Emotionale Erpressung (© Annett Seidler - Fotolia)

Emotionale Erpressung – verstehen, und Umgang damit

Emotionale Erpressung kommt in fast jeder hierarchischen Beziehung vor. Oft wird der Erpressungsversuch vom Erpresser nicht für eine Manipulation auf psychischer Ebene gehalten, sondern für sein gutes Recht. Begründet wird das oft mit hierarchischen Abhängigkeiten. Viele Eltern sagen beispielsweise „Solange Du Deine Füße unter unserem Tisch stehen hast, tust Du das, was wir sagen.“

Wenn eine Mutter ihrem Kind gegenüber zur emotionalen Erpresserin wird, setzt sie das Kind unter Druck. Sie stellt eine Drohung, eine Bestrafung oder Liebesentzug in den Raum, der als Erfüllungsgehilfe der emotionalen Erpresserin dienen soll. Bei innerem Widerstand oder dem Gedanken an eine Nichterfüllung des mütterlichen Wunsches werden Schuldgefühle und innere Konflikte bei ihrem Gegenüber ausgelöst. „Wenn Du mir das antust, werde ich nie wieder mit Dir sprechen.“ Die Manipulation der Mutter oder der Ehefrau wird über die Gefühlsebene ausgeübt. Schuldgefühle sind jedoch nicht die einzige Erpresser-Waffe. Ins Spiel mit den Emotionen werden auch

  • Vergleiche mit angeblich klügeren Personen
  • angeblich erbrachte Opfer
  • die angebliche Nichteinhaltung von Vorsätzen
  • vor langer Zeit passierte „Untaten“
  • Drohungen über bestimmte Konsequenzen bei Fehlverhalten
  • Erinnerungen an irgendwann abgegebene Versprechen
  • Aggressionen und Beschimpfungen
  • Hinweise auf die schlechte Meinung anderer
  • Schweigen, Beleidigt-Sein und Missachtung
  • ungerechtfertigte Vorwürfe, beispielsweise egoistisch zu sein
  • oder konkrete Strafandrohungen, etwa Liebesentzug

gebracht. Wenn das Gegenüber unter dem Einfluss manipulativer Mittel das Gewünschte tut oder unterlässt, handelt es nicht aus freiem Willen, sondern unter Zwang. Es gibt seine innere Autonomie und Entscheidungsfreiheit ab, um nicht in Konflikt mit dem Erpresser zu gelangen. Stattdessen gerät es in innere Konflikte mit den eigenen Werten und Maßstäben.

Quellen:

In welchen Beziehungen kommt es zu emotionaler Erpressung?

Um einem emotionalen Erpresser überhaupt die Chance zu geben, sein Ziel zu erreichen, bedarf es einer Abhängigkeitsbeziehung mit größerer emotionaler Nähe (siehe emotional abhängig). Klassisch sind die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, besonders zwischen der Mutter und der Tochter oder dem Sohn. Söhne sind allerdings generell weniger leicht erpressbar als Töchter. Sie sind innerlich autonomer und unabhängiger. Im Vater oder einem älteren Bruder finden sie oft ein ausgleichendes Gegengewicht oder Unterstützung.

Emotionale Erpressung: Wenn andere mit Gefühlen drohen - von Susan Forward (Amazon)
Emotionale Erpressung: Wenn andere mit Gefühlen drohen – von Susan Forward (Amazon)

Auch in einer engen Freundschaft kann ein Partner versuchen, den anderen zu manipulieren. Dies ist besonders unter Jugendlichen gang und gäbe, bei denen die „beste Freundin“ oder der „beste Freund“ eine besondere Rolle spielen. Außerdem ist emotionale Erpressung in Liebes- und Partnerbeziehungen üblich. Sie wird oft von Frauen gegenüber der gesamten Familie benutzt – insbesondere, wenn die Erpressung sich als eine funktionierende Strategie erweist.

Auf Dauer kann jemand mit ständigen emotionalen Erpressungsversuchen jegliche Liebe zerstören. Auch wenn die Restfamilie oft lange Jahre nicht versteht, was eigentlich schief läuft, wird sie irgendwann hinter die immer gleichen, höchst effektiven Strategien und Mechanismen der Erpressungsversuche kommen und zur Trennung schreiten. Niemand lässt sich gerne fortwährend erpressen, schikanieren, beschuldigen oder zu etwas zwingen, was er eigentlich gar nicht tun oder lassen möchte.

Männer sind ebenfalls in der Lage, zu emotionellen Erpressern und Unterdrückern zu werden – vor allem ihren Frauen gegenüber. Wie erpressbar jemand ist, kann er in einem Test ermitteln.

Quellen:

Emotionale Erpressung und ihre fatale Wirkung

Die bei emotionaler Erpressung verwendeten Strategien erweisen sich erschreckend oft als effektiv und erfolgreich. Der Erpresser deklariert sich direkt oder indirekt als Opfer-Typ, obwohl er in Wahrheit einen anderen zum Opfer seiner erpresserischen Manipulation macht.

Wer einen anderen erpresst, appelliert an dessen Gewissen. Er manipuliert seine Gefühle. Er stellt durch seine Erpressungsversuche die Beziehung, das Vertrauen, die Loyalität oder den Grad der Zuneigung infrage.

Wer einmal jemanden erfolgreich manipuliert und emotional erpresst hat, gerät in einen Teufelskreis. Er setzt seine eigenen Interessen immer öfter aus einer inneren Opferhaltung heraus um. Es bildet sich nach und nach ein bestimmtes Muster in der Kommunikation zwischen zwei Partnern heraus, das immer gleich abläuft und oft genug Wirkung zeigt.

Vor allem kann derjenige, der von einem anderen erpresst wird, diesem nie wirklich genügen. Ist eine Forderung erfüllt, wird eine weitere nachgeschoben. Das Gegenüber erscheint als unersättlich und übermächtig. Statt gemeinsam zu einem Kompromiss oder einer Einigung in einer Angelegenheit zu kommen, wird bei der emotionalen Erpressung einseitig Druck ausgeübt, ohne dass die Interessen des anderen berücksichtigt werden.

Oftmals bleibt einem emotionell erpressten Menschen nichts als die Trennung von Familie, Partner oder Freunden. Ob jemand diesen Weg wählt und den damit verbundenen Verlust vermeintlich liebender Mitmenschen hinnimmt, ist fraglich – obwohl Betroffene im schlimmsten Fall dauerhaft traumatisiert sind. Das Beziehungsgeflecht ist ebenso eng wie die entstandene Abhängigkeit von der vermeintlichen Liebe oder Anerkennung des emotionellen Erpressers. Die Rollen sind verteilt und festgeschrieben. Die amerikanische Psychologin Susan Forward sprach in einem ihrer Bücher von giftigen Beziehungen. Anhand vieler Beispiele aus der Praxis arbeitete Susan Forward aus bestimmten Verhaltensmustern heraus, wie enge Beziehungsgeflechte durch typische Verhaltensmuster zwischen Eltern und Kindern, zwischen vermeintlich besten Freunden oder Eheleuten in aller Stille implodieren, zugleich aber zwanghaft werden können (vgl. auch: zwanghaftes Verhalten).

Buch zum Thema Emotionale Erpressung von Susan Forward: "Vergiftete Kindheit - Elterliche Macht und ihre Folgen" (Amazon)
Buch zum Thema Emotionale Erpressung von Susan Forward: „Vergiftete Kindheit – Elterliche Macht und ihre Folgen“ (Amazon)

Die eingesetzten Waffen in diesem Konfliktfeld sind Schweigen, Missachtung, Liebesentzug oder Drohungen. Wenn eine Person einer anderen zu Willen ist, und sich fortgesetzt von ihr manipulieren lässt, ist das keine Liebe und keine Freundschaft. Gesunde Beziehungen sind von gegenseitigem Respekt, nicht aber von hierarchischem Denken und Erpressungs-Versuchen gekennzeichnet. Beide haben gleiche Rechte. Sie sollten sich als autonome Menschen auf Augenhöhe begegnen.

Eine durch emotionale Erpressungen vergiftete Kindheit hat einen nachhaltigen Einfluss auf das gesamte Lebensgefüge. Oftmals wählen solche Menschen Liebespartner, die sie nun ihrerseits erpressen können – oder von denen sie erneut in die Manipulations- und Erpressungsspirale geschickt werden. Die Teufelsspirale, die einst in Gang gesetzt wurde, findet oft kein Ende.

Quellen:


Besondere Herausforderungen in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie


Wie kann jemand emotionelle Erpressung beenden?

Eine Konfrontation des emotionellen Erpressers mit seinem gewohnheitsmäßigen Verhalten ist meistens sinnlos. Einsicht in das eigene Handeln und die ihm zugrunde liegenden Motive ist meist nicht zu erwarten. Trotzdem riet Susan Forward, zunächst gegenüber den erpresserischen Eltern, der Ehefrau, der Tochter oder manipulativen Mutter einen Konfrontationsversuch zu starten. Dieser sollte nur eine faktengetreue und möglichst neutral formulierte Beschreibung dessen sein, was diese gewohnheitsmäßig tun, aber keinen Vorwurf und keine Anklage enthalten. Das ist schwer genug, denn eine wirklich gewaltfreie und nicht-manipulative Kommunikation will über die Jahre erlernt und eingeübt werden.

Es macht wenig Sinn, wenn das Erpressungsopfer nun seinerseits den Erpresser mit Ultimaten und Drohungen zur Raison bringen möchte. Forward empfiehlt, sich gegebenenfalls von dem emotionallen Erpresser zu trennen, wenn alle Versuche nichts fruchten. Manchmal genügt es auch, eine Weile auf Abstand zu gehen. Ist genügend echte Liebe vorhanden, könnte diese einen guten Beginn für eine veränderte Sichtweise darstellen. Oftmals wird das vermeintliche Opfer aber keinen Millimeter von seiner gewohnheitsmäßigen Haltung des Erpressens und Manipulierens abweichen. Jeder Mensch hat jedoch das Recht, sein Leben ohne emotionelle Zwänge zu leben.


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Das Problem ist, dass fast jeder Mensch an irgendeiner Stelle seines Lebens Versuche unternimmt, jemanden zu manipulieren und zu erpressen, um eigene Interessen durchzusetzen. Insofern ist zunächst einmal größere Bewusstheit notwendig, um das Problem überhaupt als solches zu erkennen. Beide Teilnehmer an der emotionalen Erpressung befinden sich in einem ausweglosen Dilemma, bis einer der beiden nachgibt. Die Gefühle der Erpresser sind aus ihrer Sicht berechtigt – aber die Art und Weise, wie sie diese an den Mann bringen, ist unangemessen und unakzeptabel für einen Erwachsenen. Wenn ein kleines Kind seine Eltern zu erpressen versucht, verfügen diese über Strategien, um dem etwas entgegenzusetzen. Das ist aber bei umgekehrten Verhältnissen nicht der Fall.

Jemand, der von einem anderen emotional manipuliert und unter Druck gesetzt wird, ist nicht für die Gefühle und Wünsche des anderen verantwortlich. Es ist wichtig, dass diese Person ihre innere Autonomie und Entscheidungsfreiheit zurückgewinnt – und ausreichend Selbstliebe entwickeln lernt. Der Erpresser handelt egoistisch. Er setzt seine Bedürfnisse zu Ungunsten eines anderen durch. Liebe darf nicht davon abhängig gemacht werden, ob jemand sich auf eine bestimmte Art verhält oder nicht. Eingefahrene Beziehungs- und Verhaltensmuster lassen sich allerdings oft nicht auflösen. Falls der andere bereit ist, seine Gewohnheitsmuster abzulegen, kann es unter Umständen Jahre dauern, bis echte Einsicht in sein erpresserisches Verhalten erlangt wurde. Dazu muss die innere Bereitschaft vorhanden sein, mit eigenen Defiziten und Minderwertigkeitsgefühlen aufzuräumen.

Eine chronische Opferhaltung ist ein wunderbarer Nährboden dafür, andere zu beschuldigen und mit Projektionen unter Druck zu setzen. Es nützt oft nichts, solchen Menschen ins Gewissen zu reden und sie aufzufordern, das Erpressen zu unterlassen. Emotionale Erpressung kann ihre Ursache in einer Persönlichkeitsstörung wie der Neurose haben (siehe Menschen mit Neurosen), die manipulatives Verhalten als normal ansieht. Daher ist es oft schwer, ein Bewusstsein für die Unmöglichkeit des Verhaltens zu erzeugen.

Quellen:

simplify.de/partnerschaft/beziehungsprobleme/artikel/partnerschaft-emotionale-erpressung/

Dr. Jan Martin - Virtueller Chefredakteur - Digitale Redaktionsleitung Dr. Jan Martin ist virtueller Chefredakteuer von www.angst-verstehen.de. Er ist das Außengesicht der digitalen Redaktionsleitung, verantwortlich für Qualitätssicherung und Publikation der Texte der Redaktion.