Risperidon / Risperdal (© molekuul.be / stock.adobe.com)

Risperidon / Risperdal in der Kritik | Einsatzgebiete, Wirkung und Nebenwirkungen im Überblick

Risperidon respektive Risperdal wird gehäuft in der Psychiatrie verschrieben. Der Arzneistoff gehört in die Gruppe der hochwirksamen Neuroleptika. Diese werden in der Psychiatrie vorrangig bei der Behandlung von Schizophrenie eingesetzt.

In der Fachwelt wird Risperidon oft als ein „atypisches Neuroleptikum“ bezeichnet. Die Risperidon Nebenwirkungen unterscheiden sich beispielsweise bezüglich der Nebenwirkungen von den klassischen Neuroleptika-Vorläufern, die früher verordnet wurden. Ob das wirklich so stimmt, ist aber nicht eindeutig bewiesen. Manche Studien widersprechen dem. 2003 wurde der potente Wirkstoff in die WHO-Liste der „unentbehrlichen“ Arzneimittel aufgenommen.

Wenn ein Hersteller-Patent auf einen Wirkstoff ausläuft, darf jeder Pharmabetrieb ein eigenes Generikum damit herstellen. So war es auch bei Risperidon. In Deutschland, Österreich und der Schweiz wurde das ebenfalls erfolgreiche und beliebte Generikum Risperdal zugelassen. Außerdem gab es bald ein intramuskulär injizierbares Depot-Medikament namens Risperdal-CONSTA in den eben genannten Ländern. Andere Risperidon-Generika wurden nur in einzelnen Ländern zugelassen, zum Beispiel

  • Aleptan nur in Österreich zugelassen
  • RispeCare nur in Deutschland zugelassen
  • Risocon nur in Deutschland zugelassen
  • Risperihex nur in Österreich zugelassen
  • Risperigamma nur in Deutschland( D) zugelassen
  • Rispe-Q nur in Deutschland zugelassen
  • oder Risperipharm, bisher nur in Österreich zugelassen.

Bei welchen Erkrankungen hilft Risperidon / Risperdal?

Die Zulassung und Verordnung von Risperidon erfolgt in sehr engen Grenzen und nach klaren Indikationen. Dazu gehört beispielsweise die Behandlung

  • schwerer und chronisch verlaufender schizophreniformer Störungen
  • schwerer und chronisch verlaufender schizoaffektiver Störungen
  • manischer Phasen
  • anhaltender Aggressivität bei Demenz und Alzheimer-Patienten (nur als Kurzzeitbehandlung!)
  • anhaltender Aggressivität bei geistig behinderten oder autistischen Kindern und Jugendlichen (ebenfalls nur in Form einer Kurzzeitbehandlung)
  • bei schweren Persönlichkeitsstörungen
  • bei schlecht behandelbaren Zwangserkrankungen
  • sowie bei Jugendlichen, die schwere Verhaltensstörungen aufweisen.

Möglich ist auch eine Verwendung bei posttraumatischen Belastungsstörungen. Hier sind aber andere Medikamente und Therapie besser geeignet. Bei den sogenannten Mayor-Depressionen kann Risperidon ergänzend als zweites Medikament eingesetzt werden, wenn die Behandlung mit einem Antidepressivum nicht erfolgreich genug war. Fachleute sprechen in diesem Fall von einer Augmentation. Das bedeutet die Kopplung verschiedener Therapieverfahren zwecks Verbesserung des Therapie-Erfolges.

Im Jahre 2009 war Risperidon in Deutschland bereits eines der am häufigsten verordneten atypischen Neuroleptika. Nur Quetiapin wurde mit noch höheren Tagesdosen verabreicht. Zwischen 2008 und 2009 betrug der Anstieg der Risperidon- oder Risperdal-Verordnungen fast 15 Prozent. Das Risperidon-haltige Generikum „Risperdal“ konnte 2007 unter den umsatzstärksten Medikamenten in Deutschland den ersten Platz belegen – noch vor beliebten Schmerzmitten und anderen Medikamenten. Man möchte fragen: Was sagt das über unser Medizinsystem oder unsere psychische Gesundheit aus?!

Als Darreichungsformen wurde neben Risperidon-Tabletten auch ein Depotmittel zur Injektion (Risperdal-CONSTA) entwickelt. Es gab wegen der Beliebtheit des Medikamentenwirkstoffes bald Filmtabletten, Schmelztabletten, flüssigen Risperidon-Lösungen und einen Risperidon-haltigen Schmelzfilm. Dadurch konnten auch demente Menschen mit Schluckbeschwerden oder Kinder ab fünf Jahren diesen Wirkstoff leichter aufnehmen.

Nebenwirkungen und Wechselwirkungen von Risperidon-Präparaten

Risperidon und Risperdal stehen seit längerem im Verdacht, Männern Brüste wachsen zu lassen. In einer Sammelklage von 13.000 Amerikanern wurde Johnson & Johnson 2016 wegen Gynäkomastie verklagt. Nach der Einnahme des Wirkstoffs wuchsen den Männern Brüste. Einer der Kläger bekam 2019 von einem Geschworenengericht in Philadelphia mehr als acht Milliarden US-Dollar Schadenersatz zugesprochen. Der Hersteller will jedoch in Revision gehen. Vermutlich wird die Schadenssumme dann halbiert. Das ändert jedoch nichts am Sachverhalt.

Mit Gynäkomastie ist eine der häufigsten Nebenwirkungen von Risperdal und Risperidon bei Männern bereits beschrieben. Diese Wirkung scheint relativ häufig vorzukommen. Sie wurde vom Hersteller entweder jahrelang toleriert, oder absichtsvoll verschwiegen. Der Hersteller sieht vor allem Vorteile, weil das Medikament seltener und in geringerem Ausmaß als andere Medikamente dieses Typs zu Störungen im extrapyramidalmotorischen System (EPMS) führt. Dabei handelt es sich um ein mittlerweile umstrittenes Konzept, das dem besseren Verständnis von neurologischen Erkrankungen dient.

Eine der unerwünschten Wirkungen von Risperidon und seinen Generika ist eine Gewichtszunahme. Ein anderes ein erhöhter Serum-Prolaktinspiegel. Eine sedierende Wirkung liegt nicht vor. Als Nebenwirkungen können manchmal Verzögerungen der Menstruation, Menstruationsstörungen, erektile Funktionsstörungen oder Ejakulationsstörungen eintreten. Auch die Gynäkomastie ist eine längst bekannte Nebenwirkung. Die Art der eintretenden Nebenwirkungen weist darauf hin, dass nach der Einnahme von Risperidon oder Risperdal möglicherweise hormonelle Beeinträchtigungen oder hormonähnliche Einflussnahmen vorliegen.

Wenn Risperidon in Kombination mit bestimmten anderen Psychopharmaka verabreicht wird, können sich unerwünschte Wirkungen gehäuft oder verstärkt einstellen.

  • Als hochgradig riskant gilt die Kombination mit Entwässerungs-Medikamenten bzw. Diuretika (etwa Furosemid) bei älteren Menschen, die Vorerkrankungen haben.
  • Seit September 2013 ist zudem bekannt, dass es bei Operationen am Grauen Star (Katarakt) ein erhöhtes Risiko für das „Floppy-Iris“-Syndrom (IFIS) gibt.
  • Bei Vorliegen einer Hyperprolaktinämie ist die Anwendung von Risperidon nicht gestattet. Ausnahmen davon können nur zugelassen werden, wenn die Hyperprolaktinämie arzneimittelbedingt eintrat, und wenn die Folgeerscheinungen somit durch Absetzen des verursachenden Präparates reversibel sind.

Mit besonderer Vorsicht darf Risperidon nur verwendet werden, wenn bestimmte Herzerkrankungen vorliegen. Kontraindiziert ist dieser potente Wirkstoff bei Demenz, wenn der Patient außerdem an Parkinson erkrankt ist oder bestimmte Parkinson-ähnliche Symptomatiken aufweist. Zudem darf der Wirkstoff bei einer Diagnose oder einem Verdacht auf eine Lewy-Körper-Demenz nicht verordnet werden. Eine US-Studie mit älteren Menschen wies nach, dass die Risiken für zerebro-vaskuläre Störungen und damit zusammenhängende Vorfälle durch Risperdal oder Risperidon-Einnahmen signifikant ansteigt.



Der Nutzen des Wirkstoffes bei Demenz

Bei Kindern ist der Autismus oft eine Ursache für gesteigerte Aggressionen. Bei alten Menschen ist es häufig die Demenz. Insbesondere bei einer Alzheimer-Demenz treten gesteigerte Aggressivität, Verhaltensstörungen, Ängste oder psychische Begleiterscheinungen wie Wahnvorstellungen oder Depressionen gehäuft auf. Innere Unruhe, Streitlust, erhöhte Reizbarkeit oder Halluzinationen sind in bestimmten Phasen der Erkrankung normale Nebenwirkungen. Die Mediziner setzen gegen solche Symptome gerne atypische Neuroleptika ein. Risperidon-Gaben sind jedoch bei Demenz nur zur kurzzeitigen Behandlung geeignet. Der Einnahme-Zeitraum darf sechs Wochen nicht überschreiten.

Üblich ist die Verordnung von Risperdal oder anderen atypischen Neuroleptika bei leichter bis schwerer Alzheimer-Demenz nur kurzzeitig – und zwar wenn es zu starker Streitlust und Aggressivität gekommen ist. Die Verordnung darf nur ausgeführt werden, wenn andere Therapien nicht wirksam genug waren. Die Betroffenen müssen sich und andere durch ihre Aggressionen gefährden. Die Risperidon-Einnahme ist umstritten, weil es bisher keine eindeutigen Studienergebnisse für Behandlungserfolge bei Demenz gibt. Nach den vorliegenden Erkenntnissen muss man davon ausgehen, dass der Nutzen solcher Medikamente kleiner ist als der Schaden, den sie verursachen.

Prekär ist, dass alle bisher vorliegenden Studien methodische Mängel aufweisen, von unterschiedlichen Prämissen ausgegangen sind, oder einem zweifelhaften wissenschaftlichen Standard folgten. Es gibt also bisher keine Klarheit, ob Risperidon-Präparate bei Demenz eine hilfreiche Wirkung haben. Alle Studien gingen von unterschiedlich hohen Dosen aus. Es gibt weder Vergleichsmöglichkeiten bestimmter Dosierungen, noch Hinweise auf hilfreichere Dosierungen. Nicht einmal die untersuchten Patientengruppen waren in Alter oder Erkrankungssituation vergleichbar. Die Wirkung des Medikamentenwirkstoffes wird bei Alzheimer-Demenz daher als gering bis nicht vorhanden eingestuft.

Es kam nach der Risperidon-Einnahme gehäuft zu Nebenwirkungen wie Muskelverspannungen, zitternden Händen oder Gang- und Sprachstörungen. Auffallend ist, dass diese Nebenwirkungen denen von Parkinson-Patienten ähnelten. Außerdem kam es unter der Risperidon-Therapie von Demenzpatienten öfter zu Todesfällen, deren Ursache nicht geklärt ist. Über mögliche Langzeitfolgen kann mangels ausreichend langfristiger Studien momentan keine Feststellung getroffen werden.

Was besagen Risperdal / Risperidon-Studien bei Kindern?

Die Gabe von Psychopharmaka und atypischen Neuroleptika an Kinder über fünf Jahre sowie Jugendliche erfreut sich in Deutschland steigender Beliebtheit. Nur in Nordamerika werden Risperidon-Verordnungen noch häufiger vorgenommen als in Deutschland. Im europäischen Vergleich landet Deutschland im Mittelfeld.

Mancher Wissenschaftler ruft bereits nach restriktiveren Verschreibungsrichtlinien für Kinder. Besorgniserregend ist auch der Umstand, dass solche Medikamente bei Kindern immer öfter gegen Symptome verschrieben werden, für die sie überhaupt nicht zugelassen wurden. Ein Beispiel ist ADHS, ein andere ein gestörtes Sozialverhalten. Eine Steigerung von 41,2 Prozent an Verordnungen in diesen Gebieten ist in der Tat ein Signal für eine Überprüfung der Verschreibungspraxis bei Kindern.

Die Datenerhebung für die „Marburger Studie“ umfasste die Daten von anderthalb Millionen Kindern und Jugendlichen. Diesen wurden Medikamente gegen psychische Auffälligkeiten verordnet. Es fiel auf, dass klassische Antipsychotika wegen ihrer Nebenwirkungen seltener verordnet wurden. Dafür wurden umso häufiger atypische Neuroleptika vom Arzt verordnet. Dabei nahmen besonders die „Off Label“-Verordnungen bei Kindern und Jugendlichen in erheblichem Maße zu. Dieser besorgniserregende Trend ist vor allem in den alten Bundesländern zu beobachten. Das Neuroleptikum, das die häufigste Verordnungsquote hatte, war Risperidon.

Dieser Wirkstoff stand schon 2012 in der Hälfte aller untersuchten Fälle auf dem Rezept. Dabei dominierte bei 61,5 Prozent der Fälle, bei denen Kinder und Jugendliche ein Neuroleptikum verordnet bekamen, eine ADHS-Diagnose – also eine Diagnose, die gar nicht im Beipackzettel des Medikaments auftaucht. Ebenso wenig sind Risperidon-Verordnungen bei auffälligem Sozialverhalten sinnvoll. Aufgefallen ist außerdem die gehäufte Verordnung an männliche Jugendliche im Alter zwischen 10- und 19 Jahren. Viele der so behandelten Kinder und Jugendliche nahmen an Gewicht zu. Manche litten als Nebenwirkung an motorischen Störungen.


Verschreibung von Risperdal / Risperidon bei Kindern - Statistik / Auswertung - Bericht aerzteblatt.de (Screenshot vom 20.04.2020)
Verschreibung von Risperdal / Risperidon bei Kindern – Statistik / Auswertung – Bericht aerzteblatt.de (Screenshot vom 20.04.2020)

In diesem Zusammenhang ist die Frage gestattet, ob es tatsächlich immer mehr Kinder und Jugendliche mit auffälligem Sozialverhalten oder ADHS gibt. Falls das der Fall sein sollte, lautet die Nachfolge-Frage, ob man diesen Kindern tatsächlich nur medikamentöse Hilfestellungen geben sollte.

Der Vorteil, den viele Ärzte in solchen Verordnungen sehen, ist sicher nachvollziehbar. Die Mediziner wollen den kleinen Patienten offensichtlich lange Wartezeiten auf eine Psychotherapie ersparen. Sie sehen möglicherweise weder in den Kindern, noch in deren Familien eine Neigung, eine längere Psychotherapie durchzuhalten oder zu unterstützen. Einer der wichtigsten Gründe ist aber dieser: Die Ärzte sind abhängig von einer Pharmaindustrie, die für die atypischen Neuroleptika – insbesondere für das umsatzträchtige Risperidon – massiv wirbt. In den USA werden solche OFF-Label-Verwendungen besonders aggressiv beworben. Ein entsprechendes Rezept ist schnell ausgestellt – und schwupps, ist der nächste Patient an der Reihe.

Ein Heidelberger Pharmakologe sieht jedoch in der oben erwähnten „Marburger Studie“ gewisse methodische Mängel. Diese sind zwar nicht gravierend, aber dennoch zu beachten. Die vorliegenden Daten haben zwar Signalwirkung. Sie geben einiges zu bedenken. Sie hätten aber präziser ausfallen können und müssen. Zugelassen sei der Wirkstoff bei Kindern nur für eine maximal sechswöchige Behandlung – und zwar gemäß der Vorgaben auf dem Beipackzettel. Demnach sind Risperdal und andere Neuroleptika bei Jugendlichen und Kindern nur dann zulässig, wenn verhaltensgestörte Kinder dauerhaft aggressiv sind, oder autistisch veranlagt und aggressiv sind. Vermutlich gibt es heutzutage noch viel mehr Off-Label-Verordnungen für atypische Neuroleptika.



Quellen: