieben gewissenhaft ist. Diese werden zu etwa 50 Prozent für einen späteren Perfektionismus verantwortlich gemacht. Die Annahme ist, dass ein gewisser Anteil der perfektionistischen Persönlichkeit schon angeboren ist. Das betrifft aber nur eine Neigung zu diesem Verhalten. Genetische Anteile wurden auch durch eine Zwillingsstudie bestätigt, die Tozzi et al. durchführten.

Weitere Einflüsse entscheiden darüber, ob solche genetischen Anteile tatsächlich zum Tragen kommen. Folgende Einflüsse können zu einer perfektionistischen Persönlichkeit beitragen:

  • der seelische und erzieherische Einfluss der Eltern
  • Umwelteinflüsse (Schule, Kontakt zu Gleichaltrigen)
  • Mangel an Liebe und Zuwendung
  • ein kritischer Umgang der Eltern mit Fehlern
  • sowie eigene Zielsetzungen als Kompensationsversuch.

Perfektionistisches Verhalten hat auf jeden Fall auch mit einer Entscheidung zu tun, die der Betroffene selbst trifft. Er legt die Messlatte übertrieben hoch an. Oft kann er daran nur scheitern. Schlimmer ist aber, dass er alle anderen an diesem Maßstab misst, und sie für minderwertiger hält, als sich selbst.

Wenn ein Perfektionist zum Elternteil oder zum Ehepartner wird, hat sein Gegenüber es schwer. Während der Perfektionist pedantisch seinen hohen Standards folgt, zeigt er keinerlei Verständnis für die laxere Lebenshaltung aller anderen. Erzieherische Streitigkeiten und Beziehungskonflikte sind vorprogrammiert.


Wer immer perfektionistisch ist, hat damit seinen größten Feind bgzl. Fortschritt und "fertig werden". (© iQoncept / stock.adobe.com)
Wer immer perfektionistisch ist, hat damit seinen größten Feind bgzl. Fortschritt und „fertig werden“. (© iQoncept / stock.adobe.com)

Was ist typisch für einen Perfektionisten?

Viele Perfektionisten zeigen typische Verhaltensweisen, an denen man sie erkennen kann. Zum einen sind hohe Ansprüche hinter jeder Aktion erkennbar. Zum anderen wird ängstlich vermieden, diesen Ansprüchen nicht zu genügen. Dahinter steckt ein gewisses Angstpotenzial. Wir haben es also mit übertriebenen Standards und Vermeidungsverhalten zu tun. Typisch sind die folgenden Merkmale:

► Eine Neigung zur Überkompensation

Bestimmte Handlungen werden besonders akkurat ausgeführt, damit nichts schiefgeht. Beispiel: Obwohl jemand den Weg zum Zahnarzt genau kennt und weiß, wie viele Minuten er braucht, geht er eine halbe Stunde früher los. Bevor er eine Liste oder einen Text abgibt, prüft er diese mehrfach. Waren andere daran beteiligt, überprüft er deren Arbeit und „verbessert“ diese. In anderen Fällen lässt er seine Arbeit von einem Fachmann absegnen.

► Eine Neigung zum ständigen Wiederholen und Verbessern

Viele Perfektionisten sind geradezu pedantisch, wenn es um bestimmte Dinge geht. Dabei kann es sich um so banale Dinge wie das Zusammenfalten eines Handtuchs drehen. Alles muss akkurat Naht auf Naht liegen. Ist das nicht der Fall, wird das Handtuch so lange neu zusammengelegt, bis es perfekt aussieht. Der Zeitaufwand steht in keinem Verhältnis zum Ergebnis. Vor allem aber akzeptieren solche Menschen es nicht, wenn andere die Handtücher weniger akkurat zusammenfalten.

► Übertriebene Planungen

Der Perfektionist durchdenkt alles. Er ordnet es akribisch nach Prioritäten. Er legt zum Beispiel To-Do-Listen an, um einen möglichst hohen Grad an Organisiertheit an den Tag zu legen. Das Anlegen der Listen dauert wegen des hohen Anspruchs daran einige Zeit. Dabei hätten die geplanten Tätigkeiten in der Zwischenzeit längst erledigt sein können.

► Komplizierte Entscheidungsfindung

Perfektionisten haben oft Probleme, sich für eine Handlungsoption zu entscheiden. Gibt es mehrere Handlungsalternativen, suchen sie häufig nach der Option, die am wenigsten fehlerträchtig erscheint. Diese soll die besten Ergebnisse versprechen. Die Angst falsch zu liegen, dominiert die Gedanken.

► Zögerlichkeit aus Angst, zu scheitern

Perfektionisten wirken in ihrem Auftreten selbstsicher, besserwisserisch und pedantisch. Dahinter stehen aber Ängste und Befürchtungen. Wenn die Angst, an einem Projekt zu scheitern, übermächtig wird, leiden die Perfektionisten an „Verzögeritis“. Sie drücken sich vor allen Situationen, denen sie sich nicht gewachsen fühlen. Übernehmen andere dann die Arbeit, spüren sie Erleichterung. Gleich darauf können sie aber die Ergebnisse des anderen als ungenügend kritisieren.

► Keinen Abschluss finden

Perfektionsstreben kann dazu führen, dass jemand ein befristetes Projekt nicht beendet, weil er immer wieder vermeintliche Mängel entdeckt, an denen er noch arbeiten muss. Er arbeitet daher nicht effektiv. Stattdessen verbeißt er sich in bestimmte Aspekte des Projekts und möchte diese noch weiter optimieren. Dabei findet er kein Ende, auch wenn ein Termin die Abgabe vorgibt.

In anderen Fällen erfolgt das Einreichen möglicherweise früher, weil der Perfektionist Angst hat, sonst seinen Standards nicht zu genügen. Möglicherweise übergibt er sein Projekt dann einem Kollegen und schiebt Dringlicheres vor. In diesem Fall ist er für ein unperfektes Ergebnis nicht verantwortlich.

Done is better than perfect - Ein Tipp / Mantra, das sich zumindest die Perfektionisten zu Herze nehmen können, die in ihrem Streben nach Perfektionismus und perfekten Lösungen einfach nicht fertig werden... (© gustavofrazao / stock.adobe.com)
Done is better than perfect – Ein Tipp / Mantra, das sich zumindest die Perfektionisten zu Herze nehmen können, die in ihrem Streben nach Perfektionismus und perfekten Lösungen einfach nicht fertig werden… (© gustavofrazao / stock.adobe.com)

► Fehlende Bereitschaft zum Delegieren

Der Perfektionist ist der Ansicht, er könne alles besser als andere. Ist er mit dem Ordnungs-System einer firmeneigenen Bibliothek nicht zufrieden, sortiert er diese nach eigenen Maßstäben neu. Er sieht sich dabei als segensreichen Verbesserer einer vermeintlich unhaltbaren Situation.

Die Suchkriterien, nach denen die Fachbibliothek bisher geordnet war, werden durch die Kriterien des Perfektionisten ersetzt. Wenn die verdatterten Kollegen anschließend wegen der neuen Systematik nichts mehr wiederfinden, stellt der Perfektionist sie als undankbar und unfähig dar. Er fühlt sich frustriert, weil niemand die Genialität seiner Arbeit erkennt.

► Mangelnde Teamfähigkeit

Perfektionisten sind pedantische Eigenbrötler, die ständig an anderen herumnörgeln. Sie misstrauen den Fähigkeiten aller Mitmenschen. Daher delegierten sie fast niemals etwas an andere, weil sie deren Ergebnisse nicht als stimmig ansehen. Zugleich binden sie niemand anderen in ihre eigenen Projekte ein. Daher ist ein Perfektionist auch nicht teamfähig.



Kann Perfektionismus krank machen?

Übertriebenes Perfektionsstreben kann zu Stress und Frustrationen führen – und in der Folge Depressionen, Zwangshandlungen (siehe F42.1 nach ICD10), Aggressionen, Ängsten oder psychischen Erkrankungen auslösen.

Kinder von perfektionistischen Eltern teilen sich mindestens in zwei Gruppen. Die Kinder, die von Beginn an gegen die perfektionistischen Bestrebungen der Eltern opponieren – und diejenigen, die sich elterliche Vorgaben jahrelang zu Eigen machen. In der Folge können beide als erwachsene Menschen an teils erheblichen psychischen Problemen leiden.

Als der erste Fachartikel über das Phänomen des Perfektionismus vor 30 Jahren im US-Fachmagazin „Psychology Today“ veröffentlicht wurde, war die Schlussfolgerung des damaligen Autoren über solche Menschen mehrheitlich negativ. Dem Verfasser zufolge mündet das übertriebene Optimierungsstreben in Angsterkrankungen und zwanghaftem Verhalten, Depressionen und einer erhöhten Suizidneigung wegen des Gefühls, gescheitert zu sein. Der Pionier der Perfektionismus-Forschung listete eine lange Latte möglicher psychischer Folgeerkrankungen auf.

Warum kann dysfunktionaler Perfektionismus krank machen?

Mittlerweile ist bestätigt, dass überhöhte Ansprüche an sich und andere seelisch und körperlich krank machen können. Das ist aber nur unter bestimmten Bedingungen möglich. Hohe Ansprüche allein müssen nicht unbedingt krank machen. Vielmehr gehören diese Bestrebungen zum Menschsein. Sie haben auch einen positiven Nutzen.

Wenn jemand beispielsweise in einem Berufsfeld, wo es darauf ankommt, nachlässig ist, kann das dramatische Folgen für viele Menschen haben. Alfred Adler und Don Hamachek unterschieden daher die Höhe der Ansprüche und die Art und Weise, wie zu Perfektionismus neigende Menschen mit dem Verfehlen dieser Messlatte umgehen. Am zweiten Punkt machen sich auch die Neigungen zum Krankwerden fest.

Gesundes Perfektionsstreben geht davon aus, das gesteckte Ziel erreichen zu können. Dabei können vorkommende Fehler und Leistungsschwächen akzeptiert werden. Die erreichten Erfolge können Freude und Stolz auslösen. Gefährdet ist die seelische Gesundheit jedoch, wenn die perfektionistischen Tendenzen zu gesteigerten Versagensängsten, Stress, Frustrationen und Aggressionen führen. Zur Perfektion neigende Menschen, die nie mit sich zufrieden sind, neigen eher zu psychischen Erkrankungen. Misserfolge und Frustrationen prägen ihr Selbstbild.

Solche Menschen meinen, sie seien einfach nicht gut genug, um die eigenen Standards zu erfüllen. Daher betrachten sich solche Perfektionisten als Versager. Daraus leitet sich eine Neigung zur Depression ab. Bei häufigen Gefühlen des eigenen Versagens verfestigen sich suizidale Tendenzen. Selbstwertgefühl und Selbstwirksamkeitserwartung schwinden zunehmend. Es ist erwiesen, dass Personen mit einer hohen Selbstwirksamkeitserwartung nicht so leicht durch einen Rüuckschlag aus der Bahn zu werfen sind. Bei geringer Selbstwirksamkeitserwartung ist die Wahrscheinlichkeit, an Depressionen, Zwangs- oder Angststörungen zu leiden, deutlich höher.

Das notorische Schwarz-Weiß-Denken ist charakteristisch für perfektionistische Menschen. Es kennzeichnet den dysfunktionalen Perfektionisten, der sich nicht über Teilerfolge freuen kann. Auch das Lob anderer halten solche Menschen für gelogen oder geheuchelt. Funktionale Perfektionisten reagieren anders. Sie fühlen sich nicht durch jedes vermeintliche Versagen gestresst. Sie sehen im Lob anderer eine Ermutigung. Druck und Überforderung machen krank, auch wenn diese vom Betroffenen selbst verursacht werden.

Therapeutische Möglichkeiten

Einer psychotherapeutischen Behandlung unterziehen sich Perfektionisten meistens nicht. Dabei könnten die Methoden der Verhaltenstherapie vermutlich sehr schnell zu Erfolgen kommen. Darauf weisen einige Studien hin.

Unrealistisch hoch angelegte Messlatten werden dabei nach und nach durch realistische Ansprüche ersetzt. Auch die übersteigerte Selbstkritik wird unter die Lupe genommen. Wenn dysfunktionale Perfektionisten über Jahre ihre Strategien verfolgen, sind sie möglicherweise für einen Suizid offener als andere. Dieser Zusammenhang ist jedoch noch weitgehend unerforscht. Ein Teil der Verhaltenstherapie befasst sich daher mit der Stressbewältigung.

Quellen: